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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 54
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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Sechster Abschnitt. 1886 – 1887

Frankfurt a. M. Die erste Ausstellung

49.

Berlin, den 15. September 1886.

Mit meinem dritten Besuch von Frankfurt, auf der Durchreise hierher, begann die Arbeit der kommenden zwölf Monate in bitterem Ernst. Das Eis ist dort seit einem Jahr gebrochen. Die Liebenswürdigkeit des Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Vereins und sämtlicher Mitglieder, mit denen ich in Berührung kam, ließ nichts zu wünschen übrig und alles hoffen. Manchmal flog wohl ein Schatten über die lächelnden Mienen, wenn jemand unvorsichtig genug war, die Ausstellung der »Süddeutschen Ackerbaugesellschaft« vom Jahr 1872 zu erwähnen, aber er ging vorüber. Vorläufig allerdings starren uns noch Hindernisse aller Art entgegen, die keine Liebenswürdigkeit wegzulächeln vermag. Der Verein ist in der Lage, uns eine hübsche, nicht allzu große Halle und eine Reihe von Pferdeställen zur Verfügung zu stellen; der anstoßende freie Raum jedoch ist für eine große Ausstellung so ungeeignet als möglich. Ich zerbreche mir den Kopf seit Wochen, wie eine solche in ihn hineinzuzwängen ist. Mit Skizzen für die erforderlichen Schuppen und sonstigen Bauten nach englischem Muster versüßte ich mir schon die letzten Weihnachtsfeiertage; die Bauleute der guten Stadt Frankfurt aber, die sich aus kirchturmpolitischen Gründen vor jedem Wettbewerb sicher fühlen, verlangen vorläufig Preise, bei denen ich im Namen der armen D. L. G. die Hände über dem Kopf zusammenschlage. Erquicklicher war der Besuch bei Oberbürgermeister Miquel, der mit seinem feinen, schlauen Lächeln wohlwollend nickte, als ich ihm mein Sprüchlein von dem brüderlichen Zusammenwirken von Stadt und Land zum Heil der Gesamtheit vordeklamierte. Ich möchte nämlich vom Frankfurter Magistrat zehntausend Mark für Preise ausgesetzt sehen, was bescheiden genug ist. Die kleinsten englischen Städte geben das Vierfache, denn sie wissen, daß während der Ausstellung die Landwirte das Fünfzigfache dieser Summe in die Stadt schleppen.

Du wunderst Dich, daß ich vor Jahren in London, in Wien und Paris Gift und Galle gegen große Ausstellungen gespien habe und nun in voller Arbeit bin, Ähnliches selbst aufzubauen. Ich wundere mich nicht über Deine Verwunderung. Es wird wohl einige Zeit kosten, bis selbst sachkundige Leute merken, daß es sich um etwas andres handelt.

Vor allen Dingen sollte ich hierfür einen neuen Namen erfinden und den Leuten mundgerecht machen können. Allerdings hasse ich einen andern noch mehr, den man mir überall entgegenruft: »Landwirtschaftliches Fest.« Was ich schaffen möchte, soll das Gegenteil eines Festes, das Gegenteil einer »Ausstellung« im gewöhnlichen Sinn des Worts werden: harte, ehrliche Arbeit aller Beteiligten vom ersten bis zum letzten Tag, die Lösung schwieriger Aufgaben, die in keiner andern Weise anzupacken sind, als wo das erforderliche Material zusammengeführt werden kann, eine durch viele Jahre fortgesetzte Reihenfolge solcher Studien- und Arbeitstage, in denen mehr Schweiß vergossen, als Bier und Wein getrunken, mehr still beobachtet und gelernt, als gelehrt und geschwatzt wird, die keiner verlassen sollte, ohne in Kopf oder Tasche einen Sack neuen Saatguts für die eigne Wirtschaft nach Hause zu nehmen – damit soll in Frankfurt begonnen werden.

Warum die Bauern – ich brauche das Wort der Kürze wegen, weil ich gern einen Spaten beim Namen nenne, auch wenn ich mit Rittergutsbesitzern zu tun habe –, weshalb die Bauern dies dringender nötig haben als Leute andrer Berufsarten, liegt auf der Hand. Ihre Arbeit bindet sie an die Scholle, über die sie Herr sind. Sie haben weniger Gelegenheit, als beispielsweise Gewerbetreibende und Kaufleute, die eigne Arbeit mit der andern zu vergleichen, und werden selbstgefällig und eigensinnig. Das fühlen auch die Klügeren unter ihnen, und daraus erklärt sich die Entwicklung ihres regen Vereinswesens. Aber auch hierbei zeigt sich sofort der Hang, sich gegen außen abzuschließen. Gaue, Provinzen und Ländchen – je kleiner, je lieber – führen ihr eignes landwirtschaftliches Leben, pflegen ihren Eigendünkel und Eigensinn und wollen nichts davon wissen, wie sie zur übrigen Welt stehen. Gegen diese tief in der Natur der Dinge liegenden Hindernisse wahren Fortschritts hilft kein Reden und Klagen. Hier ist nur durch das Zusammenführen der verschiedenen Gaue, durch augenscheinliches und greifbares Vergleichen zu helfen. Man sagt mir, die Verhältnisse in verschiedenen Teilen des Reichs seien zu verschieden, um nutzbare Vergleiche anstellen zu können. Ich glaube, diese Verschiedenheit ist in vielem eine künstliche, und die hindernde Schranke niederzubrechen eine der ersten Aufgaben, wenn nicht der Hauptzweck unsrer künftigen Ausstellungen.

