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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectidf8e7e4d9
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6.

Ein tiefes Dämmern war hereingebrochen. Drunten in dem Hausflur mußte schon die Wandlampe brennen – ein blasser Schein lief die Treppenwand herauf; er genügte gerade, um die Holzfiguren des Geländers ins Grauenhafte zu verzerren, den weiten, schwarzen Schlund eines ausgedienten Kamins und die Wölbung einer offenen Tür zu zeigen, die in den unergründlich dunklen Bodenraum eines Hintergebäudes führte und an welcher die Hinabsteigenden vorüber mußten.

»Um Gottes willen, Felix, wie hältst du es hier in dieser Hexenküche auch nur für eine Stunde aus?« flüsterte Lucile, die Augen furchtsam schließend, dicht an seinem Ohr.

Er drückte beschwichtigend ihren Arm fest an sich. Sein elastischer Tritt war fast ebenso leicht, wie die huschenden Füßchen seiner Begleiterin, und doch seufzten die Stufenbretter in schreckhafter Weise und gerieten in schütternde Bewegung. Zu seiner großen Beruhigung aber sah der junge Mann sehr bald durch das Geländer, daß der erleuchtete Hausflur vollkommen leer war, und keine der Türen offen stand – nur noch wenige Augenblicke, und er war aus der herzbeklemmenden, angstvollen Situation erlöst.

In diesem Moment des heimlichen Aufatmens sprang plötzlich ein dunkler Körper tigerartig aus der unbeleuchteten Ecke der unteren Treppenwendung und schoß mit einem riesigen Satze dicht neben Lucile hin, um lautlos im oberen Stockwerk zu verschwinden – es war der verhaßte, große Kater, der in seinem Lieblingswinkel eine Abendsiesta gehalten hatte.

Das junge Mädchen stieß einen gellenden Schrei aus, riß sich von ihrem Begleiter los und lief wie toll die Treppe hinab.

Sofort öffneten sich verschiedene Türen. Aus der einen trat die Amme, den kleinen Veit im Arme, durch die breite Spalte der Küchentüre guckten die Köpfe zweier Mägde, und auf der Schwelle der »Amtsstube« stand die Majorin, vollbeleuchtet von der schräg gegenüber hängenden Wandlampe.

»Was gibt's?« fragte sie in ihrem gewohnten kurzen, herrischen Ton, ohne die Türstufe zu verlassen.

Felix war der jungen Dame nachgesprungen und hielt die an allen Gliedern Zitternde in den Armen. »Beruhige dich, Lucile! – Wie magst du dich über eine harmlose Katze dermaßen erschrecken?«

»Oh – eine Katze? – Wer's glaubt!« stammelte sie, Zorn und halbverschluckte Tränen in der Stimme. »Dieses entsetzliche, alte Klosternest! – Mönchsseelen sind's, die in den Ecken hocken und einem den Tod einjagen!«

Die Mägde kicherten, und die Amme kam ungeniert herbei, um die furchtsame Dame näher anzusehen, die den alten Hauskater für ein Mönchsgespenst hielt. – Diese dreiste Ungehörigkeit, die auch die anderen Mägde ermutigte, aus der Küche zu treten, war nicht zu dulden.

Die Majorin verließ die Schwelle, durchmaß mit raschen, festen Schritten den Hausflur, schob die erschrockenen Mägde in die Küche hinein und schloß hinter ihnen die Tür. »Und Sie gehen augenblicklich in die Schlafstube zurück, wo Ihr Platz ist, Trine!« gebot sie, und die widerstrebende, frech stehenbleibende Person ohne weiteres mit kraftvollen Händen an den breiten Schultern fassend, dirigierte sie dieselbe nach dem verlassenen Zimmer.

Der Hausflur war leer. »Und nun mache dem Skandal ein Ende!« sagte die Majorin zu ihrem Sohne und zeigte gebieterisch nach dem Ausgang.

Jetzt erst sah er, wie ihr totenbleiches Gesicht in Grimm und Schmerz förmlich versteinert war – dieser Anblick erschütterte ihn in tiefster Seele.

