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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 50
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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45.

Berlin, den 28. Mai 1886.

Das leibliche Wohl der D. L. G. scheint Dir mehr Sorge zu machen als mir. In dieser Beziehung lasse ich mich von den idealen Höhen, die man mir andichtet, nicht herunterholen und werde von einem gütigen Geschick hierfür sichtlich belohnt. Vor einigen Tagen war ich in Erwartung unsres Verwaltungsrats und infolge der Abwesenheit des Herrn Schatzmeisters genötigt, Kassensturz zu halten. Dabei zeigte sich, daß wir zurzeit 120 000 Mark wert sind; nominell wenigstens. Ein Teil des Geldes, das schon seit Januar in unsrer Kasse liegen sollte, steckt nämlich noch in den Taschen säumiger Mitglieder. Unter anständigen Leuten, die wir sind – selbst ein nicht bezahlter Jahresbeitrag von 20 Mark hebt jeden hoch über die Masse der Herdenmenschen empor –, nimmt man an, daß dies ganz aufs gleiche herauskomme. Der diesem Verfahren weitsichtiger Buchführung zugrunde liegende Gedanke ist, daß jedes unsrer Mitglieder, das noch nicht bezahlt hat, in seiner Börse eine kleine Filialkasse der D. L. G. mit sich herumträgt, in der sich 20 Mark befinden. Erst im Juli sollen diese Herren gebeten werden, sich die Sache doch bequemer zu machen und das Filialkäßchen in Berlin zu deponieren. Später, mit dem Erblassen des Idealismus der ersten Liebe, wird eine etwas ledernere Wirtschaftsweise eingeführt werden müssen; vorläufig aber lasse ich mich loben und anstaunen. Es wird nämlich vielen immer unerklärlicher, daß in gegenwärtiger Zeit der Not ein fremder Wilder in diese wohlgeordnete Welt hereingeschneit wird, in der jeder Pfennig sein Plätzchen hat und viel Plätzchen keinen Pfennig haben, und ohne Doktor zu sein oder »von« oder »Geheimer Irgendetwas« über hunderttausend Mark zusammenzutrommeln vermochte. Ich wundere mich selbst ein wenig, so sehr ich diese Seite meines Werkes als Nebensache behandle. Allerdings aber ist sie derart, daß an ihr die Hauptsache des kommenden Jahres scheitern könnte, denn für die Ausstellung zu Frankfurt brauchen wir sichere 200 000 Mark, und all meine Freunde sitzen mit liebenswürdiger Ratlosigkeit da und hoffen, es werde mir schon etwas einfallen, oder ich werde mich doch vielleicht erweichen lassen, einer hohen Regierung den Fall in geeigneter Form vorzutragen.

Gestern abend lernte ich in einer kleinen, netten Gesellschaft bei Geheimrat Thiel den Unterstaatssekretär Marcard kennen, der im landwirtschaftlichen Ministerium amtet: einen feinen, hochintelligenten Herrn aus der jungen Provinz Hannover. Unter dem Schutz der Geisterstunde erklärte ich ihm auf dem Heimweg meine ketzerischen Ansichten über den Wert der Staatshilfe und ihren entsittlichenden Einfluß. »Wenn nur,« meinte ich, »die zündenden Redner, die sie gegenwärtig in allen Tonarten verlangen, veranlaßt werden könnten, statt ›Staatshilfe‹ die Worte ›Hilfe der übrigen Steuerzahler‹ zu gebrauchen, wäre viel gewonnen.« Auch er nickte lobend mit dem Kopf. Recht habe ich wohl, meinte er, wie weit ich aber damit komme, sei eine andre Frage. Und da hat er recht. – Manchmal kommt mir's vor, als ob wir in einer recht alten Welt von Menschen lebten, die sich nur noch mühsam weiterschleppt, den ausgefahrenen Geleisen entlang, in der sich jeder aufrechthält, indem er sich auf die ganze Masse der andern stützt, die alle das gleiche tun. Das geht, solange von außen nicht allzu stark gedrückt wird. Der Jammer des Augenblicks ist, daß dieser Druck fühlbar und in beängstigender Weise wächst.

