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Im Tale des Todes

I. Glässer: Im Tale des Todes - Kapitel 12
Quellenangabe
authorI. Glässer
titleIm Tale des Todes
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
illustratorHans Stubenrauch
senderwww.gaga.net
created20180927
projectid89d91bfc
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11. Der weiße Tod.

Kaum eine Stunde nach der Ankunft Patsys mit seinen Begleitern im Todestale erschien auch der Kapitän mit dem Rest der Bande. Etwa vier Stunden später, oder um es ganz genau zu sagen, halb elf Uhr vormittags erreichte Fred Sellers und seine Leute die Hütte, wo die Tochter des Goldsuchers, Sophie Mink, von den Räubern gefangengenommen und fortgeführt wurde.

Hier ist der Platz, sagte Downs, der bisher immer neben dem Detektiv geritten, nachdem man ihn auf Sellers' Verwendung hin von den Fesseln befreit hatte.

Das ist die Hütte des alten Mink und Sophie sollte hier sein.

Aber die Gewünschte war nicht da, wie wir schon wissen, sie war einer Einladung gefolgt, die ziemlich ungestüm und gewaltsam erfolgte und der auch eine kräftigere Person nicht hätte widerstehen können.

Die einzige Person in oder vielmehr vor der Hütte war ein halbblinder und halbtauber alter Indianer, der auf einer Bank vor dem Hause saß.

Lassen Sie mich mit dem Alten reden, Sir, sagte Downs. Da ist irgend etwas mit Sophie nicht in Ordnung.

Lucky, wo ist der alte Mann? rief Downs laut.

In den Bergen, Gold suchen, war die kurze Antwort.

Wo ist Miß Sophie?

Weiß ich nicht. Ist heute morgen gegangen, Boß.

Hat sie dir nicht gesagt, wohin sie wollte?

Nein. War Rabbits (Kaninchen) schießen. Ich kam zurück, sie war fort. Hoffe, sie kommt bald, möchte Mittagessen haben.

Das wurde alles mit langsamer, halblauter, verdrossener Stimme gesagt und die Augen des Alten blinzelten unruhig hin und her, während er sprach

Er ist glücklicherweise nur halbtaub, erklärte Downs mit leiser Stimme. Es ist so, wie ich fürchtete, Mr. Sellers, und bereits unterwegs sagte. Der Kapitän ist wütend über den Mißerfolg bei dem heutigen Überfall und hat das Mädchen mit nach dem Todestale geschleppt, weil er weiß, daß er mir damit den größten Verdruß bereiten kann. Nun, ich stehe ganz auf Ihrer Seite. Ich werde dem Halunken eine Kugel in den Kopf jagen, sobald ich ihn sehe.

Was ist aber nun zu tun?

Wir müssen diesen Lucky bearbeiten. Haben Sie etwas Gold bei sich?

Gewiß, ich habe eine Anzahl Zwanzigdollarstücke.

Eins genügt, der Alte ist ganz toll auf Gold. Er weiß alles über das Todestal und um aufrichtig zu sein, auch ich weiß manches, obgleich ich noch nie dort war und, so seltsam es Ihnen erscheinen mag, diesen Kapitän Thunderbolt noch niemals gesehen habe, ausgenommen bei jenem ersten Überfall vor zwei Jahren, wo wir ihn schon einmal mit seiner Bande blutig zurückwiesen. Sie sehen, Mr. Sellers, ich bin bereit, Ihnen alles zu sagen.

Genug, sagte der Detektiv. Ich werde Sie nicht weiter mit unnötigen Fragen quälen. Was nun?

Hier Lucky. Komm einmal her, dieser Herr will dir ein Goldstück schenken!

Der alte Indianer kam mit einer Behendigkeit dahergehumpelt, die man ihm gar nicht zugetraut hätte. Sellers hielt das Zwanzigdollarstück zwischen zwei Fingern, daß es in der Sonne funkelte. Das gehört dir, Lucky, wenn du Mr. Downs sagst, was er von dir wissen will! rief er ihm ins Ohr.

O, ich will, sagte der Alte mit einem habgierigen Blick auf das Gold, ich will alles sagen, was kann helfen Miß Sophie. Der Kapitän muß sie geholt haben, als ich nicht hier war.

So ist's, Lucky, erwiderte Downs laut. Der schlechte Halunke hat sie nach dem Tale des Todes entführt.

