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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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Einleitung

Wie ich zur Meisterschaft kam.

Zünftig ging es dabei nicht zu. Im Gegenteil. Ich war von jeher eine Art erratischer Block gewesen und setzte mich, wo das Treibeis des Lebens mich hingeführt hatte. Das aber geschah mit einer gewissen Energie, so daß man es nach einiger Zeit für selbstverständlich ansah, mich liegen zu sehen, wo ich saß. – Manche alten Zünftler haben den Kopf geschüttelt: ich gehöre gar nicht zum Handwerk! Aber sie gaben zu, daß in ungeordneten Zeitläuften, wie die unsern, auch einer von außen der Zunft von Nutzen sein könnte, und ließen mich schließlich gewähren. Mir selber lag am Meistertitel nichts. Auch das trug dazu bei, daß sie mir nicht allzu böse wurden.

Doch zur Sache!

In wanderlustigen Lehrjahren und vielleicht allzu lehrhaften Wanderjahren blieb mir eins versagt, nach dem ich mich heimlich sehnte: einen Schiffbruch zu erleben. Niemals aber war mir so sehr zu Mut, als ob mir ein gütiges Geschick auch diesen Genuß gewährt hätte, als am 30. April 1882, eine Viertelstunde nachdem ich den Hammer meines Monteurs in eine Ecke geworfen hatte, ich die Kellertreppe heraufgestürmt war und nun schon seit zehn Minuten über die prächtigen Gartenanlagen des Kristallpalastes von Sydenham wegsah, ohne sie zu sehen. Das rote, blaue und grüne Buschwerk aus allen Zonen der Erde, die spiegelnden Teiche, an deren Ufer monumentale vorsintflutliche Tiere weiden, waren wie ausgelöscht. Ich starrte in das bewegte Gewölk am Horizont und sah ein halb zertrümmertes Wrack mit gebrochenen Masten und wirrem Takelwerk, festgerammt zwischen Klippen, auf der Seite liegend, in der tosenden Brandung. Ich selbst fühlte mich ans Land gespült, spärlich bekleidet, auch sonst übel zugerichtet, und klammerte mich an einen Felsen, den die schon halb beruhigten Wogen von Zeit zu Zeit noch überfluteten. Kaum konnte ich durch die triefenden Haare sehen, daß das rettende Eiland nicht ganz kahl und braun war. Ja, auf benachbarten Hügeln glänzte ein goldgrüner Streifen; denn die böse Nacht war vorüber und die Morgensonne brach durch zerrissene Wolkenfetzen.

Man steht wunderliche Dinge, wenn das Blut in Wallung ist, und das war mein Fall. Als ich eine Stunde später, noch immer über die Teiche und die vorsintflutlichen Tiere hinstarrend, bildlich gesprochen, an den glitschenden Steinen meines Eilands hinaufgekrochen war und, im Grase liegend, mich von der Sonne bescheinen und leicht anwärmen ließ, wurde ich ruhiger und fing an, zu überlegen, wo ich war und was zu tun übrig blieb.

Und da merkte ich, daß es doch kein eigentlicher Schiffbruch gewesen sein konnte, daß alle Knochen noch heil waren, und daß es nun galt, sie in der neuen Umgebung zu gebrauchen.

Denn mit dem alten Frachtdampfer, auf dem ich bis heute gedient hatte, war es aus für immer. Der Entschluß war gefaßt. Ganz ruhig war ich allerdings noch nicht – das bewiesen die Seebilder, die nicht schwinden wollten –, aber entschlossen genug.

Wie das alles gekommen war, habe ich im zweiten Band dieser Skizzen aus dem Strom unsrer Zeit hinlänglich angedeutet. Doch lohnt es sich, als Einleitung zum folgenden, die Erinnerung an den Tag aufzufrischen, der für die nächsten fünfzehn Jahre mein Leben, mit allem, was es an Arbeit und Freuden brachte, bestimmt hat. Denn an jenem Tag wurde die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft geboren: nicht ohne Schmerzen, aber fast ohne daß ich es wußte.

