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Im Tale des Todes

I. Glässer: Im Tale des Todes - Kapitel 9
Quellenangabe
authorI. Glässer
titleIm Tale des Todes
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
illustratorHans Stubenrauch
senderwww.gaga.net
created20180927
projectid89d91bfc
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8. Wer andern eine Grube gräbt ...

Es war ein Glück für Fred Sellers Verteidigungsplan, daß Kapitän Thunderbolt sich in den Kopf gesetzt hatte, erst eine andere Angelegenheit zu ordnen, bevor er den ersten offenen Angriff auf die Schmelzwerke unternahm. Ehe die Bande den Abhang hinabritt, ließ ihr Anführer sie anhalten und rief dann laut: Tom Baxter! Hierher!

Patsy folgte sofort dieser Aufforderung. Der Kapitän hielt einige Schritte entfernt von den übrigen und »Dowus Nummer 2« war dicht an seiner Seite. Der junge Detektiv bemerkte mit Schrecken, daß er von dem Mann im Scheine des Mondlichtes mit größter Aufmerksamkeit beobachtet wurde.

Nun, Sir, sagte der Kapitän zu seinem Begleiter, sehen Sie sich den Burschen genau an und wenn sich Ihre Vermutungen bestätigen, wollen wir an ihm gleich noch ein Exempel statuieren, ehe wir denen da drunten auf den Leib rücken!

Was will dieser Mann von mir? fragte Patsy trotzig, da er erkannte, daß er von seinem Feind durchschaut worden sei.

Er behauptet, du seiest ein Assistent von dem New-Yorker Detektiv Fred Sellers, der mit ziemlich schlimmen Absichten gegen mich hierher kommen will, also ein ganz gefährlicher Bursche! rief der Kapitän barsch.

Patsy lachte höhnisch auf und erwiderte: Well, das ist sehr gut! Ich kann sagen, es ist nicht das erstemal, daß man mich für einen Assistenten des berühmten Detektivs ansieht. Ich arbeitete mehrere Jahre in New-York und bin wohl ein Dutzend Mal dafür gehalten und angesprochen worden, aber diesem Herrn hier sollte das nicht passieren, denn er weiß besser, wer ich bin. Ich kenne ihn ebensogut, wie er mich, und ich war nicht wenig erstaunt, Kapitän, ihn gerade hier zu treffen. Sie kennen mich doch jetzt, Mr. Grayball. Sprechen Sie sich nur richtig aus.

Unsinn, stammelte Downs Nummer 2. Lassen Sie sich von dem Burschen nicht verblüffen, Kapitän, welche Frechheit!

Warten Sie, erwiderte der Anführer langsam, wir wollen nicht alles durcheinandermengen. Was sollen diese Behauptungen des Jungen bedeuten? Aber schreien Sie nicht so, vergessen Sie nicht, wo wir sind!

Nehmen Sie es, wie Sie wollen, erwiderte der andere. Ich bleibe bei meiner Behauptung: Er ist ein Assistent des Detektivs. Lassen Sie ihn binden und durchsuchen, dann wird sich's schon herausstellen, ob ich recht habe!

Dazu habe ich jetzt keine Zeit, war die Antwort. Wenn ich überzeugt wäre, daß Sie die Wahrheit sagen, würde ich ihn niederschießen, wo er steht. Ich glaube aber nicht, daß mich der Junge betrogen hat.

Danke, Sir, erwiderte Patsy nach diesem Vertrauensvotum. Wenn Sie mir erlauben wollen, nur ein paar Worte zu sagen, will ich Ihnen mitteilen, wer dieser Verleumder wirklich ist. Sprich, aber schnell, Bursche! Ich warte darauf!

Sein Name oder wenigstens der Name, unter dem er in New-York lebt, ist J. Steel Grayball, er ist ein Winkeladvokat und Verwalter des Nachlasses von Elias Sniffin, der vor kurzer Zeit starb und ein großes Vermögen hinterließ, ohne daß man bis jetzt die Erben aufgefunden hat, woran diesem Betrüger hier auch nicht viel liegen wird, wenn er nicht noch Schlimmeres im Schilde führt gegen die Erben!

