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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 115
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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Zehnter Abschnitt. 1896

Scheidend

109.

Herrenalb, den 1. August 1896.

Luft, Licht und Freiheit – so, glaube ich, schloß mein letzter Brief aus Berlin, und nun stehe ich statt dessen an einem Sterbebett. Schwarzwaldluft genug, Sommersonnenlicht in Fülle und die Freiheit in Sicht, und doch ist uns allen wund und weh.

Das Telegramm von Herrenalb erreichte mich gerade noch, um meine Abreise nach dem Engadin zu verhindern und mich nach dem Schwarzwald zu führen. Aber es ließ mich auch während der langen Fahrt das Schlimmste befürchten. Noch ist dies nicht eingetreten, und wir dürfen hoffen, solange ein Funke von Leben in uns ist.

Allerdings ist JulieMeine einzige Schwester. äußerst schwach, so daß sie nur noch flüsternd spricht und ohne Hilfe kaum eine Bewegung machen kann. In der vergangenen Nacht glaubten wir alle, daß sie für immer einschlummern könnte. An meinem Kommen hatte sie sichtlich eine große Freude, obgleich es uns beide tief ergriff. Sie schickt Dir tausend Grüße. Daß Du nicht hier sein kannst, weiß sie wohl; doch wißt Ihr beide, daß es trotzdem ein Wiedersehen gibt.

Wir sind jetzt unsrer Fünfe um sie. Emma, die zuerst allein war und sich nach dem so ganz unerwarteten Ausbruch der Krankheit mit der Pflege fast aufgerieben hatte, schläft nach mehreren Tagen und Nächten seit vierundzwanzig Stunden zum erstenmal wieder. Alles, was menschenmöglich ist, geschieht, um der Kranken die schweren Stunden in der fremden Umgebung leichter zu machen. Aber wie wenig ist menschenmöglich, wenn die Hand des Todes nach uns greift.

Noch am Nachmittag nach meiner Ankunft hatte ich eine lange Besprechung mit ihrem, wie mir scheint, geschickten und zuverlässigen Arzt. Auch er ist zu Ende mit seiner Kunst und glaubt, daß wir im günstigsten Fall noch auf drei bis vier Tage rechnen können. Ich schreibe Dir die einfache Wahrheit, ohne den Versuch zu machen, etwas zu beschönigen oder zu verbergen. Gott tröste Dich. Er weiß am besten, was er tut und wozu es gut für uns ist, für Lebende und Sterbende. Auch gibt er den Menschen und auch Dir die Kraft, seinen Willen zu tragen.

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