Wir – unter wir war damals in vertraulichen Geschäftsstunden die Firma John Fowler & Cie. zu verstehen – wir hatten im Kristallpalast zu Sydenham Dampfmaschinen aufgestellt, welche in dem Riesenbau Kraft und Licht für Kunst, Volksbelustigungen und Wissenschaft zu liefern bestimmt waren. Dort rief man, wie seinerzeit Goethe, nur mit größerer Berechtigung, nach »mehr Licht«, und ich sollte, wie manchmal in den letzten Jahren, die Fehler gutmachen, welche in dem zu jener Zeit etwas wirren Fabrikbetrieb begangen worden waren. Die Aufgabe war nicht schwierig, doch mußte das Notwendige geschehen. Dreimal hatte ich die erforderlichen Bestellungen erneuert und war nun zum viertenmal nach Sydenham gekommen, nur um feststellen zu können, daß irgendeine Nachlässigkeit der Fabrikleitung in Leeds die nötigen Änderungen unmöglich machte. Diesmal fehlte der Monteur, der auf dem Weg von Leeds nach London telegraphisch nach einer andern Richtung verschickt worden war. Als mir dies im Telegraphenamt des Kristallpalastes nach und nach deutlich wurde, verlor ich die Geduld, warf den schuldlosen Hammer des unschuldigen Mannes in die Kellerecke und so weiter.

Was zu dieser Katastrophe und zu dem darauffolgenden »Und so weiter« geführt hat, braucht hier nicht näher berührt zu werden. Kurz gefügt war es die alte Geschichte vom Kamel, welches unter dem letzten Strohhalm, den ihm ein unerfreuliches Geschick auf den Rücken legt, zusammenbricht. Manchmal ist es gut, wenn der Mensch die Geduld verliert. Sie hatte mich in den letzten Zeiten gedrückt wie ein Mühlstein. Erleichtert fuhr ich eine Stunde später nach London, um das Weitere zu regeln.

Es war rasch geschehen. Robert Fowler, ein Mann von wundervoller Ruhe in allen Lebenslagen, der mir zwanzig Jahre lang ein wohlwollender Freund und Meister gewesen, bemerkte sofort, daß ich entschlossen war, und sah namentlich auch, daß die Verhältnisse meinen Entschluß rechtfertigen. »Nehmen Sie sich Zeit,« sagte er mit einem Händedruck. »Machen Sie in Leeds fertig, was Ihrer Mitarbeit dringend bedarf. Bleiben Sie dann, solang Sie wollen und gehen Sie, wann Sie wollen. Wir sehen uns nicht zum letztenmal.«

Wir sahen uns aber doch nahezu zum letztenmal. Denn wenige Jahre später starb Robert Fowler, der letzte der Generation der Fowlers, die die Dampfkultur in allen fünf Weltteilen eingebürgert hat.

Noch in der Nacht desselben Tags fuhr ich nach Leeds, um auch dort alles so rasch als tunlich zu ordnen. Es war eine echt englische Frühlingssturmnacht, die zu meiner Stimmung vortrefflich paßte. Regentropfen klatschten von Zeit zu Zeit gegen die Wagenfenster wie Hagelkörner. Dann schien wieder der Mond über die flache, triefende Landschaft von Bedfordshire und Huntington. Als wir uns den Fabrikbezirken des Nordens näherten, wurde es stiller. Die ganze Welt lag in dickem, braunem Nebel, daß man kaum den Kopf des Schaffners vor den Fensterscheiben erkennen konnte. Ich war allein in einem behaglichen Abteil des fliegenden Schotten, wie man den Nachtexpreßzug der Great Northern nennt, und überlegte.

Bis Juli wollte ich im Dienst bleiben und zu Ende führen, soweit dies möglich war, was ich zurzeit in Händen hatte. Das konnte die Fabrik verlangen, selbst wenn mich kein Vertrag gebunden hätte. Auch sicherte der 1. Juli äußerlich einen geordneten Abgang, an dem mir nach einundzwanzig Jahren geordneter Arbeit aus deutsch-sentimentalen Gründen gelegen war. Ich wollte in Frieden gehen.

Dann aber – dann?

Zum erstenmal wurde mir heute etwas bange. Was sollte ich treiben? Was sollte an die Stelle dieses Lebens voller Bewegung treten, wenn alles, was mir zu langjähriger Gewohnheit geworden war, mit einem Schlage stille stand? Dazu klatschte der Regen mit doppelter Wut an das raffelnde Fenster, aus dem die pechschwarze Nacht mich fragend anstarrte.

Äußerlich war ja die Sache nicht bedenklich. Ich hatte in bescheidenen Grenzen genügend »Geld gemacht«, um leben zu können, wie ich es gewohnt war, und noch einiges übrig zu haben. Kostspielige Passionen gewöhnt man sich hinter einem Dampfpflug nicht an. Aber in einem Punkte war ich anspruchsvoll geworden. Arbeit und Bewegung mußte ich haben, koste es, was es wolle.

