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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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9.

Sie blieb plötzlich wie angewurzelt stehen, und auch die anderen Anwesenden schwiegen aufhorchend. Draußen gellte wiederholt das Aufschreien eines Kindes, so jammernd, so schmerzvoll, daß sich selbst der Freiherr erschreckt erhob und, auf Felix gestützt, mühsam nach dem Fenster schwankte, das sein Sohn bereits geöffnet hatte.

Das Gewitter schien sich mit dem gewaltigen Donnerschlag vorhin für eine Zeit erschöpft zu haben; es fiel kein Regentropfen mehr, aber ein feuchter, schwüler Odem füllte die vor den Fenstern hinlaufende Säulenhalle, und der Himmel breitete sich sternlos, in drohender, tiefer Schwärze über die Stadt hin. Die Gaskandelaber vor dem Säulenhause beleuchteten voll das Parterre mit seinen springenden Wassern und seinen riesigen Blumenbuketten auf dem Rasenteppich; kein blütenbeschwerter Zweig der Gebüsche bewegte sich, kein Menschenfuß beschritt den Kies; aber draußen, jenseits des Eisengitters standen Leute, und über das Gemurmel von Männerstimmen hinweg hörte man das hier und da von einem Aufweinen unterbrochene Schelten einer Frau – das Kind schrie nicht mehr.

Während die Herren und Lucile hinaushorchten, ging die Baronin an den Teetisch zurück und nahm ihren Platz wieder ein ... Der Freiherr hatte vorhin beim Aufstehen, ohne es zu wissen, das Seidenpapier mit seinem Inhalt von der Tischkante gestoßen – es war unbemerkt und lautlos auf den Teppich gefallen. Die Baronin ging hart daran vorüber; sie sah es liegen, aber sie rührte keinen Finger, es aufzuheben – das war unter ihrer Würde. Nun hielt sie ihre Arbeit wieder zwischen den wächsernen Fingern; im regelmäßigen Tempo wurde der weiße Faden aus- und eingezogen, und die Augen unter den langen, durchscheinenden Lidern hafteten unverwandt auf der Stickerei. Nur einmal irrten sie seitwärts auf den Teppich nieder – Minka schlüpfte, nach vorheriger Rekognoszierung, geräuschlos aus ihrem Versteck, raffte das Papier auf, drückte es zärtlich an ihre haarige Brust und verschwand wieder hinter dem Vorhang.

Die junge Frau zuckte mit keiner Wimper, nicht ein Zug ihres Gesichtes veränderte sich – sie senkte nur den Kopf etwas tiefer und stickte still weiter ... Sie ahnte nicht, daß dort hinter dem Rücken der Herren ein Paar im grünlichen Feuer glitzernde Mädchenaugen durch den Spalt der Gardine lauschten – Lucile lachte zum Ersticken in sich hinein; die Frau mit ihrem eifersüchtigen Haß gegen alle Malerei war zu amüsant, und nebenbei war es kein Unglück, wenn dem Mädchen aus dem Tropenlande das gelbe Gesicht ein wenig zerkratzt wurde ...

Der Lärm draußen verstummte; man sah, wie sich der Menschenhaufe zerteilte, wie die Leute allmählich auseinander gingen, und beruhigte sich in dem Gedanken, irgend ein kleiner Ausreißer sei von der verfolgenden Mutter erwischt worden und habe sich geweigert, mit heimzugehen. Baron Schilling schloß das Fenster, während die anderen an den Tisch zurückkehrten.

Beim Niederlassen in den Armstuhl ließ der Freiherr seine Blicke suchend über den Tisch hinschweifen; er schob ungestüm das umherstehende Geschirr zurück und nahm tastend und schüttelnd seine hingeworfene Serviette auf. »Zum Kuckuck, wo ist denn das Bild hingekommen?« fragte er ärgerlich. »Haft du es weggelegt, Klementine?«

»Ich habe gestickt,« sagte sie mit ihrer leisen, hohen eintönigen Stimme, schnitt gelassen den Faden ab und legte die Schere vor sich auf den Tisch, ohne auch nur aufzusehen. Baron Schilling trat hinzu; er hatte die Lampe genommen und beleuchtete ringsum den Teppich, und Felix, wie auch Lucile, die sich die Lippen fast wund biß, um nicht laut aufzulachen, halfen ihm suchen ... Da scholl ein mehrmaliges leises, aber intensives Knirschen und Knacken, als ob dürres Holz zerbrochen würde, von dem einen Fenster her – Baron Schilling stellte hastig die Lampe nieder und schlug die Gardinen auseinander; mit einem Griff packte er die zappelnde und kläglich schreiende Minka, trug sie durch das Zimmer und warf sie zur Tür hinaus.

