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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 20
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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16.

Bonn, den 19. August 1883.

Zwischenspiele, sehr notwendige Zwischenspiele, wenn ich in dem Strudel nicht untergehen soll, der mich zu erfassen droht.

Da war der Besuch von Schwester und Nichten, mit Ausflügen ins Siebengebirge, nach Laach, nach St. Goar. Es ist ein Hochgenuß, diese guten, schwäbischen Äuglein sich öffnen zu sehen, denen zum erstenmal die strahlende Poesie des Rheinlandes entgegentritt: die Lorelei, der Drachenfels, das heilige Köln. Kaum weniger Spaß machte mir Freund Winter mit seinen zwei frischen Jungen, in deren Gesellschaft ich drei Tage lang zwischen Köln und Rolandseck umherbummelte. Zum Schrecken des Papas, zum Jubel der Jugend bestand ich für diese Zeit auf der Erprobung eines neuen Erziehungssystems. Republik. Jeder Mann eine Stimme. Der Tagesplan, der fragliche Weg, Einkehren oder Weitermarschieren, vor allem der Speisezettel in den Wirtshäusern, alles wurde nach vorangegangener Debatte durch Abstimmen festgestellt. Wir zwei Alten hatten keine größeren Rechte als die Jungen, nur durften ausschließlich wir bezahlen, worüber nicht abgestimmt zu werden brauchte. Der wackere Winter, in seinen heimischen Verhältnissen streng konservativ, schrieb mir etwas saußersüß: er danke mir vielmals für die schönen Tage am freien Rhein. Ich habe in dreimal vierundzwanzig Stunden mehr an der Erziehung seiner Söhne ruiniert, als er in sechs Monaten wieder gutmachen könne. Vorläufig sei ihr Drang, abzustimmen, kaum zu zügeln.

Darauf folgte in Dortmund die erste Versammlung deutscher Ingenieure, die ich mitgemacht habe. Es war immerhin ein andersartiger Zug in der Sache als bei entsprechenden Veranlassungen in England. Mit einer Schar fröhlicher Fach- und Festgenossen geriet ich zum Beginn mitten in eine westfälisch-italienische Nacht. Der Abend war überaus nutzbringend, denn er diente zur leisen Mahnung, auch in Stunden freudigster Erregung etwas weniger zu trinken. Doch durfte ich mit Beruhigung bemerken, daß ich in dieser Beziehung meinen Mann wieder stellte. Denn mein Freund Tomatzek, der Direktor der Bonner Wasserwerke, ein trinkbarer Mann, war mir nur um ein lumpiges halbes Liter vor und litt am andern Morgen schwerer als ich. Ein andrer der Festgenossen hatte sich zeitig entfernt, um seinen Überzieher zu holen; denn die italienische Nacht wurde unnatürlich kühl, und wir sind meist gereifte Männer und Familienväter. Er kam nicht wieder. Des andern Tags gebot ihm die Ehrlichkeit, mitzuteilen, daß er sich morgens gegen fünf Uhr auf dem Diwan eines benachbarten, aber fremden Hotels sorgfältig gekleidet in Hut und Überzieher gefunden habe. Wir alle freuten uns mit ihm über dieses unerwartete Wiedersehen seiner selbst.

Nun begannen die Versammlungen: etliche vierhundert kräftige, vielgestaltete Bärte, männliche Gestalten, ernste Köpfe, polychrome, graue, weiße und kahle Schädel, die letzteren in auffallender Minderheit, verglichen mit Versammlungen der Gelehrtenzunft. Viele alte Bekannte, und noch viel mehr solche, die mich kennen wollten, und denen ich nur eine verlegene allgemeine Menschenliebe entgegenzubringen wußte. Der erste Vortrag war der eines Professors, die Frucht unergründlicher Gründlichkeit, ohne absehbares Ende. Ich weiß, es ist unpassend, in meiner Lage zu kritisieren, und was uns Professor Dr. Schultz mitteilte, war zweifellos wichtig und wahrscheinlich wahr. Allein, wie sich schon am Abend zuvor gezeigt hatte: Es ist bei solchen Gelegenheiten nicht rätlich, auch vom Besten zu viel zu geben, wenn man es nicht erleben will, den Schluß ostentativ beklatscht zu hören. Als letzter in dieser ersten Sitzung kam ich an die Reihe. Es ging prächtig, sagten mir meine Freunde nachher. Man hätte während voller fünfzig Minuten eine Stecknadel fallen hören, ohne daß jemand zu schnarchen angefangen habe. Die Rednerbühne war so hoch, daß ich meine Bemerkungen über den englischen Lokomobilbau und Verwandtes getrost an das Weltall richten konnte, ohne mich um die Menschen unter mir zu kümmern. Nur wenn sie klatschten, was ich gerade noch zu hören vermochte, lächelte ich ihnen ein wenig zu, um sie zu ermuntern. Dann plötzlich, überraschend geschwind für mein Empfinden, war ich zu Ende und vereinigte mich ohne Verzug mit meinen Mitmenschen in dem einen Wunsche: Bier!

