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Im Tale des Todes

I. Glässer: Im Tale des Todes - Kapitel 4
Quellenangabe
authorI. Glässer
titleIm Tale des Todes
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
illustratorHans Stubenrauch
senderwww.gaga.net
created20180927
projectid89d91bfc
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3. Auf der Fährte.

Fred Sellers ist nicht allein ein tüchtiger Detektiv, sondern besitzt auch mehr medizinische Kenntnisse, als mancher amerikanische Doktor, der kraft seines Diploms Patentmedizinen fabriziert, um möglichst schnell reich zu werden.

Mit Hilfe seiner Taschenapotheke hatte Sellers in kaum einer Minute den armen Jungen von seiner Ohnmacht befreit und der freundliche Zuspruch Patsys tat das übrige.

Keine Angst, mein Boy, mit dem Hängen ist's jetzt vorbei! Und wenn du offen und ehrlich Auskunft gibst, dann wirst du mit einem blauen Auge davonkommen. Du hast doch gehört, wer wir sind und was wir wollen, also tue den Schnabel auf und antworte dem Herrn hier auf seine Fragen.

Also, mein Boy, sagte jetzt auch Fred Sellers, berichte mir, wie du in die Gesellschaft der Banditen gekommen bist.

Der Junge wiederholte dieselbe Geschichte, die er auch seinen Peinigern erzählt hatte.

Von New-York bist du? fragte Sellers.

Yes, Sir. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Ehe ich hierher nach dem Westen kam, habe ich die Stadt niemals verlassen.

Wie alt bist du?

Siebzehn Jahre alt.

Warum gingst du nach dem Westen?

Mein Vater starb, meine Mutter ist schon lange tot – ich konnte keine Beschäftigung finden, denn ich hatte keine Freunde, deshalb ging ich auf die Wanderschaft; es war immer noch besser, als in den Straßen herumlungern.

Bedeutend besser! Und auf deiner Wanderschaft hast du dich bis hierher durchgeschlagen?

Gewiß, Sir. Ich hoffe, Sie werden mir glauben, was ich sage.

Ich sehe nicht ein, warum ich das nicht tun soll. Welchen Grund solltest du auch haben, mich zu täuschen?

Ich würde das nicht tun, Sir.

Auch das will ich dir glauben. Wie heißt du?

Charles Burton.

Was! Charles Burton? rief Patsy im höchsten Grade überrascht aus, doch sein Chef warf ihm einen Blick zu, der ihm deutlich genug sagte, daß er schweigen solle.

Wirklich, sagte er dann, deines Vaters Name war natürlich derselbe wie der deinige?

Gewiß, Sir.

Und deine Mutter hieß Sara Sniffin?

O, Sir, woher wissen Sie das?

Detektive wissen gewöhnlich etwas mehr als andere Leute, wie du siehst. Du bist ein Enkel von Elias Sniffin.

Ich weiß nicht, ob das meines Großvaters Name war, meine Mutter erwähnte ihn nie.

Welche Beschäftigung hatte dein Vater?

Er war nichts als Diener, zuerst bei einer vornehmen Herrschaft, zuletzt in einem kleinen Hotel. Haben Sie ihn gekannt?

Sehr wahrscheinlich. Ich hatte wenigstens Kenntnis von seinem merkwürdigen Schicksal.

Aber wie, was wissen Sie von ihm und meiner armen, unglücklichen Mutter?

Davon sprechen wir später, mein Boy. Jetzt zu Kapitän Thunderbolt – hast du sein Gesicht genau gesehen?

Gewiß, Sir. Er war nicht maskiert, als die Banditen Millers Ranch überfielen.

Erzähle mir etwas von deiner Gefangennahme. Du sagst, Miller wurde erschossen. Warum machte man's mit dir nicht ebenso?

Das wäre wahrscheinlich auch geschehen, wenn es dem Kapitän nicht eingefallen wäre, mich nach meinem Namen zu fragen und mich ganz genau zu betrachten.

