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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 98
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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92.

Berlin, den 20. Februar 1892.

Nun hat mich's also doch auch gepackt!

Ein Pfarrer zu Straßburg, der freundschaftlich mit mir verkehren wollte, versuchte es vor zwei Jahren mit jeglichem erdenklichen Titel: »Doktor«, »Inspektor«, »Direktor«, »Professor«, »Präsident«. Als ich all dies der Reihe nach höflich ablehnte, rief er verzweifelnd: »Ja, ums Himmels willen, mit Ihnen kann man ja gar nicht sprechen!« – Nun ist dem Mann geholfen.

Hofrat, Geheimer Hofrat, Geheimrat, wie die Berliner kurz sagen, weil sich darunter alles mögliche verstecken läßt.

Im ersten Augenblick war mir's ein wirklicher Schrecken; auch habe ich ihn noch nicht völlig überwunden. Noch heute, nach vierzehn Tagen, kämpft in meinem Innern edler Stolz mit peinlicher Verlegenheit: das Gefühl des kleinen Jungen, der zum erstenmal in Hosen spazieren geht. Auch begrüßt man mich noch immer von allen Seiten mit einem Geburtstagsgesicht und heftigem Händeschütteln, wie wenn man mich nach jahrzehntelanger Trennung oder überhaupt zum erstenmal sähe. Allerdings mit Recht. Bin ich doch jetzt erst in den Kreis wahrer geheimer Menschen eingetreten, in jene Welt der Innerlichkeit, die Millionen Deutschen zeitlebens verschlossen bleibt.

Wie das möglich war und wie es gekommen ist, wird mir sub rosa von wohlunterrichteter Seite mitgeteilt. Herr von X. – Titel lasse ich weg, wie gewöhnlich, Namen ersetze ich hier zum erstenmal mit den Zeichen unbekannter Größen, denn die Hofluft fängt schon an, mich zu demoralisieren –, Herr von X. sagte nachdenklich: »Es ist klar, etwas müssen wir tun.« Darauf Herr von Y.: »Aber was? Orden hat er vorläufig genug.« Pause. Plötzliches Aufleuchten in den wohlwollenden Zügen des Herrn von X.: »Wissen Sie was – schlagen wir ihn zum Hofrat vor.« – »Zum Geheimen Hofrat,« ergänzte Herr von Z., um auch etwas beizutragen.

Ob dieser Bericht genau der Wirklichkeit entspricht, möchte ich nicht verbürgen; aber wahr scheint er zu sein, und das genügt.

Sogar zu einem Glückwunschgedicht hat sich mein wackerer Schultz-Lupitz, der Kainitmann, aufgeschwungen, in welchem die kühnsten Reime ein bis jetzt unskandierbares Versmaß schmücken. Ich mußte natürlich auch in gebundener Rede antworten und wäre in einiger Verlegenheit, Dir die Verschen zu schicken, wenn ich mich nicht meinem engeren Vaterland und seinen wohlwollenden Behörden gegenüber kindlich-reinen Herzens fühlte. Ich sang nämlich:

Meines Schaffens Stolz, meiner Arbeit Würze
War der schlichte Name, das kurze »Eyth«.
Doch der Kurze rühme sich nicht seiner Kürze;
Nun ist es vorbei mit der Herrlichkeit.

Geheim soll ich wandeln auf zierlichen Sohlen.
Kniehosen und Waden in doppeltem Sinn
Empfiehlt man mir dringend. Der Teufel soll's holen!
So Gott will, bleib ich so kurz, wie ich bin.

Doch genug hiervon! Wenn dieser Brief einem »wirklichen« Geheimen unter die Augen käme, dürfte ich vielleicht den Asperg wieder begrüßen, den ich öfter in jugendlichen Paukangelegenheiten besuchte. Süße Erinnerungen! Und doch könnte mein guter König nirgends sicherer schlafen, als wenn er sein irregeleitetes Haupt in meinen Schoß niederlegte, wie es bei uns in Schwaben von alten Zeiten her Sitte ist. –

