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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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9.

Bonn, den 12. Februar 1883.

Es regt sich. Der Redakteur der »Deutschen Milchzeitung«, die einen meiner Aufsätze bringt, Ökonomierat Petersen in Eutin, schreibt mir den zweiten eingehenden Brief. Er scheint die Seele der Deutschen Herdbuchgesellschaft zu sein oder gewesen zu sein; denn er sagt, die junge Gesellschaft sei der Auflösung nahe. Sie habe keine Mittel, etwas zu tun, und wisse nicht, was sie tun wolle. Er drückt sich zwar etwas anders aus, aber darauf kommt es hinaus. Die dreihundert Mitglieder, die er um sich geschart hatte, begannen nämlich damit, einen homerischen Kampf untereinander zu veranstalten über die Frage, wie man ein deutsches Herdbuch anlegen müsse. Die größten Autoritäten des Vaterlandes und der Viehzucht lagen sich nach kurzer Zeit dermaßen in den Haaren, daß mit dieser Frage nicht weiterzukommen war. Dagegen, fährt Petersen fort, habe man sich von Anfang an mit dem Hintergedanken getragen, aus der Herdbuchgesellschaft einen großen deutschen allgemein-landwirtschaftlichen Verein zu machen, fast genau, was ich beabsichtige. Unter diesen Umständen könne ich nichts Besseres tun, als meine Kräfte der Herdbuchgesellschaft zur Verfügung zu stellen, sie zu retten und daraus zu machen, was ich wolle. Der Grundstein sei, wie ich sehe, gelegt.

Das will überlegt sein. Vorläufig schrieb ich in höflichster Form eine diplomatische Ablehnung. Ich fühle mich kaum stark genug, sinkende Schiffe zu retten. Ist noch Leben genug in der sichtlich Sterbenden, eine große deutsche Gesellschaft zu gebären, so soll mich's freuen. Ich könnte dann beruhigt daran gehen, Novellen zu schreiben. Schon die erste, die den Titel »Das Herdbuch« führen und die Einheitsbestrebungen meiner lieben Landsleute schildern könnte, würde mir mehr Spaß machen als all meine künftigen Bemühungen auf demselben Gebiet. – –

Außer der »Kreuzzeitung« und der »Illustrierten« haben jetzt alle andern Zeitungen meine Aufsätze fast unverkürzt gebracht. Ich schicke Exemplare derselben an sämtliche mittelbar oder unmittelbar Bekannte, deren Adressen ich erlangen kann. Hierbei ist mir Poppelsdorf wieder außerordentlich nützlich, denn ich selbst stehe selbstverständlich noch immer wie vor einer Mauer, hinter der ich nichts als das dumpfe Rauschen und Wogen einer fremden Volksmenge vernehme; oft ein unheimliches Geräusch. Antworten erhalte ich im allgemeinen nicht. Das war zu erwarten. Ein Fremder muß zehnmal klopfen, bis man auf sein Klopfen hört. Nur nähere Bekannte aus früheren Zeiten schreiben mir ein paar Zeilen, drei nur eingehender: Oberamtmann Rimpau zu Schlanstett, der mich aus der Zeit der Dampfpflügerei in der Provinz Sachsen kennt, und den ich für einen der klügsten und praktischsten Landwirte Deutschlands halte, dann Dr. Thiel, Geheimer Oberregierungsrat und vortragender Rat im Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten – genügt Dir der Titel? – einer der wenigen hohen Beamten, die über ihre Akten hinweg etwas von der Welt sehen, und schließlich ein mir bis jetzt nur dem Namen nach bekannter Ökonomierat Noodt, der Vorsitzende eines »Klubs der Landwirte« zu Berlin. Alle drei Briefe sind überaus freundlich, höchst interessant und niederschmetternd, wenn ich niederzuschmettern wäre. Ich darf mich natürlich nicht damit trösten, daß sie meine Absichten für löblich erklären. Rimpau meint, daß trotz des Jahres 1870 die Zersplitterung Deutschlands eine derartige Vereinigung nicht gestatte und daß höchstens das vorhandene Vereinswesen für bestimmte Aufgaben zu gemeinsamem Handeln zusammengefaßt werden könnte, daß aber auch dies große Schwierigkeiten habe. Überdies lägen keine brennenden Fragen vor, die ein derartiges Zusammenfassen nötig machten. – Thiel »will mir nicht verhehlen«, daß die Aufgabe eine ungemein schwierige sei. Abgesehen von allen politischen Hindernissen fehle in diesen Kreisen das Gefühl, ein gemeinsames Volk zu sein. Mangel an Mitteln, Mangel an Opferwilligkeit sei in den bestehenden Vereinen die ständige Klage. Das müsse bei den großen Entfernungen, mit denen ein allgemeiner deutscher Verein zu kämpfen habe, doppelt ins Gewicht fallen. Dann aber gibt er mir auch aus reicher Erfahrung Ratschläge, die beweisen, daß die Sache in ihm einen warmen Freund gewinnen könnte, wenn sie irgendwie in gesunde Bewegung gerät. – Noodt ist sichtlich ein herzensguter Mann, der aber ungern über den Horizont seines Klubs hinaussieht, was bei allen andern Vorsitzenden von landwirtschaftlichen Vereinen, die ich bis jetzt kennen gelernt habe, der Fall zu sein scheint: ein merkwürdiger Drang, sich in engen Kreischen einzuschließen und sich wie ein Igel zusammenzuballen, wenn sie irgendetwas von außen berührt. Er erzählt mir wehmütig, wie alle ähnlichen Versuche, für die die Besten ihren Schweiß vergossen hätten, an der Trägheit der Massen gescheitert seien, und wie selbst große und schöne Einrichtungen, der »Kongreß« in seiner ursprünglichen Zusammensetzung und die »Wanderversammlungen der Land- und Forstwirte« zugrunde gegangen seien. Wo nicht die Staatsregierung schützend und fördernd eingreife, sei nichts zu machen. Ein Glück wenigstens, daß die Regierung dies einsehe.

