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Im Venusberg und andere Novellen

Pierre Louys: Im Venusberg und andere Novellen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenovelette
authorPierre Louys
titleIm Venusberg und andere Novellen
publisherWiener Verlag
seriesBibliothek berühmter Autoren
volumeBand 11
printrun1.-5. Tausend
year1904
translatorFranz Weil
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectided209585
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Im Venusberg

Im Monate August 1891 kam ich, nachdem ich in Bayreuth Tannhäuser, Tristan und Isolde, die Meistersinger und zum neuntenmale den Parsifal gehört hatte, nach Marienthal bei der alten Stadt Eisenach, wo ich vierzehn Tage verblieb.

Das Zimmer, das ich bewohnte, hatte die Aussicht auf die hohe Wartburg hinaus und nach Osten auf den Zeselberg, den die Priester und Dichter ehemals den Venusberg nannten. Selbst der Stern Wolfram von Eschenbachs fehlte dem leichten Himmel dieser wagnerianischen Landschaft nicht.

Ich war damals der Sünde so ergeben, daß ich, nachdem ich mich einmal an das südliche Fenster gelehnt hatte, es ein zweitesmal –selbst im Traume nicht mehr wagte. Ja, im Gegenteil, der Venusberg hatte für mich eine wunderbare Anziehungskraft. (Er steht allein unter allen anderen Bergen, die mit düstern Tannen bewaldet und mit feuchten Wiesen bewachsen sind, und ist nackt und rund wie eine Frauenbrust. Die Abendröte gab ihm manchmal ein fleischfarbenes Ansehen. An gewissen Stunden des Abends schien er zu atmen und zu leben. Man hätte glauben können, daß Thüringen wie eine Göttin in einem seltsamen grünen Kleide schlief und einen Teil ihres geheimnisvollen Leibes entblößte.

Mehrere lange Abende hindurch beobachte ich diese merkwürdige Verwandlung des Venushügels. Ich beobachtete von weitem; ich näherte mich nicht, denn ich fürchtete die Illusion zu stören, die ich gewiß an dem Tage verlieren mußte, wo mein Fuß den Boden des Berges wirklich betrat. Trotzdem brach ich eines Morgens dahin auf.

In drei Stunden hatte ich mein Ziel erreicht. Der Hörselberg hatte ein ganz anderes Aussehen. Von nahe gesehen, war er rotbraun, fahl, ohne Erde, ohne Grün, ohne Wasser, wie von einem inneren Feuer verbrannt, als ob der legendäre Fluch von seinem Fuße jedwedes Grün, das andere Berge belebte, fernhielte. Der Fußsteig, den ich betrat, war mit Riesel und trockenem Moos bedeckt und führte, manchmal kaum zu erkennen, durch steinige Salden, manchmal deutlich sichtbar über klippige rostfarbene Felsen. Er führte bis an den Gipfel, wo sich ein kleines graues Häuschen erhob, das dem heftigen Sturm seine festen Mauern entgegenstellte.

Ich trat ein und erfuhr, daß man hier zu Mittag essen könne. Es war das nicht die einzige Freiheit, die man sich in dieser einsamen Herberge nehmen durfte. Die zwei Töchter des abwesenden Wirtes waren von entgegenkommendem Wesen, und ihre Gefälligkeit einem jungen Reisenden gegenüber hatte keine Grenzen.

Gegen Mittag beabsichtigte ich wieder herunterzusteigen.

»Vergessen Sie nicht, die Grotte zu besichtigen,« sagte Julchen.