Zurück nach Deutschland, zurück in die Heimat, das stand fest. Dreimal sieben Jahre hatte ich der Fremde gedient und war zu Hause selbst fremd geworden. Das sollte und mußte anders werden. Denn ein Deutscher mitten unter meinen englischen Freunden war ich geblieben, und als Deutscher wollte ich sterben.

Aber was tun? In eine Maschinenfabrik eintreten? Sie waren auch in Deutschland herrlich herangewachsen und mußten weiter wachsen, das war klar. Dabei konnte es an Arbeit und Bewegung nicht fehlen, und es war mein Beruf, der mich noch immer mit jugendlicher Tatenlust erfüllte. Aber, für heute nacht wenigstens, hatte ich genug gedient – übergenug.

Eine eigne Fabrik gründen? War ich nicht zu alt dazu? Wußte ich nicht zu viel davon? Wozu mir die Sorgen eines solchen Unternehmens aufladen, bloß um Sorgen zu haben, und, wenn ich Glück hätte, jährlich so und so viel tausend Mark auf die Seite zu legen, die ich nicht brauchte?

Als sechzehnjähriger Junge hatte ich manchmal davon geträumt, Schriftsteller zu werden; natürlich ein großer Schriftsteller; ähnlich, wie ich als Sechsjähriger Kutscher und als Zwölfjähriger General oder Revolutionär und Volksbefreier zu werden gedachte. Ich hatte keine Ahnung davon, wie dies anzugreifen sei; aber das werde schon von selbst kommen, dachte ich, und hub an, mein erstes und letztes Trauerspiel zu schreiben. Es kam zum Glück nicht. Mittlerweile hatte ich manches erlebt und viel gesehen. Einige Jahre lang könnte dies eine Feder behaglich im Gang erhalten. Aber war das ein Leben?!

Der Mond brach jetzt aus den Wolken und versilberte das stille ländliche Grantham. Ich kannte die Gegend wohl, denn es arbeiteten über zwanzig Dampfpflüge in der Nachbarschaft. Da fuhr mir plötzlich, zum zweitenmal heute, ein Gedanke durch den Kopf, wie ein Blitz – nein, schon etwas ruhiger – wie ein Mondstrahl. In den Kellern des Kristallpalasts zu Sydenham hatte er etwas Elektrisches. Nun, zurückgelehnt in die Kissen meines Abteils, das einförmige Brausen der achtundvierzig Räder des »fliegenden Schotten« in den Ohren, begann ich, ihn auszumalen.

Schon mehr als zehnmal, in früheren Jahren, war ich demselben Gedanken begegnet, wie einer nebelhaften Möglichkeit, die mich nichts anging. Wer weiß, er konnte jetzt seine Bedeutung gewinnen!

Auf einer der letzten Jahresausstellungen der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft von England war er mir von außen sogar ziemlich nahe getreten, aber ich dachte nicht daran, etwas andres daraus zu machen, als ihn wegzulachen. Ich hatte dort das Vergnügen, den Direktor der Eckertschen Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen zu Berlin, einen Domänenpächter aus der Provinz Sachsen, einen Gutsbesitzer aus Schwaben und einen Professor aus Halle zu geleiten und mich an ihrem Staunen über die gewaltige Schaustellung der englischen Landwirtschaft zu ergötzen.

»Ah,« seufzte Zeitschel, der Direktor, nachdem ich die Herren etlichemal über die fünf Hektar geführt hatte, welche mit englischen und amerikanischen Maschinen bedeckt waren; »so etwas bringen wir eben in Deutschland nicht zusammen.«

»Und dieses Vieh, diese Schweine!« rief der Gutsbesitzer aus Schwaben entzückt.

»Und diese Preise!« stöhnte der Sachse, der am selben Nachmittag einen Zuchteber gekauft hatte. »Na, wir sind in diesem und jenem nicht zurück. Ich wette, daß wir bei mir zu Haus besser pflügen als die Engländer mit all ihrem Dampf, und von Chemie haben sie keine Ahnung. Aber was uns fehlt –: wir sind außerstand, der Welt ein solches Bild zu zeigen; dazu gehört Zusammenwirken, Einheit.«

»Und ein Wille,« meinte ich.

