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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 117
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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111.

Herrenalb, den 15. August 1896.

Gestern haben wir sie an der Stelle zur Ruhe gelegt, die ihr so wohl gefallen hatte. Es war ein vierzehntägiger harter Kampf, ehe der Tod uns alle besiegte. Sie schlief schließlich ein, erschöpft, ohne einen Laut. Wir standen alle um sie, tief bewegt, aber noch immer nicht, als ob wir keine Hoffnung hätten. Die bleibt.

Dann kam eine herbe Nacht. Zum großen Glück hatten wir den ganzen oberen Dachstock der Villa Kull für uns gehabt. Das sonstige Haus war voll von Kurgästen und Sommerfrischlern, die, wie die Wirtsleute, sich während dieser qualvollen zwei Wochen untadelig rücksichtsvoll und freundlich benommen hatten. Fälle wie der unsre sind ja in Kurorten nicht gerade selten; man weiß sich zu schicken. Nun aber galt es, auch mit möglichster Rücksicht für die Gäste unsre Tote zu begraben. Die Treppen des Hauses waren derart, daß eine Tragbahre nicht in unsern Stock gebracht werden konnte. So trug ich vorgestern, genau um Mitternacht, meine liebe Schwester mit Hilfe eines Mannes hinab vor das Haus, wo wir sie auf die bereitstehende Bahre betteten. Dann folgten wir ihr, mein tiefgebeugter Schwager und ich, durch das lautlose Dorf nach dem kleinen Leichenhaus neben dem Friedhof. Als wir allein zurückkehrten, schlug die Kirchturmuhr bei dem kleinen, zerfallenen Kloster ein Uhr. Eine wahre Geisterstunde, wenn ich je eine erlebt habe.

Darauf folgte ein goldener Morgen und noch heute nachmittag schien die Sonne bis hinab auf ihren Sarg. Ein letzter Abschiedsgruß. Nun ist's Abend. Ich sehe, während ich schreibe, hinüber nach dem verlassenen Friedhof. Die schwarzen Tannen stehen hinter ihrem Grab, ernst und schweigend wie immer, und leichte Nebel liegen über der Talsohle und ziehen ihren Schleier schon um die fernen Häuschen des Dorfs. Unendlicher Friede liegt auf dem ganzen Bild, der Friede der still weinenden, der versöhnten Natur; der Friede Gottes.

– – Auch eine Sommerfrische! – –

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