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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 21
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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17.

Bonn, den 16. Oktober 1883.

Es geht vorwärts; es geht wahrhaftig vorwärts! Zum Triumphieren allerdings reicht es noch lange nicht, und wie es weiter gehen wird, wenn einmal der Kreis meiner Bekannten zweiten Grads, das heißt der Bekannten meiner Bekannten, überschritten wird, weiß nur der Himmel. Ein und ein halber Monat von den sechsen, die ich mir selbst zugemessen habe, um 250 Kerntruppen zu sammeln, sind bereits verstrichen und haben 57 Mann gebracht, somit nahezu den monatlichen Durchschnitt von rund vierzig, den ich brauche. Die besten Freunde der Sache wagen jedoch nicht zu sagen, daß dies anhalten könne.

Wie ich es angriff, um wenigstens so weit zu kommen? Zunächst schrieb ich einen weißwarmen Aufruf an die »opferfreudigen« Opfer des Unternehmens, der mich selbst erschütterte, als ich ihn in der Dämmerung einer Herbstnacht dem Drachenfels vordeklamierte, und verschickte das Schriftstück, mit der dringendsten Bitte, es zu lesen, an groß und klein, ohne Ansehen der Person, von Memel bis Basel, wo immer sich eine Adresse finden ließ, die nicht ganz wert- und hoffnungslos erschien. Die ersten fünfzig Zusendungen ergaben zwölf Antworten, darunter sieben Beitritte. Später kam es etwas besser; dann aber ließ dieser Strom von Sickerwasser bedenklich nach. Zurzeit ergibt jeder Tag durchschnittlich einen Mann, wogegen ich dreißig Zuschriften täglich aussende. Dies ist nicht zu verwundern. Wie ich in Poppelsdorf höre: das erste, was sich der gebildetere Landwirt anschaffe, der sich ein bibliothekartiges Arbeitszimmer einrichte, sei ein geräumiger Papierkorb für Zuschriften jeder Art; und natürlich kann ich mich vorläufig nur an gebildete Landwirte wenden.

Das Ergebnis meines Geschäftsbetriebs zerfällt in fünf Gruppen. 1. Absolutes Schweigen. Ist weitaus die Mehrzahl, stört aber selbstverständlich nicht im geringsten. – 2. Schroffe Ablehnung ohne Gründe. Ist selten. – 3. Ablehnung mit Gründen. Diesen Herren erwidere ich umgehend und widerlege sie zu meiner völligen Befriedigung, worauf sie beschämt in Gruppe 1 einrücken. – 4. Wohlwollende, aber rein platonische Begeisterung für die Idee im allgemeinen, mit dem Hinweis, wie sehr man die Mißerfolge der Vergangenheit beklage, die jedem eine Warnung für den Rest des Lebens bleiben würden. – 5. Beitritte, aus reiner Opferwilligkeit, mit der ausgesprochenen Überzeugung, daß in Deutschland aus etwa zwölf Gründen nie etwas aus der Sache werden könne. – 6. Beitritte in einem Aufschwung idealer Hoffnungsfreudigkeit – zwei Prozent.

Soll ich die Flinte ins Korn werfen oder soll ich weiterschießen um der siebenundfünfzig Gerechten willen, die ich denn doch in diesem Sodom und Gomorrha auffand. Ich denke, ich schieße weiter. Ein halbes Jahr lang halte ich dieses etwas einseitige Feuer doch wohl aus.

Die wachsende Überzeugung, daß ich auf dem Papierwege nicht ans Ziel komme, zwingt mich, jede sich bietende Gelegenheit zu ergreifen, um mit den Leuten in persönliche Berührung zu kommen. Deshalb freut es mich förmlich, wenn sie mich auffordern, mit ihnen zu arbeiten. Dabei knüpfen sich am ehesten Bande, wie ich sie brauche. Bei dem Jubiläum des Rheinischen Zentralvereins, dem ich seinen Maschinenkatalog und sein Festgedicht anfertigte, lernte ich dessen Präsidenten, Rittergutsbesitzer von Rath-Lauersfort kennen, einen lieben, alten Herrn, dem einer der Verse meines Festpoems besonders zusagte:

  Fast scheint es nutzlos hartes Mühen,
    Manchmal, nach nassem, kaltem Tag,
  Oft droht in heißem Sonnenglühen
    Hier Dürre und dort Hagelschlag.
  Getrost, durch Plagen und durch Bangen
    Führt treulich Euch die Bruderhand.
  Getrost, der Schweiß auf Euern Wangen
    Wird Rebenblut im Rheinschen Land.

