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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 87
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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81.

Magdeburg, den 9. Juni 1889.

Ohne schwere Sorgen geht es auch diesmal nicht ab, doch finde ich's erträglicher, wenn die Ursache in höheren Regionen liegt als in der meiner Mitmenschen. Die Maul- und Klauenseuche ist schon vor vier Wochen rings um Magdeburg in der bösartigsten Weise ausgebrochen, so daß eine Ansammlung von wertvollen Tieren mitten in dem verseuchten Distrikt, die später wieder in alle Windrichtungen hinausgetrieben werden, zurzeit in hohem Grade gefährlich wäre. Schon vor etlichen Wochen fragte das Landwirtschaftsministerium bei der Provinzialregierung von Sachsen an, ob es nicht besser wäre, die Ausstellung vorläufig zu verbieten. Seitdem schwebt das Schwert des Damokles über uns, und in jedem Augenblick kann der verpestete Faden reißen.

Ich lasse ruhig weiterbauen. Fällt der Schlag, so sind wir um 100 000 Mark ärmer. Ob ein paar hundert Mark für Tagelöhne und Zeltdachstifte dazukommen, ist belanglos. Zum Glück ist die höchste tierärztliche Autorität der Provinz ein warmer Freund der Ausstellung und sichtlich bereit, einen Teil des Wagnisses auf die eignen Schultern zu nehmen. Einem Staatsbeamten des Normalschlags gegenüber, dessen einziger Gedanke es ist, »sich nichts zuschulden kommen zu lassen«, wären wir bereits verloren. Landwirtschaftsministerium und Provinzialregierung suchen die Verantwortung des Verbots sich gegenseitig zuzuschieben. Mittlerweile ist die Seuche im Abnehmen. Ich meinerseits bin im Begriff, einen riesigen Krankenstall zu bauen, Fässer voll Karbolsäure bereitzustellen und jedem ankommenden Klauentier ein Tanninfußbad zu verabreichen.

Gestern fand nun die vom Regierungspräsidenten einberufene Sitzung statt, in der entschieden werden mußte, ob die Ausstellung abgehalten werden kann oder nicht. Eine glückliche Fügung ermöglichte es dem Veterinäroberarzt der Provinz, mitzuteilen, daß an diesem selben Morgen seine zwei letzten Dörfer für seuchenfrei erklärt werden konnten. So sollte denn die Ausstellung mit allen erdenklichen Vorsichtsmaßregeln, die uns Tausende kosten, stattfinden. Daß ich erleichterten Herzens aus dem Regierungsgebäude trat, wirst Du mir glauben. Zwei Stunden später begegnete ich meinem tierärztlichen Freund und Gönner. Blinzelnd flüsterte er mir zu, er habe mit der Mittagspost die Nachricht erhalten, daß die Seuche in drei Dörfern wieder ausgebrochen sei. Aber der Herr Regierungspräsident war bereits abgereist; unsre Losung war jetzt das altwürttembergische: Attempto!

Damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ging am Abend ein furchtbares Gewitter über Magdeburg nieder, und heute regnet es, als ob es nie mehr aufhören wollte. Die höher gelegenen Teile des Ausstellungsplatzes verwandeln sich in einen Sumpf; an den tieferen Stellen spiegeln sich die Regenwolken im Wasser. Dort sollen in wenigen Tagen siebenhundert Schweine und Schafe ein trockenes, behagliches Lager finden, wenn bis dahin die Schuppen noch nicht weggeschwemmt sind. Auf dem Geräteplatz stecken schwerbeladene Wagen bis an die Achsen in dem kostbaren Rübenboden, und Fowlers Dampfpflugmaschinen mit ihren Drahtseilen sind der Trost und die Hoffnung sämtlicher Fuhrwerksbesitzer. Das Barometer ist im Sinken; ebenso das bißchen Mut und Freudigkeit, das ich mir in diese stürmischen Tage herübergerettet hatte.

Ich sollte mich schämen, wenn ich meinen Vergnügungsausschuß an der Arbeit sehe, dessen Phantasie unerschöpflich und dessen Festeschaffenslust durch nichts zu unterdrücken ist. Vergebens versichere ich seinem Vorsitzenden, daß wir alle hierher kommen, um zu arbeiten, und selbst das Wort »Fest« hassen und verdammen. Es muß eine Korsofahrt durch die Stadt abgehalten werden, zu der er vierhundert Wagen aus dem Umkreis von fünf Meilen um Magdeburg zusammentrommelt, eine italienisch-chinesische Nacht im »Herrenkrug«, ein Gebirgsfest in einem alten Steinbruch, der den Namen der Magdeburger Schweiz führt. Mit Mühe habe ich, Feuersgefahr vorschützend, den übereifrigen Herrn abgehalten, den preisgekrönten Rindern einen Fackelzug zu veranstalten. Vor einer Stunde zeigte er mir einen billigen Gebirgsstock, den er jedem Mitglied der D. L. G. am Eingang seiner »Schweiz« überreichen lassen will, natürlich auf unsre Kosten. Dreitausend Stöcke, hofft er, werden genügen. Es ist ja alles herzlich gut gemeint: wie ich aber unter solchen Umständen mit meinen puritanischen Grundsätzen zurechtkommen soll, weiß ich selbst noch nicht.

O Gott Himmels und der Erde, wenn es nur aufhören wollte zu regnen! Ich habe Hunderte von Löchern durch den Lehm in den kiesigen Untergrund bohren lassen, durch die große Wassermassen gurgelnd abziehen. Der Sumpf aber bleibt. Soeben, abends zehn Uhr, unterbricht mich ein triefender Nachtwächter: die ersten Schafe seien angekommen und wüßten nicht, wohin.

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