»Mama!« rief er in flehentlicher Bitte.

»Wie, Felix, ist das deine Mama?« fragte Lucile, sich erstaunt aus seinem Arm windend, und blickte mit großen Augen zu der Frau empor, die, ein so prachtvolles Haardiadem über der weißen Stirne, so modern elegant gekleidet, in imposanter Schönheit neben dem Sohne stand. »Geh, ich bin böse, Felix! Du hast mir nie gesagt, daß du ein so wunderhübsche Mama hast – ich habe Sie mir nie anders als mit krummem Rücken und einer großen Haube auf dem Kopfe denken können, Madame!« Sie lachte belustigt auf – das Mönchsgespenst war vergessen. »Oh, wie ganz anders sehen Sie aus! So präsentabel, so sehr stolz und vornehm! ... Und da hat mir Felix weismachen wollen, Sie seien durchaus nicht dazu angetan, einen Gast wie mich zu empfangen!«

»Er hat die strikte Wahrheit gesagt, Fräulein,« versetzte die Majorin mit eisiger Kälte, und sich gemessen abwendend, sagte sie mit einer leichten, aber bedeutungsvollen Neigung des Kopfes nach der jungen Dame hin, zu ihrem Sohne: »Der beste Beweis meiner heutigen Aussprüche! ... Als mir der ungebetene Besuch in meinem Zimmer angezeigt wurde, da kam mir der lebhafte Wunsch, von meinem guten Recht in nicht sehr sanfter Weise Gebrauch zu machen. Aber ich sagte mir, daß einem Manne von Ehre, der auf Wahrung der Frauenwürde und Anstand hält, von selbst die Augen aufgehen würden bei einer solchen beispiellosen Dreistigkeit ... Hoffentlich bist du für immer geheilt! ... Jetzt gehe! Und kommst du allein zu mir zurück, dann – soll alles vergeben und vergessen sein.« Die letzten Sätze sprach sie mit erhobener Stimme, und in den strengen Befehlston mischte sich ein Klang, den Felix noch nie von diesen Lippen gehört hatte, die Bitte eines angstzitternden Mutterherzens.

Während sie sprach, hatte Lucile vergeblich versucht, den Schleier zurückzuschlagen, – die große, goldene Hutnadel hatte ihn gefaßt, er lag festgespannt über dem Gesicht – sie fühlte das brennende Verlangen, der imponierenden Frau mit dem bitterernsten Gesicht zu zeigen, wie schön sie sei... Bei diesen Bemühungen hörte sie anfänglich nur mit halbem Ohr auf das, was die Majorin sagte – ein Verständnis dafür hätte sie aber auch bei ungeteilter Aufmerksamkeit absolut nicht gehabt. Sie, die Gefeierte, Vergötterte, um die sich die aristokratischen Gäste im eleganten Salon der Mama huldigend drängten, sie, das Schoßkind des Glückes, auf dessen Wink die Dienerschaft flog, das daheim unter einem rosa-atlassenen Betthimmel schlief, sie hätte sich doch nicht träumen lassen, daß sie hier in dieser niegesehenen spießbürgerlichen Umgebung eine Niederlage erlitte, wie sie demütigender nicht gedacht werden konnte! ... Bei den letzten, mit so großem Nachdruck gesprochenen Worten der Majorin aber fuhr sie plötzlich empor; ihre Hände sanken von dem widerspenstigen Schleier nieder, sie schob ihren Arm in den ihres Begleiters und schmiegte sich weich und geschmeidig wie ein schmeichelndes Kätzchen an seine hohe Gestalt.

