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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 6
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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2.

Bonn, den 24, September 1882.

Nicht daß ich – ein alter, tüchtiger Ingenieur, sagen manche, ein schlechter Poet, andre meiner guten Freunde – nicht daß ich mich in landwirtschaftlichen Phantastereien begraben wollte. Ich finde so viel in mir selbst und um mich her aufzuräumen und abzustäuben, was seit drei Jahrzehnten nie geschah, daß ich auf Monate im Schweiß meines Angesichts arbeiten könnte, ohne fertig zu werden. Da sind meine Skizzenbücher, zweiundzwanzig Stück mit je dreißig bis vierzig Aufnahmen, in entsetzlich zerfallenem Zustand; Bildchen aus vier Weltteilen, die es verdienten, liebevoll aufgezogen und ausgeführt zu werden. Da ist ein vertrocknetes Tintenfaß, in dem in fast versteinerter Form Gedichtchen und Geschichtchen zusammengebacken liegen, die ich mit einem Aufguß warmen Wassers leicht flüssig machen könnte. Da ist – oder richtiger gesagt: da fehlt – ein großes Werk über landwirtschaftlichen Maschinenbau, von dem ich meinem Verleger in Heidelberg vorfabulierte, der ein sehr langes Gesicht machte, mich schleunigst nach dem Philosophenweg spazieren führte und mir dort eine Vorlesung über den Jammer der Schriftstellerei und das Elend der Verleger hielt. Wie ich mir dieses Werk denke, würde es mich acht Jahre lang angenehm beschäftigen, und sodann einer gründlichen Umarbeitung bedürfen, um zeitgemäß zu erscheinen. Kurz, ich fange an, mich ganz warm und wohl in Bonn zu fühlen, wozu meine nette Wohnung in der Münsterstraße nicht wenig beiträgt. Luft und Licht sind hier doch andrer Art als in Leeds, und der bloße Wechsel tut wohl.

Trotz der Verlockungen eines lieblichen Allerleis besuchte ich vor allen Dingen meinen persönlich fast unbekannten Freund und einzigen Vertrauten, Geheimrat Dünkelberg, den Direktor der Landwirtschaftlichen Akademie Poppelsdorf. Ein kleiner Herr voll Eifer und Beweglichkeit und voll liebenswürdigen Entgegenkommens. Seinem Arbeitszimmer sieht man's an, daß ein deutscher Gelehrter hier haust. Auf Tischen und Stühlen, Schreibpult und Sofa lagen Bücher und Broschüren, Manuskripte und Briefe, dreißig Zentimeter tief. Die Schichtung war nicht ganz regelmäßig. Später, bei einem Glase Bier im »Hähnchen« zu Bonn, gestand ich ihm, daß mich nichts so sehr an die kostbaren Guanoinseln erinnert habe, die heute den Reichtum Perus ausmachen, als diese Ablagerungen in seinem Sanktum. Daß er selbst mich an die kleinen Sturmvögel gemahnte, die über der grollenden Brandung hängen, gestand ich ihm allerdings auch beim Bier noch nicht. Er führte mich sofort zu seiner Frau, einer klugen, feingebildeten Dame, die mich aufs herzlichste begrüßte – mein »Wanderbuch« scheint mir da und dort den Weg gebahnt zu haben – und hoffte, »da ich jetzt nichts mehr zu tun habe«, daß ich mich in Bonn als Maitre de plaisir nützlich und damit, wenn nicht in andrer Weise, die junge Damenwelt glücklich machen würde. Es überrieselte mich kalt. Gute Frau, wie wirst du dich getäuscht sehen! Übrigens verabredeten wir vierhändige Klavierstündchen einmal die Woche. Ich hoffe nämlich auf diesem Weg wertvolle land- und volkswirtschaftliche Winke für meine Pläne zu erspielen.

In bezug auf diese war ihr Gatte etwas zurückhaltender als in seinem Brief. Eine Riesenaufgabe, an der schon viele in Nord- und Süddeutschland erlegen seien, wiederholte er. Ich habe ja Zeit und könne es versuchen. Es wäre herrlich, wenn es gelänge; aber ich werde selbst bemerkt haben, daß deutsche Landwirte keine Engländer seien. Einen raschen Erfolg könne er mir nicht versprechen; einen langsamen – ja, das könne niemand voraussehen.

