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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
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41.

Der kluge Fuchs trug seine Reiterin die Straße entlang, am Bahnhof vorüber, trabte da durch eine belebte Straße, dort über einen stillen Domplatz und bog schließlich in die öde, zum Teil von Gartenmauern gebildete lange Gasse ein, in der eine wohlbekannte Mauertür mündete... Er machte fast täglich diesen Weg und wieherte stets freudig beim Einlenken in den Garten des Schillingshofes; denn er wußte, daß er da drinnen als Liebling gehegt und gepflegt wurde.

Die Tür stand, wie immer um diese Stunde, wo Donna Mercedes zu kommen pflegte, weit und gastlich offen. Mit stürmisch pochendem Herzen ritt die junge Dame in das grüne Fichtendämmern hinein – heute noch einmal war sie, wie die langen drei Jahre her, mutterseelenallein im Atelier und Garten, dann – – –

Der Stallbursche kam durch die Platanenallee gelaufen, um ihr vom Pferde zu helfen. Sein Gesicht strahlte, und nur mit Mühe verbarg er ein pfiffiges Schmunzeln.

»Ah – Sie wissen schon?« sagte Donna Mercedes, als sie neben ihm auf dem Boden stand.

»Jawohl, gnädige Frau,« versetzte er ehrerbietig. »Alles im Schillingshof ist rein närrisch vor Freude, weil nun endlich die langweilige Wartezeit überstanden ist. Solch ein herrenloses Haus ist schrecklich.«

Er führte den Fuchs nach dem Stall, und Donna Mercedes blieb einen Augenblick auf dem Kiesplatz vor dem Atelier stehen und übersah den Garten, soweit sie vermochte... Ob er wohl zufrieden war mit ihrem Schalten und Walten? – –

Dort, auf dem Klostergut, wo früher die hinfälligen, dohlenumschwärmten Giebel, die zerbröckelnden Wände der Hintergebäude in häßlicher Verkommenheit über die Obstbaumwipfel geguckt, erhoben sich jetzt schöne neue Schieferdächer. Aber sie waren um ein beträchtliches Stück vom Säulenhause weggerückt – es gab keine gemeinsame Wand mehr zwischen Schillingshof und Klostergut, die einen spukhaften »Mäuseweg« gestattet hätte.

Die Majorin hatte bei Verkauf des Klostergutes die Bedingung gestellt, daß der neue Besitzer sein Wohnhaus weit ab aufbauen müsse, und dafür den Kaufpreis um ein bedeutendes ermäßigt – nur so kam die Schmach, die der letzte Wolfram auf sein altes, ehrenfestes Geschlecht geladen hatte, allmählich in Vergessenheit.

Der nunmehrige Besitzer hatte sich auch herbeigelassen, Baron Schilling einen breiten Streifen des freigewordenen Landes abzutreten. Damit fiel auch die hohe, verdüsternde Mauer, die einst die plebejischen Tuchweber von den Ritterlichen streng geschieden, und machte einem niederen, hübschen, dem Eindruck des Säulenhauses entsprechenden Gemäuer Platz, an dessen Fuß nunmehr die jungen Äste feinen Spalierobstes emporkletterten. Das herrliche italienische Haus reckte sich, nun auf allen Seiten von Luft und Licht umspielt, noch einmal so imposant in den blaßblauen deutschen Himmel. Im großen, hinter dem Säulenhause liegenden Garten aber schloß sich an die Mauer ein luftiges, helles Staket, das die beiden Grundstücke wohl trennte, aber nicht wie der ungeschlachte, struppige Zaun wüst und entstellend in die Anlagen hineinragte.

Alle diese Neuerungen hatte Donna Mercedes überwacht und geleitet. Baron Schilling hatte ihr brieflich seine Ideen und Absichten mitgeteilt, und sie war denselben möglichst treu und pünktlich nachgekommen... Langsam, mit kritisch musterndem Blick schritt sie jetzt auf dem Wiesenweg, der direkt nach dem Säulenhause lief. Sie hatte die Reitschleppe um den Arm geschlungen und das Hütchen mit der weißen wallenden Feder schützend in die Stirn gerückt.