Als ich ihm im Gedränge des Festjubels vorgestellt wurde, bemerkte er wohlwollend: »Aha! Sie sind der Mann, der eine Riesenaufgabe für uns lösen will. Da wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Ja, wenn wir nur Geld hätten! In einer halben Stunde geht's zum Festessen nach Godesberg. Dazu haben wir immer Geld.«

Der Glanzpunkt des Festes kam aber erst am folgenden Tage mit einer Rheinfahrt nach Remagen. Es regnete in Strömen. Als ich dem festlich geschmückten Rheindampfer zuging, fürchtete ich, der einzige Mensch zu sein, der diesen Ausflug unter solchen Umständen mitmachte. Weit gefehlt. Kopf an Kopf, Schirm an Schirm, drei Stockwerke hoch standen Damen und Herren triefend auf dem triefenden Schiff. »Es ist doch noch Willenskraft im deutschen Volke,« sagte ich zu meinem Nachbar, der sich der Dachtraufe meines Regenschirms erfreute, »wenn uns ernste Zwecke vereinigen.« Aber er verstand mich nicht, der Böllerschüsse wegen, die die Abfahrt anzeigten.

Wir wurden übrigens belohnt. Bei Remagen hörte der Regen auf. Dort begannen Rückfahrt, Nacht und Beleuchtung der Rheinufer. Rolandseck, Königswinter, Drachenfels, Godesberg, Bonn und jedes dazwischenliegende Haus, jede Villa, jedes Schlößchen, das seine Front gegen den Rhein kehrte, strahlte in feenhaftem Licht. Man verlor in der schwarzen Dunkelheit der nächsten Umgebung, in den übereinander sich auftürmenden roten, blauen und gelben Lichtpalästen, in den feuerspeienden Waldgruppen und in dem flammenden Spiegel des Stroms den Boden der Wirklichkeit unter den Füßen. Zwei Stunden lang dauerte die Zauberei, in der Kunst und Natur zusammenhalfen, alle Bande des Alltagslebens zu zerreißen. Es war unbeschreiblich schön; nur zu viel. –

Etwas ruhiger und ernsthafter ging es bei der Prüfung der landwirtschaftlichen Geräte der Amsterdamer Ausstellung in Deventer zu. Der kurze Umweg über Hamburg und die Ablieferung meines kleinen Neffen in der dortigen Seemannsschule brachte eine Unterbrechung zweiten Grades in die vielunterbrochene Einförmigkeit eines halben Bureaulebens. Das Bürschchen, das nie einen Tropfen Salzwasser geschmeckt hatte, scheint mit der Starrköpfigkeit des echten Schwaben nach einem Admiralshut zu verlangen. Ich wunderte mich im stillen über den Menschen, der selbst in seinen kleinsten Exemplaren die größten Torheiten fertigbringt, und dem der Schöpfer den Mut der Unwissenheit gegeben hat, ohne den er vielleicht nie wagen würde, durchs Leben zu tappen. Mitleidig betrachtete ich mein kleines Namensbrüderchen, als wir dem Hafen entlang der Seemannsschule entgegengingen, und er etwas unwirsch fragte: »Aber wo sind denn die Matrosen?« Ich zeigte sie ihm in Menge. Sie rollten Fässer, zogen Taue und Ketten hin und her, strichen Boote an und sahen so schmutzig und arbeitstüchtig aus, als es sich für einen braven Seemann am Werktag geziemt. Mäxchen hatte sich seine künftigen Freunde anders vorgestellt: blaue, kokette Jäckchen, weiße, fleckenlose Beinkleider, strahlende Gesichter. Aber auch diese erste Berührung mit der Seemannslaufbahn half nichts. Er wollte durchgebrannter Schiffsjunge, beziehungsweise Admiral werden, und so blieb nichts übrig, als ihn seinem Schicksal auszuliefern.

Bin ich nicht auf einem ähnlichen Wege, wenn es auch ein Landweg sein mag? Und darf ich mich selbst in der oben bezeichneten Gattung des Mutes von meinem Neffen beschämen lassen?

Heute noch gehen weitere dreißig Aufrufe in die Welt hinaus: der heimischen Scholle treu zu bleiben und, wenn nötig, mit dem Pflug das Vaterland zu retten.

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