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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 33
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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28.

Bonn, den 29. November 1884.

Nach der tollen Geschäftsromantik der Wiener Reise ein Monat trockener, nordisch kühler Tretmühlenarbeit! Wohl möglich, daß dabei mehr herauskommt als drunten an der Donau, mit all dem Stürmen und Drängen und der warmen Begeisterung, die selbst mich fast fortgerissen hätte. Jedenfalls haben wir im laufenden Monat unser tausendstes Mitglied gewonnen, und die frohe Kunde hat in allen Richtungen die verschiedenste Wirkung hervorgebracht.

Einige jubilieren, wünschen sich und mir Glück zu meiner »unermüdlichen Tätigkeit« und ahnen nicht, wie müde ich manchmal bin. Andre schütteln den Kopf und meinen mit altkluger Miene: es könnte am Ende doch noch etwas daraus werden. Andre wieder schreiben ärgerliche Briefchen: es sei unglaublich, daß erst tausend beisammen seien; man sehe deutlich, daß in Deutschland kein Boden für Grundsätze zu finden sei, wie sie mein ausländisches, für diese Zeit der Notlage unpassendes Programm aufstelle. In den Kreisen der reinblütigen Agrarier, der Wirtschaftsreformer und der Kongreßleute wird das Widerstreben lauter und zorniger. Es ist jetzt nicht mehr mit der Sache zu spaßen, heißt es dort, man muß den irregeleiteten Berufsgenossen, die ihr Heil in den kleinlichen Mitteln der Selbsthilfe suchen, klarmachen, daß sie im Begriff stehen, die wichtigsten Interessen ihres Standes preiszugeben. Wer dies nicht einsieht, ist unser Feind oder ein Verräter. Es ist die Pflicht des Staats, uns zu retten. Alle Mann an Bord! ihm dies deutlich zu machen. Mit diesem etwas komischen Kommandoruf der landwirtschaftlichen Marine leitete vor einigen Tagen das Hauptorgan des Kongresses einen grimmigen Artikel gegen das »sogenannte« Provisorium der »sogenannten« Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft ein. Und doch erheben sich selbst in jenem Lager einzelne Stimmen, die die Möglichkeit eines Umschwungs voraussehen lassen. Ein Rittergutsbesitzer, von Below-Saleske, brachte in der jüngsten Ausschußsitzung des Kongresses deutscher Landwirte den Antrag ein: dessen Stellungnahme zu einer neugebildeten landwirtschaftlichen Vereinigung in der Hauptversammlung zur Sprache zu bringen. Der Antrag wurde einstimmig abgelehnt, aber daß er eingebracht werden konnte, hätte noch vor einem Vierteljahr niemand zu behaupten gewagt. Die Wucht von tausend Mitgliedern macht sich selbst in diesen unzugänglichen Kreisen fühlbar, und auch dort heißt es schließlich: Nothing succeeds like success.

Trotzdem kann ich nicht behaupten, daß ich in sonderlicher Siegesstimmung schreibe, obgleich wieder ein hübscher Schachzug gelungen zu sein scheint. Vor kurzem sandte ich an sämtliche Rektoren und Direktoren der landwirtschaftlichen Akademien und Hochschulen Deutschlands einen Aufruf, in dem ihre alten Schüler aufgefordert werden, der D. L. G. beizutreten. Dieses Schriftstück bat ich sie zu unterschreiben und mir die Namen und Adressen ihrer sämtlichen Schüler von 1860 bis 1880 gegen Abschreibegebühr gütigst zusenden zu wollen. Sie waren alle bereit dazu, und nur von München kam die Unterschrift des derzeitigen Rektors mit dem Bemerken zurück, daß aus derselben der eigne Beitritt des Herrn Rektors nicht herauszukonstruieren sei. Das heiße ich Vorsicht. Nun bin ich im Besitz von vielen hundert Namen akademisch gebildeter Landwirte und vermute, daß mein armer Schreiber und die Bonner Post seit etlichen Tagen meine unmenschliche Findigkeit ins Pfefferland wünschen.

