Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
Schließen

Navigation:

11.

Magdeburg, den 26. März 1883.

Vierundzwanzig Stunden habe ich hier zu warten, wenn ich Herrn von Nathusius in Althaldensleben sehen will, und den will ich sehen. Jedermann sagt mir, er sei einer der Größen des Landes, den ich gewinnen müsse, wenn ich Wurzel fassen wolle. Denn sein verstorbener Bruder habe die ebenfalls verstorbene Ackerbaugesellschaft gegründet, und auf den Lebenden sei der Mantel des Toten gefallen. Dieser Mantel aber sei für mich von unbezahlbarem Wert. Also warte ich und habe Zeit, Euch einiges aus dem bunten Treiben der letzten vierzehn Tage mitzuteilen. Stückweise natürlich. Mit dem Ganzen könnte ich ein Büchlein füllen.

Zunächst habe ich ein paar hundert Menschen kennen gelernt. Die meisten heißen Schulz, einige Müller. Einer heißt auch Poggendorff, mit zwei f – diese Analphabeten! – und ist der künftige Geschäftsführer des Berliner Klubs der Landwirte. Von den andern weiß ich nicht mehr, weder wie sie heißen, noch wie sie aussehen. Doch hoffe ich, dies wird sich mit der Zeit geben.

Alle waren entgegenkommend über jedes Erwarten, und ein wohlwollendes Mitleid spielte um ihre Lippen, wenn sie glaubten, mit mir über die R.A.S. und meine Pläne sprechen zu müssen. Die Verhältnisse sind unleugbar entsetzlich verworren, und die widersprechendsten Ratschläge werden mir stündlich gegeben. Nur in einem Punkt scheint alles einig zu sein: daß eine deutsche Royal Agricultural Society ins Leben zu rufen über Menschenkräfte gehe, da ich fast niemand von Gewicht finden werde, der nicht bei einem der früheren Versuche beteiligt gewesen sei. Ich stehe, sagten sie, vor einer Reihe von mit freundlichem Grün bedeckten, ausgebrannten Vulkanen. Die Herren drückten sich etwas anders aus, aber das war der Sinn.

In den ersten Tagen besuchte ich alle erdenklichen Leute – doch was nutzen Euch Namen? – mit dem obigen Ergebnis. Am Abend flüchtete ich mich todmüde in ein Tingeltangel. Das ist meine verwerfliche Gewohnheit, wenn ich völlig erschöpft und lebenssatt bin. Ich sah daselbst fünf ungarische Ochsen auf einer Schaukel und wunderte mich nicht wenig, wie weit man es doch mit dem Rindvieh und mit Geduld bringen kann. Doch mußte ich mich auch fragen, ob es der Mühe lohnte, sich und die guten Tiere so zu quälen. Dieser Gedanke ist die beständige heimliche Gefahr des Lebens, wenn man die Jugendzeit hinter sich hat. Das Salomonische Gefühl der Eitelkeit alles Irdischen kriecht wie Schimmel über jedes Streben. Ist es Schwäche, ist es Weisheit, ihm nachzuhängen?

Die Organisation des Teltower Vereins, in dessen Mitte ich meinen Vortrag halten sollte, ist einfach ideal. Die Mitglieder bezahlen sechs Taler Jahresbeitrag. Davon verzehren sie fünf in fünf Festessen, denen eine beratende Versammlung vorangeht. Wer nicht kommt, bekommt nichts zu essen, sein Taler aber ist dahin. Dies sichert die regelmäßige Anwesenheit der Mitglieder. Ein Taler von den sechsen bleibt für landwirtschaftliche Zwecke übrig, »immerhin eine schöne Summe« erklärte mir der liebenswürdige Vorsitzende, Ökonomierat Kiepert. Als ich bei dem vortrefflichen Mahl meinen Nachbar zur Linken, Herrn Schultz-Schulzendorf, in meiner gegenwärtigen gesetzgeberischen Stimmung nach den Statuten des Vereins fragte, sah er mich verblüfft an. Mein rechtsseitiger Nachbar, Herr Schulz-Billerbeck – alle Rittergutsbesitzer oder etwas Ähnliches – überreichte mir lächelnd die Speisekarte: »Das ist alles, was wir in Statuten haben,« sagte er, »und mehr als genug. Es veranlaßt die Herren, zu zahlen und hält sie zusammen. Sie sehen, wie tätig wir sind. Man muß allerdings zuvor die Vorträge anhören. Der Ihre war vortrefflich, aber etwas lang für eine – wie soll ich sagen – akademische Betrachtung. Aber man kann's aushalten, wenn man weiß, daß im Nebenzimmer gedeckt wird.«