Stellte er dir dabei verschiedene Fragen?

Ja, genau dieselben, wie Sie, Sir. Ich verstehe nicht, warum sich ein jeder hier nach meinen Familienverhältnissen erkundigt. Es hat doch früher niemand darnach gefragt.

Das scheint dir aber bisher nur Vorteil gebracht zu haben, mein Boy. Wie sieht dieser Kapitän Thunderbolt aus?

Er ist ein großer, schlanker Mann mit wettergebräuntem Gesicht, schwarzem Schnurrbart und langem schwarzem Haar und großen Stiefeln.

Die Stiefel interessieren mich weniger. Sieht er jemand ähnlich, den du früher gekannt hast?

Das kann ich nicht sagen, Sir. Ich fürchtete mich so vor ihm, daß ich es nicht gewagt habe, ihn näher zu betrachten.

Und was sagte er, nachdem du seine Fragen beantwortet hattest?

Nicht viel. Er meinte, ich sollte nur mit ihm kommen, er würde einen ganzen Mann aus mir machen.

Hahaha! Eine schöne Sorte von Mann! Ist das alles?

Ich denke.

Überlege dir's genau. Das ist sehr wichtig für uns. Sagte er nicht, wohin er dich bringen würde?

Nein, doch ich hörte einen von seinen Leuten später vom »Tale des Todes« sprechen und was sie tun wollten, wenn sie dorthin zurückgekehrt wären.

Das wollte ich wissen. Sonst noch etwas?

Ich glaube nicht. Ah! Ja, sie sprachen auch von einem Platz, wo es diese Nacht heiß hergehen würde. Ich verstand es schlecht, es muß ein großes Schmelzwerk hier in der Nähe sein.

Sellers zog sofort eine Spezialkarte von Wyoming aus seiner Tasche, legte sie auf den Tisch und sagte nach kurzer Orientierung: Vielleicht die Perkins-Werke?

Ja, ja, Sir, antwortete der Junge lebhaft.

Das wird immer besser! Du kommst immer mehr ins Fahrwasser. Sie sprachen also von einem Überfall?

Nein, nicht direkt, aber sie sprachen von viel Gold, das zu holen sei. Ich weiß allerdings nicht, ob von dort oder von einem anderen Platz.

Gut, gut, sonst etwas?

Aber nun war es mit des Jungen Kenntnissen vorüber und während Patsy die Tür öffnete, um sich nach der Situation draußen auf dem freien Platze umzusehen, kehrte auch der alte Mayor Black zurück. Well, fragte er, wie seid ihr mit unserem Gefangenen zufrieden?

Sehr, sehr, erwiderte Sellers. Es wäre der größte Fehler gewesen, wenn er sein junges Leben hätte hergeben müssen, denn er ist so unschuldig wie Sie und ich.

Das habe ich mir von Anfang an gedacht. Was haben Sie nun vor, Mr. Sellers?

Ich brauche Leute, Herr Mayor. Der Gouverneur sagte mir, ich würde nicht die geringste Schwierigkeit haben, sie von Ihnen zu bekommen.

Es ist nichts zu machen, wie ich Ihnen schon vorher sagte. Ich war eben drüben im Saloon bei dem deutschen Sam (Samuel) und habe unseren Leuten auf den Zahn gefühlt. Mehr wie drei sind nicht für eine Verfolgung der gefährlichen Bande zu haben.

Ich nehme die drei. Wie ist's mit Pferden?

Es wird keine Schwierigkeiten machen, fünf zusammen zu bekommen.

Ich brauche sechs.

Ah! Sie wollen den Jungen mitnehmen?

Natürlich.

O, das ist recht. Er wäre nicht sicher hier. Ich werde selber ein Pferd für ihn stellen.

Glauben Sie, daß ich an einem anderen Platze hier in der Nähe mehr Leute bekommen werde?

