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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 85
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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79.

Magdeburg, den 14. April 1889.

Die erste Magdeburger Woche zeigt immerhin ein andres Bild, als was ich in Breslau um dieselbe Zeit erleben mußte, vielleicht, weil mir hier kein Generalsekretär des landwirtschaftlichen Vereins der Provinz zur Seite steht. Trotzdem ist eine solche erste Woche kein Vergnügen, sonderlich, wenn sie zugleich in Nebel und Regen begraben ist. Zunächst entdeckt man Schwierigkeiten, von denen sich selbst die Eingeborenen nichts träumen ließen, bis es fast zu spät ist. Sich in denselben zurecht- und dann aus ihnen herauszufinden, kostet Gänge und Wartestunden und eine fortlaufende Geduldsprobe, daß es zum Davonlaufen wäre, wenn man nicht wüßte, daß von diesen Dingen der Erfolg des Ganzen so gut abhängt als von den Haupt- und Staatsaktionen, die in rühmenden Reden gefeiert werden.

Denke Dir: seit einem Jahr weiß Magdeburg, daß und wo wir eine große Ausstellung abhalten wollen. Der Oberbürgermeister und die städtischen Behörden sind freundlichst begeistert, die höchsten militärischen und bürgerlichen Spitzen von Stadt und Provinz sind Ehrenmitglieder unsrer Ausschüsse. Sechs Bauunternehmer haben seit drei Monaten ihre Bestellungen und schlagen auf ihren Zimmerplätzen Schuppen, Ställe und Tribünen zusammen, und vor acht Tagen entdeckt diese ganze Welt, daß ohne eine Baubewilligung seitens der Festungsbehörde auf dem betreffenden Feld kein Stock in den Boden geschlagen werden darf. Diese Bewilligung zu erlangen, ist Sache der Bauunternehmer und geht mich eigentlich nichts an. Sie muß von drei Behörden: dem städtischen Bauamt, der Polizeidirektion und vor allem der Festungskommandantur gegeben werden. Die sechs Bauunternehmer behaupten nun jammernd, im gewöhnlichen Instanzenweg koste dies sechs bis acht Wochen Zeit. Wie sollen sie da rechtzeitig fertig werden, denn die Eingaben seien erst vor einer Woche zunächst dem städtischen Bauamt eingereicht worden!

Nun galt es, zu laufen, zu suchen, zu warten, zu bitten. Unmöglich war es, bis heute, zu entdecken, wo sich die sechs Eingaben befinden. Die erste Behörde versicherte, sie habe eine derselben vor drei Tagen schon weiter befördert, die zweite schwört, sie habe nichts erhalten. Neue Eingaben zu machen, sagt man mir, sei ganz ausgeschlossen. Ich möchte doch bedenken, was daraus werden würde, wenn doppelte Eingaben durch den Instanzenweg liefen! Endlich findet sich, daß wir es mit einem Mißverständnis zu tun hatten und daß die auf dem Weg gesehene Eingabe einen Pferdemarkt betraf, der im Mai abgehalten werden soll. Die Herren sind alle die Höflichkeit selbst, denn ich schiebe weislich unsern Schirmherrn, Seine Majestät den Kaiser vor, wo es irgend nötig erscheint, und sie wissen natürlich hier nicht, wie platonisch dieses Verhältnis ist. Gestern abend endlich, fast verzweifelnd in dem Labyrinth von Stadträten, Branddirektoren, Bauräten, Polizeikommissären und Majoren, drang ich bis zur höchsten Instanz, dem Generalmajor und Festungskommandanten, und erhielt nach einer Viertelstunde den amtlichen Rat, mich um keine Eingaben mehr zu kümmern, sondern auf seine Verantwortung hin drauflos zu bauen.

Die Bauleute hüpften vor Freude und beladen heute Dutzende von Wagen mit ihrem Gebälk, um morgen früh das Feld in Besitz zu nehmen. Ohne mich, sagen sie, hätten sie noch Monate warten können. Ein andermal erzähle ich Dir die Geschichte von einem Komposthaufen, die eigentlich hierhergehört. Er ist mir und den Festungsbehörden ein schweres Ärgernis; denn er darf ohne obrigkeitliche Bewilligung nicht entfernt werden, weil dies einer Änderung der Terrainverhältnisse im Festungsrayon gleichkomme.

Herzlich gefreut hat mich ein andres kleines Erlebnis, das ich zugleich für die beste Kritik meines Wanderbuchs halte, die mir zu Gesicht gekommen ist. Du siehst daraus: auch bei mir kommt Allzumenschliches gelegentlich zum Vorschein, und ich schäme mich dessen nicht. Einer der Bauunternehmer kam etwas verlegen an mich heran und erkundigte sich, ob ich der Eyth sei, der das besagte Wanderbuch geschrieben habe. Ich gestand dies zu. Seine Frau, fuhr er fort, habe das Buch letzten Winter aus der Leihbibliothek gebracht, und sie hätten es zusammen gelesen. Es habe ihnen außerordentlich wohl gefallen, namentlich, wenn ich recht in Not gesteckt sei und mich wieder herausgewunden habe. Seine Frau habe dann immer entzückt gerufen: das Luder! das Luder!

Kannst Du mehr verlangen? – Der Mann zimmert jetzt an seinen Bauten, dem Wanderbuch zu Ehren, rascher als alle andern Fünfe, was mir zurzeit das Wichtigste an der Sache ist.

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