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Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre

Max Eyth: Im Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre - Kapitel 10
Quellenangabe
typeautobio
authorMax Eyth
titleIm Strom unsrer Zeit. Dritter Teil. Meisterjahre
publisherCarl Winter's Deutsche Verlags-Anstalt
seriesMax Eyths Gesammelte Schriften
volumeSechster Band
editorA. und Lili du Bois-Reymond
year1909
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20080107
modified20150722
projectid8c808e4a
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6.

Bonn, den 3. Dezember 1882.

Gestern habe ich die Feder für den letzten der ersten sieben Aufsätze über die R. A. S. angesetzt. Damit ist ein gewisser Abschnitt erreicht, denn je sieben sollen nach Form und Inhalt eine besondere Gruppe bilden. Über dem Ernst der sechs ersten bin ich fast schwermütig geworden. Der letzte wird im Plauderton die Erlebnisse zweier Deutscher auf einer der großen Jahresausstellungen der englischen Landwirtschaftsgesellschaft schildern und soll den Leuten in heiterer Weise den Mund danach wässerig machen. Er dürfte das Satyrspiel nach den vorangehenden Tragödien werden. Ob ihn irgendeine Zeitung nimmt, ist fraglich. Der einen wird er in der Form nicht ernst, der andern im Kern nicht leichtblütig genug vorkommen. Die Leser, für die er eigentlich berechnet ist, werden über diese neue Gattung von Schulze und Müller den Kopf schütteln. Aber es ist mir gleichgültig. Noch fühle ich mich ungebunden genug. »Nicht feil ist mir mein schuppig Panzerhemde und meine Freiheit und mein Spaß.« »Haß« sagt, wenn ich mich recht erinnere, Geibels Tscherkessenfürst. Aber auch das ist mir gleichgültig.

Die sechs vorangehenden Artikel habe ich bereits an ebensoviele Zeitungen verschickt und warte der Dinge, die da kommen sollen. Die »Kölner« hat mit einer hierzulande nicht üblichen Promptheit abgelehnt. Dies störte mich keineswegs, denn ich hatte mich auf Ablehnungen in jeder Form und Gestalt gefaßt gemacht und über meine Zimmertür in flammenden Buchstaben geistweise geschrieben: »Ablehnungen werden nicht angenommen«. Demgemäß besuchte ich zunächst den Chefredakteur der »Kölner«, um sein Gewissen zu wecken. Er war darauf sichtlich nicht gefaßt, wie er mit Umschreibungen gestand, erstlich weil ihn ein Mensch besuche, der nicht Dr. war, zweitens weil derselbe die Engländer nicht schlechthin verdammungswürdig fand, und endlich weil dieser Mensch zu schreiben scheine, nicht um etwas geschrieben zu haben, sondern weil er etwas sagen, ja sogar, weil er etwas tun wolle. In der Verwirrung versprach er deshalb, den Aufsatz, den er nicht gelesen habe, denn er sei viel zu lang, seinem »landwirtschaftlichen Sachverständigen« zuzusenden. Dieser Herr wird hoffentlich ein landwirtschaftlicher Sachverständiger sein und danach tun. – Die andern fünf haben noch nichts von sich hören lassen. Das klingt schon besser.

Viel Spaß hat mir der Kummer gemacht, den Dir meine Orthographie und mein etwas anglisiertes Deutsch bereitet haben. Ich bin Dir für jeden Strich dankbar, mit dem Du meine Manuskripte schmückst. Rochefort, der große Journalist und Laternenmann, saß jahrelang in England und hat grundsätzlich kein Wort Englisch gelernt, um seinen französischen Stil nicht zu verderben. Ich war weniger vorsichtig. Nun hab' ich's, und wer weiß, ob mir je wieder ein deutscher Schnabel wachsen wird. –

Indessen gedenke ich nach dem siebenten Aufsatz eine fühlbare Pause eintreten zu lassen. Ich werde sonst allzu langweilig, selbst für unsre heimischen Verhältnisse, was die »langweiligen« Engländer in ihrer Bosheit nicht für möglich halten. Tatsächlich habe ich mit dieser Pause schon einen kleinen Anfang gemacht, indem ich an meinen Skizzen eifrig klebe und pinsle. Dabei lebe ich in Ägypten und Peru, am Sakramento und an der Wolga wieder auf und freue mich des mühelosen, genußreichen Wanderlebens. Es kommt mir förmlich unnatürlich vor, daß »Heimat« keinen Pluralis hat. Ihr werdet darüber entsetzt sein. Aber ist es so sicher, daß mein Gefühl in diesem Punkte irre führt? »Wir haben keine bleibende Stätte.«

In Bonn dagegen fühle ich mich noch immer nicht heimisch. Ich habe wohl schon mehr Bekannte, als ich brauche; zu einem näheren Anschluß kommt man in meinen Jahren nicht so leicht, vielleicht, weil man es weniger nötig hat. Die hochgebildeten Kreise der Universität, auf deren Umgang ich mich freute, weil ich ihn nie zuvor genossen hatte, enttäuschten mich ein wenig. Prächtige Leute in ihrer Art – einige davon; und vor ihrem Ruf, vor ihrem Wissen beuge ich mich gebührend. Daneben aber welcher Formalismus in Kleinigkeiten, wieviel unbegreifliche Eifersüchtelei in den höchsten und in den niedrigsten Beziehungen! Wie sie sich mißtrauisch auf die Finger sehen, wie sie sich streiten, ob X eine chaldäische Inschrift drei Wochen früher entziffert hat als Y, oder ob A das Verhalten der Buttersäure bei 137° Celsius einen Monat vor B.'s Artikel über dieselbe Frage richtig angegeben habe. Nein! ich bin nicht der Herren Kammerdiener, und dennoch –

Dann die Jugend, das Studentenwesen in seiner neuesten Entwicklung, die in Bonn besonders zu blühen scheint – noch einmal, nein! Dafür allerdings gibt es eine Erklärung von überwältigender Deutlichkeit: meine achtundvierzig Jahre.

Das wichtigste aber, was ich zu tun habe und wozu mir die Pause dienen soll, ist nunmehr, mich umzusehen, wo ich bin, klar darüber zu werden, was ich will und wie zuzugreifen ist, wenn es in der Tat zum Wollen kommen sollte. Denn ohne ein bestimmtes Ziel, ohne festen Willen komme ich aus dem deutschen Nebel nicht heraus, der mich dichter als ein englischer von allen Seiten einzuhüllen droht.

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