Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 61
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
Schließen

Navigation:

56.

Frankfurt a. M., den 3. April 1887.

Jetzt kann's losgehen; ist tatsächlich schon losgegangen.

Die vier Osterfeiertage in der Heimat haben mich so weit erquickt, daß ich mit frischem Mut in die noch fremde Welt hineinsprang, ohne mit dem berühmten: »Hei fass' und ergreife ich dich, Engeland!« auf die Hand zu fallen.

Meine alten nomadenhaften Gewohnheiten kommen wieder zur Geltung. Um sechs Uhr abends kam ich hier an; um 8.30 des andern Morgens rückten ich und ein Stallknecht in einem großen, kahlen Zimmer der Ostendstraße, das mir der Frankfurter Rennverein gütigst zur Verfügung gestellt hat, meine um sieben Uhr gemieteten Bureaumöbel zurecht. Um 10.15 kaufte ich für 30 Mark Schreibgeräte aller Art. Um zwölf Uhr besichtigte ich meine eigne Wohnung in der Tiergartenstraße, ein paar hundert Schritte vom Ausstellungsplatz entfernt. Um vier Uhr schrieb ich die ersten Geschäftsbriefe. Um sechs Uhr verließ ich gewohntermaßen das ungewohnte Bureau und ging gemessenen Schrittes nach Haus, als ob alles seit Monaten in alten Geleisen liefe. Das lehrte mich das Wanderleben und setzt seßhafte Menschen, denen eine Reise und ein kleiner Umzug Leib und Seele auseinanderrüttelt, in mißbilligendes Erstaunen.

Den Ausstellungsplatz solltest Du ein wenig kennen lernen, denn in den nächsten drei Monaten bin ich auch in Gedanken nirgends so sicher zu finden als dort. Es ist überdies der wunderlichste Ausstellungsplatz, den die Welt je gesehen hat, aber schließlich geht alles, wenn man muß. Der Rennverein und der Landwirtschaftliche Verein von Frankfurt haben sich in dem etwas abgelegenen Ostend der Stadt eine stattliche Halle erbaut, hinter der ein freier, von festen Pferdeställen umgebener Hof liegt. Diese Räumlichkeiten sind uns kostenlos überlassen, reichen aber für die Erfordernisse der Ausstellung bei weitem nicht aus. So mußten größere Feldstücke, künftige Bauplätze, wie sie in der Nachbarschaft eben zu bekommen waren, dazu gemietet werden, und heute noch stehe ich in Unterhandlung wegen eines mit Gerümpel, Unrat und zerfallenen Schuppen bedeckten Grundstücks, auf dem meine Schweine und Schafe, koste es, was es wolle, Unterkunft finden müssen. Auf diese Weise kam das wunderlich gestaltete Gebilde von Plätzen und Plätzchen zusammen, bei dem mich nur der heimliche Gedanke tröstet, daß die wenigsten der künftigen Besucher eine große englische Schau gesehen haben dürften. Laut darf ich dies nicht denken, denn die Freundlichkeit Heineckens, des Vorsitzenden des Landwirtschaftlichen Vereins, und das bereitwillige Entgegenkommen Kappels, des alten Geschäftsführers des Rennvereins, verdienen die schonendste Berücksichtigung. Der letztere hatte das Unglück gehabt, die erste und einzige Ausstellung der »Süddeutschen Ackerbaugesellschaft« mitzumachen und sieht deshalb einer ähnlichen Veranstaltung mit schwerer Besorgnis entgegen.

Auch von andern Abenteuern weiß diese Stätte zu erzählen. In der erwähnten Halle hatte eine große Winzervereinigung eine Weinausstellung abgehalten, zu deren Schluß ich kam, als ich das Gebäude zum erstenmal besichtigte. Die Weinrichter hatten mit rühmlicher Ausdauer ihres Amtes gewaltet und ihre Tätigkeit mit einer gründlichen Weinprobe der besseren Sorten beschlossen. Als sie am andern Tag erwachten, fand sich, daß das Protokoll der Prämiierung, die Arbeit mühevoller Tage, verschwunden war. Jeder beschuldigte den andern unverzeihlicher Pflichtvergessenheit, und alle suchten verzweiflungsvoll auf Galerien und in Pferdeställen, in Gasthöfen und Kneipen, in Betten und Kleidern nach dem verlorenen Schriftstück. Schließlich versuchten sie bei verschlossenen Türen, umgeben von Selter- und Apollinariswassern, die wichtige Niederschrift aus dem Kopf wiederherzustellen. Aus fünf Köpfen; und was für Köpfen! Dementsprechend mußten schließlich die Preise und Denkmünzen verteilt werden. Daß das wirkliche Protokoll bei einem der Herren Richter in Koblenz wieder auftauchte, aber allerdings in der Tasche eines Rockes, der nach Mainz gehörte, und daß dasselbe nur eine entfernte Ähnlichkeit mit dem aus dem Kopf hergestellten aufwies, ist nur den intimsten Freunden der Preisrichter bekannt geworden.

Ich hoffe mit dem Vorschlag durchzudringen, daß die Richter der D. L. G. vorübergehend Mitglieder eines Mäßigkeitsvereins von strengsten Grundsätzen werden müssen.

 << Kapitel 60  Kapitel 62 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.