In der Versammlung sprach zuerst ein Herr über eine Lupinenkrankheit; ein Vortrag, der in dem einstimmig angenommenen Beschluß gipfelte, die Regierung zu bitten, diese Krankheit wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Dann kam ich und begann mein Sprüchlein mit einem begeisterten Lob der Selbsthilfe. Ob die Zuhörer die Komik des Zusammentreffens sahen, weiß ich nicht. Sie blieben sehr ernst. Da ich im wesentlichen auseinandersetzen mußte, wie jämmerlich sich die verehrten Anwesenden als Vertreter des größten Standes im Deutschen Reich benehmen, und wie anders dies in England sei, konnte der Beifall nicht allzu stürmisch ausbrechen. Doch kam ich anstandslos zum Schluß, worüber ich mich selbst wunderte. Es geht eben alles, wenn man muß. Darauf erhob sich ein Herr Witt aus Charlottenburg und meinte, was ich von den Engländern gesagt habe, wäre ja recht schön und vielleicht wahr; gehe aber in Deutschland nicht, weil die Regierung ihre Finger in jeden Brei stecke. Hierauf erwiderte Thiel: Die Regierung wäre nur allzu glücklich, wenn die Herren Landwirte ihre Finger selbst brauchen wollten. Nach verschiedenen andern Erklärungen, warum es in Deutschland mit einer großen, selbsttätigen Gesellschaft nicht gegangen sei; und wie wünschenswert es sei, daß es ginge, daß es aber jedenfalls nicht gehen werde und könne wie in England, wurde die Sache für zu wichtig erklärt, um mit leerem Magen weiter besprochen zu werden. Im Gefühl erfüllter Pflicht eilten wir zu Tisch, wo bald die ganze Gesellschaft einer Ansicht war: daß dieses Jammertal landwirtschaftlicher Unzulänglichkeiten doch noch zu ertragen sei, und sich gegenseitig hochleben ließ.

Von den zahllosen Besuchen der nächsten Tage vielleicht ein andermal. Es ist keine Kleinigkeit, eine junge Millionenstadt zu bewältigen. Nur einen, bei Dr. Kraus, in der Redaktion der »Deutschen landwirtschaftlichen Presse«, will ich nicht übergehen. Ich erzählte dem Redakteur dieses ersten Fachblatts in Norddeutschland, was ich will, fürchte und hoffe. Dabei ließ ich mich von einem langen, ernsten, etwas gelb aussehenden Mann nicht stören, der aufmerksam zuhörte und mich plötzlich an beiden Händen faßte. Er halte meine Gedanken zwar für undurchführbar, aber das sei's, was er brauche, um endlich der Welt den Kainit, dieses wichtigste Kunstdüngemittel unsers Jahrhunderts, aufzuzwingen. Ich solle mich doch ja mit Maercker in Halle in Verbindung setzen. Das sei der Mann der zündenden Rede. Wenn irgendeiner, so sei es Maercker, der meine Ideen verwirklichen könne. Dann ging er und ließ mich tiefbewegt zurück. Kraus erklärte mir jetzt, daß der Herr Schulz heiße, ein hübsches Gut im sandigsten Teil der Provinz Sachsen besitze und der erste Kunstdüngeridealist von Deutschland sei.

Nachdenklich ging ich meiner Wege. Ein zündender Redner bin ich nicht; das ist nur zu klar. Wenn zündende Reden meine Sache machen müssen, so ist sie verloren. Aber haben zündende Reden je etwas andres gemacht, als Strohfeuer angezündet? –

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.