Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 48
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
Schließen

Navigation:

Fünfter Abschnitt. 1886

Berlin und Dresden. Die erste Wanderversammlung

43.

Berlin, den 27. Februar 1886.

Die stürmischen Wogen beginnen sich zu glätten. Mein Schifflein schlingert und stampft wieder in regelmäßigem Takt. Das Wunderliche ist, daß ich nach all dem Schieben, Drängen und Treiben der letzten Jahre äußerlich wieder da angelangt bin, wo ich vor dieser Zeit war, und mir nun selbst ein Göpelwerk eingerichtet habe, um andrer Leute Korn zu mahlen. Woraus zu schließen, daß mir nicht zu helfen ist.

Äußerlich ist besonders angenehm, daß nicht mehr, wie in Bonn, meine Geschäftsräume im eignen Hause, sondern, wie in der Leedser Zeit, etliche Straßenlängen weiter im Osten liegen. Man weiß wenigstens, wann es genug ist, und versinkt nicht mit Leib und Seele in der aufreibenden Einförmigkeit der Arbeit. Du würdest sie zwar kaum einförmig nennen, denn jede Viertelstunde führt mir eine andre Gestalt, eine andre Gruppe von Wünschen und Bestrebungen zu. Davor ist nicht einmal der Sonntagmorgen in der Potsdamerstraße sicher, so sorgfältig ich dieselbe geheimzuhalten suche, und so steil die Treppen sind, die zu meinen luftigen Höhen führen. Soeben verläßt mich ein Schäfereidirektor, der dem Auftreten nach ein Ministerium für Reichsschafzucht leiten könnte. Mit der ganzen Wucht mühsam verhaltener Energie suchte er mir ein neues Verfahren der Prämiierung von Schafen beizubringen, durch dessen sofortige Einführung die D. L. G. sicher sei, die Wohltäterin der ganzen Menschheit zu werden.

Eine Hauptbeschäftigung, die ein Drittel meiner Zeit in Anspruch nimmt, besteht darin, alle erdenklichen Pläne und Projekte, die auf mich einstürmen, zur Türe hinauszubegrüßen. Hunderte, deren Gedanken über dem Chaos des öffentlichen Lebens irrlichtelieren, glauben in der neuen Gesellschaft Schutz und Schirm finden zu müssen und sind überzeugt, daß dieselbe zu keinem andern Zweck entstanden sein kann, als um ihr Universalmittel für alle Schäden der Welt anzufertigen und zu verbreiten; natürlich nicht ganz ohne Nutzen für die Erfinder selbst. Laß Dir nur ein Dutzend vorstellen, die mich in den letzten zwei Wochen beglückten.

Nach dem Ersten hat die D. L. G. nichts Wichtigeres zu tun, als die Zufuhr von Schlachtvieh zum Berliner Schlachthof zu regeln. Bezeichnend ist, daß dieser Erste, der sich einstellte, ein Kind Israels war. Ein Zweiter verfolgt mich mit der energischen Forderung, unverzüglich eine großartige Lebensversicherungsgesellschaft für alles, was Boden besitzt, einzurichten, um der Verarmung künftiger Geschlechter vorzubeugen. Ein Dritter findet, daß es besser wäre, wir wären nie geboren, wenn wir nicht die Doppelwährung auf unser Banner schrieben. Ein Vierter klagt, man beklage sich allgemein, daß die D. L. G. noch immer keine wesentliche Verbesserung der Notlage der Landwirtschaft bewirkt habe. Ein Fünfter, sogar zwei Fünfte, teilen als eine Art Abordnung mit, daß die landwirtschaftlichen Konsumvereine sehr erbost seien, weil unser allzu energisches Vorgehen ihren Vereinen großen Schaden zu bringen drohe. Ein Sechster, mein Freund Schultz-Lupitz, besucht mich fast täglich, um mir die Überzeugung beizubringen, daß die Beschaffung von Stickstoff das A und O für alles sei; alles andre sei Kleinkram und Unsinn. Dasselbe denkt, als Siebenter, mein nicht minder hochgeschätzter Freund, Geheimrat Orth, vom Kalk. Die richtige Verwendung von Stickstoff, beziehungsweise Kalk, sei die eine große Aufgabe der D. L. G. Nummer Neun wünscht, daß sein Werk über englische Schafzucht von der Gesellschaft verlegt, oder wenigstens auf Gesellschaftskosten jedem Mitglied in die Hand gedrückt werde, um einen der wichtigsten Zweige der deutschen Landwirtschaft zu retten. Der Zehnte und Elfte sind einmütig der Ansicht, daß das alles nichts helfe, wenn man nicht die Amerikaner und Indier auf diplomatischem Wege verhindere, mehr Korn zu bauen als sie brauchen, oder wenigstens den Gebrauch des Dampfs auf hoher See polizeilich untersage. Der Zwölfte, ein Rittergutsbesitzer aus dem fernen Osten, ist von rührender Bescheidenheit. Er arbeite seit dreißig Jahren an der Erfindung einer Kartoffelerntemaschine, die auf Millionen von Hektaren leichten Sandbodens nicht mehr zu entbehren sei, habe sein ganzes Vermögen daran gerückt und wünsche und erwarte, daß die D. L. G. ihm und der Kartoffelerntemaschine endlich auf die Beine helfen werde. Einer derartigen Pflicht nationaler Dankbarkeit, vom Nutzen gar nicht zu sprechen, könne sich eine Gesellschaft von unsern idealen Grundsätzen unmöglich entziehen. Kaum hat mich dieser Herr verlassen, so erscheint sein Schwiegersohn als Nummer 12a und richtet die dringende, jedoch kaum nötige Bitte an mich, seinem im übrigen hochgeschätzten Schwiegervater kein Geld zu geben, da er sich samt der Kartoffelerntemaschine noch ins Irrenhaus bringen werde, wenn er aufs neue Mittel unter die Finger bekäme. Die Sache daure jetzt schon dreißig Jahre und sei der Jammer der Familie. Erst vor vier Jahren hätten sie die silberne Hochzeit der würdigen Eltern gefeiert. Da habe sich seine Schwiegermama, eine vortreffliche Frau, daran erinnert, daß schon damals, während der ganzen Hochzeitsnacht, ihr Stanislaus von nichts anderm gesprochen habe als von seiner Kartoffelerntemaschine. Es sei seitdem eher schlimmer geworden.