Wohl war das Mädchengesicht auf der Elfenbeinplatte, das einst ein zärtlich stolzer Vater über das Meer geschickt, damit es sich deutsche Herzen erobere, von hinreißender Schönheit gewesen; auch die Frau, die vor drei Jahren in Trauergewändern den Schillingshof betreten, hatte die Augen geblendet durch ihre undinenhafte Erscheinung; allein ihre herrischen Gebärden, ihr verschlossenes Wesen, der eisige Blick, den die großen gebieterischen Augen hochmütig über andere Mitgeschöpfe hingleiten ließen, hatten einen erstarrenden Hauch um sie verbreitet. Jene beiden Momente ihres Erscheinens im Schillingshofe waren nicht mehr in Einklang zu bringen mit dem jungen Weib voll unbeschreiblichen Liebreizes, das eben, schlank wie ein Reh, die südlich blaßgelbe Haut vom nordischen Hauch zu unvergleichlicher Blüte und Frische gewandelt, durch das Wäldchen ging und den Blick ängstlich prüfend in sichtlicher Beklommenheit über die Ostseite des Säulenhauses hinschweifen ließ... Ob auch alles seinen Wünschen entsprach? – Er war so unlenkbar fest in seiner Ansicht, die ein »Familienheim« – wie er so oft in seinen Briefen betont – nur durch traute, gemütliche Einfachheit beglückend finden wollte. Und er hatte ja unbedingt recht, vollkommen recht, wie – in allem.

Nun, dort hinter den Fenstern des Oberbaues waren ja alle kostbaren Tüll- und Spitzenvorhänge verschwunden. Sie waren, in Kisten verpackt, nach Koblenz gewandert, um mit allem was »steinbrückisch« versteigert zu werden. – Keinen Leinenfaden, keinen Nagel in der Wand, von dem sie nicht mit gutem Gewissen sagen konnte, daß es Schillingscher Besitz sei, hatte Mamsell Birkner im Hause geduldet – sie hatte auf jede verirrte Flaumfeder, auf jedes wertlose Medizinfläschchen in den Zimmern der Gnädigen Jagd gemacht und alles pünktlich notiert und mit verpackt.

Baron Schilling hatte die selbstentworfenen Zeichnungen zu den neuen Möbeln seines Heims und die Mittel zu ihrer Beschaffung an »seine gute alte Birkner« eingeschickt, allein sie war halsstarrigerweise dabei verblieben, nicht ein Stück ohne Donna Mercedes' Rat und Genehmigung anzukaufen. Und so hingen nun dort in den mächtigen Bogenfenstern einfarbige, oder auch in buntem Teppichmuster leuchtende Wollvorhänge, die in Ringen liefen. Es ließ sich nicht leugnen, jetzt erst verschärfte sich der Charakter des Bauwerkes, der eines venezianischen Prachthauses – man meinte, dort unter dem wogenden Faltenwurf eines halbzurückgeschlagenen Vorhangs müsse der Kopf einer schönen Dogen- oder Patriziertochter auftauchen.

Es webte heute eine so lautlose Stille um das Säulenhaus. Weder Mamsell Birkner noch Hannchen ließen sich sehen, und sonst kamen sie doch stets voll Freude gelaufen, um Donna Mercedes zu begrüßen. Sie waren jedenfalls in Küche und Keller emsig beschäftigt, um auch da die letzte Hand zum Empfang des heimkehrenden Gebieters anzulegen.

Die junge Dame kehrte deshalb wieder über die Wiesen zurück und fing an, im langsamen Weiterwandeln da und dort eine langstielige, morgenfrische Feldblume zu pflücken. Kamillen, Butterblumen, weiße Glöckchen auf schwankem Stengel, hier ein wildes Röschen an der Hecke, dort eine Gruppe der Vergißmeinnichte, die am Bachufer üppig wucherten, und darüber ein feiner, wallender Schleier bräunlich grüner Zittergräser – so entstand in den schmalen Frauenhänden ein köstlicher, malerisch geordneter Strauß einfacher Wiesenblumen.

