Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Eyth >

Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 116
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
Schließen

Navigation:

110.

Herrenalb, den 10. August 1896.

Julie lebt noch, jetzt umgeben von sechsen der Ihrigen. Sie könnte zu Haus kaum besser gepflegt sein. Der Krankendienst, die Nachtwachen und alles, was dazu gehört, ist unter den Frauen in musterhafter Weise verteilt, während wir nutzlose Männer Botengänge machen und auch ohne solche fortgejagt werden. Es ist das einzig Richtige, was man in solchen Zeiten mit dem Herrn der Schöpfung tun kann.

Doch bin ich schon dreimal auch wieder geholt worden, weil sie glaubten, daß das Ende gekommen sei. Dann folgte ein kurzer Schlummer und ein neues Aufleben. Der Arzt meint seit einer Woche täglich, ein ähnlicher Fall sei ihm noch nicht vorgekommen, doch seien die letzten vierundzwanzig Stunden angebrochen. Ich habe aufgehört, ihn als Propheten zu verehren.

Sie ist nicht mehr fähig zu sprechen, aber Kindererinnerungen regen sich sichtlich in dem erlöschenden Geist. Es scheint sie zu beruhigen, wenn ich stundenlang Hand in Hand neben ihr sitze. Ich sehe dann hinaus über das grüne Tal hinweg und habe die jenseitige Bergwand mit dem kleinen Friedhof vor mir, von dem sie noch vor wenigen Wochen scherzend sagte, daß er ihr gerade passen würde. Es ist sicher genug, daß er ihr passen wird. Nicht zum erstenmal habe ich's erfahren, daß wir lächelnd ahnen, wo uns das bitterste Leid treffen soll. Doch nein! Dort draußen an dem sonnigen Hang, hinter dem ernste, schwarze Tannen einen grünbedachten Tempel aufbauten, wird sie kein Leid mehr berühren. Meine hastigen täglichen Briefchen geben Dir kein Bild von der Stille und Ruhe, die über dieser Natur schwebt, auch im Sterben.

 << Kapitel 115  Kapitel 117 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.