»Wirft du mir nie den berechtigten Wunsch erfüllen, das boshafte Tier wegzugeben, Klementine?« fragte er finster und grollend. »Es fügt uns und unseren Leuten durch seine Zerstörungswut fortgesetzt den bittersten Schaden zu.«

Die junge Frau warf den Kopf zurück; zwischen ihren blonden Brauen vertieften sich zwei böse Linien, und jetzt waren selbst die schmalen, geschlossenen Lippen graubleich wie das ganze Gesicht. Schweigend drückte sie auf die Tischglocke. »Die Kammerjungfer soll Minka in mein Schlafzimmer bringen und ihr dort das Abendbrot reichen!« befahl sie dem eintretenden Diener und nahm ihre Arbeit wieder auf, als sei nichts vorgefallen.

Der Freiherr stampfte ergrimmt mit dem Fuße auf, und wütend an seinem Schnurrbart zerrend, zerdrückte er sichtlich einen Fluch zwischen den Lippen, indes sein Sohn nach dem Fensterbogen zurückging und die Splitter der Elfenbeinplatte zusammenlas.

»Es hat ein glücklicher Zufall dabei gewaltet,« sagte er froh zu Felix, der ihm gefolgt war; »das Gesicht ist unversehrt. Nur ein Teil der Haarwellen ist weggebrochen, aber was schadet das? Ich halte die Seele hier, den Aufblick der Augen, der mir zu denken geben wird, so lange ich künstlerisch schaffe ... Übrigens lassen sich die Splitter wieder aneinanderfügen – die Risse wird man freilich sehen, es hat an Wert verloren; aber um so eher darf ich mir es nun aneignen – es ist mein, ich gebe es nicht wieder aus der Hand.«

Er legte die einzelnen Stücke behutsam zwischen das weiche Papier und schob sie in die Brusttasche.

Lucile machte ein bitterböses Gesicht. »Mein Gott, was für ein Wesens um den dreizehnjährigen Backfisch!« grollte sie. »Das fängt gut an! – Wenn die kleine Bucklige mit ihren schwarzen Zigeuneraugen schon im Bilde so schrecklich dominiert und regiert, wie mag's da erst in Wirklichkeit sein!... Paß auf, Felix, das gibt schon in der ersten Stunde Zank und Streit, denn ich lasse mich nicht unterdrücken, keinenfalls! – Oh, sie mag's probieren!« – Sie machte halb drollig, halb böse so allerliebst und graziös die Gebärde des Augenauskratzens, daß der Freiherr in ein begeistertes »Famos!« ausbrach und Felix die beweglichen rosigen, kleinen Hände erfing und sie in trunkener Zärtlichkeit gegen seine Brust zog. »Ich werde ja bei dir sein, Lucile,« sagte er innig.

»Und Freund Lucian wird dem reizenden Puck da so wenig widerstehen wie sein Sohn,« lachte der Freiherr und seine feurigen Augen verschlangen förmlich die geschmeidige Mädchengestalt in den Armen des jungen Mannes. »Und nun, wann wird marschiert, Felix?«

»Am liebsten sofort!«

»Gut – dann tapfer hinaus, gleich morgen mittag! Die nötigen Papiere besorgen wir früh,« bestimmte der alte Herr. »Die Zofe, die noch jammernd im Hotel sitzt, geht selbstverständlich mit.«

»Und willst du Deutschland wirklich auf diese Weise verlassen, Felix?« fragte Baron Schilling ernst. »Ohne die Mutter deiner Braut zu –«