Der Kapitän stieß seinem Pferde erregt die Sporen in die Weichen, daß es sich aufbäumend im Kreise drehte, während der entlarvte Advokat totenblaß einige Schritte zurückwich und Patsy einen Augenblick lang dachte, er würde einen Fluchtversuch machen. Doch schon im nächsten Moment hielt der Anführer dicht vor dem Angeklagten, sein Gesicht war rot vor Aufregung und er fragte mit erregter Stimme: Spricht der Junge die Wahrheit, Sir?

Er lügt, er ist ein Lügner, Kapitän! Warten Sie, bis Sie meinen Bruder gesehen haben, er wird es bestätigen! rief der Advokat.

Ich möchte nur noch sagen, fügte Patsy hinzu, daß Sie diesen sauberen Herrn ja nur zu untersuchen brauchen, Kapitän, wenn Sie sich von seiner Identität überzeugen wollen. Außerdem behaupte ich, daß er die Kugel auf meinen Kameraden Burton abgegeben hat und kann mir jetzt auch denken, warum.

Der Beschuldigte zitterte vor Wut an allen Gliedern, doch nahm er sich gewaltsam zusammen und schrie dann mit heiserer Stimme: Das ist ja absurd. Ich bedaure jetzt, daß ich überhaupt mich mit diesem jungen Bösewicht eingelassen habe. Ich –

Das glaube ich Ihnen, sagte jetzt der Kapitän mit langsamer Stimme und finsterem Blick. Doch nebenbei: Sie kommen von New-York und haben sicher von jenem Elias Sniffin gehört. Ist es wahr, daß er tot ist?

Ich weiß nichts davon, das heißt, ich kann nichts Bestimmtes behaupten!

Das ist fast nicht glaublich. Wenn Sie längere Zeit in New-York lebten, müssen Sie doch von Elias Sniffin und seinen Millionen gehört haben, erwiderte der Verbrecher kalt. Doch möglich ist es ja auch, und da wir jetzt Wichtigeres vorhaben, als diese Sache genau zu untersuchen, wollen wir einstweilen nicht mehr davon reden. Baxter, du gehst jetzt auf deinen Platz!

Doch Patsy folgte nicht sofort diesem Befehl, sondern beschloß, das Eisen so lange zu schmieden, als es warm war. Was ich sagte, ist wahr, behauptete er nochmals bestimmt. Ich warne Sie ernstlich vor diesem Burschen, weil ich fast bestimmt weiß, daß er's auf Charles' und Ihren Tod abgesehen hat, wie Sie wahrscheinlich jetzt ebensogut erraten haben, wie ich.

Kapitän Thunderbolts Antwort war eine schnelle Bewegung nach seinem Gewehr und dann ein Schuß in die Luft. Wir sprechen später darüber, Tom! rief er. Vorwärts, Leute!

Und das war der Befehl, der die Bande hinunter vor das hohe fest verschlossene Eingangstor der Schmelzwerke brachte. Die Überraschung des Kapitäns war ungeheuer, als jetzt plötzlich die Dampfpfeife zu heulen begann. Patsy konnte ihn trotz der ziemlichen Entfernung, in der er vorausritt, fluchen hören, doch kein Befehl zum Halten wurde gegeben, bis man das Tor erreicht hatte. Das ist sicher Fred Sellers' Werk, dachte der junge Detektiv. Die Geschichte mit dem Wagenüberfall war nur das Vorspiel, hier wird's etwas anders gehen, als da droben.

