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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 65
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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60.

Frankfurt a. M., den 12. Mai 1887.

Eine der größten Schwierigkeiten ist, bei außerordentlichen Veranlassungen die Leute innerhalb der Grenzen von Vernunft und Billigkeit zu erhalten. Den Frankfurtern kommt es nachgerade zum Bewußtsein, daß hier im Juni eine Ausstellung abgehalten werden soll. Etwas der Art kommt nicht alle Tage. Die Gelegenheit muß benutzt werden, und wenn das Unternehmen gar von außen kommt, so hält es jeder biedere Eingeborene sich selbst, seinen Kindern, seiner Vaterstadt gegenüber für eine Pflicht, den Fremdling bis aufs Blut zu rupfen. Je kleiner die Stadt, um so größer der Eifer in diesem Sinn, und Frankfurt ist noch klein genug für eine derartige Auffassung seiner Bürgerpflicht.

In den letzten Tagen hatte ich einen heftigen Kampf mit den Spediteuren. Es galt, einen Tarif für die Überführung von Tieren, Maschinen und Geräten von den Bahnhöfen nach dem Ausstellungsplatz festzustellen, und die Forderungen der Herren Fuhrwerksbesitzer, genau wie seinerzeit die der Bauleute, überstiegen alles Bitten und Verstehen. Sie hatten überdies den Vorteil, das Geschäft in der Hand zu haben; man mußte es nolens volens ansässigen Fuhrleuten anvertrauen, und die Herren waren gerieben genug, unter dem Schutz eines geheimen Rings zu handeln. Das schlimmste war, daß der Vorsitzende unsers Speditionsausschusses auch der heimliche Vorstand des Rings war. Umsonst klopfte ich an das Gewissen von Kohn, Levi und Meyer, vergeblich erklärte ich ihnen, daß sie mich einem Totschlag seitens der Aussteller preisgeben, wenn ich derartige Frachtsätze für annehmbar erklären würde. Erst als einige hervorragende Bürger der Stadt, die keine Fuhrwerke besitzen, dagegen gelegentlich einiges zu führen haben, auf meinen Verzweiflungsruf energisch eingriffen, waren Verhandlungen wieder möglich. Sie sind noch nicht abgeschlossen, doch ist Aussicht vorhanden, daß ich zwischen Ausstellern und Spediteuren nicht ganz zerdrückt werde.

Mit der Beschaffung von Stroh, Heu, Hafer und andern Futterstoffen für meine 1600 Stück Groß- und Kleinvieh gedenke ich zu warten, bis Freund Krauß wieder auf der Bildfläche erscheint. Ich habe das Recht, diese Dinge nicht zu verstehen und will mich dem dauernden Unwillen der gesamten Ochsenwelt nicht aussetzen. Dagegen beschäftigt mich die Düngerabfuhr ernstlich und in unangenehmer Weise. Ich hatte gehofft, von den um Frankfurt wohnenden Landwirten glänzende Angebote für die auf dem Platz frei werdende »Seele der Landwirtschaft« zu erhalten. Sachverständige Gelehrte hatten mich in dieser Hoffnung bestärkt. Wiederholte Anzeigen förderten jedoch nur ein Kind Israels zutage, das bereit war, den Zentner Dünger um 30 Pfennig zu holen. Die 30 Pfennig sollte aber nicht er, sondern ich bezahlen. Entrüstet zeigte ich ihm die Türe. Nach längerem Zaudern sind nunmehr zwei Herren meines Festkomitees bereit, die Aufgabe umsonst zu übernehmen, scheinen dies aber für ein großes Opfer anzusehen, das sie der Ehre der Stadt und dem Wohl des Vaterlands zu bringen bereit sind. Sie wissen leider alle nur zu gut, daß ich den wertvollen Stoff täglich morgens vor acht Uhr los sein muß, koste es, was es wolle. Auf dem Platz geht es jetzt munter genug zu. Sämtliche Schuppen stehen, und die Zeltdachdecker haben ihre Arbeit begonnen, so daß da und dort schon große Flächen von festlichem Weiß zu sehen sind. Am meisten Ärger machen die Pferdestände, welche in die vorhandenen Stallungen eingebaut werden müssen. Es handelt sich um Buchten und Lattenstände in verwirrender Reihenfolge. Kaum ist dieselbe wieder einmal festgestellt, kaum sind die Zimmerleute dementsprechend in Tätigkeit gesetzt, so kommt ein Brief, neuerdings auch Telegramme, aus Berlin: Herr H. müsse für seine Stute schlechterdings eine Bucht haben, statt des bestellten Lattenstandes, oder die zwei Hengste des Herrn Z. seien so sanft, daß ihr Besitzer nur für Lattenstände bezahlen wolle. Dann muß durch zwei, drei Reihen zum sechstenmal alles wieder geändert werden. – Das sind Geduldsproben, die ich von Woche zu Woche schlechter bestehe, so daß ich zur traurigen Überzeugung gekommen bin, Nerven zu haben wie andre Leute. Gott besser's! Dabei fällt mir ein, Dich zu bitten, nichts, was ich in den nächsten Wochen schreibe, tragisch zu nehmen. Ich könnte mir gelegentlich Luft machen müssen; aber wir wissen, das geht vorüber, und in vier Wochen ist alles zu Ende.

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