»Was hat denn mein armer Felix verbrochen, daß Sie von Vergeben und Vergessen sprechen?« fragte sie. »Und allein soll er wiederkommen? – Das geht nicht, Madame! ... Er führt mich jetzt in den Schillingshof, und dort, in dem wildfremden Hause kann er mich doch unmöglich allein lassen – das werden Sie einsehen.« – Der ganze Übermut, der in ihrem frischen, heißen Blut mitschäumte, das unzerstörbare Selbstbewußtsein des von der Natur mit kostbaren Gaben überschütteten Menschenkindes sprachen aus der graziös trotzigen Gebärde, mit der sie in diesem Augenblick den reizenden Lockenkopf hob. »Ich erlaube es ihm auch gar nicht, müssen Sie wissen – und es bleibt ihm auch keine Zeit. Wir werden uns sofort trauen lassen, wo und in welcher Kirche, ob hier, oder in England – gleichviel – es muß eben sofort geschehen, weil wir uns um jeden Preis der Mama gleich als Mann und Frau vorstellen müssen – dann hat ihr Einspruch keine Macht mehr.«

Ein rauhes Auflachen ließ sie zusammenschrecken. Sie hatte bis dahin den Rat nicht bemerkt, der in dem tiefdämmernden Amtszimmer, unweit der offenen Tür gestanden und die Vorgänge in dem Hausflur mit gespanntem Interesse verfolgt hatte. Nun war er um einen Schritt näher in den hellen Lampenschein getreten; den linken Fuß vorgestreckt, die Arme unterschlagen, und den Ausdruck des verhallenden Hohngelächters noch auf dem schmalen, geistreichen Gesicht, stand der schlanke, hochgebaute Mann in spöttischer Überlegenheit an der Schwelle, als mache er sich lustig über die Narrheit der ganzen Welt.

Lucile klammerte sich fester an den Arm des jungen Mannes. »Ach, Felix, komm, – wir wollen gehen!« drängte sie mit ängstlich klagender Stimme vorwärts; aber die Majorin streckte ihr zurückweisend den Arm entgegen. Diese Bewegung war eine vollkommen ruhige, gebieterische, wenn auch der unnatürlich flimmernde Glanz der weitgeöffneten Augen von einem gewaltigen inneren Sturm zeugte.

»Ich möchte nur das eine wissen,« – sagte sie kurz und gepreßt, als koste es sie namenlose Überwindung, das Mädchen anzureden; – »sind Sie im Ernste so harmlos, zu denken, es stehe einzig und allein Madame Fournier die Macht zu, Einspruch zu tun?«

»Aber ich bitte Sie – wem denn sonst?« rief die junge Dame wie aus den Wolken gefallen. »Papa und Mama sind in aller Form geschieden – Herr Fournier hat auch nicht das allermindeste Anrecht mehr an mich. Ich würde ihm auch nicht gehorchen; er verdient es nicht – er hat eines Tages Mama heimlich verlassen.«

»Klassische Bühnennaivität!« scholl es sarkastisch vom Amtszimmer her, während die Majorin sich abwandte, als habe ihr das zierliche, sylphenhafte Wesen mit der zarten Hand einen Faustschlag in das Gesicht versetzt.

»Vergib, Mama, und – lebe wohl!« sagte Felix in bebenden Tönen, aber auch mit voller Entschlossenheit, um dem Auftritt, der auf einen furchtbaren Zusammenstoß hinauszulaufen drohte, ein rasches Ende zu machen.

»Also direkt in die Ehe, Herr Referendar?« lachte der Rat herüber.

Der junge Mann erwiderte keine Silbe, nicht mit einem Blick streifte er den Sprechenden. Bitter lächelnd ließ er die Rechte sinken, die seine Mutter zurückwies.

»Sieh mich an!« gebot sie, sich gewaltsam bezwingend. »Sieh mich an!« Das war einst die Formel gewesen, mit der sie die Sünden des heimlichen Versemachens, des verbotenen Komödienspielens mit anderen Kindern auf dem Hausboden des Schillingshofes, aus dem weichherzig nachgiebigen Knaben herausgelockt hatte – und so kam ihr das geläufige Wort auch jetzt wie unwillkürlich auf die Lippen. »Sieh mich an, Felix, und dann frage dich selbst, ob du mir, mir, eine Frau zuführen darfst, die –«

»Mama, vollende nicht!« unterbrach er sie mit tiefem Ernst. »Ich dulde nicht, daß ihr auch nur ein Haar gekrümmt werde; noch weniger aber soll sie eine Beleidigung anhören, die ihr das arglose Herz vergiftet.« Zärtlich beschützend legte er seine Hand auf das braunlockige Köpfchen, das sich mit furchtsamem Seitenblick nach dem unheimlichen Amtszimmer an seine Brust gelehnt hatte.