Etwa zwölf der Banditen donnerten jetzt mit ihren Büchsenkolben gegen das feste Holztor und dann erklang des Kapitäns Aufforderung zum Öffnen, die wir schon kennen. Als keine Antwort darauf erfolgte, sondern nur die Dampfpfeife nach kurzer Pause wieder zu lärmen begann, zogen sich die Banditen wenige Schritte bis nach dem nächsten Gebüsche zurück und hielten eine kurze Beratung. Patsy wurde allerdings nicht hinzugezogen, aber Mr. Grayball hielt dicht neben dem Pferde des Kapitäns und der junge Mann beobachtete ihn scharf. Ich will gehängt sein, dachte er, wenn der heimtückische Bursche nicht die erste beste Gelegenheit benutzt, um sein Vorhaben auszuführen.

Die Beratung war von kurzer Dauer. Zwei der Banditen schritten mit rasch herbeigeholten Äxten zu einem in der Nähe stehenden kleinen Baum und fällten ihn mit wenigen kräftigen Hieben. Die Zweige wurden ebenso schnell abgehauen und so gab der Stamm eine ausgezeichnete Waffe zum Blockieren des Tores. Wieder schwieg die Dampfpfeife und nun konnten die Belagerer deutlich hören, daß man drinnen im Hofe eilig hin und her lief, ohne aber eine bestimmte Idee davon zu haben, was man hinter dem hohen Bretterzaun vornahm. Die meisten der Banditen hatten sich aus dem Sattel geschwungen und waren behilflich, den Baumstamm gegen das massive Tor zu stoßen. Patsy hielt sich im Hintergrunde, da ihm der Kapitän befohlen hatte, im Sattel zu bleiben. Mit scharfen Blicken beobachtete er die nächste Umgebung des Einganges und plötzlich sah er kaum zwanzig Schritte davon durch ein Loch in der Umzäunung einen im Mondlicht glänzenden Gewehrlauf hindurchschieben. Ah, dachte er, das war gar keine üble Idee, Löcher da hineinzubohren. Eure Aktien stehen schlecht, Kapitän Thunderbolt! Das Spiel ist so gut wie verloren. Immer mehr Büchsenläufe schoben sich rechts und links vorsichtig durch, ohne daß die Außenstehenden in ihrem Eifer etwas davon merkten. Und jetzt kam der wichtige Augenblick. Zehn Schüsse krachten durch die Stille der Nacht und drei von den Angreifern stürzten fluchend zu Boden. Dann kam die zweite Salve und wieder fielen zwei der Banditen. Ein wirres Durcheinander folgte. Der Baumstamm wurde fallen gelassen und verstört blickten sich die wilden Burschen nach ihren Angreifern um.

Hölle und Teufel! brüllte der Kapitän wütend. Das sollt ihr mir teuer bezahlen! Zurück, Leute! Holt Holz herbei, damit wir die alte Fenz niederbrennen können!

Er hatte kaum das letzte Wort gesprochen, als eine Anzahl neue Schüsse fielen, von denen einer sein Pferd traf, so daß es sich bäumend überschlug und den Anführer unter sich begrub. Sofort eilten die Banditen herzu, um ihren Anführer von der schweren Last zu befreien. Er schien nicht verletzt zu sein. In demselben Augenblicke sah Patsy, wie Mr. Grayball blitzschnell sein Pferd umwandte und in rasendem Galopp dem Abhang zu sprengte. Er denkt, der Kapitän ist tot! murmelte der junge Detektiv, indem er gleichfalls aus dem Sattel sprang, um den übrigen behilflich zu sein, den Anführer unter dem Tiere hervorzuholen.

Da stand der Kapitän schon wieder auf den Füßen und begriff augenblicklich die Sachlage. Dem Burschen nach, mein Junge! rief er Patsy zu. Schnell in den Sattel. Fange ihn, schieße ihn nieder, wenn es nicht anders geht!

Da gab es keinen andern Weg, als sofort zu gehorchen, wenn er nicht selber durch eine Kugel niedergestreckt sein wollte.

Zwei mächtige Sprünge und er saß auf seinem Pferd und jagte davon, dem Ausreißer nach. Er war noch nicht fünfzig Schritte entfernt, da wußte er auch, daß der Angriff da unten vorläufig vorbei war, denn er hörte des Anführers tiefe Stimme: Auf die Pferde, Boys! Zieht euch zurück!

