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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 31
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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27.

Bonn, den 18. September 1884.

»Taten, Taten!« – Immer ungeduldiger stellen sich meine nordischen Freunde. Als ich aber daran ging, die erste Tat einzuleiten, die nicht ganz in ihrem Berliner Fahrwasser lag, liefen sie mir alle mit einer wahrhaft komischen Behendigkeit davon, voran der lauteste Rufer im Streite, auf den ich mein ganzes Vertrauen gesetzt hatte, mein lieber, guter, wohlmeinender Kiepert.

Die erste Anregung kam aus Württemberg. Das muß man den Schwaben lassen: sie haben Gedanken. Allerdings ist ihnen gleichgültig, was später aus denselben wird. Sie legen ihre stillen Eier bald da, bald dorthin, gackern ein wenig und entfernen sich dann erleichtert und befriedigt. Ob sie jemand ausbrütet oder nicht, scheint ihnen keine Sorge zu machen.

Im Oktober wird in München eine allgemeine deutsche Molkereiausstellung abgehalten. Weniger der Milch als des Bieres wegen geht jedermann gerne nach München, so daß man darauf rechnen kann, bei dieser Veranlassung eine große Zahl von Landwirten aus ganz Deutschland beisammen zu finden. Der Vorschlag, sie zu einer Versammlung einzuladen, in der der neue Glaube an eine allgemein deutsche Landwirtschaftsgesellschaft verkündet würde, ist deshalb durchaus vernünftig. Jedermann im Norden war von dem Plan begeistert, nur aus Bayern erhielt ich warnende Briefe: ich möchte doch recht vorsichtig sein. Die leitenden bayrischen Kreise stünden der Sache kühl bis ans Herz gegenüber. Bayern sei noch nicht reif für einen derartigen Schritt. Man könne nicht wissen wie ein zu rasches Vorgehen aufgenommen würde. – Das allerdings wußte auch ich.

Zunächst mußte für einige Paradereden gesorgt werden. Ich war im Vollbewußtsein geringen Könnens natürlich bereit, mein Äußerstes zu tun. Aber ich brauchte weitere Redner, und bereits hatte die Angst vor einer wirklichen Tat – denn das war sie unter den eigentümlichen Umständen – ihren Weg auch durch den Norden angetreten. Wo ich anklopfte, erhielt ich die liebenswürdigsten Absagen, welche durch einen Brief aus Bayern gekrönt wurden, der gegen jeden norddeutschen Redner, als den unglückseligsten aller Gedanken, feierlich Widerspruch erhob. So schrieb ich denn an meine Ausschußmitglieder wehmütig: daß wegen vorläufig unüberwindlicher Hindernisse die geplante Versammlung in München nicht stattfinde. Der wahre Grund des Nichtzustandekommens sei die Teilnahmlosigkeit, welche unsern Bestrebungen in Bayern zurzeit noch begegnete, so daß es nicht möglich gewesen sei, die für eine solche Versammlung durchaus notwendigen Redner zu finden. Ähnliche Schwierigkeiten, schloß ich mit sauer-süßer Tinte, werden da und dort auftreten und dürfen uns in der Hoffnung nicht irre machen, eine allgemeine Vereinigung deutscher Landwirte auf fester Grundlage aufzubauen.

Fast umgehend erhielt ich zwei hocherfreuliche Verwahrungen gegen dieses Schreiben; die eine von Herrn von Oehlschlägel, dem Präsidenten des Kulturrats von Sachsen, die andre von einem mannhaften, wirklichen Bayern, Freiherrn von Thüngen-Thüngen.

Damit begann ich meine Vorbereitungen aufs neue und bin mit denselben nahezu zu Ende. Am 3. Oktober wird die Versammlung stattfinden, und wenn die Welt voll Teufel wär'. Oehlschlägel, Thüngen und ich werden sprechen. Ob uns jemand zuhören wird, ist gleichgültig. So muß eine gute Sache ins Leben treten, wenn aus ihr etwas werden soll. Neugierig bin ich allerdings, ob man uns in München aus unserm eignen Saal hinaus und ohne Unfall die Treppe hinunter befördern wird. Die Bayern sind so außerordentlich ehrliche Menschen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Einige unsrer nordischen Freunde wollen das Hasenpanier nicht verlassen, um das sie sich geschart haben. Sie fürchten, die Bayern könnten doch am Ende glauben, wir wollten sie landwirtschaftlich in einen großen, nicht bayrischen Vereinssack stecken. Dann wäre nicht abzusehen, was aus unsrer Versammlung werden würde. Ich verkündige deshalb jetzt schon laut und überall, daß wir überhaupt keinen Sack besitzen; höchstens ein Füllhorn, derzeit noch leer, mit dem wir jedermann reich und glücklich zu machen hoffen.

Nebenher läuft natürlich alles mögliche andre, als schlimmstes Item der wachsende Briefwechsel, der nach allen Seiten hin neue Schößlinge ansetzt. Briefe voller Lob, Briefe mit wenig verschleiertem Tadel, Briefe, denen nichts schnell genug geht, Briefe, die zur größten Vorsicht mahnen. Durch alle aber geht ein heimlicher Grundzug: »Sie sind ein kurioser Kerl. Machen Sie in Gottes Namen, was Sie wollen, es wird doch nichts daraus. Wir sind einmal so. Aber es ist recht nett von ihnen, wenn – ja, wenn nicht etwas dahinter steckt, das wir noch nicht merken.«

Immer bedenklicher schüttelst Du den Kopf und fragst Dich und mich: Was nutzt nun dies alles?

Etwas tun muß der Mensch glücklicherweise. Er mag aber tun, was er will – geht es über die schlichteste Arbeit mit Händen und Füßen hinaus, die ihn mit einem guten Appetit lohnt, so hängt ihm der Pessimismus unsrer Zeit ein paar Bleigewichte an die Beine. Denke Dir, was Du willst: eine Fabrik zur systematischen Ausbeutung von dreitausend Arbeitern, eine soziale Wohltätigkeitsanstalt zu ihrer Rettung, die Erziehung von Musterstaatsbürgern für unsern deutschen Musterstaat oder die Gründung einer Kolonie am Kongo, die Kettenschiffahrt auf der Donau oder die Seiltauerei im Suezkanal –: solange eine derartige Aufgabe in ihren Kinderschuhen steckt, kann man sich gelegentlich der Frage kaum erwehren: Wozu? Das haben wir von unsrer Überbildung und Einbildung und unsern verfluchten Ansprüchen, die uns nicht mehr gestatten wollen, im Frieden zu sein, was wir sind: Tropfen im Meer des Alls.

Ein Bonner Professor – keiner der blöderen – meinte kürzlich mit einem Seufzer, nachdem er auseinandergesetzt hatte, daß ich ein fast unzurechnungsfähiger Phantast sein müsse, mich für andre zu quälen: »Wissen Sie, was ich gern tun würde, wenn ich nicht an Weib und Kind zu denken hätte? Hufnägel schmieden, den ganzen Tag Hufnägel schmieden! Ich glaube, das würde mich glücklich machen.« Aber selbst mein Professor, der sich den Luxus des Hufnägelschmiedens nicht erlauben kann, würde zweifellos nach ein paar Wochen von dem teuflischen Gedanken gequält werden: Wozu? Soll ich etwa auch hingehen und versuchen, an der Seite meines gelehrten Freundes Hufnägel zu schmieden?

Davon komme ich her.

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