Schwerlich. Sie haben alle Furcht vor einem Zusammenstoß mit der verwegenen Bande des Kapitäns. Der Gouverneur hätte Ihnen Soldaten mitgeben sollen.

Das habe ich aus bestimmten Gründen abgelehnt. Doch genug davon! Ich nehme also die drei, die sich freiwillig erboten haben, von Ihnen. Was wissen Sie über diesen sogenannten Kapitän Thunderbolt?

Sehr wenig, was Ihnen nützen wird. Er erschien plötzlich in dieser Gegend vor etwa einem Jahre. Man sagte, er käme von Idaho, andere halten ihn für einen Mexikaner.

Und seitdem macht er mit seiner ganzen Bande ganz Wyoming unsicher?

Und wie unsicher! Niemand kennt seinen Schlupfwinkel. Er erscheint ganz unvermutet, überfällt die kleinen Landstädte oder Goldminen und nimmt mit, was er irgend gebrauchen kann. Die Farmer läßt er in Ruhe, nur das Schlachtvieh müssen sie ihm freiwillig oder unfreiwillig liefern.

Von Mr. Miller nahm er sechzig Kühe und zwanzig Pferde, bemerkte jetzt Charles Burton, der bisher mit großem Interesse zugehört hatte.

So? fragte Sellers. Und was hat er damit getan?

Ein Teil der Bande trieb sie fort, ich weiß nicht, wohin.

Wie groß war die Bande, als sie nach Mr. Millers Ranch kam?

Ich habe sie nicht gezählt, als ich sie zum ersten Male sah, aber ich weiß, daß zweiunddreißig hierher zogen.

Das kann ungefähr stimmen, sagte der alte Mayor, ich habe selber dreißig gezählt.

Wie weit sind die sogenannten Perkinswerke von hier entfernt? fragte Fred Sellers jetzt plötzlich.

Ungefähr sechzig englische Meilen von hier, sie liegen am Fuße der Big Horn-Berge, erwiderte der Mayor.

Ein Städtchen?

Nein, nur Schmelzwerke. Das meiste Gold aus den Minen des Big Horn-Gebirges wird dort geschmolzen.

Sind viele Arbeiter dort?

O gewiß, eine kleine Streitmacht, wenigstens sechzig Mann.

Wer ist der Geschäftsführer?

Ein Mr. Downs.

Wo ist das Todestal?

O, jedenfalls in den Bergen drinnen. Ich denke, hier im Orte ist niemand, der das genau sagen könnte. Der Name ist uns zwar bekannt, aber sonst nichts.

All right, sagte Sellers. Wenn Sie nun so gut sein wollen, die Pferde und die versprochenen Leute herbeizubringen, können wir gleich aufbrechen und mit unserer Arbeit beginnen.

So schnell? rief der Mayor. Sie haben ja eine so lange Fahrt in dem alten Postkasten hinter sich. Wollen Sie nicht lieber erst einen Tag bei uns ausruhen?

Ausruhen, Mann! rief der Detektiv. Das wäre noch schöner, wenn die Arbeit vor unserer Tür wartet! Was kann inzwischen dieser Thunderbolt für Streiche ausführen, während wir hier gemütlich ausschlafen. Nein, nein, wir müssen fort!

Dann kommen Sie wenigstens einen Augenblick mit hinüber in den Saloon. Die Tensleeper möchten Sie doch ordentlich in Augenschein nehmen und einem so kühnen New-Yorker die Hand schütteln.

Es blieb Sellers und Patsy nichts übrig, als dieser Einladung Folge zu leisten und eine kostbare Stunde in nutzlosem Biertischgespräch zu vergeuden, aber auch das ging vorüber.