Und schon klang hinter ihm das Pferdegestampf der Bande. Patsys Pferd war ein ausgezeichneter Läufer, aber das des Advokaten nicht weniger. Grayball mußte bemerkt haben, daß er verfolgt wurde, denn er spornte sein Tier zu rasender Eile an und der junge Mann erkannte schon nach kurzem Wettrennen, daß er ihm nicht um eine Linie näher kam.

Die einzige Möglichkeit, den Burschen zu fangen, ist, wenn ich ihn abschneiden kann, dachte er. Das schien aber ganz unmöglich zu sein, bis er plötzlich den Advokaten den Kreuzweg auf der Höhe des Hügels erreichen und dann nach links in das Tal abbiegen sah, wo sich der Lagerplatz der Bande befunden hatte.

Nun kam Patsy sein ausgezeichnetes Gedächtnis zustatten. Er war nicht umsonst den Weg schon einmal geritten, sondern hatte sich wie immer genau orientiert über die Umgebung desselben. Da drüben links zog sich eine Schlucht hin. Wenn er dieselbe durchschneiden konnte und ungefährdet auf der anderen Seite wieder herauskam, sparte er wenigstens zehn Minuten und dann hatte er seinen Mann. Also vorwärts!

Querfeldein durch dichtes Gestrüpp sprang das Pferd, willig dem Zügel seines Reiters gehorchend, jetzt ging es durch sandigen Grund, dann einen kahlen Abhang empor. Nun durch einen hochstämmigen Nadelwald, dann auf einen Wildpfad wieder langsam abwärts, da – was war das? Das Pferd wich plötzlich erschrocken zurück und ging keinen Schritt mehr vorwärts.

Patsy übersah sofort die Situation: Die Schlucht war tiefer, als er erwartet hatte. Gerade an der Stelle, die er soeben erreicht, bildeten zwei Felsen einen dunklen Kessel, vor dem das Pferd noch rechtzeitig zurückgeschreckt war. Die Entfernung von einer Seite zur andern mochte wohl zwei Meter betragen und es half nichts, da mußten sie hinüber, wenn der Verräter nicht entkommen sollte. Den Hals des Tieres freundlich streichelnd, zog er es langsam zehn Schritte zurück, schnalzte dann ermutigend mit der Zunge und stieß ihm die Fersen in die Seiten.

Und der Sprung gelang! Mit einem Jubelrufe hob sich Patsy im Sattel und vorwärts ging es wieder im sausenden Galopp. Das kluge Tier flog dahin wie der Wind, als wüßte es, um was es sich handelte, und kaum waren zwei oder drei Minuten vergangen, da hatte der junge Detektiv erreicht, was er wollte. Grayball kam ihm direkt entgegengejagt, konnte sein Pferd nicht im Lauf aufhalten, bis er dicht vor Patsy Gewalt über dasselbe bekam. Aber nun war's für den Überlisteten schon zu spät! Patsy hatte bereits seinen Revolver gezogen und zielte kaltblütig gerade auf die Stirn des Flüchtlings. Herunter vom Gaul! schrie der junge Mann dem schreckensbleichen Mann zu, und zitternd gehorchte dieser.

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Hände hoch, befahl Patsy, immer noch schußbereit.

Auch dieser Aufforderung kam der Advokat sofort nach. Schießen Sie nicht! stammelte er. Ich – ich ergebe mich freiwillig, junger Mann! Aber – aber hören Sie! Der Kapitän wird uns beide umbringen. Lassen Sie mit sich handeln, ich will Ihnen –

Um keinen Preis, unterbrach ihn der junge Detektiv kalt. Ich lasse mich nicht in Unterhandlungen ein mit einem Halunken wie Sie. Ich weiß genau, was ich zu tun habe. Da – stellen Sie sich gegen den Baum und bleiben Sie ruhig stehen, bis der Kapitän selber kommt.

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