»Wo wollt ihr das alles herbekommen?« fragte der Professor. »Wenn zwei von euch Herren beisammen sind, so hat man mit drei verschiedenen Ansichten zu kämpfen.«

»Und wenn ein Professor dazukommt, bringt er selbst zwei mit,« lachte der Sachse. »Solche Veranstaltungen sind in Deutschland eben unmöglich, wenn sie die Regierung nicht in die Hand nimmt, und wenn sie's tut, macht sie pyramidale Dummheiten.«

»Dazu braucht ihr die Regierung nicht einmal,« fuhr der Professor fort. »Was nicht alles auf der Internationalen Ausstellung zu Hamburg geleistet wurde! Erinnern Sie sich des Preisgerichts über Dampfpflüge, Herr Direktor? Da waren drei verschiedene Systeme aus England herübergekommen: Fowler, Howard und Thompson. Thompsons Pflug, eine Abart von Howards, wurde von einem jungen Deutschen geleitet, arbeitete vortrefflich und hatte den Vorteil, daß man mit seinem Leiter sprechen konnte. Der verstand das Sprechen überdies aus dem Grund. Als nun die Richter entscheiden sollten, wie die zwei ausgesetzten Preise zu verteilen seien, war die Not groß. Drei Stunden lang stritten sie sich gewissenhaft, zum Haarausraufen, bis endlich mein Kollege aus Hannover, Professor Riehlmann, aufstand und also sprach: ›Wenn wir ehrlich sein wollen, so muß zugegeben werden, daß wir alle vom Dampfpflügen nichts verstehen. Die meisten von uns sehen den Dampfpflug heute zum erstenmal. Nun finde ich – ich schreibe nämlich ein Buch über Dampfkultur – daß es in England Sitte ist, Fowler den ersten und Howard den zweiten Preis zu geben. Wir haben zum Glück eine bronzene Denkmünze, die in der Geflügelabteilung übrig geblieben ist. Die bekommt Thompson. Auf diese Weise können wir nicht fehlgehen. Ich schlage vor, daß wir uns sodann zu einem Glas Bier verfügen. – Und so geschah's.«

Auch wir schlossen uns jetzt dem letzten Teil des Riehlmannschen Gedankens an.

»'s ist ein Jammer!« begann der Schwabe wieder. »Nicht, weil wir nichts leisten, weil wir nichts zu zeigen wissen, sieht man uns überall, auch im eignen Land, über die Schulter an. Aber mit unsern vier Himmelsstrichen – wie wollen Sie die unter einen Hut bringen? Gott besser's!«

»Für so ganz aussichtslos würde ich einen Versuch nicht halten,« meinte Professor Perels, denn er war kein waschechter Deutscher. Dabei wies er auf die beiden Landwirte, die zum Erstaunen der benachbarten Engländer die Biergläser herzhaft aneinander stießen. »Sie sehen, es gibt noch Mittel, Nord und Süd zu gemeinsamem Handeln zu bewegen.« –

Das kleine Erlebnis ging mir zwischen Wakefield und Leeds immer und immer wieder durch den Kopf, der fast so heiß wurde wie am Vormittag in den Kellern des Kristallpalasts. Das wäre eine Aufgabe, an die man mit Anstand Zeit und Kraft rücken könnte! Wenn ihre Lösung gelänge, auch nur annähernd wie in England, und wenn sie den deutschen Norden und Süden um ein Schrittchen näher zusammenführte: bei Gott, das wäre ein Leben wert!

Mit einem Stoß hielt der Zug. »Na, na!« sagte ich halblaut, denn ich war noch immer allein. »Menschenopfer sind nicht mehr Brauch, und das Leben wird es nicht kosten. Aber versucht soll es werden; das ist beschlossene Sache.«

Einer der Geschäftsteilhaber Fowlers, Mr. Eddison, der aus einer landwirtschaftlichen Familie stammt, besaß sämtliche Bände der Jahrbücher der englischen Landwirtschaftsgesellschaft, die mit dem Jahr 1840 beginnen. Am folgenden Abend war die Hälfte derselben bereits in meiner Wohnung, und täglich saß ich von jetzt an hinter den verstaubten Bänden, zu einer Stunde, in der im zivilisierten England nur die Tiere des Waldes ihr Lager verlassen. Ich hoffte zu ergründen, auf welche Weise es den Engländern gelungen war, eine Gesellschaft von der Lebenskraft der Royal Agricultural Society of England zu schaffen und zu erhalten.

