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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 92
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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86.

Straßburg, den 13. Juni 1890.

Sei unbesorgt um meine Gesundheit. Mir ist wohl: so wohl als einem gehetzten Hasen, der soeben dreihundert Hunden entwischt ist. Die Ausstellung ist vorüber, glücklich vorüber. Wieder liegt ein Stück Arbeit hinter uns, das – ich darf wohl sagen, was mir unzähligemal gesagt wird – Tausende erfreut und Hunderten genutzt hat, oder umgekehrt.

Das Wetter war herrlich. Trotzdem waren es dieselben stürmischen Tage, in denen mein Tagebuch nur leere Blätter aufweist, und die wie in einem heißen Nebel hinter mir liegen. Auf Einzelheiten einzugehen, ist eine physische Unmöglichkeit. Am ersten Tag die Eröffnung durch den Statthalter, den Fürsten von Hohenlohe-Schillingsfürst; am zweiten der Besuch des Großherzogs von Baden, dem hoch zu Roß 120 badische Bauern auf ihren eignen Pferden einen Huldigungsritt darbrachten, eine fast ergreifende kleine Szene, so recht nach dem Herzen von Uhlands Eberhard: »Daß ich mein Haupt kann kühnlich legen«; am dritten der Strom von Fremden aus Schwaben, Bayern, vom Rhein und weiter her, bedrängt von Tausenden von Schulkindern aus Straßburg und seiner Umgebung; am vierten und fünften, den Ein-Mark-Tagen, 50- bis 60 000 Elsässer, ein Gewimmel, wie wir es noch nie gesehen hatten. Sieben Kassentore, durch welche den ganzen Tag die Leute ohne Unterbrechung einströmten. Rührend war, wie ganze Dörfer, mit dem Pfarrer an der Spitze, angezogen kamen und im Wallfahrtsschritt durch die Schuppen wanderten. So laß ich mir einen geistlichen Hirten mit seinen Schafen gefallen, sei er katholisch oder protestantisch. Eingenommen haben wir nahezu so viel als in Magdeburg, was niemand zu hoffen gewagt hatte; doch war die Ausstellung mit einer Anzahl kostspieliger Prüfungen teurer als dort, so daß wir mit einem blauen Auge davonkommen werden. Es wird einem überall etwas sauer gemacht, den Menschen Gutes zu tun. Was den Straßburger 10 Franken kostet, kostet uns, wenn es gut geht, 20 Mark; wo eine Fahnenstange ohne Beaufsichtigung angenagelt wird, werden zwei angerechnet; der Mann, der den kahlen Platz für uns besäte, hat hierzu ungefähr fünfmal soviel Samen gebraucht als der üppigste Sämann darauf zu streuen vermocht hätte – wie anderwärts auch.

Das sind schließlich Kleinigkeiten, die nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Wirkung der Ausstellung auf das elsaß-lothringische Landvolk, von der alle Zeitungen sprechen und die auch in Regierungskreisen lebhaft empfunden wird. Die Elsässer sind nun einmal ein etwas selbstzufriedenes Völkchen und wurden in der Franzosenzeit mit dem Gedanken glücklich gemacht, daß sie, was Fleiß und Leistung anbelangt, an der Spitze der Zivilisation schreiten. Nun mußten sie sehen, was über dem Rhein, im alten Vaterland geleistet wird. Das Erstaunen war nicht klein, aber gesund.

Statt aller weiteren ausstellungstechnischen und ausstellungsmoralischen Betrachtungen erzähle ich Dir zum Schluß lieber ein Geschichtchen, wie solche jede Ausstellung mit dankenswerten Variationen mit sich bringt, um uns nicht allzu langweilig werden zu lassen. Diesmal ist der Held ein würdiger Pfarrherr aus Oberbayern, der eigenhändig einen großen Bock auf die Ausstellung brachte. Das Tier besaß vier Hörner; dazu ein Söhnchen, ein überaus drolliges Geschöpf, das ebenfalls vier unzweideutige Hörnchen anzusetzen begann. Wie jeder andre Aussteller war der hochwürdige Herr überzeugt, nicht nur den schönsten Bock, sondern auch die größte Naturmerkwürdigkeit auf die Ausstellung gebracht zu haben, und konnte sich vor Entrüstung kaum fassen, als die Liste der preisgekrönten Tiere erschien und sein Bock »Jakob« nicht unter ihnen zu finden war. Wie eine Klette klammerte er sich an Freund Krauß, seinen Landsmann, er solle ihm, als »Schauwart«, Gerechtigkeit verschaffen. Gerechtigkeit verlange er; er müsse einen Preis für »Jakob« erhalten. Ob ein andrer Bock mit vier Hörnern auf dem Platz sei? Ob man glaube, er sei aus der Gegend von Oberammergau nach dem gottlosen Straßburg gereist zu seinem Vergnügen? Einen ersten Preis wolle er haben. Und Herr Krauß könne es nicht mit ansehen, daß er, sein leibhaftiger Landsmann, von den Preußen – es seien doch alles Preußen! – so behandelt werde. Am dritten Tage endlich, nachdem man der Hochwürden fünfzigmal erklärt hatte, daß Krauß die Bocksrichter nicht beeinflussen dürfe und könne, ging diesem selbst die Geduld aus. Sie sprachen etwas bayrisch miteinander, und von Stund' an lief der gute Seelenhirte gebeugten Hauptes und trostlosen Herzens auf dem Platz umher.