Dieser Anblick war nicht zu ertragen. In die natürliche mütterliche Eifersucht mischte sich die gekränkte Eigenliebe einer selbstsüchtigen Frauennatur, die selbst vom Sohne herrisch verlangte: »Du sollst nicht andere Götter haben neben mir!« Es war nicht allein mehr die verachtete Tänzerin, es war weit eher noch das schöne, an seinem Herzen ruhende weibliche Wesen, das sie mit unauslöschlichem Haß verfolgte – zu ihrem eigenen Befremden – bis dahin hatte ihr der Gedanke an eine Wahl ihres Sohnes das Herz nicht berührt. Und nun dieser furchtbare innere Sturm, der ihr den letzten Rest äußeren Gleichmutes raubte ! ...

Sie wußte, daß hinter jeder Tür gespannte Ohren, an jedem Schlüsselloch wißbegierige Augen lauerten; sie mußte sich sagen, daß morgen die Familienszene in dem Hausflur des Klostergutes durch das Gesinde nach allen Richtungen in die Welt hinausgetragen wurde, und doch gab sie sich der Leidenschaft hin, die ihre Stimme erschütternd anschwellen, ihre Gebärden furchterweckend machte.

»Da sieht man, wie schnell ein Kind seine Mutter verläßt!« rief sie mit zuckenden Lippen. »Bei so schwarzem Undank muß jeder Frau der Wunsch vergehen, einem Kinde das Leben zu geben! Habe ich deshalb die Nächte an deinem Krankenbette verwacht, nur deshalb dich mit Mühen und Opfern großgezogen, damit ich der ersten besten, jungen Kreatur weichen muß, die die Kinderschuhe kaum ausgetreten hat? ... Wenn auch nur ein Funke von Dank, von Rechtsgefühl in dir lebt, so hältst du zu mir – ich will keine Tochter!«

In scheuer Bestürzung streifte der Blick des jungen Mannes die empörte Mutter – bei dieser plötzlich und maßlos hervorbrechenden, ungerechtfertigten Eifersucht, dieser unerhörten Beschlagnahme des ganzen Menschen, als ihres angeketteten Eigentums, mußte er an seinen unglücklichen, verschollenen Vater denken; der grenzenlose Egoismus seitens der Frau mochte die Ehe gesprengt haben ... Diese Überzeugung stählte seine Widerstandskraft. »Dein Appell an meine Kindespflicht ist weit härter und ungehöriger, als wenn du verlangtest, ich solle mir aus Liebe zu dir die Augen ausstechen lassen –«

»Phrase!« rief der Rat herüber.

»Wie kannst du mich noch einmal einer Wahl gegenüberstellen, die längst entschieden ist?« fuhr er, den höhnischen Einwurf vom Amtszimmer her völlig ignorierend, mit gesteigerter Stimme fort. »Lucile hat sich unter meinen Schutz gestellt – ich habe zu ihr zu halten von Gott und Rechts wegen! Oder willst du mich zum Schurken machen, der ein liebevoll vertrauendes Mädchen hilflos in Nacht und Nebel hinausstößt, damit er am warmen, geschützten Herd der Mutter bleiben darf? ... Mutter!« bat er nochmals weich und flehend. »Wenn du ihr die Aufnahme verweigerst, so verlierst du deinen Sohn –«

»Lieber gar kein Kind, als ein entartetes.«

»Aber ich begreife dich nicht, Felix – wie magst du dich so quälen lassen!« rief Lucile aufgebracht und entschlossen. Sie hatte längst den furchtsam hingeschmiegten Kopf erhoben, und ihre Augen funkelten in grünspielendem Feuer durch das Schleiergewebe. »Madame, Sie sind eine herzlose Frau!«

»Lucile!« unterbrach sie der junge Mann erschrocken, indem er sie an sich zu ziehen suchte.

