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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 51
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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46.

Berlin, den 19. Juni 1886.

Fast könnte ich mich wieder in Ägypten wähnen, so mannigfach sind die Aufgaben, mit denen mich eine vertrauensvolle Umgebung beglückt. Das Festkomitee in Dresden besteht darauf, jedem Gast einen gedruckten »Führer« in die Hand zu geben, so daß er sich 's selbst zuzuschreiben habe, wenn ihm etwas von den Schönheiten dieser gottbegnadeten Stadt entgehe. Dieses Büchlein könne nicht ohne einen schwungvollen Festgruß erscheinen, weil vor einigen Jahren der deutsche Apothekertag ebenfalls einen Führer mit einem solchen in gebundener Rede für die Apotheker Deutschlands angefertigt habe. Herr von Langsdorff, mein eifriger Mitarbeiter und Festkomiteevorstand, gibt zu, daß die Dresdner diesen Gruß selbst dichten sollten, gesteht aber sorgenvoll, daß er keinen Poeten in seinem Komitee habe finden können. Nun sei ihm von glaubwürdiger Seite mitgeteilt worden, daß ich mir – und ihm – in dieser Hinsicht zu helfen wisse, ich möchte deshalb – »im Interesse der guten Sache« – immerhin den Pegasus aus dem Stall ziehen. Weil es aber hierzu in den letzten drei Jahren selten Gelegenheit gab, und die Dresdner Freunde lebhafte Überraschung und aufrichtige Dankbarkeit heucheln, will ich auch Dir mitteilen, was auf dem kurzen Ritt passierte:

Dresden, den deutschen Landwirten

Willkommen, die hinter dem Pfluge gegangen,
Auf einsamem Felde, vom Herbstwind gefegt;
Willkommen, die ihr mit Hoffen und Bangen
Die grünaufkeimenden Saaten gepflegt!
Willkommen, die emsig in glühenden Tagen
Nie Sense geschwungen, die Sichel gerührt,
Und die ihr den schwankenden Erntewagen
Mit Stolz und mit Dank in die Scheune geführt,
Es schmücket für euch, zu Freude und Frommen
Der lieblichste Gau sich mit festlichem Glanz,
Und die schönste der Städte heißet willkommen Euch,
Herzblut der Städte, Euch, Mark des Lands!

Es ist merkwürdig, welch poetischer Hauch aus der frisch gepflügten Scholle dringt, wenn man sie ein wenig ritzt. Dahinter steht allerdings Prosa genug, selbst im Zusammenhang mit dieser Festversammlung, die Dir Gelegenheit bietet, innerhalb fünf Tagen an fünfunddreißig Sitzungen und dreizehn landwirtschaftlichen Ausflügen teilzunehmen. Wenn Du ferner bedenkst, daß ich für elf dieser Versammlungen die Tagesordnung festzusetzen und dafür zu sorgen habe, daß die richtigen Leute das Richtige sagen und daß ich selbst mit all meiner angeborenen Schüchternheit und schwäbischen Unbeholfenheit ein halbes dutzendmal aufs hohe Seil muß, und die Sorge um Säle und Schankräume, Tische und Stühle fortwährend meinen Briefwechsel mit Gelehrten und Bauern unterbricht, so wirst Du begreifen, daß mich schlaflose Nächte zu quälen beginnen, und mußt mir verzeihen, wenn meine Feststimmung wunderliche Formen annimmt.

Auch ich muß vielen vieles verzeihen. Unser hoher Präsident teilte mir in der gewinnendsten Form mit, daß ihn unvorhergesehene Umstände verhindern werden, nach Dresden zu kommen. Ich fuhr sofort mein schwerstes Geschütz auf und teilte ihm mit, daß soeben der König von Sachsen sein Erscheinen in der Hauptversammlung zugesagt habe. Worauf Erlaucht versprachen, sich die Sache nochmals zu überlegen.

Ein paar Fälle von dutzenden! Vorige Woche entdeckte einer, daß der Geburtstag seiner Nichte auf den Tag fällt, an dem er einen Vortrag über die Rindviehzucht seiner Heimat zu halten versprochen hatte. Gestern sagte ein zweiter ab, weil seine Frau darauf bestehe, nach Bozen begleitet zu werden. Umgekehrt beklagt sich ein dritter bitterlich: »Es scheine nun doch einzutreffen, daß die D. L. G. den alten Unfug der unerträglichen Redeversammlungen wieder erneuern wolle; ob denn niemand etwas Klügeres zu tun wisse?« – O Mark des Landes! Über die Not jammern, Himmel und Hölle, Regierungen und Parlamente um Hilfe anrufen, den Grund ihrer Nöte in den unabwendbarsten Verhältnissen unsrer Zeit suchen – das alles verstehen sie vortrefflich. Aber einen Finger rühren, um die Hebel anzusetzen, welche die Last des Lebens erleichtern könnten, erscheint den meisten eine so fremde, so unverständige Zumutung, daß sie gar nicht begreifen, wie sie jemand ernsthaft machen könne, meine lieben Mitarbeiter, die wackersten, weitherzigsten, wohlwollendsten Menschen, die überdies glauben, daß es ihnen furchtbarer Ernst sei, nicht ausgenommen. Wir haben 3200 der ersten Landwirte beisammen, und jedermann staunt die tote Zahl an. An einem Strick 3200 stumme –

Halt! – Du siehst, ich bin in einer guten Stimmung für eine Festrede, die sich nicht für die Veröffentlichung eignet. »Innerlich zu gebrauchen« steht auf mancher wirksamen Medizinflasche. Kiepert, der geschätzte Vorsitzende des Direktoriums, der mich gestern an der Schwelle unsrer ersten Wanderversammlung in jubelnder Begeisterung zu finden erwartet hatte, war nicht wenig entsetzt, als ich ihm in dreißigfacher Verdünnung ein Tröpfchen meiner Gefühle zu versuchen gab. Berechtigt oder nicht, ich kann mich ihrer nicht ganz erwehren und muß mich mit dem Gedanken trösten, daß es Stimmungen sind, die mir nahe dem Ziel eines langen Weges nie ganz erspart blieben.

Stimmungen gehen vorüber. Das Bleibende, Befriedigende ist denn doch, daß der lange Weg zurückgelegt ist, so bescheiden, so zweifelhaft das Ziel auch sein mag, das wir erreichten.

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