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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 119
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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113.

Berlin, den 29. September 1896.

Der letzte Brief aus der Potsdamerstraße und aus dem Stüblein, in dem ich seit zwölf Jahren so manche Zeile an Dich und andre Leute geschrieben habe. Wie das alles klappt! Maurer und Zimmerleute stehen bereits auf den Treppen und rumoren unter dem Dach. Am 1. Oktober soll mit dem Abbruch des alten Hauses begonnen werden, um einen neuen Mietspalast an seine Stelle zu setzen. Es ist hohe Zeit, daß ich aufbreche.

Nur ein kleiner Abstecher nach Hamburg, den die Ausstellung des nächsten Jahres veranlaßte, unterbrach die allgemeine Aufbruchstätigkeit. Er galt hauptsächlich der Platzfrage, die mich allerdings persönlich nicht mehr berührt. Doch wollte ich mich nicht ganz gleichgültig zu den Sorgen des kommenden Geschlechts verhalten und wurde dafür durch eine interessante Bekanntschaft belohnt. Andreas Meyer ist einer der ersten Ingenieure und Bauleiter Deutschlands, und Hamburg verdankt ihm mehr als seine großartigen Hafenanlagen. Er kam gerade aus Anatolien zurück, wohin ihn ähnliche Aufgaben geführt hatten, mit denen er, wie mir scheint, seine Sommerfrischen ausfüllt. Bei einem gemütlichen Glase Bier tauschten wir abends unsre Lebensanschauungen aus. Ich erzählte ihm, daß ich mich wer weiß wie lange mit dem Gedanken trage, die letzten Jahre meines Lebens auf dem Athos zu verträumen. Wie elektrisiert fuhr er auf: »Denken Sie sich, das war seit Jahrzehnten auch mein Lieblingsgedanke. Sie haben ein ruheloses Leben hinter sich. Ich auch. Wir brauchen Ruhe. Machen wir einen Bund! Wer zuerst in die Lage kommt, dieses ideale Ziel zu erreichen, verpflichtet sich, für den andern eine Nachbarklause auszuhöhlen mit dem Blick auf die blaue See, den Eingang begraben in Rosen- und Lorbeergebüsch, Aloe und Stachelbirnen. Dort wollen wir enden!« – Und wir beide zogen in gut geschäftsmäßiger Weise unsre Notizbücher aus der Tasche und versprachen uns, schwarz auf weiß, dies nicht zu vergessen.

Es ist doch wunderlich! So endeten als »fromme Klausner« seinerzeit alte Ritter ihr wildes Leben. Und nun, nach Jahrhunderten, taucht derselbe Gedanke wieder auf, als müßte es so sein.

Wie es in meinem vorigen Brief aussah, hätte es nicht fortgehen können. Es folgten etwas ruhigere Wochen, in denen die Massenrührung zeitweise suspendiert war. Dafür fing das Abschiednehmen im einzelnen an, das den Übelstand hat, daß man sich am folgenden Tag wiedersieht, als ob nichts geschehen wäre. Und es läßt sich doch unmöglich alles in den drei letzten Tagen abmachen. So bleibt nichts übrig, als sich nachträglich aus der Ferne anzulächeln und durch Mienenspiel auszudrücken: »Schon gut, lieber Freund! Aber einen nochmaligen, besonders innigen Händedruck verbitte ich mir! Wir sind geschiedene Leute!«

Ich begann in Westend, mit Hensels. Das war auf Leben und Sterben. Hensel, der im Sommer wieder schwerkrank gewesen war und seine Leiden mit heroischem Mut erträgt, hatte sich leidlich erholt; doch zeigten sich die ernsten Symptome seiner heimtückischen Krankheit aufs neue. Ich habe in seinem Haus so viel Freundlichkeit genossen, und der alte Geist schöner Harmonie, der von Felix Mendelssohn ausging und heute noch in dieser Familie fühlbar fortlebt, hatte mich so oft daran erinnert, daß wir nicht an der Scholle zu kleben brauchen, um glücklich zu sein, daß der Abschied zu einem kleinen Fest stiller Dankbarkeit ausartete. Es wird das letzte sein, das wir zusammen feiern.

Dann – – Aber all das kann ich Dir in wenigen Tagen viel besser mündlich mitteilen; so lange werden wohl die »unvergeßlichen Erinnerungen« frisch bleiben. Es ist klüger, meinen letzten Brief, wie schon so manchen andern, mit dem gestrigen Tag zu füllen. Im Alltagsleben liegt schließlich das beste, das wir zu leisten vermögen und das uns widerfährt, und überdies – ganz alltäglich war der gestrige Tag denn doch nicht.

