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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 39
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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34.

Bonn, den 22. Mai 1885.

Wieder liegen zwei Berliner Wochen hinter mir, deren stürmische Bewegung mich wie gewöhnlich um ein gutes »Ende«, wie sie dort sagen, weitergeschoben hat. Einiges davon zu erzählen, lohnt sich zur Not, wenn auch gar vieles schon der Würde zustrebt, zwischen Aktendeckeln weiterzuschlummern.

Nach meiner Ankunft hatte ich zunächst dafür zu sorgen, meinen präsidentenlosen Versammlungen die nötige Spitze zu verschaffen. Kiepert, der stets bereite, war nicht in Berlin. Auch andre Herren, die ich aufsuchte, waren niemand wußte wo, und all meine Irrfahrten brachten mir schließlich nur die Schreckenskunde, daß Professor Maercker von Halle wegen plötzlicher schwerer Erkrankung den Hauptvortrag in der Generalversammlung der D. L. G. zu halten nicht imstande sei. Den Rest des Nachmittags nahmen hastige Briefchen und Telegramme in Anspruch: Versuche, die drohenden Programmstörungen zu bekämpfen. Abends ging ich fast mit Gewalt ins Theater, der Kopfnervenabspannung wegen, konnte kein Billett für den »Trompeter von Säkkingen« mehr bekommen, nach dessen harmlosen Klängen ich mich sehnte, und mußte mit einer traurigen Operette zufrieden sein, die mich in die Stimmung eines alternden Salomos versetzte. Alles ist eitel! Wie grauenhaft wenig bedarf doch die Mehrzahl der Menschen, um sich »köstlich zu amüsieren«, und wieviel lassen sie sich's kosten, an Zeit, Mühe, Geld, Gesundheit, um dieses grauenhafte Minimum zu erkaufen!

Am folgenden Morgen kam etwas Licht in die Sache. Ich entdeckte in Geheimrat Settegast, dem derzeitigen Rektor der Landwirtschaftlichen Hochschule, ein altes Mitglied der Ackerbaugesellschaft. Da war ja der Präsident für die alten Herren gefunden, und auch Kiepert war unerwartet zurückgekehrt und bereit, die Versammlungen der D. L. G. zu leiten. Beiden Herren stattete ich am folgenden Tag längere Besuche ab, um genau zu verabreden, was sie zu sagen und was ungesagt zu lassen haben. Es ist natürlich, wirkt aber doch hinter den Kulissen fast komisch, wie die Herren, welche vor dem Publikum als die Leiter der Unternehmen erscheinen, von hinten wie Püppchen an Drähten in Bewegung gesetzt werden, und mit welch naiver Ergebung sie darauf warten, ohne das Gefühl ihrer Würde zu verlieren, daß das Drähtchen im richtigen Augenblick gezogen wird.

Um vier Uhr des vierten Tags fand sodann im Klub der Landwirte die Versammlung der alten Ackerbaugesellschaft statt. Von den fünfundsechzig Eingeladenen erschienen vier, sage vier Mann. Dies war gerade, was wir brauchten. Der Feldzugsplan wurde in aller Gemütlichkeit durchgesprochen, die nötigen Formalitäten und die strenge Gesetzlichkeit des Vorgehens erörtert. Nach einer Stunde hatte die Sache die richtige Gestalt angenommen. Es muß jetzt von fünfzehn Mitgliedern, die ich zu beschaffen habe, die in den Statuten vorgesehene Generalversammlung einberufen und durch sie die Auflösung beschlossen werden. Dann können Geld und Leute nach meinem Vorschlag ohne weiteres in unsre Tasche fallen.

Um fünf Uhr war sodann die Vorstandssitzung der D. L. G. Das war ein andres Leben, so daß ich mich nur wundern und freuen konnte: Leute aus allen Himmelsgegenden, voll Eifer, am begonnenen Werk mitzuarbeiten. Du bist mir dankbar, wenn ich Dich mit papierenen Einzelheiten verschone. Sie werden mit der Zeit Hände und Füße bekommen und lebendig werden. Dir ist wahrscheinlich nur eins von Bedeutung: meine Erklärung, daß wir uns nach einem Beamten als Geschäftsführer umsehen müssen, wurde mit ungeheucheltem Schrecken aufgenommen. Das müsse doch ich sein; das gehe gar nicht anders und so weiter. Ich erklärte, daß ich mich hierzu nie verstehen würde, und weshalb; natürlich ohne des mitternächtigen Schwurs auf dem Wilhelmsplatz zu gedenken. Erstlich, weil ich nicht in die Dienste meines eignen Kindes treten könne, zweitens, weil die Stellung, die zu drei Viertel einförmige Bureauarbeit erfordere, mir nicht passe, und drittens, weil mir meine Freiheit um einen Gehalt, wie ihn vernünftigerweise die Gesellschaft bieten könne, nicht feil sei. Aber, fuhr ich fort, Sie werden in dem Entwurf der Geschäftsordnung einen Ausweg sehen, der es ermöglicht, daß ich im Namen des Direktoriums ein bis zwei Jahre lang die technische Oberleitung der Gesellschaft ehrenamtlich weiterführe, wozu ich bereit bin. In zwei Jahren wird hoffentlich das Ganze im Gang oder zugrunde gegangen sein. Damit waren denn auch alle höchlich einverstanden und lobten mich sehr.

