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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 94
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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88.

Berlin, den 2. November 1890.

Das wird förmlich beängstigend; ich muß Dir's aber doch erzählen.

Die »kleine Woche« – so nennt man jetzt unsre Oktoberversammlungen, im Gegensatz zur »großen« im Februar, die noch erstickender eingerichtet ist – ging zu Ende. Man hatte sich nach sechzehn Abteilungssitzungen zum Schluß zur Sitzung des Gesamtausschusses zusammengefunden. Ich saß ahnungslos und etwas abgespannt neben dem Vorsitzenden, der die Versammlung eröffnen wollte. Da bat der Geheime Oberregierungsrat Dr. Thiel unkommentmäßig ums Wort, hielt eine Ansprache an mich, die Dich zu Tränen gerührt hätte, und übergab mir im Auftrag Seiner Majestät des Kaisers und Königs das geweihte Kästchen des Kronenordens dritter Klasse. Wohlgemerkt: es gibt auch eine vierte, nach der sich dreißig Millionen Preußen vergebens sehnen sollen. Großer Jubel der Versammlung. Stürmisches Hoch auf den Kaiser, der, wie der Vorsitzende bemerkte, die deutsche Landwirtschaft ehrte, indem er mich, »unsern Freund Eyth«, ausgezeichnet habe. Natürlich erhob auch ich mich in schicklicher Verwirrung und sprach, wie Kiepert behauptet, mit hinreißender Wärme, was, weiß weder er noch ich. Es ist auch völlig gleichgültig. Tief erregt traten wir in die Tagesordnung ein. Erstens: Protest des Herrn Lehmann betreffs der Beurteilung von Schweinen auf der Straßburger Ausstellung. Zweitens: und so weiter.

In Bremen haben die Ausstellungssorgen mit ungewöhnlicher Schärfe eingesetzt. Es handelt sich um die Platzfrage. Vor einem Jahr schien dieselbe gelöst zu sein. Ein der Eisenbahn gehöriges Stück Land stand uns gegen billige Pacht zur Verfügung. Mittlerweile wurde dasselbe jedoch für Betriebszwecke zerschnitten und zerrissen. Unsre Bremenser Freunde entdeckten sodann ein Feld, das wir unschwer hätten pachten können. Allein es lag vier Kilometer entfernt von der Stadt und war deshalb nahezu unbrauchbar. Nun kam der »Bürgerpark« in Betracht, der im laufenden Jahr eine Gewerbeausstellung beherbergt, welche insofern in großen Nöten ist, als sie sich verpflichtet hat, den halb zerstörten Park wiederherzustellen. Der Platz stand zur Verfügung, wenn ich die Verpflichtung der Wiederherstellung übernommen hätte. Das war zunächst unmöglich, weil die Schätzung der Kosten dieser Arbeit zwischen 6000 und 60 000 Mark schwankte; allerdings wollten sich die Herren schließlich mit einer runden Summe von fünfzehntausend Mark begnügen. Endlich zeigte man mir noch ein Stück Feld, eben und gut gelegen, das 56, sage sechsundfünfzig kleinen Pächtern angehörte. Ich wußte von Magdeburg her, was es heißen will, ein Feldstück von sechzehn Pächtern zu pachten. Allein und hoffnungslos sah ich an jenem Abend im Bremer Ratskeller hinter einer Flasche Rauentaler und weigerte mich, Nahrung zu mir zu nehmen, so unsäglich traurig erschien mir das Menschenlos auf dieser Erde.

