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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 109
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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103.

Köln, den 16. Juni 1895.

Die wie vom Sturm abgerissenen Blättchen, die Du in den letzten drei Monaten von Köln aus erhieltest, gaben sicherlich nur ein verworrenes Bild von dem, was um mich her vorging. Es lohnt sich, in der Pause, die der allgemeine Ab- und Aufbruch mit sich bringt, die harte Zeit, eine der härtesten, die ich durchzukosten hatte, noch einmal mit Behagen heraufzubeschwören. Manches, was mir das fröhliche Köln diesmal verbitterte, mag auf Rechnung körperlicher Verstimmung zu schreiben sein. Andres steht auf einem andern Blatt. Wehe dem Mann, der eine landwirtschaftliche Ausstellung aufzubauen hat und sich auf einen halbfertigen Schlachthof verläßt. Es wäre ihm besser, daß er mit einem Mühlstein um den Hals zwischen St. Goar und Bacharach im Rhein versenkt würde, wo er am tiefsten ist. Wie oft ich in den letzten drei Monaten dieses beneidenswerte Los herbeigesehnt habe, will ich nicht aufzählen.

Ein ausnahmsweise unfreundlicher Winter hatte die Arbeiten in der gewaltigen und vielgliederigen Gebäudegruppe monatelang aufgehalten. Einzelne Bauten, in denen meine Zimmerleute die erforderlichen Einrichtungen aufschlagen sollten, begannen erst aus dem Boden zu wachsen. Namentlich konnte mit großen Erdaufschüttungen, die den erforderlichen Platz um den Schlachthof her ebnen sollten, erst begonnen werden, als ich im April nach Köln übersiedelte, um auf dem noch nicht vorhandenen Grund und Boden mit den Schuppenbauten zu beginnen. Das alles lag in der Hand der städtischen Bauleitung, die ich nur mit Handschuhen anfassen durfte, wenn nicht alles verloren sein sollte. Was an Geduldsprüfungen, Sorgen und Ängsten unter solchen Umständen bei einer Aufgabe zu tragen ist, bei der hundert Rädchen annähernd richtig ineinander greifen müssen, wenn das Uhrwerk zur bestimmten Stunde, am 6. Juni, morgens acht Uhr, zum Schlagen ausholen soll, ist nicht an den Himmel zu malen. Schon im März sah ich den alljährlich mühevollsten Monaten mit Bangen entgegen wie noch nie; und sie hielten, was sie versprachen, in grimmigem Ernst.

Um Dir als Beispiel nur von einer Kleinigkeit zu erzählen: Für die Überführung der zweitausendfünfhundert Tiere von den Bahnhöfen nach dem Ausstellungsplatz war nur eine, aber dafür eine sehr günstige Möglichkeit gegeben: das Schienengeleise, das später den Güterbahnhof von Nippes, einer Vorstadt Kölns, mit dem Schlachthof verbinden sollte. Es war fest zugesagt, daß dieses Geleise Ende April fertiggestellt sein werde. Aber der Mai kam, Woche um Woche verging; um die fragliche kleine Stichbahn schien sich kein Mensch zu kümmern. Drei Behörden, wie ich mit vieler Mühe endlich herausfand, hatten sie gemeinsam zu bauen, jede ein Stück: die Schlachthofverwaltung, das städtische Bauamt und die Königl. Eisenbahndirektion. Jede behauptete, die andre sei schuld, daß es nicht vorwärtsgehe, und alle schrieben sich seit Monaten essigsaure Briefe, die wochenlang liegen blieben, bis der Essig für die Antwort sauer genug war. Die Hauptschwierigkeit lag darin: Die Eisenbahndirektion mußte ihren Teil des Geleises auf eine noch im Gebrauch stehende öffentliche Straße legen. Dies durfte sie nicht tun, ehe die Stadt eine andre Straße für den Verkehr fertiggestellt hatte. Diese andre Straße ging jedoch über ein der Eisenbahndirektion gehöriges Landstück, das verpachtet und nicht sofort zu haben war. Ich hatte zu Pontius und Pilatus zu laufen, ehe ich auch nur verstand, wo der Haken saß. Die Sache wäre in diesem Jahr nicht mehr zustande gekommen, wenn es nicht gelungen wäre, die feindlichen Mächte zu einer Besprechung zusammenzubringen, bei der das verdammte Amtsbriefeschreiben – verzeihe den Ernst meiner Sprache – unmöglich war. Dann allerdings war in drei Viertelstunden alles im Gang.

Nachträglich entdeckte ich auch, woher es kam, daß am 1. Mai, an dem uns der Schlachthof fertig übergeben werden sollte, dies noch entfernt nicht geschehen konnte. Köln hat das seltene Glück, einen Oberbürgermeister und zwölf Bürgermeister zu besitzen. Mit dem liebenswürdigen Herrn Oberbürgermeister hatte ich meinen Vertrag abgeschlossen, einer der Zwölfe hatte die Verträge mit den Schlachthofbauunternehmern geregelt und sie alle nicht auf den 1., sondern auf den 20. Mai verpflichtet. Als ich ihnen nun meine wachsende Verzweiflung ans Herz zu legen versuchte, hielten sie mir lächelnd ihre Verträge entgegen, die mich möglicherweise zwingen konnten, in zehn Tagen mit Arbeiten fertig zu werden, die mich anderwärts volle dreißig gekostet hatten.