Doch man soll auch im Schwarzsehen nicht übertreiben. Manchmal regt sich doch auch eigne Kraft und eigner Wille. Habe ich Dir die Geschichte vom altdeutschen Kunstspielschrank mitgeteilt, den das Berliner Kunstgewerbe dem Kronprinzen Friedrich und seiner Gemahlin soeben – vier Jahre post festum – zur silbernen Hochzeit überreichte? Der Gedanke wurde seinerzeit mit Begeisterung erfaßt und ins Werk gesetzt. In der ersten Sitzung der Beteiligten wurden »Sektionen« gebildet, welche vorbereitend die verschiedenen Teile des Werkes besprechen sollten, um sodann ein harmonisches Ganzes herauszuarbeiten, wie es bis jetzt in der Welt nicht dagewesen war: Architekten, Maler, Kunsttischler, Bildschnitzer, Dreher, Buchbinder, Metallgießer und so weiter. »Einheit macht stark,« riefen sie freudig, als sie sich zu später Stunde nach dem letzten Glase Bier trennten, um sodann gemeinsam nach dem Café Bauer zu gehen. Weniger befriedigend verlief die nächste Sitzung, denn die sieben Sektionen stritten sich über die Abgrenzung ihrer Mitarbeit dermaßen, daß alles blaurot vor Zorn auseinanderlief. Erst ein Jahr später, zur Zeit der silbernen Hochzeit, fanden wieder schüchterne Annäherungsversuche statt, und jede Sektion begann, im stillen draufloszukunstgewerbeln. Wie erwähnt, wurde dann auch vier Jahre nach der Hochzeit – das nennt man mit Recht deutsche Ausdauer – der Schrank fertig, und in schwarzen Fräcken und weißesten Halsbinden dem erstaunten kaiserlichen Jubelpaar überreicht.

Ich erzähle Dir, was mir ein Beteiligter erzählte, der Moral wegen. Diese betrifft mich nämlich mehr, als mir lieb ist. Auch wir haben jetzt dreizehn Sektionen begründet, die alle so jung sind, daß noch keine außer der Düngerabteilung etwas zu leisten vermochte. Trotzdem hatte ich vorgestern bei einem feierlichen Duell zwischen zweien zu sekundieren, weil keine dulden will, daß sich die andre mit der Kalk- und Mergelfrage befasse. Der Kampf verlief unblutig, und meiner milden Diplomatie und Biedermeierei gelang es, einen faulen Frieden herzustellen. Laß aber einmal die elf andern Abteilungen mit ähnlichem Eifer losbrechen! Dann gibt es Funken, auf die ich mich freuen kann. Und meistenteils, wenn nicht immer, wegen der kindlichsten Formfragen, die in ihrer praktischen Tragweite nicht einen Schuß Pulver wert sind.

Doch rasch zum Schluß. Die Vorbereitungen für Dresden drohen mich samt meinen Briefen zu verschlingen. Man glaubt nicht, wieviel, so einfach sie zu sein scheint, eine solche Geschichte Mühe und Arbeit macht. Meine Hauptstütze ist Geheimrat Thiel, der für Redner zu sorgen weiß, wie kein zweiter. Geht die Sache gut vorüber, das heißt, kommen Leute genug, zerzausen sie sich nicht so, daß es – geistweise – blutige Köpfe gibt, und ist das Bier gut, so wird diese erste Veranstaltung, obgleich sie kein vernünftiger Mensch eine »Tat« nennen kann, die D. L. G. um einen guten Schritt vorwärts bringen. Es kann aber geradesogut anders kommen. Wenn man es mit einer solchen Masse amorphen Menschenmaterials zu tun hat, steht der einzelne hilflos einer Naturgewalt gegenüber, so dumm und mächtig, so sinnlos und großartig, als wäre es Wind und Wasser. Danach sind auch seine Verdienste zu bemessen.

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