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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 114
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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108.

Berlin, den 10. Juli 1896.

Dankbar sollten wir sein, daß uns das Leben nicht gestattet, allzulang auf hohem Kothurn einherzustelzen und uns bei den schon in klassischer Zeit üblichen Nachspielen zwingt, auf den eignen, meist etwas komisch ausgetretenen Sohlen weiterzuziehen. Als ich hier ankam, fand ich unter einem beträchtlichen Haufen andrer Arbeiten eine Reklamation, die unsre nächste Direktionssitzung beschäftigen und erheitern wird. Sie beweist zum mindesten, welches Vertrauen die D. L. G. in den weitesten Kreisen und in den schlichtesten Gemütern des Volks genießt.

In Cannstatt wurde eine schuldlose Kuh prämiiert, bei der sich nachträglich herausstellte, daß sie sich aus Versehen in eine falsche Klasse eingeschlichen hatte. Man mußte deshalb ihren Eigentümer, der vielleicht nicht ganz so schuldlos war, benachrichtigen, daß der fragliche Preis von 300 Mark nicht ihm zustehe, sondern dem mit dem zweiten Preis gekrönten Rind, das nunmehr an die erste Stelle dieser Klasse rückte. Der Unglückliche sieht dies zwar langsam ein, verlangt aber 250 Mark Schadenersatz für Verluste, die ihm aus der unrichtigen Prämiierung seiner Kuh erwachsen seien. Erstaunt ersuchte unser Hauptgeschäftsführer den betrübten Aussteller um nähere Angaben bezüglich der angeblichen Verluste. Hierauf erhielten wir eine Aufstellung, die verdient, daß ich sie Dir abschreibe. Sie hat mich so ungebührlich gefreut, daß ich dem Direktorium vorschlagen werde, dem Mann ohne weitere Bemängelung die verlangte Summe zuzusenden, und ich weiß, das Direktorium ist gegenwärtig leichtfertig genug, alles zu tun, um was zu bitten mir einfällt. Der Mann aber hatte wörtlich folgendes geschrieben:

Verzeichnis außergewöhnlicher Kosten, welche mir durch die Prämiierung meiner Kuh bei der Landwirtschaftlichen Ausstellung zu Cannstatt pro 1896 erwachsen sind:

Über den zuerkannten ersten Preis nach Hause telegraphiert Mark 0.50
Andern Tags den erhaltenen Siegerpreis nach Hause telegraphiert, mit der Bitte, meine Frau und meine Schwester möchten doch auch zum Ausstellungsfest kommen Mark 1.35

Mark 1.85
Nach erhaltenen Prämien teilte ich dem Gemeinderat Michael Gunst von Thonau, Gemeine Durlangen, welcher mit einem Farren und mir das landwirtschaftliche Ausstellungsfest besuchte, mit, daß ich von jetzt ab seinen Knecht zechfrei halte, solange wir in Cannstatt seien, und zwar begnügen wir uns nicht mehr mit einer kalten Wurst, sondern wollen auch ein warmes, anständiges Mittags- und Nachtessen. Das kostet uns beide je Mark 5.60, somit pro Tag Mark 11.20 und in sechs Tagen Mark 67.20
Am Tag des erhaltenen Siegerpreises abends eine Flasche Champagner Mark 4.00
Am gleichen Abend suchten mich acht Maurer- und Zimmergesellen auf, welche von meinem Schultheißenamt und auf Arbeit in Cannstatt beschäftigt sind, welche meine Prämiierung im Blatt gelesen hatten. Denselben gestattete ich, daß sie jeden Tag nach dem Feierabend auf meine Rechnung etwas trinken und vespern dürfen, solange ich in Cannstatt bei dem Ausstellungsfest sei. Dieselben brauchen täglich pro Mann Mark 1.50, tut bei acht Mann 12 Mark, in sechs Tagen Mark 72.00
Meine Frau und mein Schwestersohn, welche zum Ausstellungsfest kommen und zwei Tage verweilten, für Verköstigung, Fahrgeld und Logis zusammen Mark 30.00
Für das tägliche Vorführen meiner fälschlich prämiierten Kuh vor Seiner Königlichen Majestät je 1 Mark Trinkgeld, tut 6 Mark. Ebenso für desgleichen zum Photographieren und dem Stallmeister Mark 7.50
Für einen Kranz um den Hals meiner Kuh Mark 2.50
Von verschiedenen Freunden und Kollegen auf der Ausstellung wegen der erhaltenen schönen Preise von meiner Kuh angepumpt Mark 30.00
Zum Abschied im Quartier zwei Flaschen Champagner Mark 8.00
In Gmünd bei der Rückkehr mit meiner Kuh von zirka acht Kollegen am Bahnhof abgeholt und denselben für Regalierung gespendet Mark 12.00
Bei der ersten Sitzung der bürgerlichen Kollegien (vierzehn) nach dem Ausstellungsfest hielt ich einen aufmunternden Vortrag über die Viehzucht und spendete den bürgerlichen Kollegien zusammen Mark 14.50

Gesamtauslagen der außerordentlichen Kosten für die fälschliche Prämiierung meiner Kuh Mark 249.55

S–ch, den 3. Dezember 1896.

Schultheiß K–e.

Die Summe wurde dem Mann zugeschickt, da das Direktorium die Unmöglichkeit erkannte, mit einem Schwaben von solch durchtriebener Naivität in andrer Weise fertig zu werden. Doch widmete der Hauptgeschäftsführer auch dem Ernst der Sache einige passende Worte und fragte, ob es nicht tieftraurig wäre, wenn 120 000 Mark, die jährlich auf unsern Ausstellungen zur Hebung der Landwirtschaft in Prämien verteilt werden, in dieser Weise vergeudet würden. Dies wurde einstimmig bejaht und warf einen leichten Schatten auf die heitere Episode.

Damit wäre vorläufig auch in Berlin abgeschlossen. Morgen geht es nach dem Engadin, nach Sils Maria, nach der Maloja, auf den Kleinen Bernhard, wer weiß, wohin. Luft brauche ich jetzt und Licht, und auf ein paar Wochen meine Freiheit.

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