Eine Stunde später ritten sie mit einer allerdings armseligen Eskorte von drei Tensleepern zur Stadt hinaus. Tim Smith und Bill West waren die Namen von zweien ihrer Begleiter, unbedeutend aussehende Burschen, deren Hauptbeschäftigung jedenfalls bisher darin bestanden hatte, die Wirtshäuser von Tensleep zu frequentieren. Der dritte, Moses Medford, war allerdings von anderem Kaliber. Sein ganzes Äußere deutete auf den erfahrenen Weltmann oder Trapper. Aus dem verwitterten Gesicht mit dem grauen Vollbart blickten ein paar schlaue, scharfe Augen, seine imponierende Gestalt, wohl sechs Fuß hoch, schien mit dem Sattel seines Pferdes wie verwachsen zu sein. Das beste an ihm aber war, daß er auf Sellers Frage angeben konnte, er sei hundert Meilen in der Runde mit allen Wegen und Stegen genau bekannt, auch das sogenannte Tal des Todes und dessen ungefähre Lage kannte er. So konnten also die beiden Detektive mit dem bisherigen Erfolg ihrer Exkursion ziemlich zufrieden sein. Sie hatten die frische Spur ihres Wildes und noch dazu einen guten Fährtensucher an der Seite.

Erst nachdem sie die Stadt eine halbe Stunde hinter sich hatten, teilte Sellers seinen Begleitern, unter denen natürlich auch der junge Burton nicht fehlte, mit, welche Richtung sie einschlagen wollten. Er informierte sie, daß ihr nächstes Ziel die Perkinswerke sein würden und fragte dann den alten Medford, bis wann sie ehestens dorthin gelangen könnten.

Vor Eintritt der Dunkelheit können wir es schwerlich erreichen, erwiderte der Alte. Es ist ein rauher Weg dahin, aber nicht schwer für mich zu finden, denn ich habe selber dort in den Schmelzhütten einen Winter lang gearbeitet, als mir's mal in den Bergen zu ungemütlich kalt wurde.

All right, wir wollen unser Glück dort auch versuchen, sagte Sellers lächelnd. Welche Städte müssen wir passieren?

Keine, Sir. Die sind hier in der Gebirgsregion dünn gesät, sonst würde Mr. Thunderbolt nicht so einen weiten Ritt machen, um sich seine Mundvorräte in unseren Kaufläden in Tensleep zu holen.

Da haben Sie recht, alter Herr. Eine traurigere, gottverlassenere Gegend sah ich in ganz Amerika nicht, ausgenommen Nevada mit seiner Boraxwüste.

Well, weiter hinein in die Berge wird's mit der Vegetation besser, das reine Paradies mit seinen versteckten Tälern und Goldlagern.

Moses, sagte der Detektiv plötzlich, haben Sie jemals diesen Kapitän Thunderbolt gesehen?

Erst heute, Sir.

Ich meine ohne Maske.

Niemals. Außer seiner Bande scheint er niemand diesen Anblick zu gönnen.

Wie kommt er zu dem seltsamen Namen?

Weil er die Leute so schnell und plötzlich überfällt, wie ein Donnerwetter in diesen Bergen. Heute ist er hier, morgen dort, ein Hundertmeilenritt scheint ihm und seiner Bande ein Vergnügen zu sein und ich glaube fast, Sie haben Ihre Nase auf der richtigen Fährte, wenn Sie nach den Perkinswerken reiten. Man braucht kein Indianer zu sein, wenn man hier unten am Boden die Eindrücke vieler Pferdehufe finden will.

Was waren seine letzten größeren Schandtaten?

Da ist zunächst der Überfall der Rickbaum-Mine. Er hat sie vollständig ausgeraubt. Man sagt, es seien ihm dabei nahezu hunderttausend Dollar in Goldbarren in die Hände gekommen. Dann der Bankraub in Punkins-City, wo er am hellen Tage mit drei seiner verwegenen Genossen das ganze Personal durch seinen Revolver in Schach hielt und den Kassierer nötigte, ihm den Barbestand von fünfzigtausend Dollar abzuliefern usw. Man könnte eine Stunde lang erzählen, was dieser unheimliche Mensch alles schon hier fertig gebracht hat, ohne daß er verraten oder sein Schlupfwinkel in den Bergen entdeckt worden wäre. Sollte nicht da der Junge – –

Der hat mich allerdings, ohne daß er's selber weiß, auf die richtige Idee gebracht und am Ende verdanken wir's nur ihm, der ebensowenig ein Räuber ist wie ich und Sie, wenn wir den schlauen Kapitän fangen.