»Um Gottes willen, lieber Baron, was fällt Ihnen ein?« unterbrach ihn Lucile ganz entsetzt. »Sie kennen die Mama nicht! Wenn wir uns in Wien blicken lassen, so sind wir verloren, geschiedene Leute für immer, sag' ich Ihnen! – Mama schlägt sofort Lärm – sie bringt die ganze Polizei auf die Beine und ist imstande, Felix hinter Schloß und Riegel setzen zu lassen ... Sie gibt ihre Einwilligung nie – lieber steckt sie mich ins Kloster – puh! Gräßlich! – Felix, ich bitte dich fußfällig, lasse dich nicht irre machen! Gelt, wir gehen direkt aufs Schiff? –«

»Ohne Aufenthalt.« bestätigte er fest und entschlossen. »Magst du mich verurteilen, Arnold. Es tut mir weh, aber ich muß es ertragen – mein Glück lasse ich mir nicht entschlüpfen ... Ich werde von drüben aus alles aufbieten, um zu versöhnen und gut zu machen – darauf verlasse dich.« – Er wandte sich unmutig ab, denn der mißbilligende Ausdruck in den ernsten Augen des Freundes milderte sich nicht. »Du kannst mich freilich nicht verstehen, du –« er wollte sagen, »du liebst nicht« – aber er verschluckte die Worte mit einem Blick nach der jungen Frau, die sich eben ziemlich geräuschvoll erhob, indem sie ihren Stuhl zurückstieß.

Sie hatte während der ganzen letzten Erörterungen sehr erstaunt und entrüstet ausgesehen. Nun ging sie nach einer Art Ruhebank, die, mit seidenen Kissen belegt, dicht an der Wand stand. Dort ließ sie sich nieder und lehnte den Kopf an das Schnitzwerk der Wandfläche. Dabei löste sich einer der lockergesteckten Flechten am Hinterkopf und fiel ihr über die Brust – selbst das verschönte sie nicht. Einem blühenden Gesicht hätte man dies herrlich üppige Blond zugestanden: hier aber sah es aus wie geborgt, als gehöre es nicht zu der Frau ... So saß sie mit im Schoße gefalteten Händen, einen Zug schweigender Verachtung um den Mund, und die Augen halb geschlossen – der verkörperte Protest gegen die Mitgehörigkeit in den Kreis der Verhandelnden.

Der Freiherr streifte sie mit einem halb belustigenden, halb ärgerlichen Seitenblick. »Ich bitte mir's aus, daß du den Kindern das Leben nicht schwer machst, Arnold!« rief er in seiner leichtlebigen, jovialen Weise. »Felix ist ein famoser Kerl – hat kein Froschblut in den Adern! Ich hätt's um kein Haar anders gemacht in meiner Brausezeit! Ein Schwachmatikus, der da fackelt und das Glück nicht beim Schopfe nimmt, wenn's ihn anlacht! ... Geh, schelle, mein Sohn – Adam soll Champagner bringen –«

»Adam, Papa? Du hast ihn ja heute nachmittag fortgeschickt.«

Der alte Herr fuhr mit weit geöffneten, erstaunten Augen herum, als höre er nicht recht – dann schlug er sich erinnernd vor die Stirne. »Verfluchte Geschichte! Ich kann den Kerl nicht entbehren!« polterte er erbost. »Ist er im Ernste fortgelaufen, der dumme Mensch?«

»Ja, Vater – infolge deines ausdrücklichen Befehles,« sagte Baron Schilling. »Du hast ihm heute allzu schlimm mitgespielt.«

»Bah – soll ich den Mosje mit Handschuhen anfassen, wenn er schlechte Streiche macht und seinen alten Herrn verrät?«

»Ich habe Adam gesprochen,« sagte Felix mit warmer Fürbitte, »er war ganz außer sich vor Schmerz ... Ich begreife nicht, wie gerade er in einen solchen Verdacht kommen konnte – der Verrat ist zu gemein, und auch mein Onkel –«

»Silentium! – Er ist ein Spitzbube, der Herr Onkel!« brauste der Freiherr mit seiner Löwenstimme auf, und eine dunkle Zornröte schlug beängstigend über sein Gesicht hin. »Er hat mich bestohlen, so gut, wie er dich um dein Erbe bringen hilft ... Wie und wo er mein Geheimnis an sich gerissen hat, wer kann's raten bei solch einem Rechtsverdreher, der's faustdick hinter den Ohren hat! Da tappt man zeitlebens im Finstern – aber erhorcht, erschlichen hat er's, damit basta!« – Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Wenn der Herr Adam sich noch nicht herabgelassen hat, wieder heimzukommen, so soll Christian den Champagner bringen,« befahl er in ruhigerem Tone.