Wer es der »Plantagenfürstin« einst gesagt hätte, daß sie den stolzen Leib unzähligemal nach einer armseligen deutschen Feldblume bücken würde! Nicht einmal den Blick hatte sie damals gesenkt nach den demütigen Kindern der Natur, an denen ihre Sohle knickend hingestreift... Und war es nicht die verhaßte deutsche Luft, die sie, manchmal stehen bleibend, mit so durstig tiefen Zügen einsog, als sei dieser würzige, kräftige Odem voll Fichtenduft von Anfang an das Element gewesen, in dem sie einzig und allein zu leben vermöge? –

Der Strauß war so umfangreich geworden, daß ihn die Hand kaum zu umfassen vermochte – er war fertig, um in die Vase gestellt zu werden. Donna Mercedes schritt nach dem Glashause, aber es war verschlossen. Sie stieg deshalb, wie sie so oft tat, die Treppe nach dem Oberbau hinauf.

In dem kleinen Salon, den Baron Schilling einst um ihretwillen bewohnt hatte, hielt sie sich oft stundenlang auf; fast alle an ihn gerichteten Briefe hatte sie auf dem einfachen Eichenholzschreibtisch am Fenster geschrieben.

Mamsell Birkner und Hannchen wußten das und sorgten stets dafür, daß irgend eine Erfrischung für den Besuch bereit stand... Auch jetzt blinkte eine schöne Kristallschale voll frischer Erdbeeren auf einem weißgedeckten Seitentischchen.

Donna Mercedes warf ihren Hut auf einen Stuhl und zog das Reitkleid schürzend durch eine Gürtelkette. Das Hütchen hatte ihr die Haarwellen lose und lockig in die Stirn geschoben, und beim Herausziehen der Nadeln, die es festgehalten, war eine Flechte locker geworden und seitwärts bis tief über die Hüfte hinabgeglitten. Sie bemerkte es nicht. In der einen Hand den kleinen Silberteller mit der beerengefüllten Kristallschale, in der anderen den Feldblumenstrauß, stieg sie die Wendeltreppe in der Atelierecke hinab.

In diesem Moment wäre für jedes fremde Auge das zweite Gesicht wahr geworden, das ihr einst wie im Fluge ein fürsorglich herabsteigendes schönes, junges Eheweib mit der erfrischenden Labung in den Händen gezeigt hatte.

Sie selbst dachte jetzt nicht daran. Ihre Augen flogen forschend und streng prüfend durch den Raum, ob auch alles unverrückt an seinem Platze stehe, ob kein Stäubchen auf all dem blinkenden und blitzenden Glas- und Metallgerät liege, und Licht und Schatten durch die Anordnung der Vorhänge so verteilt sei, wie Hannchen gesagt, daß er es liebe.

Er hatte seiner Korrespondentin die Stätte seines Schaffens wiederholt an das Herz gelegt, und sie behütete den Raum wie ein Heiligtum. Jede Spur des Attentates, das einst die rachsüchtige weibliche Hand hier verübt, war längst verwischt. Im Glashause rauschte leise die eine große Fontäne und hauchte erfrischende Kühle in das Atelier; die Palmen hatten sich herrlich entwickelt und drohten mit ihren Kronen das Glasdach zu sprengen, und zwischen den samtschimmernden Blättern der Gloxinien leuchtete schon manch frühverblühter Kelch.

Donna Mercedes rückte ein Rokokotischchen mit ausgelegter Platte neben die Staffelei und stellte die Kristallschale darauf. Dann nahm sie ein hohes, venezianisches Kelchglas von einem Schranksims, füllte es am Becken mit frischem Wasser und stellte es mit dem Wiesenblumenstrauß neben der Schale... Fast zaghaft griff sie in die Tasche und zog ein kleines unscheinbares Etui heraus – sie trug es in der letzten Zeit immer bei sich und hatte sich doch stets gescheut, es da niederzulegen, wohin es von Rechts wegen gehörte.

