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Im Tale des Todes

I. Glässer: Im Tale des Todes - Kapitel 11
Quellenangabe
authorI. Glässer
titleIm Tale des Todes
publisherEnßlin & Laiblins Verlagsbuchhandlung
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
illustratorHans Stubenrauch
senderwww.gaga.net
created20180927
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10. Im Tale des Todes.

Kehren wir zurück zu Patsy und seinem Gefangenen!

Es war eigentlich eine große Unvorsichtigkeit, daß der junge Mann auf die Anerbietungen des New-Yorkers nicht einging, denn die Gelegenheit, so leichten Kaufs aus der Nähe der Banditen davonzukommen, kam vielleicht nicht so bald wieder und es war durchaus nicht sicher, ob der Kapitän durch Patsys gegenwärtiges Verhalten sein Mißtrauen schwinden ließ.

All right, junger Mann! Sie werden sehen, wozu es führt, erklärte der Advokat höhnisch. Sie verstehen das Spiel dieses Kapitäns Thunderbolt nur halb. Die größte Eselei, die ich begehen konnte, war, daß ich euch Detektive aufsuchte, um von euch etwas zu verlangen, was ich selber tun konnte!

Hahaha! lachte Patsy. Glauben Sie etwa, mein Chef läßt sich von so einem Spitzbuben, wie Sie, hinters Licht führen und als Mörder dingen? Es war allerdings eine große Dummheit – aber ich glaube, da kommen sie schon, die wir mit Sehnsucht erwarten.

Einen Augenblick später erschien tatsächlich der Kapitän mit seiner Bande an der nächsten Wegbiegung. Ah! Hast du ihn doch erwischt! rief der Anführer. Das ist recht. Ich dachte schon, ich würde euch alle beide nicht Wiedersehen!

Da haben Sie allerdings falsch gedacht, Kapitän, war die kecke Antwort Patsys. Und nachdem ich Ihnen die Gelegenheit dazu verschafft habe, werden Sie wohl durch eine Untersuchung des Mannes feststellen, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht.

Soll sogleich geschehen, mein Junge, erwiderte der Angeredete. Du bleibst hier, sagte er zu Patsy, ihr andern könnt langsam vorausreiten! befahl er seinen Leuten, die sofort dieser Aufforderung nachkamen.

Thunderbolt wartete, bis sie etwa zwanzig Schritte entfernt waren, dann wandte er sich mit finsteren Blicken zu seinem Gefangenen und sagte: Nun, wie steht's? Werde ich jetzt endlich in diesem Gewirr von Lügen einmal klar sehen? Sie kamen zu mir mit der Erklärung, Sie seien Downs' Bruder und versprachen mir, die Perkinswerke in meine Hände zu liefern. Sie haben Ihre Versprechungen bis jetzt großartig erfüllt, muß ich gestehen!

Erhielten Sie nicht die Wagen? fragte der andere trotzig. Auch die Werke wären jetzt in unseren Händen, wenn diese verd– Detektive nicht dahinter steckten. Ich bin fest überzeugt, daß dieser Sellers die Hand im Spiele hat.

Wer hat jemals etwas davon gehört, daß dieser Detektiv hier sein könnte?

Dort steht sein Assistent!

Beweise es! rief Patsy scheinbar zornig. Ich bin jederzeit bereit, mich durchsuchen zu lassen. Mein Name ist Tom Baxter so gewiß, wie der Ihrige Grayball ist.

Unsinn, ich habe niemals anders als Downs geheißen.

Genug, wir werden darüber gleich Klarheit haben, mein Freund, sagte der Kapitän. Die Hände hoch! Wenn er sich gegen mich wehrt, schießt du! Hörst du, Tom?

Gewiß, Kapitän, und ich werde Ihren Befehl mit Vergnügen ausführen.

Damit war das Schicksal des Advokaten besiegelt. Die Briefe und Geschäftskarten, die bei ihm gefunden wurden, bestätigten vollständig Patsys Behauptung. Kapitän Thunderbolt zog eine kleine Laterne hervor und prüfte beim Scheine derselben die Papiere sorgfältig, ohne ein Wort zu sagen. Grayball zitterte dabei vor Furcht an allen Gliedern und schien in den Erdboden versinken zu wollen.

Vermutlich ist's nun zwischen uns beiden aus? sagte er mit verstörtem Gesicht. Ich – ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, Sir. Ich kann Ihnen eine größere Barsumme innerhalb achtundvierzig Stunden liefern, die Sie auf andere Weise niemals bekommen würden.