Baron Schilling öffnete die Türe und rief den Befehl hinaus. Man hörte einen Augenblick Stimmengeräusch von der Flurhalle her; aber niemand im Zimmer achtete darauf – die Türe wurde zu rasch wieder geschlossen. Bald nachher trat der Bediente mit dem Gläserbrett in den Salon, und nun kam der Lärm verstärkt mit ihm herein – es lag etwas Aufregendes in den Lauten der Bestürzung und des Schreckens, die sich vereinzelt aus dem Gemurmel erhoben.

»Zum Henker – es scheint, wir haben jetzt den Straßenskandal von vorhin bei uns im Hause!« rief der Freiherr aufhorchend. Er richtete sich, die Hände auf die Armlehnen stützend, gespannt empor und sah dem herantretenden Diener, dem das Gläserbrett bedenklich in den Händen klirrte, unter das Gesicht. »Kerl, wie siehst du denn aus?« rief er. »Du bist ja leichenblaß und schlotterst wie ein armer Sünder! Was ist los draußen?«

»Es ist wegen Adam,« stotterte der junge Mensch.

»Wegen Adam? ... Ist er wieder da, der Schlingel?«

»Nein, gnädiger Herr, nur sein Hannchen; es hat sich an den Fritz, den Hausknecht, angeklammert und will nicht heim zur Großmutter –«

»Da hat das Mädel auch nichts zu suchen – sie gehört zu ihrem Vater, und der ist im Schillingshofe zu Hause. – Warum meldet er sich nicht zurück? – Er soll auf der Stelle hereinkommen!«

»Gnädiger Herr – sie haben den Adam vorhin aus dem Wasser gezogen – es ist aus und vorbei mit ihm!«

Der Freiherr sank in den Stuhl zurück, als habe ihn ein Schlaganfall niedergeworfen.

In diesem Augenblick stieß die Baronin einen Schrei des Entsetzens aus. Sie sprang auf, stürzte auf ihren Mann zu und flüchtet« in seine Arme. »Da, da!« stammelte sie und deutete nach der Wand, an der sie mit dem Rücken gelehnt hatte. »Dort tappt es, dort hat es laut geatmet, wie ein Mensch aus tiefster Brust – es hat mich eiskalt angehaucht! –«

Bei diesen Schreckensrufen flüchtete Lucile mit einem Sprung zu Felix. Ihr liebliches Gesicht war schneebleich, und die Hände auf die Ohren drückend, um das entsetzliche Geräusch nicht auch zu hören, schielte sie mit erschreckten Kinderaugen furchtsam nach der spukhaften Wand. – Im Punkt des Fürchtens schienen das oberflächliche Weltkind und die Nonnenschülerin vollkommen zu harmonieren.

»Du weißt, daß dein Gehör überreizt ist, Klementine,« beruhigte Baron Schilling – seine Stimme bebte vor innerer Bewegung infolge der eben gehörten, erschütternden Meldung des Dieners. »An dieser Seite hört man oft Geräusche – die Mäuse kommen vom Klostergute herüber –«

»O nein, ich weih es besser! – es ist die arme Seele!« rief sie verstört – die hagere Gestalt zuckte in sich zusammen, wie von Krämpfen geschüttelt. »Der Selbstmörder ist für seine Todsünde auf immer in den Schillingshof gebannt! – Arnold, hier können wir nicht bleiben! –«

Ein bitteres Lächeln und der Ausdruck der Hoffnungslosigkeit, des unterdrückten Grimmes wechselten auf dem Gesicht des jungen Mannes. »Das sind abscheuliche Klostergedanken, mit denen du mir nicht kommen darfst, Klementine!« sagte er scharf und streng, indem er sich von ihren umschlingenden Armen befreite und die zitternde Frau in den nächsten Armstuhl drückte. – »Das kleine Hannchen ist draußen, sagtest du?« wandte er sich an Christian, der wie schreckerstarrt vergessen hatte, die Champagnerflasche niederzustellen, die er noch in der gehobenen Hand hielt.

