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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 28
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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24.

Berlin, den 20. Mai 1884.

Kecke Vorstöße und ärgerliche Rückschläge, Hoffnungen und Enttäuschungen in raschem Wechsel, Geburtstage und Todestage – alles, was dem 14. Mai, dem Gründungstag des Provisoriums, voranging, kommt mir heute vor wie das Rascheln welker Blätter, die der Wind durch einen Wald treibt, in dem die Maikätzchen aus ihren Hüllen springen. Lohnt es sich, dem dürren Zeug nachzulaufen? Es wird mir noch manchmal über den Weg huschen. Heute mag es flattern, wohin es will. Ich beginne mit den Frühlingstagen; stürmisch genug waren auch sie.

Am 11. Mai kam ich hier an, ein wandelndes Bureau, ein zum Platzen gefüllter Aktendeckel, aber entschlossen, der papierenen Welt, die ich mühevoll aufgebaut hatte, Leben einzublasen. Meine sämtlichen Berliner Freunde fand ich in fieberhafter Tätigkeit, nicht mit meinen hochwichtigen Angelegenheiten, sondern mit ihrer – wie es ihnen schien – weit wichtigeren Mastviehausstellung, einer Veranstaltung, die alljährlich die landwirtschaftlichen Kreise um Berlin, vor allem die Herren vom Klub der Landwirte in Bewegung setzt.

Wie ganz anders, nebenbei bemerkt, die echten Berliner doch sind, als wir im Süden sie uns vorstellen. Umsonst suche ich den großmäuligen Windbeutel, den verhaßten Berliner des Schwaben, um auch ihn für den Reichsverein anzuwerben. Denn der »echte« Berliner sollte nicht fehlen: man glaubt uns sonst nicht, draußen im Reich.

Mit Mühe fand ich meine Leute, bald in einem fliegenden Bureau, bald in einem Café, bald zwischen den langen Reihen überfetter Ochsen auf dem neuen Schlachthof, und war nicht ohne Besorgnis, ob nicht alle die für den folgenden Tag um zwölf Uhr angesetzte Sitzung bis dahin vergessen würden. Sie sahen so liebenswürdig zerstreut aus. Aber sie kamen schaffensfreudig und kampfesmutig; das letztere nur zu sehr für das zarte Pflänzchen, das ich ihrer Pflege anzuvertrauen hatte.

Eine Schilderung des Verlaufs der Sitzung wirst Du mir erlassen. Wenn Du den amtlichen Bericht über dieselbe durchsiehst, wird sie Dir von genügender Langweile erscheinen, und Du wirst nicht begreifen, daß sie für mich bis zum Zerspringen spannend war. Nur ein paar Genrebildchen aus dem Ganzen!

Kaum hatten wir Platz genommen, so brach zu meinem Schrecken ein heftiger Streit los, der eine unbezahlbare halbe Stunde kostete. Die für landwirtschaftliche Bestrebungen hochwichtige Frage war zu entscheiden, ob der Reichsverein am alten orthographischen Glauben festzuhalten habe, oder dem staatlichen Revolutionär Puttkamer nachfolgen solle. Entrüstet erhob sich ein älterer Geheimrat gegen den Neuerer. Bitter beklagte sich ein andrer, daß ich der Landwirtschaft schon jetzt gewohnheitsmäßig das h entziehe. Umsonst versicherte ich, daß ich als Süddeutscher dies gegen mein eignes, dem h treu ergebenes Gefühl getan habe, in der Hoffnung, hiermit meinen norddeutschen Mitbrüdern auf halbem Weg entgegenzukommen. Dies sei ein Irrtum, wurde mir gesagt; ob ich nicht wisse, was Bismarck von Puttkamer denke? Fast hätte ein in andrer Beziehung hochgeschätzter Herr entrüstet den Saal verlassen, als sich die Versammlung nach erschöpfender Debatte mit der Mehrheit von einer Stimme für den kleinen Puttkamer entschied. Ich aber dachte in aller Stille: großer Wodan, wo werden wir hingeraten, wenn wir in dieser Weise an eine Aufgabe herantreten, von deren Größe wir alle überzeugt sind!

Sodann wurde dem noch ungeborenen »Reichsverein« das Lebenslicht ausgeblasen und an seiner Stelle die »Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft« in die Welt der Zukunft gesetzt. »Reichsverein«, das fühlte die Versammlung fast einstimmig, war viel zu kurz für eine so große Sache. Auch habe die alte Bezeichnung einen kleinen politischen Beigeschmack. Darin lag etwas Wahres, und daß man es fühlte und dagegen Verwahrung einlegte, freute mich. Es stimmte mit einem der gefährlichsten Grundsätze, die ich an den Mast der Barke genagelt hatte. Allerdings schied ich von meinem Reichsverein nicht ohne Wehmut und mußte eine halbe schlaflose Nacht lang mich üben, ehe ich Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft ohne Stocken aussprechen konnte. Während der zweiten Hälfte erfand ich die Bezeichnung »D. L. G.« (sprich Deelge), was rasch Eingang fand, weil niemand merkte, wie englisch dies ist.