Es schien einfach genug. Da war um 1836 ein alter Herr Pusey, der ein Komitee zusammenrief und ihm mitteilte, daß eine landwirtschaftliche Gesellschaft in England nötig und nützlich sei. Die Schotten hätten die ihre schon; auch in Deutschland sei ähnliches im Werk. Eine Abordnung wurde tatsächlich nach Deutschland geschickt, um nachzusehen, ob dem so sei. Erstaunt kamen die Herren von einer der ersten Wanderversammlungen der deutschen Land- und Forstwirte zurück. Sie hatten zwar von den Verhandlungen nichts verstanden, waren aber von dem Strom der Reden, von dem unerschöpflichen Wissen, das sich drei Tage lang über die andächtig Versammelten ergoß, tief ergriffen. Etwas derart müsse auch in England geschaffen werden, wo es an beredtem Wissen sichtlich fehle. Allerdings erscheine der Stand der Felder, die Zucht von Pferden und Rindern, namentlich aber auch das deutsche Schwein von diesem Strom des Wissens noch wenig berührt. Es empfehle sich deshalb, zum Wahlspruch der englischen Gesellschaft nicht etwa »Science« allein, sondern »Science and Practice«, Wissenschaft und Praxis, zu machen. Denn schließlich wolle von dem vielen Wissen das Vieh u.s.w. doch auch etwas haben. Und damit wandte sich das Komitee an die Landwirte Englands und hatte im Handumdrehen Herzöge und Earls, Lords und Ladies und zweitausend gemeine Mitglieder um sich geschart, mit denen im klassischen Oxford, wohl der Wissenschaft wegen, und im nächsten Jahr zu Cambridge die ersten Wanderversammlungen abgehalten wurden.

Schon an diese ersten Versammlungen schloß sich eine kleine Ausstellung, und nach wenigen Jahren waren die Versammlungen leer, die Schauen aber wuchsen und wuchsen, und fast die ganze Lebenskraft der Gesellschaft warf sich auf den Ausstellungsplatz, wo die englische Landwirtschaft in Taten sprach, sich durch stumme oder auch brüllende, blökende und grunzende Beispiele belehrte, und für Shorthorns und Lokomobilen schwärmte. Es hat eben jedes Volk seine Art, groß zu werden, und es ist aussichtslos, ihm eine andre aufzudrücken.

Ich hatte mich nie zuvor um die Geschichte der Gesellschaft gekümmert, obgleich sie unsern Dampfpflügen in ihrer Entstehungszeit unberechenbar viel genutzt hat. Die Ausstellungen und Prüfungen kamen alljährlich, wie die Jahreszeiten mit ihrem Regen und Sonnenschein. Man ließ sich anscheinen und anregnen und dachte nicht viel dabei. Nun aber ging mir mit jedem neuen Morgen ein neues Licht auf, und ich wurde ordentlich warm bei dem phantastischen Gedanken, etwas Ähnliches für mein Vaterland schaffen zu dürfen. Ich hatte allerdings noch keine Ahnung davon, wie dies anzugreifen wäre und wußte nur, daß Leute, die die dortigen Verhältnisse kannten, mir vorgeseufzt hatten: an etwas Derartiges sei »bei uns« eben nicht zu denken.

Warum? – Auch das wußte ich nicht, denn die Gründe, die mir angegeben wurden, erschienen mir so töricht und kindisch für ein großes Volk, daß ich sie nicht ernst nehmen konnte. Ich hatte zu lang im Ausland gelebt und mußte sie erst verstehen lernen; später.

Als ich mich ungefähr zur Hälfte durch die zweiundvierzig Doppelbände durchgearbeitet hatte – denn ich war doch ein guter Deutscher geblieben – schrieb ich an Seine Hochwohlgeboren, den Geheimen Regierungsrat Professor Dr. Dünkelberg, Vorstand der Kgl. Preußischen Landwirtschaftlichen Akademie zu Poppelsdorf bei Bonn, dem ich etliche Jahre zuvor in England begegnet war. Als ich diesen schönen Titel zweimal, im Innern und auf dem Umschlag des Briefes, niedergeschrieben hatte, traten mir die ersten Schweißtropfen auf die Stirne, die mich die ganze Angelegenheit gekostet hat. Beim Vergleich mit dem Titel, der dem damals ersten Mann Englands, Mr. Gladstone, zustand, nämlich »Mr.«, »Mister«, ohne jede weitere Zutaten, wurde mir sogar etwas bange. Doch erklärte ich Seiner Hochwohlgeboren u.s.w. schließlich mutig, was ich im Schilde führe, und daß ich vorläufig in Bonn zu wohnen gedenke, um vor allen Dingen die deutschen Verhältnisse genauer kennen zu lernen. Denn erstens liege Bonn am Rhein, vor dem man in verführerischer Weise gewarnt werde (siehe: »Zieh nicht an den Rhein« u.s.w.), zweitens bei Poppelsdorf, wo eine Quelle landwirtschaftlichen Wissens sprudle, von deren Brunnenmeister ich viel Gutes erwarte, und drittens sei es schließlich gleichgültig, wo der Mensch sitze, der nichts wünsche, als über sich und andre nachzudenken. Ich hatte einen vierten Grund, den ich als verfrüht noch für mich behielt. Die Antwort kam umgehend auf vier engbeschriebenen Seiten. Auf der ersten erklärte sich mein Freund und Gönner hocherfreut über meinen kühnen Entschluß und meine Absicht, demselben in Bonn näher zu treten, die drei übrigen waren väterliche Warnungen, mir die Sache doch ja nicht zu leicht vorzustellen, an der sich schon andre – er sagte nicht, bessere Männer als ich, aber dachte es – die Hörner abgestoßen hätten. Noch viel mehr stand zwischen den Zeilen, war wohlgemeint, aber nicht ermutigend.