»Ja, gnädiger Herr,« antwortete er sich sammelnd; »Adam hat sie heute nachmittag zu seiner Schwiegermutter gebracht und ist nachher fortgegangen. Weil er aber so lange ausgeblieben ist, da hat das Hannchen Angst gekriegt und ist heimlich fortgelaufen. Sie hat draußen im Garten auf den Fritz gewartet; er sollte ihr helfen ihren Vater suchen, und das hat er auch getan, denn er ist selber großer Sorge gewesen. Sie sind – trotzdem es in Strömen geregnet hat – durch alle Straßen gelaufen, zuletzt bis hinaus auf die Meiringer Landstraße – und da haben sie gerade den Adam gebracht. Er ist nicht weit von der neuen Aktienmühle in den Fluß gegangen.«

»Ein verrückter Streich! Ein schlechter Streich! – Hätt' nie gedacht, daß mir der Adam das antäte!« murmelte der Freiherr tonlos. Sein robust gefärbtes, kräftig kühnes Antlitz war fahl und schlaff geworden.

»Er hat nicht gewußt, was er tut, gnädiger Herr,« entschuldigte Christian schüchtern und mitleidig. »Der Obermüller, der mit Adam bekannt war, hat ihn angeredet; dem ist's gleich klar geworden, daß der Mann nicht bei sich gewesen ist – er hat dumme Sachen gesprochen, hat einen schrecklich roten Kopf gehabt und ist nachher weiter gelaufen, als ob ihm einer auf den Fersen säße ... Und da ist ihm der Obermüller mit seinem Burschen von ferne, am Wasser hin, nachgegangen: ehe er sich's aber nur versehen hat, ist Adam 'neingesprungen ... Der Obermüller sagt, ertrunken sei er nicht, denn sie hätten ihn gleich wieder 'rausgefischt und aufs trockene Land gebracht; aber der Schlag hätte ihn gerührt – er sei zu sehr erhitzt ins kalte Wasser gesprungen.«

»Das Hannchen soll hereinkommen,« befahl der Freiherr, indem er sich aufrichtete.

»Gnädiger Herr,« sagte zögernd der Bediente,«das Unwetter draußen hat die Kleine schrecklich zugerichtet – die Kleider kleben ihr am Leibe, und sie ist barfuß. Mamsell Birkner weint und schreit, und sagt –«

»Was die Birkner sagt, geht mich nichts an – das Mädel soll hereinkommen!« wiederholte der alte Herr über den Einwurf ergrimmt. »Die Birkner soll sie selber bringen.«

Der Diener eilte hinaus, und gleich darauf wurde die Türe geöffnet, und Mamsell Birkner, die langjährige Wirtschafterin im Schillingshof, trat ein, Hannchen vor sich herschiebend ... Das Kind war nicht wieder zu erkennen. Das rote Röckchen und die sturmzerwühlten Haare klebten ihm, triefend von Nässe, in der Tat auf dem schmächtigen Körper, und die kleinen nackten Füße starrten vor Straßenschmutz. Auf einen Wink des Freiherrn führte Mamsell Birkner, der die dicken Tränen über die blühenden Wangen rollten, die Kleine tiefer in das Zimmer.

»Geh weg, geh weg!« rief die Baronin nervös und weinerlich abwehrend wie ein geängstigtes Kind und zog die Schleppe an sich, damit das Barfüßchen sie nicht streife.

Die Kleine beschrieb einen weiten Bogen um die »gnädige Frau« und blieb in der Nähe des Freiherrn stehen. Das vom Weinen dick verschwollene Gesichtchen auf die Brust gesenkt, pflückte sie an den eigenen, bebenden Fingern, als zerzupfe sie im krampfhaften Eifer eine Blume.

»Du willst nicht zu deiner Großmutter zurück, Hannchen?« fragte der alte Herr, seine Stimme mühsam zur Festigkeit zwingend – man sah, der Anblick des verwaisten Kindes spielte ihm furchtbar mit.

Die Kleine sprach nicht – sie hob nur die schweren Lider, um sie mit einem finsteren Blick wieder zu senken.