Was sagt Ihr dazu? – Wüßte ich nicht aus Erfahrung, daß man den »Sachverständigen« am wenigsten trauen darf, wenn man etwas Neues schaffen will, so wäre es am besten, ich packte zusammen, ginge nach England und suchte meinen Patentregulator aus dem Sumpf zu ziehen, in dem er, wie ich höre, zu versinken droht. Natürlich. Eine Erfindung, hinter der in ihrer Kindheit nicht der Erfinder Tag und Nacht mit der Soxhletflasche steht, muß zugrunde gehen. – –

Doch manchmal kommt auch etwas Erfrischendes. Vor vierzehn Tagen telegraphierte mein begeisterter Freund Dietrich, daß er in Westfalen zu tun habe und mich in Bonn besuchen wolle, um sich an meinem Anblick zu ergötzen. Um ihn nicht zu weit aus seiner Richtung zu ziehen, bestellte ich ihn auf den Kölner Bahnhof, von wo aus wir in das Karnevalgetümmel des »Rosenmontags« stürzten. Ein unglaubliches Bild, wenn sich eine ganze Stadt in ein fideles Narrenhaus verwandelt. Am ergreifendsten erschien mir, als es Nacht geworden war, die Szene vor dem Dom: ein buntes Gewimmel jubelnder, schreiender Masken der tollsten Art und darüber die ernsten, stillen Türme des riesigen Bauwerks im Mondschein. Wenn man bedenkt, daß es diese halb trunkenen, schreienden Narren waren, die den prachtvollen Bau ersonnen und aufgebaut haben, darf man mit diesen Gegensätzen vor Augen an der Menschheit verzweifeln?

Ich war infolge einer Einladung in Bonn gezwungen, Dietrich, dessen Berliner Zug erst um zehn Uhr abging, im Gedränge zu verlassen. Er schrieb mir gestern, wie es ihm ergangen sei: wie ihn ein Krokodil am Arm genommen und in ein feines Haus geführt habe, wo er an einer Tafelrunde von männlichen und weiblichen Krokodilen eine herrliche Stunde verleben durfte, wie er sodann mit seinem neuen Freund vom Nil die Nacht durch von Haus zu Haus gezogen, überall gastlich aufgenommen und schließlich um ein Zwanzigmarkstück angepumpt worden sei. Natürlich hatte er seine beabsichtigte Abfahrt verschoben. Mit schwerem Kopf saß er deshalb in der Morgendämmerung in dem Eisenbahnwagen eines Frühzugs und hatte den größten Teil seiner Abenteuer, einschließlich des Zwanzigmarkstücks, vergessen, als er einen elegant gekleideten Herrn auf dem Bahnsteig bemerkte, der sichtlich angstvoll am Zug auf und ab lief und ein Goldstück in die Höhe hielt. Der Herr war das gewissenhafte Krokodil von gestern.

Wie gründlich am Rhein Karnevalspflichten erfüllt werden, schilderte mir vor einigen Tagen mein Freund Guilleaume, der große Drahtseilfabrikant von Köln. Einer seiner besten Drahtseilspinner kam drei Tage nach Aschermittwoch noch nicht ins Geschäft. Dies war etwas lang, auch für den qualvollsten Kater. Man schickte schließlich nach ihm; aber nur seine Frau erschien und bat, wenn man ihren Mann brauche, um Vorschuß. Denn er könne nicht kommen; er habe seine Kleider versetzt, um den Karneval mitzumachen. »Aber Donnerwetter,« bemerkte der Fabrikdirektor, »wie konnte er denn auf den Karneval gehen ohne Kleider?« »Ja, verzeihen Sie,« erklärte die Frau, »er hatte die meinen an.«

So ernst nehmen die Kölner den Scherz. Sollte man nicht auch bereit sein, um eine große deutsche landwirtschaftliche Gesellschaft zu schaffen und wieder ein Glied in die Ketten zu schmieden, die unser zerrissenes Volksbewußtsein zusammenhält, wenigstens – sagen wir – seine Hosen zu versetzen?

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