Von Arnim wurde, wie erwartet, einstimmig zum Vorsitzenden des Direktoriums gewählt, und Neuhauß verließ bleich und zitternd vor Erregung den Kampfplatz. Wie unnötig sich doch die Menschen ärgern mögen! Nachts zehn Uhr kam er noch in meine Wohnung, um sein törichtes Herz auszuschütten. Ich zog nun aber auch einmal vom Leder und fügte ihm meine Meinung. Du weißt, unter Umständen kann ich deutlich sein, und kleinen Eitelkeiten gegenüber verläßt mich die Geduld leichter als bei großen Dingen. Der arme alte Mann vergoß buchstäblich Tränen der Reue und Rührung, küßte mich zu meinem Schrecken und ist heute mit allem zufrieden, was geschehen ist. Es gibt wunderliche Leute, und unter diesen trockenen Norddeutschen weiche Herzen voll kindlicher Schwächen. –

Mein fliegender Besuch in München, ein Vorspiel der nächstjährigen Ausstellung, verlief höchst befriedigend. Ich fand überall das freundlichste Entgegenkommen. Was die äußeren Verhältnisse betrifft, ist ja München eine Fremdenstadt erster Güte, und die berühmte Theresienwiese ein wahrhaft idealer Ausstellungsplatz. Der einzige etwas bedenkliche Punkt ist, daß unsre bayrischen Freunde so sehr an ihrer Oktoberfeststimmung hängen, daß sie die ernste, trockene Arbeitsmiene, die wir auch hier nicht ablegen werden, mißverstehen dürften. Doch setze ich meine Hoffnung auf die versöhnende Wirkung des Hofbräus. Die Audienz bei Prinz Ludwig gehörte zu den erfreulichsten Stunden dieses an Erfreulichem reichen Aufenthalts. Wir haben für 1893 nunmehr einen Präsidenten, wie wir ihn nicht besser wünschen könnten! – Wie haben sich doch die Verhältnisse in wenigen Jahren geändert! – Aber auch an uns soll es nicht fehlen, den Bayern zu zeigen, daß die D. L. G. ihre Gesellschaft ist, so gut als die der Pommern und Brandenburger. Minister Feilitzsch, Oberbürgermeister Widmann, Graf Lerchenfeld vom bayrischen landwirtschaftlichen Verein, Generalsekretär May – es ist vorläufig ein Herz und eine Seele und sollte es bleiben.

Nur einmal mußte ich mich ärgern: in der Versammlung, in der die Beteiligung der verschiedenen staatlichen Einrichtungen an der Ausstellung besprochen wurde, erhob sich ein Professor, dem ich die Ehre antun will, seinen Namen zu verschweigen, und erklärte, daß die bayrischen landwirtschaftlichen Akademien mit ihren Sammlungen die Mitwirkung ablehnen. Abgesehen von der Möglichkeit, daß die Sachen verdorben werden könnten, habe die Wissenschaft ihre Würde zu wahren und brauche sich nicht auf der Oktoberfestwiese vor den Bauern in den Staub zu werfen. Das ungefähr war der Sinn der erbaulichen Rede. Als ob diese Wissenschaft, mit allem, was sie weiß, nicht schließlich auf Bauernfeldern zusammengeklaubt worden wäre und in den Viehställen der Bauern sich erproben müßte; als ob ihre Priester eine Daseinsberechtigung hätten, wenn sie aufhörten, mit dem Volk und für das Volk zu arbeiten. –

Auch in Berlin, das nach München an die Reihe kommt, regt es sich ernstlich. Aber welch andrer Geist, oder vielleicht richtiger gesagt, welch andre Manieren, um schließlich an dasselbe Ziel zu kommen. Als Ausstellungsplatz ist, nach den landesüblichen Häckeleien, der Treptower Park bewilligt worden. Die Schwierigkeiten erhoben sich um eine gut preußische Formfrage. Wir hatten eine Eingabe an den Magistrat gerichtet, der ohne langes Bedenken seine Zustimmung gab. Dies ärgerte die Stadtverordneten, die man zuerst hätte fragen sollen, und die nun eine Kommission einsetzten, welche zum voraus entschlossen war, den Beschluß des Magistrats anzufechten. Erst in einer erregten Sitzung, in der ich all meine Diplomatie verschwendete, waren auch diese Herren zu überzeugen, daß es die Ehre und das Wohl von Berlin verlange, einem Beschluß zuzustimmen, den sie ohne weiteres gebilligt hätten, wenn sie zuerst gefragt worden wären. Doch zeigte sich auch bei dieser Gelegenheit, daß die Harmonie zwischen Stadt und Land, für die ich schwärme, nur mit Schwierigkeit als schöne Fiktion über den Eröffnungstag der Ausstellung hinaus aufrechtzuerhalten ist. Nur gut, daß sich beide von Zeit zu Zeit gegenseitig brauchen.

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