Nun begab es sich, daß die Fürstin von Hohenlohe, des Statthalters und unsers derzeitigen Präsidenten hohe Gemahlin, die Ausstellung besichtigte. Krauß, der es in seiner treuherzigen bayrischen Weise vortrefflich versteht, mit hohen und höchsten Herrschaften umzugehen, war ihr Führer, und zufällig kamen sie auch in die Gegend von »Jakob«, dem viergehörnten. Krauß gedachte seines betrübten Landsmanns und gutmütig, wie er ist, sah er eine Gelegenheit, ihn zu trösten. Er sagte daher zur Fürstin: »Durchlaucht, den Bock könnten Sie wohl kaufen, er ist die größte Merkwürdigkeit auf der Ausstellung.« – »Aber was soll ich denn mit dem Bock machen?« fragte die Fürstin erstaunt. – »Nun,« meinte Krauß, »Sie können ihn in Ihrem Park in Schillingsfürst spazieren gehen lassen, oder dem Zoologischen Garten in Straßburg verehren. Später kann man ihn auch ausstopfen lassen für ein Museum.« – »Was kostet er denn?« fragte die Fürstin vorsichtig. – »Na, um 100 Mark gibt ihn der Besitzer, ein geistlicher Herr, Durchlaucht, was man dem Bock allerdings nicht ansieht.« – »Schön; dann schicken Sie ihn mir!« lächelte die Fürstin huldvoll, und die Sache war abgemacht.

Eine Stunde später begegnet Krauß dem Pfarrer und ruft ihm freudig entgegen: »Nun, Hochwürden, ich habe ein gutes Geschäft für Sie gemacht. Ich habe Ihren Bock verkauft.«

»Bekomm' ich einen ersten Preis?« antwortete der Pfarrer.

»Einen Preis bekommen Sie nicht, aber 100 Mark. Unter uns ist der alte Kerl keine fünfzig wert.«

»Wenn ich keinen Preis bekomme, verkaufe ich auch den Bock nicht!« schrie der Pfarrer, und beide, rot vor Zorn, drehten sich um und gingen jeder seiner Wege.

Nach abermals einer Stunde kam der Pfarrer jedoch mit verlegenem Lächeln ins Direktoriumszimmer, wo Krauß und ich saßen, um ein wenig aufzuatmen.

»Ich will den Bock doch verkaufen,« sagte er. »Geben Sie mir die 100 Mark. Ich reise heute abend ab, nach Trier, wallfahren.« Da die Fürstin das Geld noch nicht geschickt hatte, ließ ich es der Hochwürden aus der Gesellschaftskasse vorstrecken, worauf er, völlig versöhnt, sich empfahl, um von »Jakob« Abschied zu nehmen, und noch am gleichen Abend abreiste. Böse Zungen, die ihre Augen überall haben – auch eine Naturmerkwürdigkeit –, wollen ihn zuletzt in der Kosthalle gesehen haben, wo holde Elsässerinnen ihre Landesweine kredenzten.

Zwei Tage nach Schluß der Ausstellung schickte uns die Fürstin 100 Mark mit dem Ersuchen, ihr den Bock zu senden. Aber »Jakob« war verschwunden, spurlos verschwunden! Er konnte doch unmöglich auch wallfahren gegangen sein. Die finstersten Vermutungen stiegen in uns auf, und die Verlegenheit war groß. Drei Tage lang wurde gesucht auf dem weiten, öden Ausstellungsplatz, in allen Markthallen der Stadt, im Zoologischen Garten. Der Bock Ihrer Durchlaucht war nicht zu finden. Selbst Polizei und Gendarmen gerieten in fieberhafte Tätigkeit und durchstreiften Stadt und Land. Endlich, endlich entdeckte man ihn in einem Winkel des benachbarten Schlachthauses, wo er in steter Todesgefahr drei Tage lang zugebracht hatte und von milder Hand gefüttert worden war. Wie er dorthin gekommen ist, weiß noch heute kein Mensch, und so endete diese Geschichte, wie unsre ganze Straßburger Zeit, dank einem gütigen Geschick, in Fried' und Freud'.

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