Im bereits erwähnten »Hähnchen« zu Bonn, das wir gegen Abend aufsuchten, wurden wir hoffnungsfroher. »Sie scheinen die Sache ruhig anzusehen,« sagte er. »Das ist die richtige Stimmung, die einige Aussicht auf Erfolg bietet. Nehmen Sie sich Zeit. Sehen Sie sich die Verhältnisse an. Wenn Sie dann noch nicht genug haben – na, dann in Gottes Namen probieren Sie's. Eine herrliche Aufgabe wäre es, aber gelöst hat sie noch niemand, selbst nicht Nathusius von Hundisburg, den man mit Recht für einen unsrer ersten Landwirte hielt. Bis zu einer hübschen Ausstellung haben sie es damals gebracht; damit war aber auch die Kraft der Landwirtschaft erschöpft. Seitdem machen die Kaufleute in Hamburg und Bremen unsre großen Ausstellungen, wenn es ihnen paßt. – Vereine haben wir ja genug, übergenug. Aber eine allgemeine, zusammenfassende, tatenfähige Gesellschaft: das geht eben bei uns nicht. Es ist gegen die Natur. Haben Sie schon drei Deutsche friedlich unter einem Hut gesehen? Versuchen Sie's! Sie haben ja Zeit und, wie es scheint, so eine Art Idealismus. Und ärgern Sie sich nicht zu sehr, wenn die Sache nicht vorwärts gehen will. Es ging den andern auch nicht besser.«

So ungefähr belehrte mich mein verehrter Geheimer Rat auf dem Rückweg nach Poppelsdorf; denn ich begleitete ihn wieder bis an seine Haustüre, hocherfreut, jemand gefunden zu haben, der mir mit verhältnismäßig wenig Umschweifen sagte, was ich zu wissen wünschte. Ich stehe nämlich heute vor meinem eignen Vaterland wie vor einem fremden Weltteil, ungefähr wie damals, als ich in Afrika und später in Amerika ans Land sprang, um die Heiden zur Dampfkultur zu bekehren.

Ja, es war damals leichter, den richtigen Weg zu finden, zur Not auch ohne Führer. Man schlug um sich und schlug sich durch. Hier, wo man auf Schritt und Tritt auf einen »Geheimen« stößt, scheint eine gewisse Zurückhaltung rätlich. Das ist das Bedenklichste, das mir bis jetzt aufstieß. Es lähmt das Selbstvertrauen, das Vertrauen in den Menschen, wie ihn Gott geschaffen hat. Liegt in diesen Titeln ein tiefer Sinn oder Unsinn: im »Geheimen« zum Beispiel? Sollte nicht jeder stolz sein, offen und öffentlich sein Licht leuchten zu lassen vor den Leuten? Sie tun's überdies, nach Kräften. Ich muß doch meinen Geheimen fragen, wenn wir wieder einmal im »Hähnchen« beisammen sitzen. In vino veritas.

In tiefer Nacht, in nieselndem Regen und sehr nachdenklich durchmaß ich zum viertenmal die Poppelsdorfer Allee, nachdem ich mich von meinem Freund und Berater getrennt hatte; nicht gerade in der Stimmung eines neuen Maitre de plaisir von Bonn. Und doch, wenn ich das Vergnügen nach meiner Art ausgestalten dürfte! Nun fragt es sich, wie dies angreifen, und darüber nachdenkend, schlief ich gestern abend ein.

Auch heute vormittag macht mir die Sache noch zu schaffen. Sie scheint in der Tat nicht einfach zu sein; doch ist sie die Hälfte der Zeit von drei Jahren wert. So weit bin ich mit mir selbst einig.

Dies war übrigens beschlossene Sache seit jenem denkwürdigen Morgen im Kristallpalast zu Sydenham. Woher rührt das Überlegen und Abwägen, das Zweifeln und Zaudern? – Liegt es in der Luft? – Die Leute wissen alle sichtlich so viel, daß es einem den Atem nimmt und man allen Mut verliert, etwas anzufassen. Mir zum Beispiel. Das ist der zweite Punkt, über den ich vorläufig nicht weggekommen bin. Wie halte ich mir all das Wissen vom Leib, wenigstens für den Anfang?

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