»O nein, Felix, lasse mich! Das muß gesagt sein!« – rief sie und schob seine Hände zurück. – »Es ist zu lächerlich, zu unglaublich; aber ich sehe und höre es doch mit meinen eigenen Augen und Ohren – und da muß es wohl so sein!... Madame, Sie bilden sich offenbar ein, ich müsse es für eine Ehre halten, hier aufgenommen zu werden – großer Gott! – in diesem Hause!... Und wenn Sie mir alle Schätze der Welt versprechen wollten, ich bliebe nicht bei Ihnen!« – Sie zog ihren Hut zornig in die Stirne, bei welcher Bewegung die steinbesetzten Armbänder am Handgelenk im Lampenlicht auffunkelten. »Sie haben mich vorhin eine junge Kreatur genannt – oh, ich muß sehr bitten, – so schilt man in unserem Hause nicht einmal die Spülmagd! ... Danken wir Gott, Madame, daß mich die Großmama nicht in dieser Situation erblickt – sie würde Ihnen sofort klarmachen, welche von uns beiden sich herabläßt!«

Die Majorin starrte das Mädchen wortlos an, dessen jugendliche Stimme wie ein feingeschliffenes Messer ihr Gefühl berührte, und der Rat brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Oh, lachen Sie immerhin, mein Herr – ganz wie es Ihnen gefällt!« rief die junge Dame erbittert hinüber.

»Madame Lucian ist doch die Verlierende. Felix ist mein – wir lassen nicht voneinander!«

»Still, Lucile!« gebot Felix und zog tieferblaßt, mit ernst verweilender Miene ihren Arm fest in den seinen. »Mama, dieses nicht zu billigende Auftreten meiner Braut hast du selbst hervorgerufen – du hast sie unverantwortlich gereizt.« »So mag sie gehen, die – Theaterprinzessin –« »Nicht ohne mich! – Komm, mein Kind!« Die Majorin hob unwillkürlich die Arme, und ihr Blick flog, wie Beistand suchend, nach ihrem Bruder hinüber. »Laß sie laufen, Therese! Du verlierst nichts – sie sind beide keinen Schuß Pulver wert!« rief er ihr brutal und verächtlich zu.

Sie trat zurück und gab den Weg frei, und als ob die rohe Verurteilung seitens ihres Bruders sie urplötzlich beschämend aus ihrem Leidenschaftsrausch aufgerüttelt und ihr die kalte Besonnenheit zurückgegeben habe, streckte sie den Arm gegen den Ausgang hin und sagte mit unnatürlicher Ruhe zu ihrem Sohne: »Gut – du kannst gehen, mit wem, und wohin es dir beliebt! – Nur sorge dafür, daß ein weiter Raum zwischen uns liegt; denn ich will dich nie wieder sehen, nie! – Selbst nach dem Tode nicht!

– Fort mit dir!«

Damit schritt sie rasch und ohne sich umzusehen, die Treppe nach dem oberen Stockwerk hinauf, während die Tür des Amtszimmers zuflog.

»Gott sei Dank, daß wir diese Mördergrube im Rücken haben!« sagte Lucile zu dem jungen Mann, der stumm und schwer atmend mit ihr den Vorderhof durchschritt. Ihre kindlich helle Stimme klang noch bitterböse, und die nach dem Hause zurückdeutende Hand ballte sich zur kleinen drohenden Faust. Aber sie duckte sich auch sofort wieder furchtsam nieder, denn noch waren sie im Bannkreis der »Mördergrube«, aus deren tiefen Fensterhöhlen sich jeden Augenblick noch der Knochenarm eines büßenden Mönches unendlich lang herüberstrecken und ihr Genick eiskalt berühren konnte; noch trennte die hohe, finstere Mauer den Klosterhof von der offenen Straße, und seitwärts unter den dichtverschränkten Lindenwipfeln ballten sich die Schatten der Nacht zu hockenden Gestalten, – es rauschte leise von dorther wie verdächtiges Stimmengemurmel, und der Wasserstrahl des Laufbrunnens glitzerte durch das nächtliche Dämmerdunkel, wie ein breites, gezücktes Schlachtmesser.

