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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 106
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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100.

Berlin, den 14. Juli 1894.

Nun haben wir auch einmal eine großartig verregnete Ausstellung hinter uns. Es war jammerschade, daß uns gerade hier in der Reichshauptstadt das Glück im Stich ließ, und doch bin ich nicht ganz unglücklich. Wir sind endlich so weit, daß wir auch einen Schicksalsschlag ertragen können.

Der Verlauf der sechs Tage glich dem an andern Orten. Das findest Du in hundert Zeitungen besser, als es Dir ein Brief sagen könnte, obgleich uns die Zeitungen noch immer einigen Kummer machen. Es fehlt ihnen an Interesse und Liebe zur Sache, es fehlt ihnen namentlich und aufs kläglichste an Sachverständnis, und wenn es auch etwas besser geworden ist, seit die D. L. G. auf dem Plan erschien, mit englischen Berichten über die Schauen der R. A. S. darf man die deutschen nicht vergleichen. Der Fehler steckt leider zu tief in der Natur, oder der Unnatur, unsrer Zeitungsschreiber.

Am ersten Tag war das mit Bangen beobachtete Wetter noch nicht eigentlich schlecht. Sogar die Sonne lächelte ein wenig während der üblichen Eröffnungsfeier, zu der unser derzeitiger Präsident, Prinz Heinrich, mit hohenzollernscher Pünktlichkeit erschien. Er sprach einfach und nett, wenn er auch nicht ein geborener Redner ist wie sein hoher, genialer Bruder. Einige meiner Freunde lauerten diesmal besonders darauf, wie ich mich mit dem üblichen Hoch auf die Stadt aus der Schlinge ziehen würde, denn die Sturmwogen der Politik, der Kampf zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Landwirtschaft, zwischen Handelsfreiheit und Schutzzöllen spritzen gegenwärtig über alle Köpfe weg. Mein Hoch auf Berlin galt »der Stadt der Arbeit«, welcher das Land die Früchte seiner Arbeit vorführt, mit dem Bewußtsein, daß auf beiden das Wohl unsers Vaterlandes beruht. So ging es zur Not; Caprivi und der Oberbürgermeister von Berlin konnten mit gutem Gewissen einstimmen, und taten es. Nach der Feier fand der übliche Rundgang statt, der wegen der großen Entfernungen diesmal nicht zu Fuß unternommen werden konnte, und bei dem ich den Ehrenplatz im Wagen des Prinzen Heinrich einnehmen mußte. Der Prinz war die Liebenswürdigkeit selbst, namentlich nachdem wir uns gegenseitig mitgeteilt hatten, daß wir eigentlich mehr Ingenieure als Landwirte seien. Um vier Uhr fuhren die hohen Herrschaften davon und wir andern in unsre Gesamtausschußsitzung. Du weißt schon, daß mir dort zu meiner unsäglichen Überraschung ein Bechsteinflügel »überreicht« wurde, der an Pracht der Ausstattung seinesgleichen auf diesem Erdenrund nicht hat. Von Arnim hielt eine Ansprache, die nicht nur mich, sondern auch die gesamte Versammlung aufs tiefste ergriff. Daß ich darauf dummes Zeug erwiderte, läßt sich denken. Es schadete aber nichts und war deutsch. Bei der Eröffnungsfeier der Semmeringbahn lagen sich die Ingenieure, die sie gebaut hatten, weinend in den Armen; weshalb, wußten sie natürlich selbst nicht. Aber es gibt Augenblicke, in denen selbst eine Semmeringbahn den Menschen zu Tränen rührt, und auch ich hatte mit meinen Freunden in den letzten zwölf Jahren einen Semmering überbaut.

Dann – damit die Bäume nicht in den Himmel wachsen, wozu übrigens meine geistige und körperliche Stimmung keine Veranlassung bot – fing es an zu regnen, und regnete und regnete –!

Die zweite Prüfung dieser Tage war das Nichterscheinen unsers Allerhöchsten Schirmherrn, Seiner Majestät des Kaisers, der mit aller Bestimmtheit angesagt gewesen war. Es tat mir leid der andern wegen, die die Enttäuschung bitter empfanden. Du weißt, was ich persönlich davon denke. »Wehe dem Mann, der sich auf Fürsten verläßt!« Und schließlich wird er doch einmal kommen und sich wundern, was seine Bauern wert sind.

Alle guten Dinge sind drei. Die dritte Prüfung war, daß am Tag nach der Ausstellung in einem Rinderschuppen die Maul- und Klauenseuche ausbrach: ein fürchterlicher Schrecken für das verantwortliche Kollegium von Tierärzten, die sodann mit Feuer und Schwert Krankes und Gesundes vom Erdboden vertilgten. Es ging gnädig vorüber und hatte nur für etliche sechsunddreißig völlig schuldlose Rinder die unangenehme Folge, daß sie den Freuden des Wiederkäuens vor ihrer Zeit entsagen mußten.

Trotz alledem hat sich Berlin wacker gehalten und sandte uns durch Regen und Sturm 156 046 zahlende Besucher; 50 000 mehr als in München. Hätten wir gutes Wetter gehabt, so hätte die Zahl sich wohl verdoppeln können. Dann aber wären wir wahrscheinlich aus Rand und Band geraten im Stolz auf unsre Großtaten. Es hat auch sein Gutes, von Zeit zu Zeit mit etwas kaltem Wasser begossen zu werden, und daran hat es diesmal wahrhaftig nicht gefehlt.

Der größere Teil des Festplatzes sieht heute aus, als ob hunderttausend Wildschweine drin gehaust hätten. Den sollen wir nun wieder herstellen und den gestrengen Vätern der Stadt mit frischem Grün geschmückt übergeben. Traurig, mit aufgeschlagenen Beinkleidern irren wir unter den triefenden Bäumen umher und fragen uns vergebens, wie dies zu machen sei. Im kommenden Jahr soll eine Gewerbeausstellung alles wieder über den Haufen werfen, Rasen, Strauchwerk und Bäume; vielleicht liegt hierin auch für uns ein rettender Ausweg. Die Sorgen aber werden nicht alle, und trotz der Einnahmen von 316 000 Mark verlassen wir den schönen Treptower Park mit einem blauen Auge, das uns 32 000 Mark gekostet hat.

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