Wo, Sir?

Im Tale des Todes. Wollen Sie uns dorthin führen?

Natürlich, deswegen bin ich ja mitgegangen.

Und den Burschen fangen helfen?

Moses Medford überlegte einen Augenblick und schüttelte dann den Kopf. Vielleicht würde das doch nicht gut gehen.

Warum nicht?

Ich bin zu gut in der ganzen Gegend bekannt. Sicher kennt mich auch irgend einer von der Bande.

Und was schadet das? Ich und mein Assistent begleiten Sie, wir dringen heimlich in das Versteck ein und nehmen den blutigen Häuptling gefangen.

Aber der alte Trapper schien von diesem Plane nicht sonderlich entzückt zu sein. Sellers überließ ihn daher einstweilen seinen Gedanken und wandte sich zu Patsy, der mit dem Jungen hinter ihm ritt. Sie hielten ihre Pferde zurück, so daß die anderen einen kleinen Vorsprung hatten, und zum ersten Male, seit sie in Tensleep angekommen waren, fanden sie jetzt wieder Gelegenheit, sich allein zu unterhalten.

Well, Sir? fragte der junge Mann, wie sind Sie mit unserem bisherigen Erfolg zufrieden?

Ich kann nicht behaupten, daß ich besonders davon erbaut bin, war die Antwort.

Eine merkwürdige Geschichte mit dem Jungen!

Allerdings, kann sein, daß wir da gleich zwei Fliegen mit einem Schlage treffen. Die ganze Sachlage ist allerdings noch ziemlich verworren, aber kommt Zeit, kommt Rat.

Zweifellos. Es ist schon ein Vorteil, daß der Bursche uns einige Andeutungen über den Banditenführer geben konnte, ebenso über seine Pläne und vermutlichen Schlupfwinkel. Wenn uns dieser Mr. Downs in Perkins heute abend nur einigermaßen unterstützt und auf unsere Ideen eingeht, fangen wir den wilden Vogel vielleicht schon diese Nacht.

Schwerlich, mein Freund. Du kennst diese westlichen Spitzbuben so gut wie ich. Diese Kerle ändern ihre Pläne oft im letzten Moment. Was wir außerdem wollen, ist: Diesen schlauen Burschen durch einen nicht weniger schlauen Schachzug zu überlisten, seine Geheimnisse zu erfahren und ihn lebendig dahin zu befördern, wohin er gehört.

An den Galgen.

Das würde für unseren Freund J. Steel Grayball von New-York jedenfalls ein großes Vergnügen sein, erwiderte Sellers lachend. Doch da scheinen wir auf der Spitze eines Höhenzuges und zugleich an einem Kreuzwege angelangt zu sein. Der alte Moses dreht sich eben nach uns um und wartet. Vorwärts, Patsy! Wahrscheinlich gibt's da oben einen schönen Überblick über die ganze Umgebung.

Sie setzten ihre Pferde in Trab, um möglichst schnell die Anhöhe, einen Vorläufer der Big Horn-Berge zu erreichen. Soeben, als sie kaum noch fünfzehn Pferdelängen von den übrigen entfernt waren, sprangen diese auf einen hastigen Befehl des Alten von ihren Tieren und zogen diese hinter ein Gebüsch zurück, während Moses zugleich den beiden Detektiven heftig winkte, zurückzubleiben.

Einen Augenblick, Gentlemen! rief er mit unterdrückter Stimme und kam ihnen rasch näher.

Nanu, alter Herr! Was soll denn das bedeuten? fragte Sellers verwundert.