»Welche Grotte?«

»Die Venushöhle.«

»Es gibt also eine Venusgrotte?«

»Gewiß. Folgen Sie jenem Fußsteig links. Sie können in fünf Minuten dort sein. Sie werden beim Eingang wahrscheinlich einen Mann sehen, der auf einem Steine sitzt. Beachten Sie nicht, was er Ihnen sagt. Es ist ein Wahnsinniger ... Leben ... Sie wohl.«

Die Grotte war tatsächlich da und der Mann ebenfalls. Klein, von elliptischer Form, mit einem Dornenkranze gekrönt, schien die Grotte das richtige Symbol des Berges und eine zweite Bekräftigung seiner Legende zu sein, gleichwie das fleischfarbene Ansehen des Venusberges von weitem. Ich wurde wider Willen davon ergriffen. Das Innere war, wohin ich auch meine Augen wandte, eng, schmal und nieder. Wasserpfützen und Kotlachen bedeckten größtenteils den Boden; es war schwer, hineinzukommen, ohne in diesem Sumpf zu waten und ohne die Wände zu streifen. Ich versuchte dennoch einige Schritte hineinzugehen.

»Wohin gehen Sie?« sagte der Mann.

Und er hielt mich zurück.

»Ich will versuchen bis zum Ende der Grotte zu gelangen.«

»Zum Ende der Grotte? Sie hat aber kein Ende, Herr. Hier ist die Öffnung der Erde.«

»Gut,« sagte ich geduldig. »Ich werde nicht weit gehen. Ich werde gleich wieder zurückkehren.«

»Sie glauben also, daß man hier nach Belieben ein- und ausgehen kann? Glauben Sie, daß diese Grotte vom Reisebureau Cook gemietet ist oder daß sie ein Sammelplatz für Naturforscher ist? Denken Sie hier unterirdische Seen, blinde Fische, staunenswerte Stalaktiten und natürliche Kuppeln aus Kristallen zu entdecken? Sie wollen die Speleologie der Venushöhle ergründen? Nun, das ist erstaunlich! Sind Sie auch so ein Narr, wie alle anderen? Begreifen denn auch Sie nicht? Wissen Sie denn nicht? Halten Sie den Venusberg vielleicht auch für eine Fabel?«

»Herr,« sagte ich, seiner Narrheit schmeichelnd, »ich glaube an das Dasein der Venus und der Nymphen, ich bin sogar mit Vergnügen bereit, für den Preis ihrer Gunst die Hölle zu erdulden.«

Der Mann griff sich an die Stirne und fuhr mit steigender Erregung zu sprechen fort:

»Hörselberg! Besser Höllenberg! Sie kommen bis zu dir, ohne zu wissen, wer du bist, du, der die Reinen erwartet, der die Keuschen straft, der du in Ewigkeit die argen Knicker des Fleisches vernichten wirst. Sie werden ihr widerspenstiges Dasein nach dem großen göttlichen Gesetze richten müssen, und sie werden deinen Höllenbrand erst an jenem Tage fühlen, wo die Macht des Schwertes der Engel der Seelen sie in diesen Abgrund stürzen wird! Sie haben Ohren und hören nicht! Sie haben Augen und sehen nicht. Sie sind verrückt! Verrückt! Verrückt!«

Er wandte sich mir zu und rief:

»Wie können Sie glauben, daß der Venusberg ein Grund zur Verdammnis sein kann –wo es doch die Hölle selbst ist! Nun, ja, so ist es! Und ist es möglich, daß man das nicht ahnte? Haben die Dämonen und Satyre nicht das gleiche Aussehen, Hörner, Bocksbeine und haarigen Schwanz? Und hat man noch immer nicht begriffen, daß die Flammen, die uns bedrohen, Milliarden nackter Frauen sind, die da tanzen ...«

Er stieß heftig den Boden.

»Hier! ... Unter unseren Füßen!«

Die Narrheit dieses Menschen begann mir zweifelhaft zu erscheinen.