Ich übergehe den Tumult der Mastviehausstellung am folgenden Tag, woselbst ich als Gast unter der Liebenswürdigkeit von hundert neuen unbekannten Freunden schwer zu leiden hatte. Zum Glück nahm mich einer dem andern in rascher Reihenfolge ab. Dieser zeigte mir seine Lämmerchen, die schon im zartesten Kindesalter fast so viel wogen als ihre Mütter, jener führte mich zu einem Schweineehepaar von phänomenalen Abmessungen, wobei er wehmütig versicherte, daß es sein seliger Bruder sei, dem die Welt das deutsche Mastschwein verdanke, ein dritter versuchte mich von der himmelschreienden Ungerechtigkeit der Preisrichter zu überzeugen, die das beste Kalb der ganzen Ausstellung übersehen hatten, was bei der künftigen D. L. G. sicher nie vorkommen werde, weshalb er beizutreten gedenke. Schließlich wurden mir sogar württembergische Ochsen vorgestellt, sechs Landsleute, die mich mit gut schwäbischem Gebrüll begrüßten und – so wunderlich spielt das Schicksal selbst mit dem vernunftlosen Rindvieh – die nach Bonn verkauft waren. Endlich gelang es mir, für die Nacht wenigstens, dem Ausstellungs- und Stadtgewühl zu entschlüpfen. Der morgige Tag verlangte als beste Vorbereitung eine ruhige Nacht.

Unsre Hauptversammlung war besucht genug und wäre es noch mehr gewesen, wenn Kronprinz Friedrich sich es nicht hätte einfallen lassen, genau zur selben Stunde die Mastviehausstellung zu besichtigen. Im ganzen ging alles vortrefflich. Meiner Rede zweiter Teil war verfehlt. Mit Auseinandersetzungen über eine Geschäftsordnung kann auch der Kuckuck keine Begeisterung erwecken. Aber ohne trockene, geschäftsmäßige Arbeit geht es nun einmal nicht, und da sie kein andrer machen will, muß wohl ich wollen. Im übrigen empfehle ich unsre stenographischen Berichte, die Dir jederzeit zur Verfügung stehen, wenn Du an Schlaflosigkeit leidest.

Nach der Versammlung hatte ich als Gast am Festmahl der Mastviehleute teilzunehmen, bei dem es Sitte zu sein scheint, sich in bestimmter Reihenfolge gegenseitig hochleben zu lassen. Ich kam wahrhaftig nicht zu kurz und antwortete mit einem Hoch auf die Landwirte im allgemeinen, die in dieser Zeit der Not das Vertrauen auf die eigne Kraft nicht verlieren. Worauf wir alle verzeihlicherweise, auf die eigne Kraft bauend, etwas mehr tranken, als in dieser Zeit der Not unbedingt nötig gewesen wäre, bis Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in rosigem Licht zerschmolzen.

Am andern Morgen hatte ich mein Notizbuch verloren, in dem die Namen von etlichen dreißig neuen Mitgliedern der D. L. G. aufs sorgfältigste eingezeichnet waren. Gegen Mittag fand es sich jedoch wieder, ein Beweis, daß mich selbst in den sturmbewegtesten Stunden der Geist der Ordnung nicht ganz verläßt.

Nun aber trat der Versucher in gefährlicherer Gestalt an mich heran. Schon seit drei Tagen fand ich jeden Abend die Karte eines mir unbekannten Dr. Cohn-Martinikenfeld in meinem Zimmer. Schließlich gelang das Zusammentreffen. Er erklärte mir, daß er meine Wanderbücher gelesen habe und daß er mich bitte, wegen Angra Pequena seinen Freund, den Justitiar des Hauses Bleichröder, zu besuchen. Auch war schon am frühen Morgen ein Brief des besagten Herrn durch die Türspalte meines Zimmers geschlüpft, der dieselbe Bitte enthielt. Schon die Neugier zwang mich, der Aufforderung Folge zu leisten.

Der Herr Justitiar erklärte mir folgendes: Seit sechs Wochen hat sich eine Gesellschaft gebildet, die Lüderitzland aufgekauft hat und nun noch über bare 800 000 Mark und ein Gebiet von der Größe Deutschlands verfügt. Diese Gesellschaft braucht eine Spitze, bestehend aus einem Finanzmann, einem Justizmann und einem Techniker, die zusammen das neue Königreich regieren und seine Schätze flüssig machen sollen. Ob ich der Dritte im Bunde sein wolle?

Der Herr Justitiar war der Ansicht, daß dieses Triumvirat in Berlin residieren werde und zu großen Taten in Afrika bestimmt sei. Ich entgegnete: in bezug auf zwei der Herren Mitregenten erlaube ich mir kein Urteil. Der Dritte aber, der Techniker, müsse vor allem nach Angra Pequena und das neue Deutsche Reich in allen Richtungen durchqueren. Dann erst könne er daran denken, etwas zu leisten. Dies war dem Herrn Justitiar neu, und zwar so sehr, daß wir uns zunächst nicht verstanden. Doch, hoffe ich, dämmerte es in seinem Geist. Ich dankte ihm und ging.

Dir aber, l. M., und meiner D. L. G. habe ich an jenem Nachmittag ein kleines Opfer gebracht; vielleicht ein großes. Die Aussichten, die sich mir boten, waren vielleicht eine Fata Morgana. Die Aufgabe aber wäre eine herrliche gewesen, vielleicht wert, ihr mehr als ein Menschenleben zu opfern.

Ein Trost: mit 1958 Mitgliedern in der Tasche reiste ich am folgenden Morgen nach Bonn ab.

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