Wenn auch nicht viel, so doch etwas. Die Sache ist die und der Umstand der: Da drunten im Tale kampieren eine Anzahl Kerls, die meinen Augen verdächtig vorkommen. Vielleicht ist's besser, wenn wir vorläufig ihre werte Bekanntschaft noch nicht machen.

Darüber wollen wir gleich Aufschluß haben, erwiderte Sellers ohne Zögern. Komm, mein Boy, wandte er sich dann an Charles Burton und schlich mit dem Jungen vorsichtig nach der Spitze des Hügels. Auch Patsy und der alte Trapper folgten, während die zwei anderen die Pferde hielten.

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Glauben Sie, Moses, daß Ihr schon gesehen worden seid? fragte Sellers, unwillkürlich seine Stimme dämpfend.

Glaub's nicht, Sir, doch möglich ist alles!

All right! Also vorsichtig weiter!

Und ohne das leiseste Geräusch schlichen die Männer vorwärts, legten sich, nahe an der Spitze angekommen, flach auf den Boden und blickten hinab. Der Hügel mochte etwa vier- bis fünfhundert Fuß hoch sein und von seiner Höhe hinab führte ein Weg in ein langes Tal, durch das an der Seite des Weges dahin ein kleiner Bach rann, während zu beiden Seiten hohe Baumwollstauden emporgeschossen waren, in deren Schatten, ziemlich in der Mitte des Tals, sich eine Anzahl Männer gelagert hatten. Die Pferde derselben waren wie überall im Westen üblich »gehobbelt«, d. h. an den Vorderfüßen gefesselt, so daß sie sich nicht allzu weit entfernen konnten, und weideten auf einer nahen Wiese.

Ehe der Weg hinab in das Tal führte, trennte sich von ihm nach links ein zweiter ab und verschwand hinter einem Abhang. Dieser zweite Weg, erklärte Moses, führte nach den Perkinswerken, der durch das Tal nach den Big Horn-Bergen.

Das Wichtigste für uns ist, zu erfahren, ob das da unten Kapitän Thunderbolts Bande ist, sagte Sellers, nachdem er eine Zeitlang durch sein Feldglas die im Tale Lagernden beobachtet hatte. Hier, mein Junge, nimm du das Glas und sieh dir die Gesellschaft mal an.

Charles Burton hielt das Fernrohr mehrere Minuten vor die Augen, ehe er antwortete. Ich denke, sie sind es, sagte er endlich.

Du sollst nicht denken, sondern genauen Bescheid geben.

Ich bin nicht ganz sicher, Sir.

Versuch es noch einmal. Nimm dir Zeit, bis du klar darüber bist.

Ja, ja, jetzt sehe ich Kapitän Thunderbolt, erklärte der Junge nach kurzer Zeit. Sie sind es wirklich.

Sehr gut. Nehmen Sie das Glas, Moses, und beobachten Sie den Feind. Ich will ein paar Worte mit Ihnen reden, Patsy.

Die beiden Detektive schlichen gebückt zu dem nahen Gebüsch, wo sie vor jeder Beobachtung vollständig sicher waren.

Ich habe jetzt einen Plan entworfen, der dir vielleicht etwas seltsam vorkommen mag, sagte Sellers zu seinem jungen Assistenten, aber ich denke, man sollte ihn probieren.

Patsy lächelte, denn er ahnte im voraus, was ihm sein Chef vorschlagen würde, er kannte seine Methode nur zu gut. Sie wollen vermutlich, daß einer von uns beiden mit dem jungen Burton da hinunter geht und sich der Bande anschließt, Sir? sagte er.

So ist's, und der eine bin ich.

Ich denke aber, ich sollte derjenige sein, welcher – –

Nein, mein Freund, du sollst dich nicht unnötig in Gefahr begeben.