Dies aber geschieht nicht durch ein Fest, nicht durch einen kunstvollen Trophäenaufbau, nicht, indem wir alles mögliche Nötige und Unnötige auf einen Platz zusammenschleppen, um die Menge zu belustigen, nicht, indem wir einen Jahrmarkt aus der Sache machen, auf dem der lauteste Marktschreier seinen Vorteil findet – all das muß mit fester Hand unterdrückt werden. Die Gefahr, hierdurch die Ausstellungen selbst zu unterdrücken, liegt nahe. Aber es ist besser, sie verschwinden wieder, als daß wir ihre einzige innere Berechtigung preisgeben. In dieser Richtung wird es manchen Kampf kosten, auf den ich mich freue.

Denn das Ausstellungswesen ist hierzuland gründlich verfault. Wenn man auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung einem Stand mit Korsetten begegnet, neben dem ein Bilderrahmenhändler seine Waren ausbreitet, wie ich es in Köln sah, kann man hierüber nicht im Zweifel sein. Auch wir werden uns erst erziehen müssen, ehe wir einer wahrhaft nützlichen landwirtschaftlichen Ausstellung die richtige Form und Gestalt geben können. Dazu ist die jährliche Wiederholung der Aufgabe unbedingt erforderlich. Vieles ist jetzt schon klar ersichtlich, aber noch viel mehr wird sich erst im Laufe der Zeit zeigen und nach und nach der Besserung zugeführt werden können. Ob die D. L. G. die Kraft und Ausdauer hat, sich die nötige Erfahrung und Geschicklichkeit zu erwerben, ob die deutsche Landwirtschaft diesen Erziehungsprozeß ohne Zwang zu ertragen imstande ist, das kann der Klügste nicht voraussehen. Aber der Versuch wird gemacht werden; so weit wenigstens haben wir's gebracht. –

Auch hier in Berlin hat die Arbeit kräftig eingesetzt. Der gesunde, fröhliche Rausch, den die reine Luft auf Bergeshöhen herbeiführt, ist verduftet. Auch der unvermeidliche Kater, der selbst einem solchen Rausche folgt, ist überwunden. Ich stehe jetzt mitten im Organisieren der Ausstellungsvorbereitungen. Die Einteilung in Gruppen, die Anmeldebestimmungen und die erforderlichen Papiere für die Anmeldungen, Regeln für die Aussteller vor, während und nach der Schau, und vor allem eine eingehende Preisliste und die Einrichtung des Richterwesens, mit der sich anschließenden, überaus schwierigen Personenfrage – all das muß reiflich überlegt, geordnet und festgesetzt werden. Auf dem Geräte- und Maschinenplatz bin ich natürlich zu Hause. In allem übrigen wäre ich einfach verloren, wenn nicht die kräftigste Hilfe von unerwarteter Seite gekommen wäre. H. von Nathusius-Althaldensleben, der so lange vorsichtig gezögert hatte, der D. L. G. beizuspringen, ist mit vollem Eifer an der Arbeit, der den Landwirten wichtigsten Abteilung der Tiere die richtige Gestalt zu geben. Ich habe ihm zunächst eine Übersetzung der Bestimmungen der Royal Agricultural Society vorgelegt, welche die Erfahrung von vierzig erfolgreichen Jahren geschaffen hat. Man braucht sich nicht zu schämen, das Gute zu nehmen, wo man es findet. So ist auch unsre »Ausstellungsordnung« – ein fast allzu stattliches Heft – diesem Vorbild entnommen. Natürlich war im einzelnen alles anders zu gestalten. Die Mannigfaltigkeit der deutschen Rinderrassen machte diesen Teil der Aufgabe außerordentlich verwickelt. Bei den Pferden scheint eine der englischen Einteilung entsprechende Aufstellung ganz unmöglich zu sein. Über den Schafen schwebt eine gewitterschwüle Kampfesstimmung, die ich den sanften Tierchen niemals zugetraut hätte. Die Schweine sind – außer in Meißen – über sich selbst noch im unklaren und flüchten sich mit Vorliebe unter die patriotische, aber etwas verschwommen klingende Bezeichnung »Landschwein«. Auf all diesen Gebieten erheben sich für meinen Laienverstand Fragen auf Fragen, die in keiner andern Weise endgültig zu beantworten sind als durch das Zusammenführen von Menschen und Tieren aus allen Gauen Deutschlands, wie es die D. L. G. durchsetzen muß, wenn sie ihr Salz wert ist.

Es braucht ja niemand zu wissen, wie bange mir dabei wird. Die dreitausend übrigen Mitglieder der Gesellschaft scheinen mit rührender Ergebung zu erwarten, daß das alles schon wachsen werde, wenn der Himmel den schuldigen Regen fallen läßt. Im übrigen lassen die Beitritte nicht nach. Der Schrecken vor den 20 Mark Jahresbeitrag legt sich sichtlich. Schließlich kommt alles, wenn man nicht nachläßt, zu hoffen und sich zu rühren.

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