Ich legte den Brief zum ewigen Andenken in mein fliegendes Archiv und begann die zweite Hälfte der zweiundvierzig Bände der Royal Agricultural Society of England zu studieren, mit denen ich drei Tage vor dem 1. Juli 1882 fertig wurde, an welchem Tag ich Leeds verließ. Während dieser Wochen reifte mein Plan wenigstens so weit, als es die Nebel von Yorkshire zuließen. Daß alles so glatt nicht gehen werde, wie es in England gegangen war, schien zunächst einleuchtend. Dort war jedermann daran gewöhnt, sich selbst zu helfen, wo er Hilfe für nötig hielt; wenn er ein Ziel vor sich sah, ging er darauf los, ohne nach rechts und links zu sehen, bis er es erreicht hatte. Das friedliche Zusammenarbeiten von Leuten, die in andern Lebensbeziehungen weit auseinandergehen mochten, das gegenseitige Entgegenkommen in unwichtigen Dingen, das Festhalten am Wesentlichen und eine glückliche Unterscheidungsgabe für Wesentliches und Unwesentliches, all das schien im Blut und in der Erziehung des Volks zu liegen. Auf dem Gebiet, um das es sich handelte, gab eine reiche und unabhängige Aristokratie den Ton an, die mit reger Teilnahme für ihren Grundbesitz eintrat. Die Liebe zum Land, zu den Tieren war selbst außer diesen Kreisen den Leuten angeboren. Die Bahn für eine große landwirtschaftliche Gesellschaft war frei, das Gefühl ihrer Notwendigkeit leicht zu wecken, die Mittel, sie zu erhalten, eine kaum nennenswerte Kleinigkeit für diese Kreise. Es galt nur, das Trägheitsmoment der Masse zu überwinden; dann mußte das Boot in Bewegung geraten.

Konnte ich, fünfundvierzig Jahre später, unter grundverschiedenen Verhältnissen, die mir übrigens völlig unbekannt waren, auch nur annähernd auf ähnlich fördernde Elemente rechnen?

Nein! Mit jedem Tag wurde mir so viel klarer.

Es war ein tolles Experiment, dem ich entgegenging. Aber warum sollte ich es nicht machen? Mißlang es, so brauchte ja niemand dabei zu verunglücken, und ich war um eine Erfahrung reicher. Nach fünfundzwanzig Jahren harter Arbeit konnte ich mir erlauben, ein wenig zu spielen. Ich brauchte Ruhe, wollte mich sammeln, mich selber finden, anstatt beständig andern nachzulaufen. Die Hälfte der Zeit von drei Jahren durfte ich mit gutem Gewissen daran rücken. Gelang das Experiment, wurde es ernst mit dem Spiel, um so besser. Dann waren andre da, die Sache weiterzuführen. Nur eins wollte ich festhalten durch dick und dünn: für mich sollte es ein Experiment sein und bleiben; es sollte mich nicht ärgern, ob die Mischung, die ich anzurühren gedachte, eine rote oder blaue Farbe annehme oder gar als farbloses Gas verduftete. Meine Freiheit, vor allem die des Geistes, wollte ich mir wahren. Das war der einzige Gedanke, der feststand, als ich England verließ.

Ein kleines Zwischenspiel, das nun folgte, will ich nicht übergehen. Es gehört zur Einleitung, obgleich es einem der ersten Briefe entnommen ist, die ich wieder in Deutschland schrieb, und die den Hauptinhalt dieses Bandes bilden sollen.

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