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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 41
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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36.

Frankfurt a. M., den 3. August 1885.

Ein herrlicher Tag liegt hinter mir, würdig der altehrwürdigen Reichsstadt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Er kommt doch immer wieder zum Durchbruch, der gesunde Kern des wackeren Volkes, wenn auch die Schale hart ist, wie Horn vom Rinde, und manchmal die ganze Nuß im Staub begraben zu sein scheint auf Nimmerwiederfinden. Laß Dir erzählen!

Du weißt, daß wir, Herr von Rath-Lauersfort und ich, die Herren der alten Ackerbaugesellschaft nach endlosem Hin- und Herschreiben zu einer Versammlung nach Frankfurt zusammenberiefen. Auch habe ich Dir von meiner Fahrt von Stuttgart hierher, dem Neckar entlang, dann durch den goldgrünen Odenwald nach dem rebenumrankten Main bereits berichtet. Im neuen Frankfurter Hof zu Frankfurt a. M. hatte die Poesie des Lebens plötzlich ein Ende. Es ist eines jener Prachthotels mit marmornen Treppen und vergoldeten Speisesälen, in denen die Kellner in Fräcken und weißen Halsbinden schlafen, und die Gäste, die über des Hauses Schwelle treten, langweiliger sind als Haubenstöcke. Am andern Morgen begegnete ich Poggendorff aus Berlin und hörte bei einem Frankfurter (Stockmeyer), daß ein Bayer (Pabst) und ein Württemberger (Zöppritz) im Anzug seien. Vier Mann der alten Garde! Ich ließ sofort in dem kleinen Hotelsaal, der für diesen Zweck bestimmt war, vier Stühle um eine Rednerbühne stellen, welche ich schon tags zuvor entlehnt hatte, sorgte für Federn, Tinte und Papier, legte meine wohlgeordneten Dokumente zurecht – ein kleines Gebirge vergilbter Akten – und ging sodann spazieren.

Der alte Herr von Rath, wie immer etwas gichtgebeugt, aber wohl aufgelegt, kam aus Köln, unmittelbar vom Bahnhof mir entgegen und freute sich, daß wir zwei nicht die einzigen Versammelten sein sollten. Auch brachte er einen Brief des Herrn von Nordeck zur Rabenau, bekanntlich dem Hauptstein des Anstoßes, in welchem dieser mitteilte, daß er auf der Rückkehr aus der Schweiz von einem Sonnenstich betroffen worden sei, nunmehr aber mit unsern Absichten im wesentlichen übereinstimme. Er müsse sich jedoch vorbehalten, etwaige Beschlüsse der Versammlung eventuell zurückzuweisen. –Schließlich versammelten sich acht Mann. Es war doch noch einiges Leben in den alten Herren.

Herr von Rath begann damit, eine Lobrede auf mich zu halten, die ich mit gebührendem Erröten anhörte. Dann skizzierte er das Entstehen und Einschlafen, von 1861 bis 1866, der Deutschen Ackerbaugesellschaft, das ihre um den Tisch sitzenden lebenslänglichen Mitglieder sichtlich vergessen hatten. Er wies auf die Zweifel hin, die noch vor wenigen Monaten bestanden, ob sie aufgelöst seien oder nicht. Das erstere sei wahrscheinlich. – Hier unterbrach ihn Herr Gutsbesitzer Pabst, dessen feuriges süddeutsches Temperament und an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit nicht länger standhielt: Er protestiere. Er sei nicht aufgelöst. Es sei dies eine infame Behauptung, die Erfindung einer kleinen Clique von – er befürchte, ohne hier jemand nahetreten zu wollen – von Berlinern. Zum mindesten hätte er seinerzeit entweder durch die Zeitungen oder durch einen eingeschriebenen Brief von seiner Auflösung benachrichtigt werden sollen. Das, erklärte Herr von Rath beschwichtigend, sei ja auch seine Ansicht, und deshalb seien wir heute versammelt. Herr Pabst steckte sein Hörrohr wieder ein, und alle andern stimmten sich gegenseitig bei, daß eine förmliche Auflösung nicht stattgefunden habe, daß sie im Gegenteil zu diesem Zweck nach neunzehnjähriger Trennung zusammengekommen und erfreut seien, sich so wenig gealtert wiederzusehen.

Ich legte die aus Dresden erhaltenen Dokumente und den bisherigen Briefwechsel vor, der zur heutigen Versammlung geführt hatte. Wie die Herren nun aber in der besten Auflösung begriffen waren und eben die 22 000 Mark der Ackerbaugesellschaft der D. L. G. vermachen wollten, wird die Türe heftig aufgestoßen, und der zweiundsiebzigjährige Herr von Nordeck zur Rabenau tritt ein, mit hochrotem Kopf, sichtlich unmittelbar von seinem Sonnenstich kommend. Er hält mir zornig die »Frankfurter Zeitung« entgegen, in der durch einen unglücklichen oder glücklichen Druckfehler die Sitzung auf fünf, statt drei Uhr angesetzt war. Ich ziehe ihm aus seiner eignen Mappe, die er auf den Tisch geworfen hatte, meine schriftliche Einladung aus Bonn hervor, in der deutlich genug drei Uhr angegeben ist. »Das sei jetzt gleichgültig«, meinte er grimmig, aber doch etwas verlegen. »Er sei nicht hier, um mit uns zu verhandeln, sondern gegen die ganze Verhandlung zu protestieren. Wir seien schon seit achtzehn Jahren aufgelöst und haben gar nicht zusammenzukommen. Er allein sei noch zu Recht bestehend. Er sei Vorstand, Ausschuß und Generalversammlung der deutschen Ackerbaugesellschaft in einer Person, und nur er habe das Recht, zu bestimmen, was geschehen müsse, namentlich mit den 22 000 Mark.«

Ein Entrüstungssturm war im Begriff auszubrechen. Pabst hatte sein Hörrohr drohend gegen Nordeck gerichtet. Alle beriefen sich laut und einstimmig auf alte Erinnerungen oder vielmehr auf den Mangel jeder Erinnerung, daß sie aufgelöst worden seien. Das, wiederholte Herr von Nordeck mit wiederkehrender eisiger Ruhe – das sei jetzt ganz gleichgültig. Nachdem er hiermit, wie es seine Pflicht gewesen, protestiert habe, gebe er folgende Erklärung ab. – Und nun schlug der wackere alte Herr genau dasselbe vor, wofür ich ihn seit drei Monaten, als einzig vernünftige Lösung aller Schwierigkeiten, männiglich zu gewinnen gesucht hatte; mit dem Unterschied, daß dieser Beschluß nicht von den »lebenslänglichen Mitgliedern der Ackerbaugesellschaft«, sondern von den »ehemaligen« lebenslänglichen Mitgliedern der Deutschen Ackerbaugesellschaft gefaßt wird. Diese wichtige Änderung wurde einstimmig angenommen, nachdem der streitbare, aber biedere Pabst, der heftig protestieren wollte, unter der Wucht der sieben andern Stimmen zusammengebrochen war. Grollend, wie ein verziehendes Gewitter, schloß er sich uns an, denn es war Zeit, in den neueröffneten »Palmengarten« zu gehen, wo sich bei den Klängen der »Götterdämmerung« die letzten Dissonanzen des Tages lösten.

Das war, nach Pabst, die letzte Versammlung der Deutschen Ackerbaugesellschaft. Vergnügt, fürchte ich, wird die D. L. G. die etwas fossilen Überreste und die noch ganz brauchbaren 22 000 Mark der guten Alten in die Tasche stecken, und hoffentlich zum Nutzen aller neu beleben.

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