Ja, so wird's sein. Ich verfolgte den Zug, eine ganze Masse Männer. Zuerst kamen große Wagen. So etwas ist noch nie passiert im Todestale. Dann ein andrer Trupp mit einem Mädchen, ich konnte es nicht gut sehen, weil ich zu hoch oben stand, und dann wieder viel Männer, alle drei habe ich gesehen. Hahaha, da – ich sage alles – alles für das Gold!

All right, fuhr Downs fort, Lucky, du weißt den Weg durch das Tor, aber du weißt nicht, wie man hindurch kommt.

Nein, nein! Wer durch will, muß sterben. Es ist immer ein Wächter dort.

Aber es gibt noch einen anderen Weg in das Tal, Lucky, nicht wahr?

Ja, ja, aber da ist der weiße Tod. Er bringt euch um und die Pferde dazu, wenn ihr nicht zur rechten Zeit kommt.

Du kennst den weißen Tod?

Der Alte lachte pfiffig auf. O, gewiß, sagte er. Mir tut er nichts. Wenn es sprudelt und speit, geht man ihm eben aus dem Wege und wartet, bis er fertig ist. Dann heißt es aber schnell machen, denn wenn er wieder anfängt, fängt er euch und ihr seid tot. O, ich sage alles für Gold!

Der Indianer war offenbar auch nicht mehr recht zurechnungsfähig, denn Sellers verstand vorläufig noch nicht, was er eigentlich mit dem weißen Tode meinte, aber Downs schien es zu wissen.

Wie lange haben wir zu warten? fragte er.

Das kann ich jetzt nicht sagen, aber ich weiß es, wenn ich den Schaum auf dem Wasser sehe.

Ist es weit von hier?

Nein.

Kannst du uns hinführen?

Damit uns der Kapitän tötet – nein!

Doch, Lucky, denk an Sophie. Du weißt, wie sie den Mann haßt. Denke daran, wie unglücklich sie wird, wenn sie immer dort bleiben muß und wir sie nicht bald herausholen!

Sie haßt ihn schrecklich. Arme Sophie! Sie denken, Ihre Leute können Thunderbolt durchprügeln und Sophie herausholen?

Wenigstens versuchen wollen wir's.

Gebt mir das Gold. Ich bringe euch alle hin! rief der Indianer plötzlich mit unerwarteter Energie und hielt seine offene Hand hin.

Du bekommst noch eins, Lucky, wenn du uns hilfst und wir wieder glücklich herauskommen.

Ich helf euch, Boß. Ich muß Sophie wieder haben, damit sie mich versorgt!

Er humpelte nach einem nahen Stalle und man mußte einige Minuten warten, ehe er endlich wiederkam, an der Hand ein Pferd führend, das jedenfalls dem alten Mink gehörte.

Was war aber für eine Veränderung mit dem Indianer vorgegangen?

Sein Gesicht war greulich mit roter und gelber Farbe beschmiert und in das Haar hatte er zwei große Hühnerfedern gesteckt.

Auch ein langes stumpfes Messer und ein altes Beil hatte er bei sich. Seine kleinen wässerigen Augen funkelten kampflustig und das frühere Zittern war vollständig aus seinem Körper verschwunden.

Die Männer lächelten, aber sie waren mit dieser Aufmunterung des Alten ganz zufrieden.

Sellers hatte inzwischen von Downs erfahren, daß der sogenannte weiße Tod nichts anderes als eine plötzlich hervorbrechende und dann wieder versiegende Quelle sei, die jedenfalls nur die Fortsetzung eines unterirdischen Wasserlaufes bilde, durch den man wahrscheinlich in das Tal des Todes gelangen konnte. Jetzt schwang sich der Alte auf das Pferd, blickte sich nach Indianerart vorsichtig ringsum und winkte dann, ihm zu folgen. Sie ritten denselben Weg, den die Banditen genommen, wenigstens fünf Minuten lang hinter der Hütte empor, immer dem Laufe des Baches nach, d. h. der Quelle zu, dann hielt der Indianer plötzlich einen Augenblick an und zeigte stumm nach rechts hinauf.

Sellers verstand sofort, was er meinte: In dieser Richtung lag jedenfalls der eigentliche Eingang zu dem Tale und der Detektiv hielt den Alten einen Moment am Arme fest und winkte ihm, etwas zu warten.

Dann wandte er sich an seine Begleiter und erklärte ihnen, welche Bewandtnis es mit dem sogenannten weißen Tode habe.

