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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 83
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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77.

Berlin, den 24. Februar 1889.

Es ist mir nicht wohl, wenn mir's zu wohl ist. Dafür hat die »große Woche« – der Name scheint sich einzubürgern, obgleich die »tolle Woche« richtiger wäre – nun wieder gesorgt. Drei meiner Hauptmitstreiter müssen als zeitweilig gefallen angesehen werden. Klugerweise legte sich Kiepert schon am Montag zu Bett; den wackern Krauß mußten wir, trotz seiner unverwüstlichen Gebirgsnatur, am Freitag früh nach der Bahn geleiten, weil er fürchtete, sein eignes Bett nicht mehr zu erreichen. Der arme, leberkranke Schultz-Lupitz hielt länger stand als die Gesunden, reiste aber doch auch gestern früh nach Lupitz ab, um sich von seiner Frau wiederherstellen zu lassen. Ich bin noch auf den Beinen, aber »müd, so müd!«

Im ganzen verlief alles vortrefflich. Aus Bayern, Baden, Elsaß, Holstein, Posen, Ostpreußen, um nur die äußersten Punkte zu nennen, kamen sie herbei. Jedermann, der die deutschen Verhältnisse kennt, fragt uns staunend, wie wir es angreifen, ohne Diäten und Reisekosten solche Versammlungen, in denen doch nur trocken Geschäftliches verhandelt wird, zusammenzutrommeln. Das Geheimnis liegt natürlich gerade in den Dingen; die man mir als Grund entgegengehalten hatte, weshalb die D. L. G. in Deutschland unmöglich auf die Beine kommen könne: dem Jahresbeitrag von 20 Mark, der die Leute veranlaßt, zu sehen, was aus ihrem Gelde wird, der Unabhängigkeit von Staatshilfe und Bevormundung, dem Ausschluß von politischem Ärger, der ausschließlichen Beschäftigung mit Fragen, die wir selbst in Taten umsetzen können – das alles füllte die Versammlungen der letzten Woche und bringt auch die erhitztesten Köpfe immer wieder unter den gemeinsamen Hut.

Es wäre undeutsch, wenn alles ganz friedlich verlaufen wäre. In dem Ausschuß für Pferde gab es heftige Szenen, weil kein Mensch zu wissen scheint, was ein richtiges Militärpferd ist, und es doch jeder zu wissen glaubt. Zwei der ersten Autoritäten sind entschlossen, genau entgegengesetzte Ansichten bis aufs Blut zu verteidigen. Andre Zwischenfälle erheitern die Bitternis dieser Kämpfe, denen ich mit der olympischen Ruhe gänzlicher Unwissenheit zusehe. In der Abteilung für Rinder bei einem gastweisen Besuch kam ich gerade dazu, wie ein Herr aufsprang und in überwallender Erregung in die Versammlung hineinrief: »Das Donnerwetter! Schon seit einer halben Stunde glaube ich, bei den Schweinen zu sein und sitze bei den Rindern!« Worauf er sich schleunigst entfernte, um in einem andern Saal seine Abteilung aufzusuchen.

In der Düngerabteilung entwickelte der stürmische Schultz-Lupitz wie gewöhnlich einen Plan von allumspannender Großartigkeit bezüglich der Verwertung von Fäkalien, der in dem Vorschlag gipfelte, für die notwendigen Kosten des Unternehmens zunächst eine Million Mark zur Verfügung zu stellen. Ich stemmte mich energisch dagegen. Einer meiner Hauptgründe, daß wir nämlich die Million noch lange nicht besitzen, dringt sieghaft durch, und der Gegenvorschlag, sie nicht zur Verfügung zu stellen, wird einstimmig angenommen. Schultz-Lupitz will nachher von mir persönlich gelobt sein, daß er sich – im Interesse des Friedens – diesem Beschluß, der ihm durchaus unsympathisch gewesen sei, nicht entgegengeworfen habe. Ich lobe ihn. Friede und Freundschaft kehrt in die Düngerabteilung zurück. Nur ein Herr von Podewils aus Augsburg, der die Million haben wollte und braucht, geht betrübt von dannen.

Die Direktoriumssitzungen kommen und gehen jetzt vorüber, ohne mir, wie früher, große Mühe zu machen, denn alle laufenden Geschäfte, die sich nicht auf die Ausstellungen beziehen, besorgt Wölbling. Er hat sich rasch in die Sache eingearbeitet und hat eigne Gedanken, denen ich so viel Spielraum lasse als irgend möglich. Nur in dieser Weise kann man die freudige Mitarbeit seiner Leute sichern, und hierauf kommt es mehr an, als genau in dem Geleise zu bleiben, das man sich im eignen Kopf ausgedacht hat. Wenn ich Wölbling recht verstehe, ist er ein preußischer Beamter im besten Sinn des Worts. Das macht sich da und dort fühlbar; aber solche leise Änderungen in der Färbung unsrer Sache sind unvermeidlich. Eine Gesellschaft besteht schließlich aus den Elementen, aus denen sie zusammengesetzt ist. Darüber mag man sich ärgern oder freuen, es bleibt dabei. Wenn es mir mit meiner angeborenen süddeutschen Neigung für einen gewissen unordentlichen Idealismus und meinem angelernten englischen Drang nach Taten jenseits aller grünen Tische in dieser Umgebung nicht mehr behagen sollte, steht mir ja heute noch die Welt offen, wie dem jüngsten Polytechniker.

Das Direktorium läßt mich und Wölbling im allgemeinen machen, was wir für richtig halten. Es kann in der Tat nichts Klügeres tun. Kiepert ist noch immer zu krank, um mitzumachen. Noodt wankt nur noch in die Sitzungen, die süddeutschen Mitglieder erscheinen selbstverständlich nie, und von hoffnungsvollem Nachwuchs ist vorläufig nichts zu erblicken. Wenn auch der gefundene modus vivendi den augenblicklichen Verhältnissen entspricht, hat das letztere doch seine bedenkliche Seite. Merkwürdig, wie es bei diesen tüchtigen Preußen eine Lebensbedingung geworden zu sein scheint, amtlich, polizeilich, militärisch kommandiert zu werden. Darin liegt die starke und die schwache Seite des Preußentums. Von dem Grade, wie sich hier alles Streben, aller Ehrgeiz, alle Gedanken der großen Staatsmaschine zuwenden, oft genug klagend und murrend, aber ohne an die Möglichkeit auch nur zu denken, daß es anders sein könnte, davon hat man jenseits der Grenzen Deutschlands keinen Begriff. Ein gehorsames und gesundes Mandarinentum – es läßt sich ja viel dafür sagen, namentlich von denen, die selbst zur Kaste gehören. Aber wie lange wird es gesund bleiben? Wie hat es schon dem Volk die selbsttätige Seele aus dem Leib gesogen, und wenn dies vollends gelungen ist, wenn wir alle verstaatlicht sind und nur noch der Staat sein großes mechanisches Leben führt, wer weckt uns dann die Toten wieder?

Für den Augenblick jedoch brauche ich mir keine ernstlichen Sorgen zu machen. Wozu also das Nörgeln?

Vermutlich bin ich eben auch ein Deutscher wie die andern; und »nicht besser als meine Väter«.

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