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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 112
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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106.

Cannstatt, den 15. Mai 1896.

So ganz glatt geht es selbst in der eignen Heimat nicht, wenn ich auch an dem guten Willen, mir persönlich entgegenzukommen und mich samt der D. L. G. in die Tasche zu stecken, nicht zweifeln kann. Daß ich mich gegen das letztere ein wenig sträube, scheint meine lieben Landsleute mit Verwunderung und dem Verdacht zu erfüllen, ich müsse mehr verpreußt sein, als recht und billig ist. In Preußen selbst hat man dies noch nicht gefunden.

Da war vor allem der Kampf mit den Bauunternehmern, der diesmal hitziger und unangenehmer war als je zuvor. Sie stehen auf der Höhe der Zeit, diese Herren zu Stuttgart, und hatten einen regelrechten Ring gebildet, der überzeugt war, mir seine Preise vorschreiben zu können. Ich teilte den sieben Schwaben – es waren genau sieben, die mir den Spieß auf die Brust setzten – in aller Höflichkeit mit, daß es so nicht gehe, und ließ sie tiefer in meine Karten und früheren Rechnungen sehen, als ich es anderwärts zu tun gewohnt war; denn es lag mir wirklich daran, mit den Leuten handelseinig zu werden. Bei einem gemeinsamen Glase Bier stellte ich ihnen in beweglichen Worten vor, daß es doch ein entsetzlicher Schwabenstreich wäre, wenn sie mich zwängen, meine Bauleute aus Köln oder Magdeburg zu holen. Es half alles nichts. Entweder glaubten sie, es sei dies eitel Berliner Flunkerei, um niederere Preise zu erhalten, oder es war nur angeborene schwäbische Dickköpfigkeit, in der sie sich gegenseitig bestärkten; kurz, es war nach dieser Zusammenkunft hoffnungslos, des weiteren mit den Herren Bier zu trinken. Ich ging deshalb zum Telegraphenamt, hatte in vierundzwanzig Stunden Kölner und Konstanzer Unternehmer hier und nach weiteren drei Stunden meine Verträge abgeschlossen. Nun bezahlen wir annähernd die üblichen Preise, die Bauten kommen aus weiter Ferne, und Cannstatt ist um hunderttausend Mark ärmer. Sein Bürgermeister, dem ich sofort über die auch mir unangenehme Sache Bericht abstattete, ist wütend. »Die Esel, die Esel!« seufzt er. »Nachher kommen sie wieder zu mir und meinen, ich hätte die Geschichte ins Geleise bringen sollen.« Natürlich wird auch in Stuttgart über die verflixten Preußen kräftig geschimpft, die die ehrlichen Schwaben nicht einmal auf ihrem eignen Wasen etwas teurere Rinderställe bauen lassen. Die städtischen Wurstblättchen mischen sich in die Sache, worunter einer der Sieben schwer zu leiden scheint, der schließlich ein paar Kleinigkeiten zu meinen Preisen angenommen hatte. Ich habe ihm natürlich geraten, es zu machen wie ich und still zu sein. Es kommt bei Streitereien in Zeitungen nie etwas heraus. Unsre Freunde glauben uns ohne lange Erklärungen, unsre Feinde glauben den Gegnern trotz derselben. Das Publikum im allgemeinen glaubt keinem von beiden. Am schnellsten ist die Sache abgemacht, wenn man sich tot stellt wie ein Johanniskäferchen.

Selbst die unvernünftige Natur, die doch nachgerade wissen könnte, daß sie keinen besseren Freund hat als mich, machte zu Anfang den Versuch, mir einen Schabernack zu spielen und setzte den Ausstellungsplatz unter Wasser, so daß wir im Urschlamm der Schöpfung beginnen mußten, unsre Zelte aufzuschlagen. Das Wasser bleibt eine beständig drohende Gefahr für alle Ausstellungen; für uns ist es alljährlich eine Frage von Leben und Tod, ganz besonders aber hier, wo es nicht allein von oben droht. Denn es ist vorgekommen, daß der Neckar, dieses liebenswürdige, sang- und rebenfrohe Flüßchen, gerade im Juni unsern Ausstellungsplatz völlig überschwemmte. Schon zweimal erwachte ich in Schweiß gebadet und noch halb im Traume bemüht, zweitausendfünfhundert Rinder aus den Fluten zu treiben, und dabei zwei kostbare Preissauen an den rettenden Schwänzchen zu halten. Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte – Du weißt nicht, was es heißt, die Last von zweitausendfünfhundert Stück Großvieh auf dem Herzen zu tragen.

Doch geht es mit der im praktischen Leben unvermeidlichen, ja unentbehrlichen Reibung vorwärts. Der schwere Wanderkarren rumpelt ächzend über Stock und Stein, scheint heute am Umfallen und macht morgen einen unerwarteten Sprung über den bedenklichsten Graben. Das habe ich jetzt seit zehn Jahren genossen und kann mich immer noch nicht daran gewöhnen – innerlich. Äußerlich führe ich die Zügel – meinen die Leute – mit musterhafter Ruhe und Entschlossenheit. Aber es ist eitel Heuchelei, die mir oft sauer genug fällt.

Mehr als Wassersnot, Maul- und Klauenseuche und die Frage, wie Tier und Menschen unter Dach zu bringen sind, hätte Dich der gestrige Tag interessiert, an dem ich Seine Majestät, unsern König, zur Eröffnungsfeier der Ausstellung eingeladen hatte. Auch mein General und Zögling begleitete mich, dessen Ordensglanz mich allerdings weit überstrahlte. Einen eifrigeren Schüler hätte sich der anspruchsvollste Lehrmeister nicht wünschen können. Dabei ist er so liebenswürdig und bescheiden, daß er mich oft in förmliche Verlegenheit bringt, und einer der tausend Belege, wie nichtswürdig uns alle Vorurteile irreführen können, wenn wir uns von ihnen bestimmen lassen.

Wir hatten unter Adjutanten, Oberstallmeistern, Ministern und Generalen etwas lange zu antichambrieren. Dafür war dann der König die Liebenswürdigkeit oder vielmehr die Herzensgüte selbst. Man sprach von Pferden, Rindern, vom guten Wetter, auf das wir alle hoffen, und dann, im Handumdrehen, war ich wieder unter meinen Zimmerleuten und Erdarbeitern auf dem »Wasen«, unter denen ich mich mit fühlbar größerer Behaglichkeit bewege.

Brennender, fast rotglühend, wurde eine andre Frage. Die D. L. G. möchte und sollte nach hergebrachter Sitte unsre nächstliegenden Mitglieder höchsten Rangs, den Großherzog von Baden, den Prinzen Ludwig von Bayern, den Fürsten von Hohenzollern und den Statthalter von Elsaß-Lothringen zur Ausstellung einladen. Da hierbei aber im neuen Deutschen Reich Landesgrenzen zu überschreiten sind, ist die Sache ohne große diplomatische Aktion gar nicht zu machen, und ernste Erörterungen politischen Charakters müssen auch dieser vorangehen. Vorläufig bekämpfen sich zwei Strömungen, und die Frage ist noch ungelöst: Soll, kann und darf unter sotanen schwierigen Verhältnissen etwas getan werden, oder darf, kann und soll nichts getan werden?

Ich tröste mich. Es wird schon werden, wenn wir auch noch nicht wissen, was. Im übrigen siehst Du, daß mir nicht bloß Zimmerleute im Kopf herumgehen.

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