Alle Versprechen Ihrerseits nützen nichts, erwiderte der Kapitän kalt. So hat also dieser junge Mann doch die Wahrheit gesprochen. Ich bin der einzige Sohn von Elias Sniffin. Mein Vater ist scheint's tot und hat mich jedenfalls enterbt, weil ich ihn einst bestahl und dann nie mehr etwas von mir hören ließ. Oder nein –

Er hatte nochmals ein größeres Papier entfaltet und las es aufmerksam durch. Dann sagte er: Diese Abschrift des Testaments da zeigt, daß mein Vater mich doch nicht ganz verstieß. Sie, Grayball, oder was sonst Ihr richtiger Name sein mag, sind nur als Vermögensverwalter eingesetzt, bis ich gefunden würde, Sie waren ebenso verpflichtet, nach Charles Burton, dem Sohn meiner unglücklichen Schwester zu suchen, die einst mit einem Diener meines Vaters davonging und sich in ihrer Not noch kurz vor ihrem Tode vergeblich an unseren Vater gewendet hat, wie mir der Junge erzählte, der seltsamerweise gestern in meine Hände fiel. Sie müssen gewußt haben, wer und wo er war. Es ist mir jetzt ganz klar, daß nur Sie gestern abend den Schuß auf ihn abgefeuert haben, um ihn zu töten.

Der Entlarvte wurde immer bleicher und verstörter und bemühte sich vergeblich, seine Fassung zu bewahren. Aber der Ankläger fuhr unbeirrt fort: Eigentlich sollte ich keinen Augenblick zögern, Ihnen eine Kugel durch das Hirn zu jagen, denn ich bin nicht im geringsten im Zweifel, daß Sie, wenn wir bei unseren Geschäften da unten in den Schmelzwerken nicht gestört worden wären, eine Gelegenheit gesucht und gefunden hätten, mich umzubringen. Ich wäre ein toter Mann, geradeso wie Sie einer sein werden, sobald Sie alles das getan haben, wozu ich Sie noch brauche.

Patsy war diesen Auseinandersetzungen mit größter Aufmerksamkeit gefolgt. Das meiste davon war ihm schon bekannt, denn sobald der Name Sniffin gestern von dem Jungen vor Sellers genannt worden war, konnte er sich leicht zusammenreimen, aus welchem Grunde dieser Winkeladvokat ein so großes Interesse hatte, Charles Burton beiseite zu schaffen. Neu war ihm nur, daß der Kapitän der Onkel des Burschen war.

Nun? fragte der Bandenführer den New-Yorker. Haben Sie etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen? als Grayball nicht den geringsten Laut von sich gab.

Nichts, das Spiel ist in Ihrer Hand. Aber ich warne Sie, mich zu ermorden. Es wird sich viel besser für Sie bezahlen, wenn Sie mich leben lassen, wie ich Ihnen später beweisen werde.

Und du? wandte sich jetzt der Kapitän an seinen jungen Begleiter. Soll ich dich auch noch untersuchen?

Tun Sie das, Kapitän! erwiderte Patsy ruhig.

Ich will das jetzt bleiben lassen. Der Umstand, daß du so schnell damit einverstanden bist, macht es unnötig. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, Junge. Ich bin nun, wie es scheint, mehrfacher Millionär. Well, vielleicht nehme ich dich mit nach New-York, das du so gut zu kennen scheinst und wo du wahrscheinlich noch dein Glück machen wirst, inzwischen mußt du mir aber noch weitere Beweise liefern, daß du mir ergeben bist, indem du auf diesen Burschen hier gut aufpaßt!

Mit größtem Vergnügen, Sir.

Du bringst ihn jetzt mit vier von meinen Leuten nach dem Todestale, während ich mit den übrigen noch einen Angriff auf die Werke versuchen will, um den Burschen da unten zu zeigen, daß wir uns nicht wie die Schulbuben heimschicken lassen.

Damit war die gefährliche Unterredung zu Ende und Patsy hatte sein gefährliches Spiel gewonnen, wenigstens vorläufig.

Zehn Minuten später befand er sich mit vier anderen unterwegs nach dem geheimnisvollen Schlupfwinkel der Bande, den gefesselten Advokaten an seiner Seite.

Bevor sie aufgebrochen waren, hatte der Kapitän einen der Banditen, Dan Mc Nutt, beiseite gezogen und mit ihm eine besondere längere Unterredung gehabt. Um was es sich dabei handelte, sollte Patsy später erfahren.

