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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 27
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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Dritter Abschnitt. 1884 – 1885

Bonn und Berlin. Das Provisorium

23.

Bonn, den 23. März 1884.

Ihr habt recht, so konnte ich's nicht länger weitertreiben. Ich habe jetzt ein Hilfsschreiberlein, das ich mir in Poppelsdorf vom Pfluge weggeholt habe, und kann etwas aufatmen. Der Mann ist still, bescheiden, schreibt leserlich und fleißig und will nicht alles besser wissen – das ist alles, was ich vorläufig brauche.

In Reichsvereinssachen geht's, wie es bei einer Aufgabe gehen muß, welche aus der Welt der Gedanken in die des greifbaren Lebens übergetreten ist. Mit jedem Schritt vorwärts wachsen auch Schwierigkeiten und Hindernisse. Unmittelbar nach den Berliner Tagen trat ein bedenklicher Stillstand im stetigen Fluß der Beitrittserklärungen ein. Die, wie mir scheinen will, sinnlose Gegnerschaft gewisser landwirtschaftlicher Kreise ist nach deutscher Art in bestimmten Landesteilen mit mehr als wünschenswerter Kraft erwacht. Graf Lerchenfeld in München, der an der Spitze des bayrischen Vereinswesens steht, schreibt einem meiner Freunde, der ihn werben wollte: »Ich halte weder dieses Unternehmen für besonders wünschenswert, noch auch die Herren, welche Propaganda dafür machen, zu einer solchen berufen.« Was die Berufung betrifft, hat er völlig recht. Muß denn aber alles Gute erst »berufen« werden. Und wer beruft uns die Berufer, wenn etwas Neues entstehen soll. Nicht die Herren, die an der alten Krippe groß und fett geworden sind. – Nathusius schreibt, daß die Agrarier der schärferen Tonart ein gedrucktes Rundschreiben umgehen lassen, das vor dem Reichsverein als einer politischen, radikalen Schöpfung warne. – Von liberaler süddeutscher Seite erhalte ich ein Schreiben, das mir klagend mitteilt: es berühre sehr unangenehm, daß auch die zweite Versammlung des Vereins, die eigentliche, offizielle Gründung des Provisoriums, die für den 14. Mai angesetzt ist, in Berlin sein solle. Das sind meine engeren Landsleute, wie sie im Buch stehen. Wir haben heute in Süddeutschland 38, in Norddeutschland 392 Mitglieder, und nun verlangt dieser begeisterte süddeutsche Mitbruder, daß die erste Hauptversammlung der Gesellschaft bei ihm sein müsse!

Das alles stimmt so ziemlich mit den Prophezeiungen, die mir beim Beginn der Sache in so reichlicher Menge entgegengebracht wurden, und überrascht mich deshalb keineswegs. Die Frage aber, ob die Durchführung des Plans unter solchen Verhältnissen menschenmöglich ist, beschäftigt mich neuerdings vielleicht mehr, als gut ist. Es bleibt nichts übrig, als mich fort und fort daran zu erinnern, daß das Ganze ein Experiment bleibt, dessen Ausfall nicht von mir und meinen Freunden abhängt, sondern von den Stoffen, die in der Retorte brodeln. So oder so – wenn nichts Besseres, treibt mich die Neugier vorwärts. –

Neuerdings geht es mit den Anmeldungen wieder rascher. Es wird wahrscheinlich, daß wir bis zur Gründung des Provisoriums auf 500 kommen. Das ist die doppelte Zahl, die ich für einen Anfang verlangt hatte. Bin ich eigentlich berechtigt zu schimpfen, wie ich es entlang dem ganzen Weg redlich getan habe? Nehmt alles nur in allem. Der Stoff in der Retorte ist am Ende doch so übel nicht.

Auf das Obige folgt eine große Lücke im Briefwechsel mit meinen Eltern, dem diese Mitteilungen entnommen sind. Selbstverständlich wurde ausgeschieden, was sich auf rein persönliche oder auf Familienangelegenheiten bezog, und so auch die mit der Erkrankung meines Vaters zusammenhängenden Abschnitte. Das sich rasch entwickelnde Leiden führte mich in dieser Zeit mehrere Male nach Ulm und benahm mir die Veranlassung zum Briefeschreiben. Am 24. April stand ich an einem Sterbebett und sah mit tiefbewegtem Herzen, wie ein Christ stirbt.

Doch war hiermit ein regelmäßiger Briefwechsel, der sich dreiunddreißig Jahre lang fast ohne Unterbrechung erhalten und beiderseits manchen Gewinn und manche Freude gebracht hatte, nicht zu Ende. Meine Briefe galten bisher den Eltern gemeinsam. Nun war es mir eine wohltuende Pflicht, für meine Mutter, die mit nie ermüdender Teilnahme, aber auch mit nie schlummernder Sorge meinen Wanderungen und Wandlungen gefolgt war, der alten Gewohnheit treu zu bleiben. In Form und Inhalt der Briefe entstand hierdurch kaum eine fühlbare Änderung, so daß ich unbedenklich fortfahre, aus derselben Quelle zu schöpfen, um über den weiteren Verlauf meiner oft recht zweifelhaften »Meisterjahre« zu berichten.

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