Nebenher laufen Formalitäten, endlose Formalitäten! Die Gesellschaftsbildung ist im Fluß, wie sie es noch nie gewesen ist: täglich durchschnittlich fünf bis sechs neue Mitglieder, gestern fünfzehn, heute mit der ersten Post sieben; übrigens nicht mehr, als wir brauchen, um ans Ziel zu gelangen. Gesamtzahl 1145. Die daraus entstehenden Arbeiten: Eintragungen, Geldgeschäfte und so weiter lassen mir kaum Zeit zu den nötigen Briefen des Danks an die einen, der Aufmunterung, der ernsten Bitte an andre, sich ihrer Haut zu wehren. Meine wenigen hiesigen Bekannten schimpfen natürlich in unverblümter Weise: warum man mich nirgends mehr sehe, ich werde ein unausstehlicher Sonderling und dergleichen. Doch bin ich selbst noch nicht am Aus-der-Haut-Fahren. Es wäre dies zu früh.

Auch wäre es unnötig, viel Aufhebens davon zu machen. Das Aus-der-Haut-Fahren gehört zu den Bestrebungen des modernen Lebens. Habe ich dieses Ziel in Leeds schließlich nicht erreicht, und zwar mit bestem Erfolg? Ist unser Bismarck, der größte Mann des Jahrhunderts, nicht beständig nahe daran? Sind in England gegenwärtig nicht dreißigtausend Menschen damit beschäftigt, die überhaupt nur noch Haut und Knochen haben, Hungers halber. Ich habe wahrhaftig kein Recht, mich darüber zu beklagen, daß ich mich dem Normalzustand des Menschen unsrer Zeit nähere.

Dabei fallen mir die Reichstagswahlen ein, die trübseliger ausgefallen zu sein scheinen als je zuvor. An Trost fehlt es denen nicht, die mit Glanz durchgefallen sind. Es ist ein jämmerlich Ding um unser Parteiwesen, aber aller Welt Parteiwesen scheint ebenso jämmerlich zu sein. Alles, was wirklich gut und heilsam, groß und kühn ist, geht in dieser Atmosphäre zugrunde. Und doch gibt es kein erdenkliches Mittel, aus dem Dunstkreis herauszukommen; wir müssen darin wirtschaften, so gut wir können. Die Besten dürfen nicht müde werden, zu unterliegen, und können nur hoffen, daß es die Gewohnheit mit der Zeit weniger schmerzhaft machen wird. Dreimal in den letzten vier Monaten habe ich die Ehre gehabt, eine Kandidatur abzulehnen und konnte es das drittemal schon spielend tun, ohne die geringsten Gewissensskrupel zu empfinden.

Etwas schwerer wurde mir, nein zu sagen, als mir vor drei Wochen die Direktorstelle einer großen Maschinenfabrik angetragen wurde. Es zog mich mächtig nach meinen alten Schmiedefeuern und Maschinen zurück. Aber wie sollte ich mich aus den Verpflichtungen herauswinden, die ich mir wie Stricke um den Hals gelegt habe? Denn die ich rief, die Geister, die werd´ ich nicht mehr los, schon jetzt. Auch ist es nicht gut, sich in Lebensfragen wie ein Rohr vom Winde bewegen zu lassen. Manchmal allerdings finde ich es unbehaglich, in meinen Jahren nichts mehr zu verdienen als den Undank der Mit- und Nachwelt. Den prophezeit mir nämlich Hauptmann Beck, der Erfinder des »gemeinsamen Kainitbezugs aller deutschen Landwirte«, aus bitterer Erfahrung, wie er sagt. Dann aber muß ich mir wieder die Frage vorlegen: wozu Schätze sammeln, die Rost und Motten fressen? Hätte ich Weib und Kind, so wäre es ja etwas andres. Dann fühlte ich wie jeder richtig veranlagte Familienvater die Verpflichtung, soviel als möglich zusammenzuscharren, um meine Sprößlinge körperlich und geistig so rasch als möglich zugrunde zu richten. Da ich solche aber wissentlich nicht besitze, brauche ich mir doch wohl eingebildete Pflichten nicht zum Zeitvertreib aufzuladen.

Um mit dem vorigen Brief aufzuräumen: Mein Bericht für den Donauverein hat gezündet. Ich bekam ihn gestern zurück, prachtvoll gedruckt, die Zeichnungen gestochen, begleitet von der Ernennung zum Ehrenmitglied des besagten Vereins. Der dankbare Zweigverein zu Ulm verehrte mir ein ganzes Schiff, das in der Seestadt Geislingen erst kürzlich vom Stapel gelaufen war, mit Blumen gefüllt bis zur halben Masthöhe und von einem Amor gesteuert. Der armen Donau wird das freilich nicht viel helfen. Sie liegt in allzu festen Ketten, die mit dem Kunstgewerbe nichts zu tun haben.

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