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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 75
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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69.

Berlin, den 8. April 1888.

Die erste Breslauer Woche brauche ich nicht mit einem Rotstift anzustreichen. Unmöglich, in einem kurzen Brief auseinanderzusetzen, was des Pudels Kern ist, und wie er bitter und stachlig überall zum Vorschein kommt. Die Verhältnisse sind so schwierig und verwickelt, daß ich mich nach der herzensguten Bummelei meiner Frankfurter förmlich zurücksehne. Dort begegnete mir wenigstens ein guter Wille, wenn auch die Kräfte bescheiden waren. Hier stehe ich vor einer echt preußischen Behördenwelt und vor der ganzen Herrlichkeit der gerühmten Zentralisation. Ökonomierat Korn, der an der Spitze der landwirtschaftlichen Verhältnisse der Provinz steht, ist ein Mann von großer Tüchtigkeit, krankhafter Eitelkeit und nicht zu befriedigendem Ehrgeiz. Daß sich außerhalb der provinzialen landwirtschaftlichen Staatsmaschine, deren Heizer er ist, etwas regen will, ist ihm ganz unfaßlich. Auch den andern. Als ich ihm Ende Februar auseinandersetzte, daß die Anmeldungen aus Schlesien eine Blamage für die Provinz seien, waren wir acht Tage später von der größten Rinderausstellung bedroht, die Deutschland je gesehen hat, so sehr hat er seine Leute in der Hand. Seitdem rührt er sich nicht mehr und liegt – aus andern Gründen – verbittert und krank in Dresden. Unter dieser staatlichen Oberfläche wühlt und siedet aber noch manches andre. Stadt und Land sind in Parteien gespalten und hassen sich wie Gift. Ich selbst bin fast krank von den Bemühungen, in Bewegung zu setzen, was seitens der »Ortsausschüsse« seit Wochen in Bewegung sein sollte.

Ändert sich die Sachlage nicht rasch, so wird Breslau beweisen, was ich schon seit einem Jahr heimlich mit Kummer und Ergebung ahnte, daß im preußischen Deutschland eine deutsche Landwirtschaftsgesellschaft, wie ich sie mir dachte, ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Verstaatlichung alles Denkens und Trachtens hat einen Grad erreicht, die einer freien, gesellschaftlichen Tätigkeit alles Blut aus den Adern zieht. Partikularismus? Gütiger Himmel! Sie sind hier partikularistischer als ganz Süddeutschland zusammen.

Vorderhand aber gilt es, auf meinem Posten auszuhalten. Das will ich. Was nachher geschieht, wird sich ja finden. Es ist keine Schande, wenn es einem nicht gelingen will, mit einem Besen das Wasser den Berg hinauf zu treiben, aber es ist eine, wenn man allzulang versucht, es zu tun.

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