Er stellte es jedem frei, den gefährlichen Weg zu passieren oder nicht, und den zehn Mann, die zögerten, ihr Leben in eine so augensichtliche Gefahr zu begeben, sagte er:

Gut, wenn Kapitän Thunderbolt doch Gelegenheit finden sollte, zu entkommen, so muß er jedenfalls hier vorüber und ich verspreche dem von euch, der ihn mir tot oder lebendig überliefert, zweitausend Dollar. Vergeßt das nicht. Solltet ihr durch Übermacht zerstreut werden, so wartet hier in der Nähe, bis wir zurückkommen, kommen wir aber nach zwölf Stunden überhaupt nicht wieder, dann reitet hinüber nach Tensleep und erzählt, was hier passiert ist. Dann muß an den Gouverneur von Wyoming telegraphiert werden, daß wir alle im Todestale umgebracht worden sind!

Damit hatte Sellers gewissermaßen sein Testament gemacht und der gefährliche Marsch konnte ohne die zehn Zurückbleibenden fortgesetzt werden.

Lucky ritt voraus. Es ging auf einem gewundenen sehr unbequemen Wege immer höher empor, bis der Alte auf einmal vor einem dichten Gebüsche wieder Halt machte und lauschte. Immer noch hörte man ganz in der Nähe das Rauschen des wilden Gebirgswassers. Er bog die Zweige des Unterholzes auseinander und versuchte einige davon mit seinem alten stumpfen Beil abzuhauen. Da das aber natürlich nicht ging, sprang er vom Pferde, faßte es am Zügel und schritt weiter vorwärts.

Wollten die andern ihn nicht aus dem Auge verlieren, so mußten sie seinem Beispiele folgen.

Der Durchbruch durch das Dickicht dauerte aber keine Minute, dann kamen sie an ein schmales Felsentor, und durch dasselbe hindurchschlüpfend, in einen engen Durchgang ähnlich dem, der auch hinter dem anderen geheimen Eingang nach dem Todestale lag.

Man konnte hier gut die Tiere wieder besteigen, war aber kaum zehn Minuten im Sattel, als sich gerade vor ihnen eine haushohe Rauchwolke zeigte und ein starker Schwefelgeruch bemerkbar wurde.

Der alte Lucky hielt plötzlich still und beugte den Kopf weit vor. Dann zeigte er mit der Rechten vorwärts und Sellers konnte deutlich unterscheiden, daß der weiße Nebel aus einer Bodensenkung emporstieg, die etwa zehn Meter im Umfang mit zischendem, schaumbedeckten Wasser gefüllt war und in deren Hintergrund sich ein dunkles Felsentor öffnete, während ringsum eine fast tropische Vegetation zeigte, daß hier eine heiße Quelle emporsprudelte.

Seht! Der weiße Tod! rief der alte Indianer. Wir müssen warten. Wir sind schon im Todestale, aber wir müssen warten, bis der Dampf geht.

*

Kehren wir zunächst noch einmal zu Patsy zurück, ehe wir seinem Chef in den Kampf gegen den weißen Tod folgen.

Der junge Mann befand sich kaum drei Meilen davon entfernt in einem anderen Seitentale, das, durch eine mächtige Felsenmauer von diesem getrennt, schon den ganzen Morgen von lebhaftem Treiben erfüllt war. Patsy war bei seiner Ankunft in dem Verbrecher-Schlupfwinkel natürlich mit Jubel begrüßt worden. Nicht ein Wort oder eine Bewegung der anderen Banditen deutete an, daß er sich in irgend einer Gefahr befinde. Ja, es war zweifelhaft, ob einer von den Burschen von dem Verdacht des Kapitäns gegen Patsy eine Ahnung hatte, denn dieser Mann würdigte auch nicht einen seiner Genossen seines vollen Vertrauens, nicht einmal seinen besten Freund, den langen Dick Wright. Dieser war es auch, der Patsy bei seiner Ankunft sofort freundlich mit ausgestreckter Hand entgegenkam, und das nächste, was der junge Detektiv dann bemerkte, waren die zwei Transportwagen, halb zwischen dem Ausgang und den im Hintergrunde liegenden Hütten. Dick hatte allerlei Fragen über den verunglückten Überfall der Perkinswerke zu stellen, sobald aber seine Neugier nur einigermaßen befriedigt war, fragte ihn Patsy selbst nach seinem jungen Kameraden Charles Burton.

