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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 73
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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67.

Berlin, den 30. Januar 1888.

Schon vor zwei Monaten, bei meinem ersten einleitenden Besuch in Breslau, hatte ich das unbehagliche Gefühl, daß kein Zug in der Sache war. Reibung, unnatürliche Reibung, was ich auch anrührte! Dies ist seitdem nicht besser geworden. Allerdings quälte mich dieselbe Empfindung um dieselbe Zeit im Frankfurter Feldzug, und vorläufig liegt ein gewisser Trost in dieser Erinnerung. Man muß eben entsetzlich schieben, um eine ganze Provinz in Bewegung zu setzen, in der man einer wildfremden Masse Menschen selbst fast wildfremd entgegentritt. In einem Punkt hatte ich's in Frankfurt leichter. Dort fühlten die Leute sofort den Süddeutschen heraus und freuten sich, daß ich kein Berliner war. Hier spüren sie ihn auch, naturgemäß ohne sich zu freuen.

Breslau machte bei meinem ersten mehrtägigen Besuch äußerlich einen vortrefflichen Eindruck auf mich. Eine stattliche Stadt von 300 000 Einwohnern, ein schöner Fluß, häuserbebaute Inseln, ein prächtiges Rathaus, eine Menge backsteinerner Kirchen, nicht ohne Stil und von gewaltigem Umfang, die neueren Straßen reich und behäbig. Trotz alldem hat man das Gefühl, als läge die zweite Stadt Preußens etwas abseits von der übrigen Welt. Im ersten Gasthof der Stadt war ich nahezu allein. Dies ist bequem, aber drückend; denn der Gedanke, daß man mit seiner Kotelette acht Kellner, fünf Stubenmädchen, zwei Hausknechte und einen Portier ernähren soll, hat etwas Beängstigendes. Ich flüchtete deshalb in den »Trompeter von Säckingen« und saß in Reih und Glied mit zwanzig Backfischen einer höheren Töchterschule, die reichlich Tränen vergossen, als ihnen mitgeteilt wurde, wie »häßlich es im Leben eingerichtet« sei. Mir war dies bereits bekannt.

Mein Ausstellungsvortrag am folgenden Tag hatte den besten Erfolg, soweit der Augenschein nicht trog. Eine lebhafte Debatte, die darauf folgte, machte jedoch peinlich klar, daß niemand recht wußte, um was es sich handle, und daß hier Stadt und Land jede Fühlung unter sich verloren haben. Die Provinz scheint in zwei feindliche Lager gespalten zu sein: die Juden in der Stadt, der grundbesitzende Adel aus dem Land. Hat man mit den einen zu tun, so soll man mit den andern keinen Blick wechseln. Semitismus und Antisemitismus stehen in vollster Blüte. Dies geht so weit, daß einer meiner wenigen treuen Anhänger, ein Rittergutsbesitzer der Umgegend, nach der baulichen Wiederherstellung seines Stammschlosses einen feierlichen Eid schwur: nie mehr solle ein Jude über die Schwelle seines Hauses treten. Dabei ist er ein liebenswürdiger, menschenfreundlicher Herr. Kürzlich kommt nun ein Rittmeister zu ihm, um ein Pferd zu kaufen, begleitet von einem Herrn mit einer etwas langen Nase, der Pferdehändler von Beruf sein mochte. Nach abgeschlossenem Kauf lud der Schloßherr den Rittmeister zu einem Glase Wein ein; dem andern Herrn wurde bedeutet, daß er indessen unten im Hofe warten könne. Beim zweiten Glas bedauerte der Rittmeister seinen zurückgelassenen Freund. »Was kann ich machen, Verehrtester!« war die Antwort. »Ich habe nun einmal geschworen. Warum bringen Sie auch einen Juden mit.« »Aber, Donnerwetter!« ruft der Rittmeister, »der Mann ist der beste Christ in Schlesien. Er kann wahrhaftig nichts dafür, daß er eine krumme Nase hat.« Darauf folgten natürlich die lebhaftesten Entschuldigungen, und der langnasige Christ wurde eiligst herbeigeholt.

Die Stadt aber, mit ihrem Magistrat voll – hoffen wir – achtbarer, wenn auch meist freisinniger, Kinder Israels, brauchen wir für die hundert Kleinigkeiten, aus denen eine gelungene Ausstellung zusammengesetzt ist, und nun soll ich zwischen Scylla und Charybdis das Schifflein der D. L. G. durchsteuern, ohne zu scheitern!

Manches dagegen dürfte trotzdem etwas leichter gehen. Eine Menge Fragen sind durch die Frankfurter Vorgänge aus dem Stand nebelhafter Unsicherheit herausgetreten, der mich vor einem Jahre zwang, fast täglich entscheidende Entschlüsse über Dinge zu fassen, die ich nur halb und meine beratende Umgebung gar nicht verstand. Vor allem habe ich jetzt nicht mehr das unbehagliche Gefühl, allein für das etwaige Mißlingen des Unternehmens verantwortlich zu sein. Heute sind es die deutschen Landwirte selbst, die die größere Hälfte der Verantwortung tragen, wenn die Sache schief gehen sollte. Wurde auch da und dort kräftig geschimpft, so wurde doch auch anerkannt, daß mein Versprechen der Landwirtschaft gegenüber in Frankfurt eingelöst wurde. Auch bezog sich das Schimpfen mannigfach darauf, daß ich mir Übermenschliches zugemutet habe. Die Herren vergessen, daß hieran zumeist ihre eigne etwas saumselige Mitwirkung schuld war. Die Versuchung liegt nahe, bei der zweiten Ausstellung in diesem Sinn eine Gegenprobe des Exempels zu machen und meine verehrten Mitarbeiter wirklich mitarbeiten zu lassen. Nur verträgt sich dies nicht wohl mit dem guten Willen, den die Durchführung einer schweren Aufgabe schlechterdings erfordert. Darin liegt der Zwiespalt, in dem ich mich augenblicklich befinde. »Zum Teufel ist der Spiritus, das Phlegma« – ja, am Phlegma fehlt es mir noch immer in jämmerlichem Grad.

All das gehört jedoch zur innersten Innenseite der Sache, die kein Mensch kennt und zu kennen braucht als Du und ich. Solatium est miseris! Nehme jede andre ins Große gehende Bewegung und sieh nach, wie es unter der Decke aussieht: den Kongostaat, unser deutsches Kolonialwesen, die Kulturkämpferei, die sozialen Bestrebungen, überall Kampf, wenn nicht Elend, Zweifel, wenn nicht Verzweiflung und das hundertmal auftauchende Gefühl, daß es kaum der Mühe wert sei, sich und die kleine Welt um uns her in Bewegung zu setzen. Die Klügsten und Tapfersten wissen dies am besten zu verstecken. Das ist der ganze Witz.

Tatsächlich sieht es in Schlesien faul aus. In wenigen Tagen ist die Anmeldefrist verstrichen, und die Anmeldungen haben noch nicht ein Drittel die der Frankfurter Ausstellung erreicht. Ich gehe morgen wieder nach Breslau und mache den letzten Versuch, meinen zweifelhaften Freund, Ökonomierat Korn zu bewegen, er möge gestatten, daß sich seine Provinz nicht vor ganz Deutschland blamiere. Er hat, nach allem, was ich höre, Land und Leute in der Hand und scheint noch nicht zu begreifen, daß es sich jetzt darum handelt.

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