Ihr Weg führte an dem alten Lagerplatze vorbei nach dem zweiten Ausgang des Tales, sie passierten dann eine unwegsame, von Steinen und Geröll bedeckte Gegend, die immer mehr bergauf führte.

Mehrere Stunden lang ging es in gestrecktem Galopp immer weiter hinein in das wilde Big Horn-Gebirge und zwanzig Meilen waren sie wohl geritten, ohne daß jemand das Schweigen unterbrochen hätte.

Das Ende ihres nächtlichen Rittes konnte nicht mehr allzu fern sein; der Tag begann eben zu dämmern, als Grayball endlich wieder das Wort ergriff und zu dem noch immer neben ihm reitenden Patsy sagte:

Es würde sich doch vielleicht für Sie lohnen, meine Vorschläge noch einmal anzuhören, junger Mann, ich glaube, Patsy ist Ihr Name.

Ich will nicht ein Wort von Ihnen hören, solange Sie mich für den halten, der ich gar nicht bin.

Also Tom Baxter meinetwegen.

Well, und was nun?

Haben Sie sich gemerkt, was ich Ihnen bereits früher sagte. Sie erhalten hunderttausend Dollar, wenn Sie mir aus dieser unangenehmen Lage helfen.

Ich will mir's überlegen, erwiderte Patsy kurz und lenkte sein Pferd möglichst weit weg von seinem Gefangenen, da er merkte, daß sich Dan Mc Nutt zu ihnen umwandte, da er auf das leise geführte Gespräch aufmerksam wurde.

Man ritt wohl noch eine Stunde, während der die Tiere zur Eile angetrieben wurden, so gut das die immer unwegsamer werdende Gegend erlaubte, endlich erreichten sie die Spitze der Gebirgskette und ritten jetzt etwas langsamer ein noch ziemlich dunkles, halb vom Morgennebel erfülltes Tal hinab, das von einem kleinen Bache durchflossen und an vielen Stellen mit mächtigen Steinblöcken übersät war.

Dicht neben einem der letzteren, halb dahinter versteckt und von einer mächtigen Steineiche überschattet, stand eine Blockhütte, hinter der der Gebirgsbach rauschend zwischen den Steinen herabsprang.

Ein kleiner Garten, hübsch eingezäunt und mit allerlei Gemüse bepflanzt, zeigte, daß die Bewohner der Hütte sich hier in der Wildnis des Westens ganz behaglich eingerichtet und nicht die Absicht hatten, den Platz so schnell wieder zu verlassen. Die ganze Umgebung des Häuschens ließ erkennen, daß hier eine weibliche Hand wirkte.

Davon sollten die frühen Ankömmlinge auch bald direkt überzeugt werden, denn kaum konnte das Gestampf der Pferdehufe dorthin gedrungen sein, als sich auch schon die niedere Tür des Blockhauses öffnete und ein reizendes Mädchen in sauberem, einfachem Kleide mit verwunderten Blicken erschien und beim Näherkommen der Reiter ausrief: Ah, Sie sind es, Dan? Was ist so früh schon los?

Wir sind auf dem Heimwege, Sophie, war die Antwort.

Das sehe ich, sagte das schöne Mädchen lächelnd, fügte aber dann mit einem ernsten Blicke hinzu: Wer ist der Gefangene?

Ich will verd– sein, wenn ich das weiß, knurrte Dan. Irgend ein schlechter Kerl, der dem Kapitän in den Weg gelaufen ist.

Während er das sagte, war der Bandit aus dem Sattel gesprungen und die drei anderen folgten sofort diesem Beispiel.

Ein lediges Pferd wurde herbeigeführt, das die Burschen mitgeführt hatten und über dessen Zweck Patsy bisher noch nicht die geringste Ahnung gehabt hatte.

Jetzt sollte er es erfahren.

Plötzlich, als Dan noch freundlich mit dem Mädchen redete, schlang er den Arm um ihre Hüfte.

Zuerst dachte Patsy, es handelte sich nur um einen Scherz, als er sah, wie sich das Mädchen heftig wehrte und dem frechen Burschen mit den Nägeln ins Gesicht fuhr.

Da wurde sie auch schon von den anderen Kerlen gepackt, auf das Pferd gehoben und mit den Füßen festgebunden.

Laßt mich los! Laßt mich los! schrie die Überwältigte und wehrte sich verzweiflungsvoll gegen die starken Hände.

Nur ein höhnisches Lachen war die Antwort.

Was habt ihr mit mir vor? rief die Gefesselte mit zornig gerötetem Gesicht. Bei Gott! Das soll euch schlecht bekommen, ihr Räubergesindel!