Umgekehrt wird ein Schuh draus, Sir! Die Gefahr für mich ist weit geringer als für Sie. Ich weiß, was Sie vorhaben: Sie wollen die Bande begleiten und die Gelegenheit abpassen, um den Kapitän in eine Falle zu locken. Sie haben aber wohl vergessen, daß die Falle erst gestellt sein muß und das können Sie besser besorgen aus der Entfernung, während ich den Burschen in das Fangeisen hineinführe. Sie werden besser mit dem Geschäftsführer von dem Perkinswerk fertig werden. Dieser Mr. Downs wird sich schwerlich meinen Instruktionen fügen, aber die Ihrigen wird er zum mindesten reiflich in Erwägung ziehen. Ich gehöre also jedenfalls an dieses Ende vom Geschäft und Sie wirken von der anderen Seite.

Fühlst du dich dem Geschäft gewachsen, Patsy?

Beinahe ganz, Sir! erklärte der junge Mann lächelnd. Einen gewissen Plan, wie die Sache anzufassen ist, habe ich zwar noch nicht, doch ich denke zunächst daran, daß meine jugendliche Persönlichkeit viel weniger den Verdacht des Bandenführers durch ihr plötzliches Erscheinen erregen wird, wie Ihr ausgeprägtes scharfes Detektiv-Gesicht, Gouverneur!

Da hast du allerdings wieder recht, wenn ich auch etwas mehr Vertrauen zu meiner Verstellungskunst habe, wie du zu haben scheinst, mein Sohn. Also, meinetwegen, rufe den Jungen, damit wir ihn instruieren.

Charles Burton kam sofort herbei und erklärte, auch der alte Moses sei jetzt vollständig sicher, daß das die Bande sei, die am heutigen Morgen Tensleep überfiel.

All right, mein Boy, erwiderte Sellers. Jetzt wollen wir uns aber davon überzeugen, ob du wirklich der bist, als der du dich uns vorgestellt hast. Wir haben etwas für dich getan, nun sollst du auch etwas für uns tun.

Das ganze Benehmen Charles' drückte Aufmerksamkeit und Bereitwilligkeit aus.

Du sollst jetzt mit Patsy da hinunter ins Tal reiten und denen da unten eine ausgezeichnete Geschichte erzählen: Daß du glücklich aus Tensleep entflohen und in deinem Begleiter einen ehemaligen Freund aus New-York wiedergefunden hast. Ihr beide wolltet euch der Gesellschaft anschließen und brave Räuber werden. Wirst du das fertig bringen?

Wenn Sellers vielleicht erwartet hatte, auf Furcht und Widerspruch zu stoßen, so hatte er sich diesmal in dem Jungen getäuscht.

Wenn Sie denken, daß ich auf diese Weise etwas dazu beitragen kann, den Kapitän zu fangen und ihn dahin zu bringen, wohin er gehört, soll es an mir nicht fehlen, Sir! erklärte der Bursche ohne Zögern.

All right! Ich sehe, du bist mutiger, als du aussiehst, erwiderte der Detektiv befriedigt. Du wirst uns voraussichtlich einen großen Dienst erweisen, den wir dir, wenn ich mich nicht sehr irre, wahrscheinlich mit großen Zinsen wiederbezahlen werden.

Auch ohne Aussicht auf irgend eine Belohnung würde ich Ihnen gern helfen, den Mörder von Mr. Miller zu fangen, erwiderte der Junge treuherzig. Mr. Miller war sehr gut mit mir und es war eine Schande, daß er so schmählich überfallen und ums Leben gebracht wurde.

Na, also denn mal los, Patsy, sagte Sellers zu seinem jungen Assistenten.

Also ist's wirklich Ihr Ernst, mir den Vorantritt zu überlassen?

Hast du mich nicht davon überzeugt, daß es das beste ist?

All right! Dann hinein ins Vergnügen, Charles!

Wenige Minuten später ritten die beiden jungen Leute im Galopp den Seitenweg rechts hinab, während Sellers sich mit seinen drei Begleitern nach links wandte, natürlich immer auf dem diesseitigen Abhange den Weg nach den Perkinswerken einschlagend.

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