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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 108
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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102.

Berlin, den 5. April 1895.

In unsrer großen Woche kommen wir, wie es scheint, nunmehr regelmäßig in zeitliche und räumliche Kollision mit dem Bund der Landwirte, doch hat uns das Trompeten und Trommeln auf der andern Seite des Weges auch diesmal nichts geschadet. Lärm schadet niemand, der nicht darauf achtet und gesunde Nerven hat. Im Gegenteil. Unsre Versammlungen sind noch nie so besucht gewesen wie diesmal. Nicht die Kopfzahl allein war erfreulich. Auch wie und was verhandelt wurde, hatte einen ruhigen, richtigen, geschäftlichen Zug. Viele unsrer Leute sind auch Mitglieder des Bundes, der mehr und mehr von den waschechten Agrarieren beherrscht wird, die sich in bemerkenswerter Weise den Ton von Demagogenversammlungen angewöhnt haben. Aber es war, als ob auch sie sich bei uns vom Toben im Feenpalast – so heißt der Sammelpunkt der Bündler – erholen wollten. Bei uns dürfen die Lungen geschont werden, und die Arbeit macht den Menschen ganz von selbst versöhnlicher. Dies erklärt Dir auch, weshalb Zeitungen von uns fast nichts zu sagen wissen, und Kaiser und Bismarck die Herren vom Bunde empfangen und von uns kaum Notiz nehmen. So war es, seit die Welt steht. Wer dies nicht ertragen kann, darf sich die Hände mit gemeiner Arbeit nicht schmutzig machen. Es ist gut so. Wie wollten denn die Schreier leben, wenn nicht jemand für sie arbeitete? Und das Schreien ist wohl auch vonnöten, wenn die Welt nicht allzu still werden soll.

Freilich hat dies seine Grenzen. Ich schreibe Dir nicht viel von Politik. Sie paßt nicht in meinen Kram, und jeder kehrt am besten vor seiner Türe. Aber diesmal kann ich's nicht lassen, denn es ist mir, als wäre es Zeit, daß wieder einmal die Steine ihre Stimme erhöben. Wie mutet es Dich an, daß der Reichstag, die Vertretung des deutschen Volkes, sich vor einigen Tagen in feierlichem Beschluß geweigert hat, dem Fürsten Bismarck zum Geburtstag Glück zu wünschen? Das Volk, das die deutsche Treue bei jeder Gelegenheit im Munde führt, dem Bismarck und kein andrer das allgemeine Stimmrecht verschafft hat, nachdem er ihm sein Reich geschaffen; der Reichstag, der sein Dasein niemand anderm verdankt als diesem Mann! Deutsche Treue! So sah es aus, seitdem Hermann der Cherusker von einem Deutschen erschlagen wurde, den er vom römischen Joch befreit hatte. Woran liegt's? Was macht uns zu solch erbärmlichen Wichten? Nicht vorübergehend, sondern immer und immer wieder, seit zwei Jahrtausenden, nicht in einzelnen Fällen, sondern so, daß wir einen Reichstag mit Leuten füllen können, die alle verdienten, Segestes zu heißen! Es ist, um blutige Tränen zu weinen. Daß unsrer wackerer, verehrter Freund von Levetzow den Vorsitz in dieser traurigen – fast hätte ich unser hohes Parlament in höchst unparlamentarischer Weise bezeichnet – niedergelegt hat, erklären einige für eine Schwäche. Mich freut es, obgleich es mich noch trauriger stimmen sollte. Denn wenn alle braven Leute den Kopf verlieren, die diesem Volk von – unparlamentarischer Ausdruck – dienen, wo soll es dann hinaus?

Gott sei Dank, daß ich nicht in der Leipziger Straße sitze, sondern in der Kochstraße hinter meinem Pflug herlaufe, wenn auch manchmal zum Sterben müd.

Merkst Du vielleicht, daß hier wieder einmal die Influenza umgeht?

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