Die kleine Klosterpforte war rasselnd hinter ihnen zugefallen, und nun, ihre kleine Person in vollkommener Sicherheit wissend, blieb Lucile stehen. »Puh, was für Menschen!« rief sie und rüttelte und schüttelte unter drollig trotzigen Gebärden die biegsame, seidenrauschende Gestalt, als wolle sie aus jeder Kleiderfalte den dicken Klosterstaub und von der Seele die häßlichen Eindrücke schütteln. »Armer Felix, du bist ja in einem wahren Zuchthause aufgewachsen! – Eine schöne Verwandtschaft, das nimm mir nicht übel! Und das nennt sich Mutter! Und der schreckliche Mensch, der immer wie Samiel im Freischütz so teuflisch aus der Kulisse lachte –«

»Mein Onkel, Lucile!« unterbrach sie Felix nachdrücklich, wenn auch mit vor Aufregung halb erstickter Stimme.

»Ach was! – Für einen solchen Onkel danke ich !« entgegnete sie ungeduldig. »Du bist viel zu gut und sanft, Felix; du hast dir jedenfalls stets zu viel gefallen lassen, und nun sollst du nicht einmal heiraten, und die Frau Mama möchte dich alles Ernstes als alten Junggesellen ins Haus stiften, der ihr zeitlebens das Garn wickelt und beim Gemüseputzen hilft – oh, da sind wir auch noch da, Madame! ... Was für eine hochmütige Frau! Vermutlich, weil sie noch hübsch ist – bah, was nützt das bei solchem Alter! Und alt ist sie, alt wie die Mama, die auch schon längst mit der Puderquaste die Löcher in der Haut ausfüllt ... Jung sein – ja, das ist die Hauptsache; und wir sind jung, Felix, blutjung, gelt? – Und darum beneiden uns die Alten.«

Er antwortete nicht. Ihm, für den sonst die übermütige Silberstimme der Geliebten ein Quell berauschender Melodien war, ihm flog ihr Geplauder in diesem Augenblick unverstanden und wirkungslos am Ohre hin – der Schmerz über die stattgehabten Auftritte mit seiner Mutter und die schwere, unsäglich bange Sorge, wie es nun werden sollte, stürmten durch seine Seele.

Sie gingen unter dem tief niederhängenden Gewitterhimmel hin, von dem sich bereits einzelne, schwer auf dem Pflaster zerschellende Regentropfen lösten. Ein heißer Brodem füllte die menschenleere Straße, an deren äußerstem Ende eben die erste Gasflamme auftauchte. Trotz der einbrechenden Nacht sah man hinter dem herrlichen, alten Eisengitter des Schillingshofes die bleiche Verschlingung der Landwege, die mächtigen Päonienbeete voll großgeöffneter, feuriger Blüten im Vordergrund des eleganten Rasenparterres; sah man das prächtige Brunnenmonument mit seinen scheinbar unbeweglich stehenden, silbernen Wassersäulen, und dahinter, wenn auch halbverwischt, die Fassade des italienischen Hauses.

Das war freilich ein anderer Eingang als auf dem Klostergute – so viel vornehme Ruhe, wie eben ein venezianischer Prachtbau, oder eine florentinische Villa um sich behaupten. Das Gittertor drehte sich geräuschlos in den Angeln, und das Fallen der Brunnenwasser kam als ein so weiches, melodisches Plätschern herüber, daß man daneben jeden vereinzelten, klatschenden Schlag der Regentropfen auf den großen Rizinus- und Rhabarberblättern, das Rieseln des Sandes hörte, den Luciles Schleppe streifte.

Die junge Dame sog in tiefen Zügen die gewohnte vornehme Lebensluft ein – sie fühlte sich wieder in ihrem Element. Der schweigende Mann an ihrer Seite ging ihr viel zu langsam – sie hätte das Rasenrund umfliegen mögen, um so schnell wie möglich wieder Parkett unter den Sohlen und schwebende Lüster über dem Lockenkopf zu haben ... Da stockte ihr Fuß plötzlich – dicht am Wege, unter eine Taxushecke geduckt, kauerte ein kleines Mädchen.