Abends war großes Festmahl im reichgeschmückten »Freedenboom«, mit darauffolgender westfälisch-chinesischer Nacht. Der Toast auf den Kaiser, den unser Präsident, Dittmar von Eschenweiler, ausbrachte, war einer der schönsten, die ich in meinem Leben gehört habe, kernig, männlich, warm und wahr. Der Ingenieurverein ist eine völlig unabhängige, von allen Regierungseinflüssen freie Vereinigung. Man fühlte dies selbst hier, wo kein politisches Wort fiel. Daß so viele hohe Herren nicht einsehen wollen, auf welchem Boden, mag er nun Korn oder Eisen zutage fördern, wahre Loyalität wächst! – übrigens ist es nicht unwesentlich, zu bemerken, daß diese schönen Eindrücke aus den ersten Stunden der Festfeier stammen. Später wurde es allerdings noch viel schöner, aber lebhafter. Gegen Morgen wälzten drei ältere Herren in Frack und weißer Binde ein großes Faß, das sie nicht auszutrinken vermocht hatten, durch die stillen Straßen Dortmunds ihrem Gasthof zu. Es war bei den unberechenbaren Bewegungen des Fasses eine anstrengende, in vieler Beziehung zeitgemäße Beschäftigung.

Spaß beiseite, der allerdings zwischen Vorträgen und Besuchen großer Fabriken des Bezirks vier Tage lang anhielt, das Ganze machte einen wohltuenden Eindruck. Hinter dem Festjubel sah man überall die ernste, rege Arbeit, welche diesen Hunderten von Männern ihren Wert gibt, und fühlte ein Stück des erwachten nationalen Lebens, das aufgehört hat, nur zu wünschen und zu träumen, und heute seine Stellung in der Welt zu wahren weiß. Nach Äußerlichkeiten beurteilt, hätte man kaum vermutet, daß wir frisch beseelt und neu belebt zu ernster Arbeit von Dortmund zurückkehrten. Aber wissen wir nicht alle, wie sehr und wie oft der Schein trügt. – –

Bei meiner Ankunft in Bonn empfing mich schon auf dem Bahnhof ein Teil des Jubiläumsfestkomitees des Landwirtschaftlichen Zentralvereins der Rheinprovinz und lud mir in aller Eile und Liebenswürdigkeit die Ausarbeitung des Maschinenkatalogs ihrer kleinen – sie nennen es ihrer großen – Ausstellung auf den Hals. Sie wünschten mich, als erfahrenen Techniker, auch mit der Aufgabe zu betrauen, einen ganzen Ochsen zu braten, was ich energisch ablehnte. Dagegen übernahm ich leichtfertigerweise das Festgedicht und weiß zurzeit noch nicht, was ich singen werde.

Unmittelbar nach dieser Festlichkeit, bei der es mit erneuten Festessen, chinesischen und italienischen Nächten und vor allem mit einer großartigen Rheinbeleuchtung hoch hergehen wird, werde ich zu Deventer erwartet, um als holländischer Preisrichter zu amten. Hoffentlich treiben es die Herren am niedersten Niederrhein etwas ruhiger. Ich schreibe dies nicht in einer Katerstimmung; den melancholischen Gedanken aber werde ich nicht los, daß hierzuland zu viel, viel zu viel festgejubelt wird.

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