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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 14
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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10.

Bonn, den 10. März 1883.

Noch einmal: es regt sich!

Richtiger vielleicht: ich rege mich. Denn ich schreibe wenige Stunden vor meiner Abfahrt nach Berlin, an die sich eine Entdeckungsreise schließen soll, deren Notwendigkeit mir in den letzten Wochen klar geworden ist. Zumut ist mir dabei wie einem Baseler Missionsjüngling an der Schwelle eines fremden Landes voll von Wilden, deren Sprache er kaum versteht, mit nichts in der Hand als einem ungewohnten Strohhut, mit nichts im Herzen als seinem Glauben.

An Nachrichten aus den wilden Gegenden fehlte mir's in den letzten Wochen nicht mehr, die meisten mit wohlwollenden Wünschen reich geschmückt, aber auch voll Ergebung in das Unabänderliche: daß bei uns nichts ins Leben zu rufen sei, das mehr zu tun beabsichtige, als schreiben und sprechen. Geheimrat Thiel erklärt alles Vereinswesen für eine wohlorganisierte Bettelwirtschaft. Mit den Süddeutschen namentlich werde ich meine liebe Not haben, denn die Norddeutschen, meint er, tun den Süddeutschen viel eher etwas zu Gefallen als umgekehrt. Ökonomierat Noodt wiederholt voll Bitterkeit, daß er sich sein ganzes Leben lang gemüht habe, ähnliche »Ideale« zu verfolgen; die Leute sprechen mir etwas zu viel von Idealen, wo es sich doch nur um sehr reale Dinge handeln kann. – Er trete jetzt zurück mit dem Bewußtsein, daß wenigstens sein »Klub der Landwirte« nicht zugrunde gegangen sei wie so vieles andre um ihn her. Aus dem Süden, aus Bayern, erhielt ich nur eine Antwort auf meine Zusendungen, voll bitterer Hoffnungslosigkeit. Süd- und norddeutsche Landwirte unter einen Hut zu bringen: daran sei gar nicht zu denken. Man sehe wohl, wie sehr ich die Fühlung mit der Heimat verloren habe. Fast komisch ist, daß mich die meisten meiner platonischen Gönner darauf aufmerksam machen, daß von der entschlafenen Ackerbaugesellschaft her noch ein ansehnliches Häuflein Geld wahrscheinlich in Dresden liege. Nach dem solle ich mich vor allen Dingen umsehen. So die Landwirte. Die Fabrikanten landwirtschaftlicher Maschinen, die in der englischen Gesellschaft eine große Rolle spielen, sind auch hier erfreut und bereit, mitzuspielen. Aber leider hilft dies nichts, wenn die richtigen Bauern nicht in Bewegung zu setzen sind. Und das, wie mir immer klarer wird, geht mit Briefeschreiben allein nicht.

Nun überlegte ich mir die Sache weiter. Wenn ich diesen guten Leuten einmal Auge in Auge gegenüberstehe, sind sie imstande zu fragen, was ich eigentlich wolle, wie wenn ich nie eine Zeile geschrieben hätte. Denn es wird mir glaubhaft versichert, daß die meisten nichts lesen. Ich machte mich deshalb allen Ernstes daran, Statuten und Gesetze für die Gesellschaft zu entwerfen, die zurzeit nur in meinem Kopfe ihren Sitz hat. Es kostete einiges Nachdenken, war aber an sich nicht schwierig, da keine meiner Bestimmungen auf Widerspruch stieß. Auch war dieses Vorgehen gut deutsch, denke ich. Denn viele glauben hierzuland, daß sich ein Gemeinwesen am leichtesten bildet, wenn es die nötigen Gesetze und Strafbestimmungen fertig vorfindet. Dies scheint wenigstens bei unserm jungen Kolonialwesen der leitende Gedanke zu sein. Über allgemeine Grundsätze bin ich mir klar: Völlige Selbständigkeit und Unabhängigkeit, sonst hat kein rechter Kerl eine rechte Freude an der Sache; strenge Parteilosigkeit, da die Politik jede sachliche Arbeit zerfrißt; hohe Jahresbeiträge, weil sich ohne Geld niemand rühren kann; tüchtige Mitarbeit aller, die tüchtig bezahlt haben, das soll ihr Lohn sein; und so wenig Geschwätz und Gedruck als irgend möglich.

Das alles klingt ein wenig englisch, und darin wird wohl eine meiner ersten Schwierigkeiten liegen. Doch ist dem nicht auszuweichen. Seitdem man mir von allen Seiten erzählt, daß die deutsche Art, die Sache anzugreifen, sie schon drei- oder viermal in den Sumpf geführt hat, muß ein andrer Weg versucht werden, mag er englisch oder chinesisch heißen. Was die Einzelheiten meiner gesetzgeberischen Tätigkeit betrifft, so gebe ich freudig zu, daß ich das meiste aus den Bestimmungen der englischen Gesellschaft gestohlen habe. Es wird schon verdeutscht werden, wenn einmal meine künftigen deutschen Freunde dahinter kommen.

Zwischen diese Arbeiten hinein schlug wie ein heiterer Blitz aus trübem Himmel ein Telegramm: ich möchte baldigst, wenn möglich nächste Woche, nach Berlin kommen, um dem Klub der Landwirte und dem Teltower Verein etwas zu erzählen. So schnell ging es nun nicht, denn ein Vortrag macht mir noch heute, wie von jeher, schwere Herzbeklemmungen. Vor Erde und Feuer im Aufruhr, vor Holz und Eisen in ihrer Störrigkeit habe ich mich nie gefürchtet. Das Schrecklichste der Schrecken war mir aber von jeher der Mensch, der schwatzende Mensch. Und nun soll ich selbst als ein solcher glänzen oder untergehen. Doch es muß sein, das kann auch der unfähigste Apostel eines neuen Glaubens einsehen. Also in Gottes Namen! In einer Stunde bin ich auf dem Weg zur Richtstätte.

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