Noch einmal drückte sie die Feder auf, und das Mädchengesicht auf der Elfenbeinplatte sah sie mit seinen halb stolzen, halb melancholischen Augen an. Lächelnd schob sie die schmale Kapsel tief in das Herz des Straußes, und die Zittergräser schlugen harmlos darüber zusammen – sie wußten ja nicht, daß der Schluß einer weiten Umkehrstrecke, das Reuebekenntnis eines in all seinen Tiefen gewandelten weiblichen Herzens zwischen ihnen ruhe – – –

Das war nach Wunsch ausgefallen – ihr strahlender Blick glitt befriedigt über das Tischchen; – und nun ging sie umher und bückte sich, um da ein Pantherfell näher und bequemer an den Lehnstuhl zu rücken, dort einen, vermutlich am Kleidersaum hereingetragenen feinen Holzsplitter von der blanken Fußbodenmosaik zu nehmen, und bei diesem Bücken fiel ihr die gelöste Flechte vornüber. Sie hob den Arm, um sie festzustecken –

»Mein süßes Weib, wie entzückst du mich!« scholl es plötzlich in hervorbrechender Leidenschaft durch das Atelier.

Sie stieß einen Schrei aus und taumelte, aber schon fühlte sie sich innig umschlungen, und braungebrannt von Luft und Sonne, aber tiefgeistigen Ausdruck in jeder seiner unregelmäßigen Linien, beugte sich das Gesicht mit der eckigen Stirn über sie, und die blauglänzenden Augen tauchten beseligt in die ihren... Ihrer nicht mehr mächtig, schlang sie die Arme um seinen Hals und ließ es geschehen, daß er ihr Gesicht mit Küssen bedeckte.

Dann aber strebte sie zu entfliehen. »Böser Mann!« schalt sie, »das ist eine unerlaubte Überrumpelung! – Im ersten Schrecken –«

»Im ersten Schrecken, Mercedes?« fragte er, ohne sie freizugeben. »Im ersten Schrecken bist du mein geworden?« Er lachte. Wie klang das voll und frisch und herzbezwingend von den Wänden! »Verlangst du ernstlich, daß ich in aller Form das ausspreche, was wir längst zwischen den Zeilen unserer Briefe gelesen haben?«

»Nein, das sollst du nicht! Ich weiß, daß du mich liebst mit deutscher Innigkeit und Treue,« sagte sie tiefernst, und das Feuer ihres Blickes milderte sich zu jenem sanften Licht, welches die Hingebung des Weibes so unwiderstehlich bekundet.

»Mercedes!« – Er zog sie erschüttert tiefer in das leuchtende Viereck, welches das Oberfenster hereinwarf. »Laß sehen – du bist es nicht, die mir einst tolle Liebesleidenschaft und Haß und Abscheu zugleich eingeflößt hat, die Frau, die Engel und Teufel in ihrem unbegreiflichen Wesen vereinigte, die schlimme Worte mit todbringenden Blicken aussprechen konnte –«

»Still! – Ich sagte und tat gar vieles einzig und allein aus Trotz, aus Notwehr gegen den siegreichen, abscheulichen, ›fischblütigen‹ Germanen!« – Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust.

»O, meine arme, geblendete Madonna!« rief er lächelnd mit einer Wendung nach dem Schranke, in welchem er einst das zusammengerollte Ölbild verschlossen hatte. »Nun sind die Augen doch wahr gewesen!«

Sie sah ihm erstaunt in das Gesicht.

»Ja, deine Augen, Mercedes. Das kleine Bild auf der Elfenbeinplatte...« – jetzt huschte ihr Blick verstohlen nach dem Feldblumenstrauß – »o, ich weiß schon, wo ich mir mein Eigentum wieder zu holen habe!« unterbrach er sich lachend. »Zuerst sah ich dich vom Glashause aus über die Wiesen schreiten und Blumen pflücken. Dann kamst du dort die Treppe herab, während ich mich hinter den großen chinesischen Schirm geflüchtet hatte und fürchtete, mein lautpochendes Herz würde mich verraten. Ich sah, wie du mitleidig lächelnd in das Gesicht der Dreizehnjährigen blicktest – und doch sind es diese tiefen Kinderaugen, die du auf manchen meiner besten Bilder wiederfinden wirst – sie erstanden immer wieder unter meiner Hand, ob ich wollte oder nicht... Aber da kamst du eines Tages selbst, in der ersten Stunde meine Seele bezwingend, wie Satanelle, wie eine »Teufelinne« – ich haßte und vergötterte die eisigblickenden Flammenaugen zugleich, und im auflodernden Zorne verlöschte ich sie in dem Madonnengesicht... Und jetzt halte ich die spöttische Sphinx an meinem Herzen – beseligende Wandlung! Sie will mein sein in sanfter Hingebung – ob aber auch in allem, Mercedes?«