Dann kamen wir auf den Jahresbeitrag von zwanzig Mark, ein Punkt, auf den mir Höllenangst gewesen war; denn privatim hatte ich bis zum letzten Augenblick aus Nord und Süd, Ost und West Stürme gegen diese »unsinnig« hohe Summe auszuhalten gehabt. An diesen zwanzig Mark aber hing mehr als mein Herz. Geld mußten wir haben. Denn ohne Geld waren wir nicht frei, ohne Freiheit konnten wir nicht handeln, ohne zu handeln war von neunzig Prozent der schwächeren Brüder kein Geld zu bekommen, ohne Geld aber – und so fort. Die Versammlung war jedoch nicht ganz unvorbereitet. Ich hatte zuvor jedem, der es hören wollte, gesagt, daß ich selbst mit diesen zwanzig Mark stehe oder falle. Für einen neuen Bettelorden würde ich keinen Finger weiter rühren. Dies erschien den meisten etwas grob im Hinblick auf die bestehenden Vereine. Allein, wenn ich nicht grob geworden wäre, hätten sie mir nicht geglaubt. Nun schüttelten sie zwar mißbilligend die Köpfe, aber glaubten. Die zwanzig Mark gingen mit Stimmeneinheit durch, und das gleiche geschah mit allen wichtigeren Paragraphen des Entwurfs unsers Grundgesetzes. Nur wo Nebensächliches, oft ganz Gleichgültiges in Frage kam, »platzten die Geister aufeinander«, wie sie es hier nennen. Nicht allzu heftig; denn das Neue an dem Unternehmen, seine kaum lebensfähige Jugend flößte den meisten eine gewisse Scheu ein, das Kindlein allzu derb anzufassen. Sie waren ja zumeist selbst Familienväter und sichtlich bereit, zu warten, bis der Knirps etwas größer geworden war. Nach etwa vier Stunden war das Grundgesetz erledigt, und wir alle standen erschöpft dem Entwurf zur Geschäftsordnung des Provisoriums gegenüber. Einstimmig wurde beschlossen, daß es über trockene Menschenkräfte gehe, nunmehr mit der Beratung von einundzwanzig neuen Paragraphen zu beginnen. Der pflichtgetreue Ausschuß kam zu der Überzeugung, daß es besser wäre, dies alles der am folgenden Tag stattfindenden Hauptversammlung zu überlassen. Es war dies verzeihlich, aber bedenklich, und ich war Thiel von Herzen dankbar, als er sich nach dem am Abend stattfindenden Festmahl der Mastviehausstellung bereit erklärte, eine private Durchberatung der 21 Paragraphen mit mir vorzunehmen. So saßen wir schließlich allein in dem leeren Gesellschaftssaal bis gegen ein Uhr nachts und spielten Lykurg und Solon. Auf dem Heimweg, nahezu um dieselbe Stunde und an derselben Stelle des Wilhelmsplatzes, wo ich drei Monate zuvor meinen Finanzeid geschworen hatte, sprach Thiel wehmütig, wie ein Vater zu einem nahezu gleichaltrigen Sohn spricht, dem er auf Irrwegen begegnet: »Sehen Sie, Eyth, da laufen wir jetzt nach Mitternacht todmüde nach Haus. Wie gut könnten Sie's haben, wenn Sie uns in Ruh' ließen! Es war uns ganz wohl – auch so. Eigentlich will ja doch kein Mensch etwas von der Geschichte.«

Wir trennten uns; ich mit dankbarem Herzen. Denn auch er hatte die halbe Nacht und schon mehr als das für die »Geschichte« geopfert, »die kein Mensch will«.

Die stattliche Zahl von rund zweihundertundfünfzig unsrer Mitglieder fand sich am folgenden Tag im Saal des Zentralhotels ein, wo in der konstituierenden Hauptversammlung des Provisoriums der D. L. G. alles wie am Schnürchen verlief. Die Leute waren offenbar zu erstaunt, und ich glaube auch erfreut über ihren eignen Erfolg – denn die wirkliche Zahl der Gründer des Provisoriums war in diesen Tagen auf 550 gewachsen –, um allzu kritisch gestimmt zu sein. Grundgesetz und Geschäftsordnung wurden ohne Erörterung angenommen, desgleichen die Liste unsrer Ausschußmitglieder und des Vorstands. Der erste Präsident, Graf Stolberg-Wernigerode, wurde jubelnd gewählt, und das Provisorium der D. L. G. mit seinem ganzen kleinen, aber ich hoffe arbeitsfähigen Apparat war am Abend des Tags eine Tatsache. Wir hatten, wenn ich unser noch immer nicht genug geteiltes großes Vaterland in vier nahezu gleiche Stücke zerschneide, an Mitgliedern in Ostdeutschland 69, in Mittelnorddeutschland 354, in Westdeutschland 80 und in Süddeutschland 47, von denen nicht sieben, sondern dreimal sieben und einer aus Schwaben stammen. Dies soll nicht ungerühmt bleiben. Das Experiment hatte denn doch einen recht hoffnungsvollen Niederschlag ergeben.

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