Hilft alles nichts, mein Täubchen, erklärte Dan kaltblütig. Es geht jetzt nach dem Todestale, wie der Kapitän befohlen hat. Du hast ihn lange genug an der Nase herumgeführt, aber heute hast du einen unglücklichen Tag, schöne Sophie, deine Zeit ist gekommen.

Er trat zu dem Pferde und drückte ihr die Zügel in die Hand.

Die Sache ist natürlich nicht so schlimm, wie sie aussieht, sagte er dann etwas freundlicher. Aber der Boß meinte nur, du könntest vielleicht keine Lust haben, schon heute mit ihm Hochzeit zu feiern und deshalb gab er mir den Rat, dich ein wenig zu überfallen, damit du uns nicht etwa an einem so wichtigen Tage entschlüpfst, wie du's schon ein paarmal getan hast, wenn's Ernst werden sollte.

Nie, nie werde ich ihn heiraten, den Verbrecher! schrie das arme Mädchen, lieber stoße ich ihm selber das Messer in die Brust. Und ihr Schandgenossen sollt mit meiner Hilfe noch alle an den Galgen gelangen, wohin ihr gehört!

Nur ein Hohngelächter folgte auf diesen Ausbruch der Wut und Verzweiflung und die schöne Gefangene fand in wenigen Augenblicken ihre Selbstbeherrschung wieder. Willig, wenn auch mit verächtlichen Blicken, ließ sie ihr Pferd antreiben, und es ging wieder vorwärts.

Während der folgenden halben Stunde, in der man das Tal durchritt, führte der Weg wieder steil aufwärts. Endlich erreichte man eine mächtige Felsengruppe, deren Spitzen sich wohl hundert Fuß hoch über ihnen befanden.

Dan Mc Nutt steckte die Finger in den Mund und ließ dreimal einen langen Pfiff ertönen.

Nach kurzer Zeit wurde das Signal erwidert und auf dem niedrigsten der Felsen, etwa zwanzig Fuß über ihnen erschien ein mit einer Büchse bewaffneter Mann und blickte vorsichtig nach unten.

Ah, ihr seid es! schrie er dann. Wo ist der Kapitän?

Er wird bald nachkommen, erwiderte Dan. Öffne das Tor!

Als der Mann im nächsten Augenblick wieder verschwand, wartete Patsy mit großer Spannung, was nun geschehen würde.

Plötzlich erklang dicht neben ihm ein metallischer Ton, als ob zwei Eisen aufeinander knirschten und ein Teil des Felsens wich zurück. Kunstvoll waren mehrere große Felsstücke in schweren Holzrahmen befestigt und rollten auf jedenfalls von einem Eisenbahnwagen gestohlenen Rädern langsam, aber gleichmäßig beiseite, so daß man nun im Hintergrunde deutlich ein zweites kleineres Holztor sehen konnte, durch das bequem ein großer Reiter, ja, ein größerer Transportwagen hindurchfahren konnte und an dem jetzt der bewaffnete Mann lehnte, der Wächter, den sie schon auf dem Felsen gesehen hatten.

Die kleine Karawane setzte sich sofort wieder in Bewegung und erreichte nach kaum zwanzig Pferdelängen einen schmalen, von hohen Felsen begrenzten Paß, in dem sie etwa zehn Minuten schweigend vorwärts ritten. Dann aber verbreiterte sich plötzlich das Tal, rechts von ihnen ergoß sich ein rauschender Bach in eine dunkle breite Öffnung, die Umgebung wurde immer schöner, grüner, fruchtbarer und auf einmal lag vor ihnen im prächtigsten Morgensonnenschein ein sich sanft an einen Abhang anlehnendes Gelände mit saftigen Wiesen, mächtigen Eichen und wilden Nußbäumen, ein entzückender Anblick mit dem weidenden Vieh, Kühen und Pferden. Im Hintergrunde erhob sich wieder ein mächtiger Felskegel und am Fuße desselben konnte jetzt Patsy deutlich eine Anzahl Blockhütten bemerken, aus denen helle Rauchwölkchen zum blauen Himmel emporkräuselten, in der Tat ein Räuberschlupfwinkel, wie er nicht besser gewünscht werden konnte.

Da erklang lautes Hundegekläff und der starke Dan ritt an Patsys Seite, ihm zurufend:

Da sind wir, Tom Baxter. Das ist das Todestal! Keiner kommt hier lebendig heraus, wenn er nicht zu uns gehört.

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