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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 100
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
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Sechster Abschnitt. 1892 – 1893

München

94.

Berlin, den 27. November 1892.

Es bleibt ein ernster Tag, an dem wir einen Freund verlieren, der fast zehn Jahre lang Schulter an Schulter mit uns gefochten hat; dazu wird wohl das kleine Ereignis führen, mit dem der gestrige Tag schloß. Ich würde es mit Stillschweigen übergehen und für immer begraben sein lassen, wenn es nicht so urdeutsch wäre. Aber alles, was echt ist, sei es nun freundlicher oder peinlicher Art, zieht mich dermaßen an, daß ich's nicht lassen kann, mit Dir davon zu plaudern.

Die Geschichte begann schon im September. Damals veranlaßte Schultz-Lupitz als Vorsitzender der Düngerabteilung seinen Ausschuß, einen Beschluß zu fassen, der über einen Teil der sehr bedeutenden Summen verfügte, die von der Geschäftsstelle der Abteilung vereinnahmt worden waren. Diesem Beschluß versagte das Direktorium seine Zustimmung. Hierüber geriet Schultz in große Aufregung, und die seit längerer Zeit unter der Decke glimmende Streitfrage, inwieweit die Düngerabteilung über die von ihrer Geschäftsstelle erworbenen Geldmittel verfügen könne, führte zu einem offenen Zwiespalt zwischen dem Ausschuß der Abteilung und dem Direktorium der Gesellschaft. Es handelte sich hierbei um die Einheitlichkeit der Gesellschaft. Deshalb ist es wohl verzeihlich, daß diesmal auch für mich der Grundsatz des laisser faire's, den ich heilig halte, wo immer sich selbsttätige Arbeit zeigt, in seiner versöhnenden Wirkung versagte.

Schultz hatte von Lupitz aus erklärt, daß er das Veto des Direktoriums für eine Anmaßung halte, die ihn veranlasse, zunächst jede weitere Mitarbeit einzustellen. Ich erklärte dem Direktorium: »Machen Sie aus der Gesellschaft, was Sie wollen. Wenn aber die Grundsätze geändert werden, auf denen sie aufgebaut ist, so müssen Sie auch auf meine Mitarbeit verzichten.« Der Streit hatte sich drei Monate lang hingezogen, während deren wir mit den wechselnden Stimmungen des verdienstvollen, aber kranken Mannes die erdenklichste Geduld hatten. Der Plan, aus der Düngerabteilung eine selbständige Gesellschaft zu bilden, scheint um diese Zeit in ihm gereift zu sein und hatte, wie es bei Kranken ja häufig genug der Fall ist, in seinem Kopf eine Geschichte ihrer Entstehung herausgebildet, die mit den Tatsachen in krassem Widerspruch stand. Seine Ausschußmitglieder kannten die Geschichte nur oberflächlich, so daß es leicht war, ihr Einverständnis zu einem Schreiben an das Direktorium zu gewinnen, in dem die Trennung vorgeschlagen und die Auslieferung von etwa ein Drittel des Gesellschaftsvermögens an die zu begründende neue Dünger- und Kainitgesellschaft verlangt wurde. Das Schreiben war von einem Rechtsanwalt aufgesetzt, der bereit war, die Ansprüche der Düngerabteilung auf gerichtlichem Wege zu verfolgen. Ein Prozeß mit unsrer eignen wichtigsten Abteilung, vertreten von einigen der geschätztesten unsrer Mitglieder, war im Anzug. Es blieb jetzt nichts andres übrig, als fest zuzugreifen.

So machte ich mich daran, alle Briefe und Schriftstücke, meist von Schultz-Lupitz' eigner Hand, zusammenzusuchen, und mit diesen Belegen das gefährliche Dokument der Düngerabteilung zu widerlegen. Es war eine mühevolle, aber keine schwierige Aufgabe; ebensowenig machte es Schwierigkeiten, eine gemeinsame Sitzung des Direktoriums und des Ausschusses der Düngerabteilung anzuberaumen, da beide Seiten ihrer Sache gewiß waren. Die Sitzung fand gestern statt und gehört zu den denkwürdigsten, die ich erlebt habe, nicht bloß, weil ich das Werk von zehn Jahren vor der Zerstörung zu retten hatte, sondern namentlich, weil dieser Versuch einen der unglückseligsten Charakterzüge des deutschen Volkes mit entsetzlicher Deutlichkeit bloßlegte. Es ist uns seit einer Reihe von Jahren zu gut gegangen. Das halten wir nicht aus, ohne daß der deutsche Neid in irgendwelcher Form selbst bei denen ausbricht, die mit allem Eifer an der erfolgreichen Sache mitgebaut haben. Nun muß wieder zerstört sein, was mühevoll geschaffen wurde, um irgendeiner Sonderliebhaberei nachjagen zu können. Später kommt dann Heulen und Zähneklappern über unsre Unfähigkeit, gemeinsam nach ersehnten Zielen zu streben. So haben wir es von jeher gehalten im großen und kleinen, und Schultz-Lupitz ist ein guter, patriotischer, leberkranker Deutscher nach besterprobtem Muster.

