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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 35
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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30.

Bonn, den 13. Februar 1885.

Ein seltener Fall: von den Vorsätzen, mit denen ich ein neues Jahr anzutreten pflege, hat sich einer bis in den Februar herübergerettet. Ich werde auch Dir von Zeit zu Zeit zeigen, daß mich das Dorngestrüpp der Alltagsarbeit nicht ganz zu ersticken vermag. Dazu half allerdings ein Monat etwas ruhigeren Treibens und die rheinische Luft, die im Winter so lau und lösend über den herrlichen Strom hinatmet wie anderwärts im Frühling. »Geh nicht an den Rhein«, wenn du nicht Nerven hast, die allen Versuchen heiteren Lebensgenusses zu trotzen vermögen. Selbst Bonn, das altkluge Bonn, erliegt diesem Einfluß zuweilen.

Buchstäblich verstanden ist die Luft Bonns zu mild für einen ehrlichen deutschen Winter. Umsonst sehnt sich die junge Welt Jahr um Jahr nach einer Eisbahn, und hundert tatendurstige Fräulein betrachten fast weinend ihre nutzlosen Eisklubkarten. Die Wiesen bei Poppelsdorf werden von den zuständigen Professoren mit lobenswerter Regelmäßigkeit überschwemmt, und vor zwei Jahren soll der einzige kühne Schlittschuhläufer wie Noahs Rabe daselbst ins Wasser gefallen sein. Endlich, im kalten Jahr des Heils 1885, wurde es ernst. Die junge Damenwelt war, wie billig, fast verrückt vor Freude und nicht mehr von den Schlittschuhen herunterzubringen; aus ihren Muffen kamen Studenten, Königshusaren und Privatdozenten nicht mehr heraus. Selbst die gewissenhafteren Konfirmandinnen schwänzten ihr junges Seelenheil wiederholt, so daß ein halbes Dutzend Väter reumütig zum gestrengen Herrn Pastor Bleibtreu wandern mußten, um ihre Früchtlein loszubitten. Denn der ernste geistliche Herr versteht keinen Spaß und wollte die kleinen schlittschuhlaufenden Christen als noch sichtlich unreif um ein Jahr zurückstellen. Zum Glück taut es jetzt, und auch das Herz eines Superintendenten dürfte schmelzen.

Man fühlt, daß der rheinische Karneval wieder naht. Die Leute sind überall in angestrengter Tätigkeit. Jede Stadt entlang dem Strom hat ihre diesjährige Narrenkappe schon erfunden und läßt sie zu Hunderten, Köln zu Tausenden anfertigen. Die Narren der verschiedenen Städte besuchen sich feierlich. Heute mittag kamen die Düsseldorfer nach Bonn, um in der Beethovenhalle fünf Stunden lang mit den Bonnern »Narrensprüche« auszutauschen. Morgen ist von drei Uhr an großes Narren-Damen-Komitee. Das geht annähernd drei Wochen lang so fort, mit Tanzen und Trinken, Singen und Jauchzen ohne irgendwelchen faßbaren Sinn. Die Narren sind Handwerker und Fabrikanten, Beamte und Gelehrte, Lumpen und anständige Leute, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts. Nachher wundert man sich über den Rückgang des Handwerks, die Stockung der Geschäfte, die miserabeln Besoldungen, bis die Frühlingsfeste beginnen und die wundervollen Rheinfahrten in blumengeschmückten Sonderdampfern in Gang kommen. Wahrhaftig, es ist ein hartes Leben in diesem notleidenden Deutschland!

Gut, daß unter der bunten Oberfläche die Arbeit weitersickert, manchmal wie von selbst, manchmal nicht ohne beträchtlichen Druck. Vierzehnhundert Mitglieder! Dabei läuft jetzt manches ermutigende Brieflein mit, das vor einem Jahr nicht möglich gewesen wäre. Ein Berliner, der wie der arme Beck bittere Erfahrungen gemacht zu haben glaubt, schreibt: »Ich gratuliere Ihnen und uns, die wir die D. L. G. gerne sich kräftig entwickeln sehen würden, dazu, daß Sie unabhängig in der Welt stehen. Denn wenn irgend jemand Ihnen irgendwelche geschäftliche Interessen an dem Unternehmen auch nur andichten könnte, so würde ich vornweg das Fiasko, an das noch immer die meisten glauben, für gesichert halten. Gott erhalte Ihnen Ihren kräftigen süddeutschen Idealismus und Sie uns Ihre Freundschaft!«

Erfreulicher ist eine andre Bemerkung, die mir aus Westpreußen zugeht. Einer der eifrigsten Werber, der sich darüber beklagt, daß ein noch eifrigerer in seinem Revier zu jagen beginne, erzählt: »Wissen Sie, was bei meinen Reden pro domo nostro am meisten durchschlägt? Wenn ich den Leuten als Beweis dafür, daß wir keine Politik treiben, mitteile, wen das Provisorium als Werber für Westpreußen aufgestellt hat; dann lacht alles hellauf. Schlagender könnte dieser Grundsatz nicht ad oculos demonstriert werden. Heine-Narkau und Oemler gehören der äußersten Rechten, Rickert und ich der deutsch-freisinnigen Partei an.« – Sie lachen, aber ich denke, Sie fangen an zu begreifen. Dann wäre das Unmögliche doch noch möglich. Dann könnte unter § 9 des Grundgesetzes der D. L. G. am Ende doch noch das Lamm neben dem Löwen weiden!

Ich muß plötzlich schließen, denn soeben erhalte ich ein Telegramm von Kiepert, der mich dringend bittet, sofort nach Berlin zu kommen. Es war meine Absicht, erst in vier Tagen aufzubrechen, um eine Sitzung unsers Ausschusses abzuhalten, in der die Kainitangelegenheit zum Abschluß kommen sollte. Nun scheint es sich um etwas andres und Neues zu handeln. Kiepert ist nicht der Mann, der seine Freunde unnötig mit dem Draht kitzelt, und ob ich meinen Koffer eine Woche früher oder später packe, macht mir heute noch so wenig Bedenken als vor zehn Jahren.

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