Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 43
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
Schließen

Navigation:

38.

Bonn, den 30. September 1885.

2500! – Die Zahl ist voll; das Ziel ist erreicht!

Nicht innerhalb zweier Jahre, wie ich es im stillen mit mir selbst verabredet hatte, sondern vom 14. Mai 1884 an gerechnet, in sechzehn Monaten und vierzehn Tagen. Genauigkeit wird zur Pflicht, wenn man etwas ungewöhnlich Angenehmes festzustellen hat.

Ich glaubte Dich schon am Schluß der vorigen Woche mit dieser Siegeskunde erfreuen zu können, allein trotz einer Versammlung in Magdeburg fehlten noch zwei Mann. Eigentlich war schon acht Tage früher die mystische Zahl überschritten. Infolge der höflichen Aufforderung an etwa fünfhundert säumige Zahler, sich ihres Beitritts zu erinnern, sind jedoch dreiundzwanzig rückfällig geworden. Die Lücke mußte ausgefüllt werden, und es ging dies mit einer langsamen Zähigkeit, die wie ein schlechter Witz des Schicksals aussah. Nun aber kann ich getrost Stadtbeleuchtung und Trompetermusik bestellen, ohne meinen gewissenhaften Schatzmeister in Berlin mit Entsetzen zu erfüllen. Dem Telegraphenamt habe ich schon Beträchtliches zu verdienen gegeben, und feurige Glückwunschschreiben fangen an, einzutreffen. Nur aus dem ersten, das aus der keineswegs überschwenglichen Provinz Westfalen stammt, will ich Dir ein paar Zeilen mitteilen und ein Briefchen danebenstellen, das gleichzeitig eintraf. Der Mann aus Westfalen schreibt:

»Ich freue mich mit Ihnen über das volle Gelingen Ihres Werks. Das erreichte Ziel bedeutet mir ein merkwürdiges, hocherfreuliches Ereignis nicht nur für unsre vaterländische Landwirtschaft, sondern auch für unsre ganze materielle Entwicklung. Ein schöner Traum, den wir im Frühling von Deutschlands Jünglingsalter träumten, will sich verwirklichen. Die Form steht. Gebe der starke Gott, dessen Odem in Deutschlands Eichen braust, daß uns auch dieser Guß gelinge; eine zweite Kaiserglocke, die nur den einen vollen Ton gibt: Fürs Vaterland!«

Und der aus Posen sagt:

»Euer Wohlgeboren zeige ich hierdurch ergebenst an, daß ich meine Beitrittserklärung hiermit zurückziehe. Ich vermisse in den Zielen der Gesellschaft das Bestreben, die tiefgedrückte Landwirtschaft nach allen Seiten und mit allen Mitteln zu unterstützen. Düngemittel aus andern Provinzen nach hier zu beziehen, kann mich nicht befriedigen. Hochachtend – Z.« –

Hast Du genug? Ich hab's beinahe. Aber es wird Ernst; keine Frage, es wird Ernst. Kiepert schreibt mir aus Berlin: Mit der Form wären wir nun nach Ihrem Plan so viel als im reinen. Alles hängt jetzt an der Personenfrage, überlegen Sie doch noch einmal recht sorgfältig, wie Sie am besten Ihre Stellung zur Gesellschaft ordnen können. Sie haben das Kind ins Leben gerufen und ihm den Namen gegeben. Sie müssen an seiner Erziehung weiterarbeiten; kein andrer. Ich habe hierüber schon viele Besprechungen geführt und meine Meinung immer bestätigt gefunden. Deshalb mit vollem Herzen und rüstiger Frische: Glück auf zum fröhlichen Werk!

Noch nie bin ich so nachdenklich in Bonn umhergelaufen wie in den letzten Tagen. Bis nach der Waldeinsamkeit von Heisterbach trieben mich die miteinander ringenden Gedanken. Kiepert hat recht, das fühle ich klar genug. Das heißt aber zwei, drei weitere Jahre opfern und zwar nicht mehr mit dem behaglichen Hintergedanken, daß es sich um ein interessantes Experiment handle, bei dem die befriedigte Neugier als vollwertiges Entgelt angesehen werden konnte. Jetzt handelt es sich um Taten, deren Gelingen oder Mißlingen ins Fleisch schneidet. Auch ist dabei nicht mehr von der halben Zeit die Rede, wie ich das liebliche Phantasiegebilde ursprünglich ausgemalt hatte. Dieser Gedanke liegt allerdings schon seit zwanzig Monaten als völlig unbrauchbar im Winkel.

Anderseits hat die Sache eine Gestalt angenommen, die das Opfer einer Manneskraft verdient. Sollte ich, wie so viele, nur zum Spielen tauglich sein? Sollte auch ich mich bei dem verwerflichen »Anregen« beruhigen, gegen das ich, wer weiß wie oft, Gift und Galle gespien habe? Wäre es nicht an der Zeit, nachdem ich am fröhlichen Rhein zwei Jahre lang meiner »Muße«, allerdings in etwas ungewöhnlicher Weise gefrönt habe, die Zähne zusammenzubeißen, die Ärmel aufzustülpen und an die Arbeit zu gehen? Aber dann Berlin; die Millionenstadt mit ihrem ertötenden Menschengewühl, mit ihrem flachen, sandigen Hintergrund, mit der größeren Entfernung von meinen Schwaben, und auch von Dir! Je näher mir der Gedanke rückt, um so weniger will er mir behagen. Und doch ist es zweifellos unmöglich, die Sache, wie sie jetzt steht, von Bonn aus weiterzuführen. Die Saugkraft der Reichshauptstadt droht sie und auch mich zu verschlingen. Oder richtiger gesagt, damit sie die Sache nicht verschlinge, ist es nicht meine Aufgabe, mich dort, an Ort und Stelle, dagegen zu stemmen? – Es muß wohl sein. –

So weit kam ich, im Wald hinter Heisterbach. Dann, förmlich müde vom Sinnen und Überlegen, warf ich mich ins Gras und zwang mich, an andres zu denken.

»Schling nochmals deine Bogen um mich, du grünes Zelt!«

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.