»Was tust du da, Kind?« fragte die junge Dame.

Es erfolgte keine Antwort.

Felix bog sich nieder und erkannte in der Kleinen, die sich scheu noch tiefer in das dunkle Gebüsch wühlte, Adams Töchterchen.

»Du bist's, Hannchen?« sagte er. »Ist dein Vater wieder drin beim alten Herrn?« – er zeigte nach dem Säulenhaus.

»Ich weiß nicht,« stieß das Kind hervor – es rang unverkennbar mit einem Jammerausbruch.

»Hat er dich hierhergeführt?«

»Nein – ich bin allein fortgelaufen.« – Sie weinte in sich hinein; man hörte das keuchende Kämpfen der kleinen Brust. – »Die Großmutter versteht's nicht – sie sagt, ich sei dumm und schlecht, weil ich so was von meinem Vater dächte.«

»Was denn, Kind?« fragte Lucile.

Die Kleine weinte laut auf; aber sie antwortete nicht.

»Die Großmutter wird es wohl auch besser wissen, Hannchen,« sagte der junge Mann beruhigend. – »Ist dein Vater ausgegangen?«

»Ja – und er war so rot. Die Großmutter zankte mit ihm, weil er nicht mehr beim gnädigen Herrn ist – er war aber still und hat nur gesagt, er hätte seine schlimmen Kopfschmerzen und wollte sich Tropfen in der Apotheke holen – und da wollte ich mitgehen, weil –« sie verstummte für einen Augenblick, in Tränen aufgelöst – »und das litt die Großmutter nicht; sie war böse und hat mir Schuhe und Strümpfe ausgezogen,« stieß sie schließlich heraus.

»Da bist du ohne Erlaubnis und barfuß fortgelaufen?« fragte Felix.

»Ich war nur in der Engelapotheke,« antwortete sie, die direkte Frage umgehend, während sie die nackten Füße unter das kurze Röckchen zog; – »aber sie sagten, der Vater sei gar nicht dagewesen.«

»So war er jedenfalls in einer anderen – geh nach Hause, Hannchen!« mahnte der junge Mann. »Dein Vater ist ganz gewiß schon wieder bei der Großmutter und wird sich um dich ängstigen.«

Die Kleine rührte sich nicht von ihrem Platze und wandte nur zornig die Augen weg; denn die Leute waren auch wie die Großmutter – sie »verstandenes nicht!« Und nun gingen sie auch durchaus nicht fort und quälten sie, und sie mußte immer wieder sprechen und antworten. »Der Hausknecht muß gleich kommen; er geht um die Zeit die Abendwege,« sagte sie mit angewendetem Gesicht, jetzt selbst im Tone die finstere Entschlossenheit verratend, die schon heute nachmittag das schmale, kluge Kindergesicht so herb und drohend gemacht hatte. »Deswegen bin ich hergelaufen; der hat den Vater lieb – der sucht ihn mit mir.«

»Aber es wird gleich regnen!« rief Lucile. »Schau, es fallen schon große Tropfen.« – Sie schüttelte lächelnd den Kopf, als das Kind schweigend und unbeweglich in seiner kauernden Stellung verblieb und nur die nackten Ärmchen unter die Schürze steckte. »Was für ein trotziges, kleines Ding! – Da, wickle dich hinein!« sagte sie und warf ihr den Crepe-de-chine-Schal zu, der über ihrer linken Schulter hing; aber das kleine Mädchen rührte keine Hand, um das kostbare, weiche Gewebe heranzuziehen; es sah nur seitwärts darauf nieder, wie es auf dem roten Röckchen lag, zum größten Teil aber schneeflockenweiß den Kiesweg bedeckte und bereits von dem jetzt intensiver niedersprühenden Regen besprengt wurde.

Und nun floh Lucile selbst, lachend und die Kleider zusammenraffend, dem Säulenhause zu; denn sie wollte sich nicht mit »windelnassem Nixenhaar« statt ihrer herrlich rollenden Locken im Schillingshofe vorstellen.

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