Du siehst, an Abwechslung fehlt es mir auch während des gewöhnlichsten Verlaufs der Tage nicht. Dazwischen kommt dann eine Woche, wie eine der jüngsten, in der die erste regelrechte Gesamtausschußsitzung, und was daran hängt, abgehalten wurde. Die Beteiligung war eine unerwartet große, das Interesse, das die Versammlung an ihrem eignen Tun und Treiben zu nehmen schien, ein hocherfreuliches, das erstaunlichste aber ist, daß sich alles in Fried' und Freundschaft abwickelte. Das lag teilweise daran, daß der Verlauf bis in die kleinsten Einzelheiten vorbereitet war. Man darf einer derartigen, aus fremden Elementen zusammengesetzten Versammlung keine Frage vorlegen, ohne die gewünschte Antwort bereit zu haben; und doch darf die Antwort nicht von der Leitung, sie muß aus der Versammlung selbst kommen. – Dann scheint der Gedanke, alle zwecklosen »Resolutionen« einfach zu ersticken, bereits da und dort Wurzel zu fassen. Es wurden mir für diese Versammlung zwar noch eine ganze Anzahl dieser Spielwaren vorgeschlagen. Ich entgegnete jedesmal, wie wenn ich mir für die Erwiderung einen Kautschukstempel hätte machen lassen: »Haben Sie einen Plan, in welcher Weise wir Ihrer Anregung eine praktische Bedeutung geben können?« Die meisten ziehen dann, nach einer höflichen Verbeugung meinerseits, sinnend davon. Einige aber beginnen eifrig: Man müßte eine hohe Regierung – – Das ist der Augenblick für mich, loszubrechen: Glauben Sie, wir haben einen neuen Bettelverein gegründet? Denken Sie, ich habe den Mitgliedern bis heute 90 000 Mark abgenommen und hoffe ihnen noch sehr viel mehr abzunehmen, um Bittschriften zu schreiben? Worauf ich in sanfterer Tonart fortfahre, zu erklären, wie ich mir das künftige Wirken der D. L. G. vorstelle. Diese Herren schütteln sodann den Kopf, zumeist heftiger, als mir lieb ist, beruhigen sich aber trotzdem schließlich. Es läßt sich im Brustton begeisterter Überzeugung zu wenig gegen den unangenehmen Standpunkt sagen, den ich festhalten werde, oder – –

»Was daran hängt« an diesen Gesamtausschußsitzungen, verspricht mehr zu werden als diese selbst. Eigentliche Arbeiten technischer Natur, der Zweck des Ganzen, können in größeren Versammlungen natürlich nicht gedeihen. Das muß in Sonderabteilungen geschehen, von denen zunächst sieben auf dem Papier stehen. Fast komisch, aber erfreulich ist, wenn es nicht zu weit geht, daß einige dieser Abteilungen damit beginnen, heftig zu streiten, ob diese oder jene Frage der einen oder andern angehöre. Ackerbau und Dünger liegen sich bereits lebhaft in den Haaren, denn der Ackerbau glaubt Herr des Düngers, der Dünger Herr des Ackers sein zu müssen. Damit ist für beide ein Knochen gefunden, den sie nach gut deutscher Art hin und her zerren können.

Dabei nehmen die begeisterten Tiraden über das Stichwort: »Einigkeit macht stark,« kein Ende. In keinem Land der Welt habe ich in vierundzwanzig Jahren dieses Sprüchlein so oft hören müssen als hier in vierundzwanzig Monaten. Bei keinem Volk der Welt versteht man weniger diese Einigkeit zu schaffen und – ohne Zwang – zu erhalten. Ein niedliches Beispiel, das mich in den letzten Tagen näher berührte: Kaum ist der große deutsche Kolonialverein gegründet, so gründet man den Deutschen Verein für Kolonisation, angeblich, um es noch schöner zu machen, und kaum sind beide ins Leben getreten, so speien sie sich an wie Hund und Katz. Ich dürfte wohl stündlich das Entstehen einer zweiten D. L. G. erwarten, wenn nicht bemerkt würde, daß dies immerhin einigen Schweiß kostet. Den aber will nicht jeder vergießen.

Neben vielem andern Guten und einigem Zweifelhaften wurde mein Vorschlag, im ersten Jahr der Gesellschaft eine Wanderversammlung alten Stils zu Dresden und erst im zweiten die erste Wanderausstellung zu Frankfurt a. M. abzuhalten, einstimmig angenommen. Dann zogen die Herren nach Hause und überließen mir's mit freudigem Händedruck, weiter zu sorgen.

 << Kapitel 47  Kapitel 49 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.