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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 93
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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Vierter Abschnitt. 1890 – 1891

Bremen

87.

Berlin, den 6. Oktober 1890.

Es war allerdings kaum anders zu erwarten. Als ich aus dem üppigen Schatten der Südtiroler Kastanien bei Vahrn wieder unter den etwas dünneren der Linden von Berlin trat, wurde ich von meinem verehrlichen Direktorium mit schmerzlicher Entrüstung empfangen. Man wolle ja alles Erdenkliche tun, mich zu entlasten. Kiepert schilderte in zündenden Worten seine Schwebetheorie, wobei er nur das eine vergaß, daß der Mensch zum Schweben Organe haben muß, die mir schlechterdings versagt sind. Durch Wiederholung glaubte er sie mir anschwatzen zu können. Schweben! Über dem Ganzen schweben müsse ich lernen; von einem Rücktritt, von einem »Verlassen meines Kindes« könne keine Rede sein. Ob mir denn die Gefühle eines Vaters völlig fremd seien? – Das alles führte zu dem Beschluß, einen Ingenieur anzustellen, teils als Geschäftsführer der Geräteabteilung – ein Amt, das ich nebenher geführt hatte –, teils und hauptsächlich als meinen Spezialassistenten und Vertreter bei Aufbau und Einrichtung der Ausstellungen. Sofort nach der Sitzung des Direktoriums begann denn auch das Suchen nach einem geeigneten Mann.

Unter den reichlich heranströmenden Bewerbern zog mich einer besonders an; denn der Unglückliche glaubte einen Dampfpflug erfunden zu haben, hatte sein bißchen Vermögen in die Sache gesteckt, besaß nunmehr eine Maschine und einen Pflug, die nach Art neu erfundener Dampfpflüge im Feld ein paarmal zusammengebrochen waren, und Schulden, welche aufs üppigste nachzuwachsen drohten. Von dem Mann war einiges zu hoffen, wenn er sich aus dem Erfinderelend herausreißen lassen wollte. Einen Erfinder allerdings konnten wir aus vielen Gründen in der Stellung eines Geschäftsführers unsrer Geräteabteilung nicht brauchen. Ich nahm ihm deshalb das Versprechen ab, nichts erfinden zu wollen, solange er im Dienst der D. L. G. stehe. Was verspricht der Mensch nicht in seiner Not. Aber während wir soweit einig wurden, konnte ich die Erinnerung an die Worte Friedrich Wilhelms IV. nicht los werden, der nach der Behauptung der Berliner am Schluß seines Versprechens, die neue Konstitution heilig zu halten, gesagt haben soll: daß ich dies halten werde, das »globe ich schwörlich« – (das glaube, das schwöre ich). Na, wir werden ja sehen. Jedenfalls hoffe ich, in einiger Zeit meine ersten Schwebeversuche anstellen zu können.

Auch der gute Kiepert findet das Schweben nicht mehr so leicht wie früher. Sein Herzleiden nimmt überhand, so daß er den siebzigsten Geburtstag im Bett feiern mußte. Von unsrer Gesellschaft wurde ihm ein Riesenalbum überreicht, in dem er die Photographien von etlichen Hunderten seiner tausend Freunde findet. Auf der ersten Seite prangt ein Gedicht, das sie mir auspreßten, und das ich mir herzlich gern auspressen ließ. Heiligt nicht in diesem Fall der Zweck das Mittel? Ich war leider in Königsberg auf der ersten Kundschaftsreise für die übernächste Ausstellung und konnte mich deshalb der Abordnung nicht anschließen, die den würdigen Freund heimsuchte, die aber nur unter der Bedingung zugelassen werden durfte, jede Gemütsbewegung des Jubilars zu vermeiden. Geheimrat Thiel schloß seine Ansprache mit dem Verlesen meines Gedichts. Aber schon bei den ersten Versen begann der gute Kiepert zu schnüffeln und brach gegen den Schluß in lautes Weinen aus. Ich hätte eigentlich das Recht, stolz darauf zu sein, und freue mich wenigstens, daß der Festgesang keinen bleibenden Schaden angerichtet hat.

Da er übrigens zu Anfang die märkische Landwirtschaft im allgemeinen schildert, auf deren Boden ich mich zurzeit selbst abquäle, will ich Dir ein paar Strophen hersetzen. Sie sind wahrer, als Gedichte häufig sind, und erklären ein wenig, wie es kommt, daß ich selbst nicht müde geworden bin, mich in dieser Sandwüste umherzutreiben.

Wie oft hast Du den starren märk'schen Sand
In siebzig Jahren mit dem Pflug gewendet,
Und treu der Pflicht dem armen, treuen Land
Der Stirne Schweiß, der Muskeln Kraft verpfändet?
Wie viele Saaten hast Du ausgestreut,
In siebzig Jahren, eh' der Lenz erwachte,
Derweil der Himmel freundlich, so wie heut,
Und hoffnungsvoll auf Deine Fluren lachte?

Wie oft war's, daß der gelben Fläche Grün
In siebzig Jahren Deiner Arbeit dankte,
Bis durch Gewässer, Dürre, Sorg' und Mühn,
Die goldne Ähre Dir entgegenschwankte?
Wie viele Ernten hast du eingebracht
In siebzig Jahren? Kannst Du's selber sagen,
Wie oft das Herz Dir freudig aufgelacht
Beim letzten, buntgeschmückten Erntewagen?

Das ist der Kampf der märk'schen Landwirtschaft:
Ein rastlos Ringen und ein endlos Proben;
Nicht Brot allein, sie schuf die zähe Kraft,
Die euern Gau aus seinem Sand gehoben.
Das ist des märk'schen Landwirts Ruhm und Glanz,
Den er mit Pflug und Sense sich erfochten.
Sein Kranz aus Ähren ist ein Ehrenkranz,
Wie man aus Lorbeer schön're nie geflochten.

Dann folgt Persönliches, das nicht verfolgt zu werden braucht. Ein wehmütiger Geburtstag war es für alle, dem wenige Tage später ein doppelt schmerzlicher Todestag folgte. Heinrich von Nathusius-Althaldensleben, dem die D. L. G. und auch ich so viel zu danken haben, ist einem Schlaganfall im Seebad Sylt erlegen. Es ist ein schwerer Verlust für uns alle.

Mit einem so traurigen Schluß soll dieser Brief nicht abgehen. Soeben schickt mir der Großherzog von Baden seinen Zähringer Löwenorden: die Folge der Straßburger Ausstellung, wie ich vermute, und das erste Zeichen dieser Art, das ich mir auf deutschem Boden erpflügte. Es freut mich herzlich, um der Anerkennung willen, die das gelingende Werk zu finden beginnt.

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