O, es geht ihm gut, erklärte Dick. Seine Wunde ist nicht gefährlich und das Fieber ist schon vorbei, aber er muß ruhig liegen, bis der Kapitän selber kommt. Was ist mit diesem Downs da drüben los? Dan Mc Nutt sagte mir, du wärst der einzige, der wüßte, warum ihn der Boß wie einen Gefangenen behandeln läßt.

Das stimmt, und außerdem erhielt ich den Befehl, niemand etwas davon zu sagen, sagte Patsy bestimmt.

Well, dann mußt du eben den Schnabel halten, erwiderte der Lange nachdenklich. 's ist seltsam genug allerdings. Du weißt, der Mann kam zu uns in das andere Lager mit einem Brief von Downs aus den Perkinswerken. In dem Brief stand, er wäre Downs' Bruder und hätte uns einen Vorschlag zu machen. Es war kein anderer Vorschlag als der: Die Werke zu nehmen und mit den beiden Halunken die Beute zu teilen. Die seltsamste Geschichte, die uns jemals passiert ist! Ich glaubte nicht daran, und wie's scheint, habe ich auch recht. Da ist irgend etwas nicht in Ordnung, ein faules Geschäft, wie ich dem Boß schon gestern sagte.

Das wird schon stimmen. Leider kann ich dir das nicht sagen, was ich weiß, es würde dir nicht viel helfen.

Außerdem wollte ich dir's auch nicht geraten haben, aus der Schule zu schwätzen, sagte Dick hochtrabend. Du kennst den Alten noch nicht, wie ich ihn kenne. Solange du ihn ehrlich behandelst, ist er ein feiner Mann, lege ihm aber nur etwas in den Weg, dann – well, sprechen wir nicht weiter darüber. Komm jetzt mit zu dem Jungen, er wird sich riesig freuen, dich wiederzusehen.

Dazu war natürlich Patsy sofort bereit.

Was wird aus der Geschichte noch werden? dachte er unterwegs. Wer weiß, wie lange ich hier mit dem Boy noch bleiben muß, ohne daß mein Chef auch nur eine Ahnung hat, wo wir stecken.

Der Neffe des Kapitäns lag behaglich ausgestreckt auf weichen Decken in einer der Blockhütten. Mit größter Freude begrüßte er seinen Freund und ließ sich von ihm erzählen, was sich inzwischen ereignet hatte.

Soeben hatte der lange Dick die Hütte einen Augenblick verlassen – eine Stunde mochte wohl seitdem vergangen sein, als das Geknatter mehrerer Schüsse und lautes Rossegestampf anzeigte, daß soeben der Kapitän selbst in das Lager einritt.

Jetzt sollst du aber staunen, Charles, sagte Patsy soeben, denn ich habe dir etwas ganz Interessantes zu melden. Dieser Mann ist – –

Er konnte seinen Satz nicht vollenden, denn in demselben Augenblicke erschien ein dunkler Schatten unter der offenen Tür und Kapitän Thunderbolt selbst trat mit raschen Schritten ein.

Well, wie geht's meinem Jungen, Baxter? fragte er lebhaft.

Ausgezeichnet, Kapitän, erwiderte Patsy. Haben Sie die Perkinswerke genommen?

Nein, die Burschen bombardierten uns mit ihrer Feuerspritze, knurrte der Banditenführer. Doch in anderer Beziehung war ich erfolgreich, junger Mann.

Und was ist das? fragte Patsy völlig ahnungslos, denn er ließ sich absolut nicht träumen, was nun kommen würde.

Darin, daß ich jetzt ganz genau weiß, daß du ein vollendeter Lügner bist, erwiderte der Kapitän. Ich bin nicht mehr im geringsten im Zweifel, daß du der Assistent des Detektivs Sellers aus New-York bist, denn ich sah den Burschen deutlich an einem Fenster des Office-Gebäudes im oberen Stockwerk der Perkinswerke stehen.

Patsy versetzte es fast den Atem. Kennen Sie denn den berühmten Detektiv so genau, wenn Sie ihn wirklich gesehen haben? fragte er.

Wer kennt nicht hier im Westen das Bild dieses Menschenjägers. Also heraus mit der Wahrheit, bist du sein Assistent oder nicht?

Es war ein gefährlicher Augenblick. Patsy zögerte, denn er konnte nicht wissen, was im nächsten Augenblick geschah. Sein Leben war nicht einen Cent wert, wenn er die Wahrheit sagte.

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