Des andern Morgens besuchte ich den neuen städtischen Schlachthof, ein Meisterwerk seiner Art, und lernte dessen Direktor, einen alten Schiffskapitän, kennen, der wie eine frische Seebrise auf meine zerrütteten Nerven wirkte. »Was, keinen Platz!« rief er vergnügt. »Ich werde Ihnen gleich ein halbes Dutzend Plätze zeigen.« Damit führte er mich auf eine herrliche, allerdings von Entwässerungsgräben in allen Richtungen zerschnittene Wiese, die im übrigen fast alle Eigenschaften eines guten Ausstellungsplatzes besaß. Wir stürmten auf das Katasteramt. Das Feld gehörte zwei Kirchen und einem Hospital und war an fünf Leute verpachtet. Es wurde licht. Nun begann eine wilde Jagd auf diese Herren, bei der mir ein kleiner Kaufmann, der in der Nähe des Platzes wohnte und den Nutzen einer Ausstellung hinter seinem Häuschen roch, jagen half. Um sechs Uhr abends war mit vieren der fünf Pächter ein Vertrag abgeschlossen, der mir um weniger als 2000 Mark das Land sicherte. Nur der Fünfte, ein Fuhrwerksbesitzer und Pflasterungsunternehmer, den wir mitten auf der Straße abfingen, konnte sich nicht entschließen. Wir machten dem braven Mann zu sehr den Eindruck von Straßenräubern. Er wollte sich's überlegen und abends zu mir ins Hotel kommen. Er kam aber nicht, dagegen ein Telegramm aus Kolmar im Elsaß, wo eine Prüfung von Kelterpressen stattfinden sollte und die Weinlese zehn Tage früher als erwartet begonnen hatte: »Herr Eyth möge unverzüglich kommen!« In Bremen aber duldete die Erledigung der Platzfrage keinen Verzug mehr; ohne sie durfte ich nicht abreisen.

Während ich mir die kritische Lage überlegte, erschien ein festlich gekleideter Junge: Der Fuhrwerksbesitzer Huber, sein Vater, könne nicht kommen. Er sei auf einer Hochzeit. Aber morgen stehe er den ganzen Tag in der Kaiserstraße, wo Pflastersteine geführt werden.

In aller Frühe stand auch ich in der Kaiserstraße. Die Pflastersteine wurden geführt, aber Herr Huber war nicht unter ihnen. Beim zweiten Versuch hörte ich von pflasternden Freunden, die ihn kannten: Herr Huber werde vielleicht unwohl sein, denn er sei gestern auf einer Hochzeit gewesen. Dies wußte ich schon; doch erfuhr ich bei dieser Gelegenheit auch, wo er wohnte, und fuhr schleunigst in eine entferntere Vorstadt, um ihm einen Krankenbesuch abzustatten. Denn ich mußte schlechterdings um zwei Uhr nachmittags nach Kolmar abreisen. Herr Huber war nicht anwesend, dagegen seine Frau, in sichtlicher Verlegenheit. »Liebe Frau,« sprach ich, »genieren Sie sich gar nicht. Ich weiß, Ihr Mann ist zu Hause. Er ist krank, denn er war gestern auf einer Hochzeit.« – Sie wurde plötzlich ganz vergnügt und zutraulich. »Warten Sie einen Augenblick!« sagte sie und ging die Treppe hinauf. Nach zehn Minuten kam sie betrübt wieder herunter: Es sei unmöglich, ihr Mann sei nicht aufzuwecken, aber gegen zwölf Uhr müsse er in der Kaiserstraße sein wegen der Pferde. Ich könne mich darauf verlassen.

Schon damals wußte ich, daß es keine zuverlässigeren Leute gibt als die Bremenser, Hochzeiten ausgenommen. Um zwölf Uhr stand denn auch Herr Huber an der bezeichneten Hausecke in der Kaiserstraße. Er konnte nicht gut sehen, denn er hatte auf der Hochzeit die Nase in merkwürdiger Weise verstaucht. Aber er war willig oder wenigstens widerstandsunfähig. Ich hatte den ausgeschriebenen Vertrag in der Tasche; auch ein Bleistift, das er zweimal fallen ließ. Doch gelang es ihm schließlich, auf einem Pflasterstein zu unterschreiben. Um zwei Uhr war ich auf dem Weg nach Kolmar und hatte den Bremer Ausstellungsplatz schwarz auf weiß in der Tasche.

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