Verstehst Du jetzt, weshalb ich drei Wochen lang an akuter Schlaflosigkeit litt? Dabei durfte ich nicht allzu laut klagen, denn die Kölner ohne Ausnahme waren freundlich und zuvorkommend genug. Nur versprechen sie in ihrer rheinweinseligen Liebenswürdigkeit manchmal, um nicht zu sagen meistens, etwas mehr, als sie zu halten gedenken. Wer wird auch jedes Wort auf die Goldwage legen wie in Bremen! Und wenn es galt, wirklich Hand anzulegen, durfte ich nicht allzuviel erwarten. Den Stadtbaumeister von Nippes mußte ich an einem der letzten Tage vor Eröffnung der Schau persönlich aus dem Bett ziehen und auf eine ungepflasterte Straße stellen, die wir zwölf Stunden später um jeden Preis gepflastert haben mußten. Eine ähnliche, fast allzu diskrete Zurückhaltung konnte ich den Kaufleuten und Industriellen der rheinischen Metropole nicht einmal verargen. Was brauchten sie sich um die Landwirtschaft zu kümmern, mit der sie zurzeit in grimmiger Fehde liegen, so daß sich beide Teile gegenseitig für ausgemachte Schwindler und Raubritter halten.

Zum erstenmal machte sich auch während der Ausstellung eine politische Unterströmung peinlich fühlbar. Sie kam von einer unerwarteten Seite. Der schwärzere, katholische Teil der ländlichen Bevölkerung weigerte sich, mitzumachen. Während in Straßburg ganze Dorfschaften, den Pfarrer an der Spitze, wie bei Wallfahrten angezogen kamen, blieben hier die Bauern weiter Distrikte ganz aus. Es war sichtlich ein wohlorganisierter Plan, dem ich überdies eine Anzahl anonymer, keineswegs schmeichelhafter Zuschriften verdanke. Daran änderte selbst nichts, daß der württembergische Graf von Rechberg, eine Säule des Katholizismus in seinem Vaterland, den Mut und die Güte hatte, die Ausstellung an Stelle des erkrankten Präsidenten, des Fürsten zu Wied, zu eröffnen. Den Massen hatte wer weiß wer in den Kopf gesetzt, daß es sich in Köln um eine liberal-protestantisch-preußische Veranstaltung handle, die man nicht unterstützen dürfe; und die Bauern blieben weg. Arme Bauern; armes Deutschland.

Trotz all dem gingen die fünf Tage in gewohntem Sturm und Drang und ohne fühlbare Störung vorüber, wenn man von einem Platzregen absieht, der zum Schluß einen Teil des Ausstellungsplatzes in einen See verwandelte. Die D. L. G. hat auch unter ungewöhnlichen Schwierigkeiten ihre Pflicht getan und bringt als Lohn ein gutes Gewissen und einen saftigen Fehlbetrag mit nach Haus. In München hatten wir 135 000 Besucher auf dem Platz, in Köln, mitten in der bevölkertsten Provinz Deutschlands, nur 56 000. Sollen die Leute vielleicht mit Gewalt nichts lernen?

Doch mußt Du nicht glauben, daß mich dies allzu unglücklich gemacht hat. Es ist das Leben in seinen großen Verhältnissen, denen der einzelne soviel als machtlos gegenübersteht, auch wenn er das Beste will. Das muß man tragen lernen, wenn auch Hunderte schon daran erlegen sind. Am Erliegen aber bin ich noch lange nicht, nur etwas müder als gewöhnlich.

Damit jedoch die Geschichte vom fröhlichen Köln nicht allzu traurig ausklinge, ein Geschichtchen mitten aus dem Trubel der Ausstellung heraus! Eine der ersten politischen Zeitungen Deutschlands schickte auf unser eindringliches Mahnen einen besonderen Berichterstatter, einen Jüngling noch an Jahren, der sich sofort mit löblichem Eifer wie eine Klette an meine Fersen hing. Es ist dies in solchen Tagen nicht übermäßig angenehm, namentlich wenn der Betreffende in aufrichtiger Bescheidenheit jede Kenntnis landwirtschaftlicher Dinge verheimlicht. Als er zum zehntenmal die gleichlautende Frage an mich richtete, was er denn eigentlich jetzt ansehen solle, fragte ich etwas brüsk: »Haben Sie die Simmentaler schon gesehen?« Etwas zögernd antwortete er: Nein, in die Fischausstellung sei er noch nicht gekommen. Jetzt wurde ich denn doch etwas aufmerksamer, und es stellte sich heraus, daß er die Simmentaler, diesen Stolz der süddeutschen Viehzüchter, für Fische hielt und mit Salmoniden verwechselt hatte. So geschehen im Jahr des Heils 1895 zu Köln am Rhein seitens des landwirtschaftlichen Ausstellungsberichterstatters einer der ersten Zeitungen des Deutschen Reichs, deren Titel mitzuteilen ich mich hüten werde. Denn wer weiß, was mit diesem Briefe noch geschieht, »wenn ich einst begraben werde sein«.

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