Morgens in der Frühe schlug ich eigenhändig und feierlich die letzten Nägel in die dreiundvierzig Kisten und Kästen, die ein wunderliches Gebirge in meinem Salon bilden. Dann hatte ich in der Kochstraße eine kurze Schlußbesprechung mit meinem General und Nachfolger, der seit einer Woche in Berlin eingezogen ist, und erteilte ihm meinen väterlichen Segen. Um zehn Uhr fand ich alle Beamte der D. L. G., über siebzig Mann, in festliches Schwarz gekleidet, im großen Sitzungssaal versammelt. Auf dem Tisch lag ein Riesenalbum in braunem, gepreßtem Leder. Wölbling hielt eine warme Ansprache, ich, auch nicht kühl, antwortete kurz nach meiner Art. Dann überreichte man mir den Riesenband, der etliche fünfzig prachtvolle Photographien enthält, Bilder aus den zehn Ausstellungsstädten, in denen ich gewirkt und gelitten hatte, ein sinnig zusammengestelltes und reizend ausgestattetes Andenken an meine Mitarbeiter. Du wirst es ja sehen, was mir eine nähere Beschreibung erspart.

Dann ging es wieder nach Hause, um Fracht- und andre Briefe zu schreiben. Dort fand ich acht Riesen mit drei Möbelwagen, um meine Sachen abzuholen. Grausig anzusehen war es, wie mein Prachtflügel die engen Treppen des alten Hauses herabglitt. Das muß man den Berlinern lassen: ihre Arbeiter sind tüchtige, gewandte Leute, die, wo sie zugreifen, Erstaunliches leisten. Fünf Mann wurden mit dem Flügel fertig; acht würden ihn anderwärts nur mit Zittern und Zagen gehoben haben.

Um sechs Uhr sammelten sich sodann bei Dressel Unter den Linden die Gäste, die ich zu meinem eignen Henkersmahl gebeten hatte. Sechsunddreißig waren geladen, vierunddreißig erschienen. Einer fehlte, weil er in Holstein, einer, weil er in Schweden war. Den Speisezettel lege ich Dir zu Deiner Erquickung bei, die Rechnung erhalte ich morgen, zu der meinen. Das Ganze aber verlief sehr nett. Es ist mir ein Herzensbedürfnis gewesen, nachdem diese guten Leute mich mit Adressen, Albums, Denkmünzen, Büsten, Flügeln und Festessen ohne Zahl überschüttet hatten, doch einmal zu zeigen, daß ich trotz meiner verwerflichen Junggesellenwirtschaft als Koch und Kellner meinen Mann stelle. Reden sollten nach gegenseitigem Übereinkommen nur zwei gehalten werden. Erst ich, mit einem Toast auf die deutsche Landwirtschaft, dann Thiel – »weil es verboten sei, des weiteren von mir zu sprechen« – mit einem Toast auf Dich, »die Mutter unsers Eyth«, der gerührten Anklang fand. Dann zum Schluß schlug ich, wie schon so oft, über die Stränge, und mit meinem Scheidegruß möge auch mein letzter Berliner Brief an Dich sein Ende finden.

Scheidend

Zieht ihr, so oft der Frühling naht,
      Den Pflug nicht freudig aus der Erde?
So laßt mich gehn! Reift doch die Saat
      Erst, wenn der Pflüger heimwärts kehrte.

Dann kommt mit seinem Sonnenschein
      Der Himmel und mit seinem Regen,
Dann kommt – wie könnt' es anders sein?
      Er auch mit seinen Wetterschlägen.

Komm's, wie er's fügt. Verlieret nicht
      Des Mannes Mut im Kampf des Lebens.
Es rang kein Mensch mit seiner Pflicht,
      Seitdem es Menschen gibt, vergebens.

Mir aber gönnt, um was ich bat.
      Auch mir wird es nicht leicht, zu gehen.
Doch ringsum grünt die junge Saat.
      Was ich vermochte, ist geschehen.

Und euer Dank, er ist mein Glück,
      Mein Lohn, mein Stolz für alle Zeiten,
Ein Händedruck – ein feuchter Blick –
      Dann aber laßt uns – laßt mich scheiden!

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