In der Sitzung saßen wir uns gegenüber, den Absagebrief der Düngerabteilung zwischen uns auf dem Tisch. Ich hatte meine Belege neben mir und widerlegte jeden Satz des Schriftstücks, das der irregeleitete Düngerausschuß an uns gerichtet hatte. Der arme Schultz wurde immer gelber und saß schließlich zitternd vor Erregung da. Er tat mir leid; aber es blieb mir kein andres Mittel. Die peinliche Sachlage hatte ihre wahre Ursache darin, daß wir alle, aus Rücksicht auf seine Verdienste und seine Gesundheit, ihm seit Jahren nicht mehr die Wahrheit gesagt und er sich in einen wahrhaft gefährlichen Gedankenkreis hineingearbeitet hatte. Mit der üblichen Geistesträgheit hatte dann seine nächste Umgebung seine Mythengebilde hingenommen. Dieses Spinngewebe mußte jetzt mit rauher Hand zerrissen werden. – Nachdem ich zu Ende war, trat zuerst tiefe Stille ein. Darauf erhob sich Schultz zu einer grimmigen Rede über seine guten Absichten und großen Pläne, deren Verfolgung ihm das Direktorium unmöglich mache, über die Streitfrage selbst, über die Berechtigung einer Scheidung der Düngerabteilung aus der D. L. G. sprach er kein Wort. Dann kam ich mit einem Schlußantrag: »In Anbetracht der großen Verdienste des Herrn Schultz um die deutsche Landwirtschaft überläßt das Direktorium der Düngerabteilung die Verfügung über die Zinsen der durch seine Geschäftsstelle erworbenen Beträge. Im übrigen erkennt die Versammlung den soeben geschilderten Stand der Dinge als zu Recht bestehend an.« Schultz und seine Getreuen begaben sich mit diesem Vorschlag in ein Nebenzimmer, und letztere redeten so lange auf ihn ein, bis er mürbe genug war, sich hierbei zu beruhigen.

Tatsächlich ist das Ergebnis dies: das Direktorium und ich haben mit unsern gutmütig plumpen Keulenschlägen auf der ganzen Linie gesiegt, Schultz aber und die Düngerabteilung läuft mit der Kriegsbeute davon. Ich bin's zufrieden, um des Friedens willen. Aber trotz des üblichen Versöhnungstrunks, mit dem wir den Tag beschlossen, wird Schultz die Niederlage nicht vergessen, und auch mich wird der Stachel – na, wir werden ja sehen.

Die Vermutung, mit der ich diesen Brief schloß, ist eingetroffen. Der Streit hatte auf beiden Seiten zu tiefe Wunden geschlagen. Wir gingen nebeneinander her, ohne das alte Verhältnis wiederzufinden, so leid – davon bin ich überzeugt – uns beiden dies tat. Als er im Jahr 1897 der Krankheit erlag, die seine letzten Jahre verbittert hatte, errichtete ihm die D. L. G. in Lupitz, dem Ort seiner erfolgreichen Wirksamkeit, einen Denkstein. Äußere Verhältnisse hinderten mich, der Feier anzuwohnen, zu der ich die folgenden Verse beitrug, die als Beweis dienen mögen, daß ich dem wackeren Mann seinen mißglückten Angriff auf meine Schöpfung längst und von Herzen verziehen hatte.

Am Grabe nicht, wo unsre Toten
Versinken in der Erde Nacht;
Auf freiem Feld, auf Deinem Boden
Sei Dir der letzte Gruß gebracht.
Wo blau der Himmel niederblickt,
Und hoffnungsgrün die Fluren mahnen.
Wo bunt der Herbst die Bäume schmückt,
Als wär' er voll von Frühlingsahnen.

Kein Bau ist's von erhabnem Zuge,
Kein prunkend Denkmal, das wir weihn.
Wie man ihn findet unterm Pfluge,
Ein schlichter Stein nur darf es sein.
So warst auch Du, einfach und echt,
Ein Mann der Tat, mit Kopf und Händen.
O gäb's der Himmel dem Geschlecht,
Daß solcher Steine mehr wir fänden.

Wir denken Deiner, denn wir wissen,
Was gottbegnadet Du vollbracht:
Wie ein Geheimnis Du gerissen
Aus der Natur verborgnem Schacht,
Wie du um diese Wahrheit rangst,
Und die Gelehrten selbst bekehrtest;
Wie Du den schlichten Landmann zwangst,
Weil kühn Du tatest, was Du lehrtest:

Daß Brot dem Menschen sei gegeben
In dürrem Sand und Salzgestein,
Und daß aus Wüsten neues Leben
Aufkeimen kann. – Wir denken Dein!
Doch Deine Freunde nicht allein;
Nein, Tausende im weiten Lande,
So oft um diesen stillen Stein
Die Saaten sprießen aus dem Sande.

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