Er fuhr fort:

»Seitdem Menschen denken, seitdem Menschen schreiben, wiederholen sie, stöhnen sie, daß es keine größere Qual gibt, als zu lieben. Warum begreifen Sie nicht, daß in der Welt der ewigen Qualen, diese Tortur die einzige sein wird, die ihnen auferlegt wird? An jenem Tage, wo wir nichts sein werden, als faulende Kadaver und unkenntliche Seelen, werden wir beginnen daran zu kranken (wenn ich sage wir, meine ich die Sünder), an der unendlichen Krankheit: Lüsternheit. Täglich, stündlich werden wir uns nach Frauen sehnen, die eine schöner als die andere, und im Augenblicke, wo wir sie zu besitzen wähnen, werden sie in Rauch aufgehen –so wie auf Erden. Das sind die Höllenqualen, die uns erwarten.«

Seine Augen hefteten sich auf einen Stein am Boden, er hob den Kopf und fuhr mit sehr erregter Stimme fort:

»Ich habe übel gelebt, Herr, hören Sie:

Ich bin von protestantischen Eltern her, vom Berge der Wartburg, demselben, wo Luther vor mehr denn dreihundert Jahren seine falsche Lehre verkündete. Meine Jugend war fromm, mein Leben streng geregelt. Dennoch konnte ich von meinem vierzehnten Jahre an nicht eine Frau ansehen, ohne von wahnsinnigen Begierden ergriffen zu werden. Es waren furchtbare Kämpfe, die ich morgens in Schweiß gebadet mit zitterndem Kinnbacken durchmachte. Aber ich dachte rein zu bleiben, wenn ich ohne Liebe lebte, und um rein zu sterben, hätte ich mich mit eigener Hand getötet, bevor ich die Sünde begangen hätte. Wer niemals diese nächtlichen Kämpfe zwischen einer eingebildeten Pflicht und dem gewaltigen Willen des Leibes mitgemacht hat, der kann diesen Schmerz nicht ermessen! So kämpfte ich um einen Schatten, und heute weiß ich es, ich kämpfte gegen Gott! ... Später habe ich mich verheiratet. Meine Frau und ich hatten einander geschworen, nur unsere Seelen zu vereinen, um denselben eine höhere Weihe zu geben. Auf diese Weise habe ich mich nach und nach durch meinen eigenen Fehler selbst verdammt, in dem ich täglich das Gesetz des Lebens verleugnete. Ich bin keusch und unberührt. Ach! Fluch dem Keuschen. Die Liebe, die sie während ihres kurzen Daseins zurückgestoßen haben, wird sie gerechterweise in unendlichen Qualen im Jenseits verfolgen!«

Er brach ab und faßte mich am Arme.

»Hören Sie! ... Die Sonne geht unter! Das ist die Stunde ... Alle Abende komme ich hieher, wenn die Göttin leise singt. Sie ruft mich, sie lockt mich ... Ich komme und erwarte den Tag meines Todes und meine Einfahrt in den Venusberg. Reden Sie nicht! Sie wird zu uns sprechen.«

Ich weiß nicht, ob die Ruhe dieser letzten Worte, der Ausdruck dieses Menschen oder sein Händedruck mich so sehr davon überzeugten, was er sprach, ... aber ein plötzlicher Schauer durchlief meinen Körper, und ich horchte auf.

Das war ein Gefühl, das ich nicht gekannt hatte. Ich wartete nicht zufällig, sondern mit sicherer Bestimmtheit auf das Eintreffen des von dem Irren vorhergesagten Ereignisses. Ich kann den Geisteszustand, in dem ich mich befand, nicht besser erklären, als durch den Vergleich mit einem Vorübergehenden, der den Blitz gesehen hat und die Entfernung des Gewitters kennt und nun zur bestimmten Minute das Eintreffen des Donners erwartet. Die Zeit, die mich von dem Wunder noch trennte, verminderte sich vorerst um ein Dritteil, sodann um die Hälfte, dann um drei Viertel, und genau in dem Augenblicke, wo sie verstrichen war, brachte ein leichter Dufthauch das Echo einer verhallenden Stimme an mein Ohr.

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