»Nein, sie will durchaus nicht, gnädiger Herr,« antwortete Mamsell Birkner für sie. »Die alte Frau ist mitgegangen bis an den Schillingshof und hat sie mit Gewalt fortbringen wollen; aber das hat drüben auf der Straße einen wahren Aufruhr gegeben – Fritz hat das arme Ding um keinen Preis fortschleppen lassen ... Nun ist er freilich in Angst, was die Herrschaft dazu sagen wird, daß er die Kleine ins Haus gebracht hat –«

»Es ist gut so – er kann ruhig sein,« sagte Baron Schilling. Er bog sich zu dem kleinen Mädchen nieder. »Ist die Großmutter so böse?« fragte er und hob ihr das Köpfchen sanft empor. Diese weichen, guten Laute der schönen Männerstimme lösten den starren Schmerz des Kinderherzens. »Sie ist schuld!« stieß sie hervor. »Sie hat mit dem Vater gezankt, weil ihn der gnädige Herr fortgeschickt hat, und – wie sie ihn gebracht haben, da hat sie geschimpft und die Türe vor ihm zugeschlagen – oh!« »Bleibe du bei uns,« unterbrach Baron Schilling das furchtbare Aufweinen, in das die Kleine bei den letzten Worten verfiel.

»Arnold, was willst du tun?« fuhr die Baronin empor.

»Was ich auch tue, Frau Schwiegertochter,« fiel der Freiherr mit seiner alten Kraft in Stimme und Haltung ein. »Das Kind bleibt bei uns – es wird im Schillingshof erzogen, und damit Punktum! ... Birkner, wollen Sie sich der Kleinen annehmen?«

»Ach, und wie gerne! Mit tausend Freuden, gnädiger Herr!«

»Nun, dann ziehen Sie ihr die nassen Kleider herunter und bringen Sie das arme Ding ins warme Bett!«

Die Wirtschafterin führte das Kind hinaus, und die Baronin erhob sich schweigend. Die lange, graue Gestalt durchschritt langsam schleppenden Ganges das Zimmer und zog sich mit leichtem Kopfneigen und einem schwach geflüsterten »Gutenacht« in ihre Gemächer zurück ... In der dritten Nachmittagsstunde des anderen Tages verließ der geschlossene Wagen des alten Freiherrn den Schillingshof. Das große Tor des Klostergutes stand weit offen; die Stallmagd hantierte da mit dem Besen, und das Hausmädchen wollte eben, den Marktkorb am Arm, heraus auf die Straße treten, als der Wagen vorüberfuhr ... Felix bog den Kopf weit vor, und sein schmerzvoller Blick überflog suchend den Klosterhof.

Die Mägde stießen sich kichernd an. »Da fahren sie hin!« sagte die Hausmagd – sie hielt den Kopf steif und blinzelte mit den Augen nach rückwärts. »Die Frau steht hinter uns, drüben am Fenster – sie muß den jungen Herrn gesehen haben. Das wird sie freilich wurmen – so schlecht ist sie doch noch nicht angekommen mit ihrem Starrkopf, die stolze Frau Majorin; sie denkt immer, es könnte ihr gar nicht fehlen ... Es geht ihr aber schrecklich nahe, Christel, wenn sie auch keine Miene verzieht. Sie ist gestern abend, bis in die späte Nacht 'nein, von einem Fenster zum anderen gelaufen, weil sie immer noch gedacht hat, der junge Herr müßte wiederkommen ohne seinen Schatz – ins Bett ist sie auch nicht gegangen, es stand heute früh noch so, wie ich's gestern zurecht gemacht hatte ...«

Drin am Bogenfenster der Amtsstube stand währenddessen die Majorin. Sie hielt den Fenstergriff umklammert und starrte hinaus durch den Torbogen, wo eben noch einmal das tieferblaßte Gesicht des scheidenden Sohnes aufgetaucht war. Kein Seufzer hob ihre Brust – sie verharrte auf dem Platze wie eine Bildsäule ... Da trat der Rat hinter sie. »Er ist dir für immer verloren, Therese – der elende Bursche geht zu seinem leichtsinnigen Vater,« sagte er kalt.

Sie fuhr herum, als habe er ihr einen Dolch in das Fleisch gestoßen, aber sie fragte nicht: »Woher weißt du das?« – Sie warf ihm nur einen wilden Blick zu, biß die Zähne wie im Krampfe zusammen und ging hinaus. – –

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