Er ließ plötzlich die Arme sinken und trat unter einem tiefen Atemzug von ihr weg. »Das muß erst noch gesagt werden – ich kann mir nicht helfen! ... Du wohnst in einem Zauberschloß, schwimmst in feenhaftem Luxus und bist gewohnt, mit vollen Händen dein Gold in die Welt zu streuen. So tief und wahr, so heiß ich dich liebe – Eines müßte uns scheiden: sofern du gewillt bist, in diesem einen Punkt Donna de Valmaseda zu bleiben –«

»Du irrst,« unterbrach sie ihn mit sanftem Lächeln und ergriff seine Hand. »Ich werde kein anderes Brot essen als das meines Eheherrn, und nur die Kleider tragen, die er mir gibt. Dafür will ich die fürsorgende Hausfrau des Schillingshofes sein, die selbst tätig ist, um das Heim nach deinem Sinn behaglich zu gestalten – frage die gute Birkner, ob ich nicht bereits ein wenig Begabung dafür gezeigt habe! ... Aber freilich in einem Punkt will ich auch höher hinaus, Arnold! Ich möchte auch die Künstlerfrau sein, die hier zu jeder Stunde Zutritt hat, mit der du über deine Ideen und Entwürfe sprichst – bin ich einmal die Frau eines berühmten Mannes, dann muß ich mir auch mit gerechtem Stolze sagen dürfen, daß ich auch geistig neben ihm auf seiner Bahn schreite –«

Weiter kam sie nicht. Mit einem wahren Aufjauchzen zog er sie wieder an sich und verschloß ihr den Mund.

»Gehen wir jetzt in unser künftiges Heim!« sagte er. »Ich bin heute in aller Morgenfrühe angekommen und habe längst gesehen, wie du mich und mein Wesen aus meinen Briefen verstanden hast.«

Er schloß das Glashaus auf, und sie traten hinaus in den Garten und schritten durch die Platanenallee, die schon auf so viel wechselndes Glück und Leid herabgesehen ... Und sie sprachen von José und Paula, von der Majorin und Lucile – und in diese Mitteilungen hinein sagte Donna Mercedes mit strahlenden Augen: »Aber nach der Villa gehen wir alle Tage, müssen doch nach den Kindern und der Großmama sehen... Wenn du deine Arbeit müde wegschiebst, dann wandern wir hinaus – dann bist du aber auch mein Gast –«

»Ja wohl – bei einem einfachen Abendbrot –«

»Einem selbstverständlich ›einfachen‹ Abendbrot auf der Terrasse... Ich habe auch einen kostbaren Schatz draußen; der bleibt aber für immer dort in meinem Salon. Ich wette, er zieht dich – hast du ihn erst gesehen – weit mehr noch hinaus als jetzt deine Braut –«

»Erlaubst du, daß ich zweifle?«

»Nein – du wirst sehen!«

Er lachte heiter auf und führte sie die Freitreppe des Säulenhauses hinauf. Und jetzt taten sich die Türflügel, wie durch Zauberhand berührt, weit auf.

Die Hausmamsell und Hannchen traten feierlich aus der Tiefe der Flurhalle, und über das Gesicht der »guten, alten Birkner« flossen Freudentränen. Sie trug eine schöne neue Haube, die ihr Arnold – wollt' ich sagen »der gnädige Herr« – von der Reise mitgebracht hatte, und statt des eingelernten Glückwunsches, von dem kein Laut über die zuckenden Lippen wollte, zeigte sie nur stumm auf den blumenbestreuten Weg, der durch den Korridor nach der Treppe lief, auf den frischen Girlandenschmuck, in dem die Wände der Flurhalle prangten.

»Meine Birkner hat einen wahren Kassandrablick,« sagte Baron Schilling schelmisch, und doch mit einer tiefen Ergriffenheit kämpfend. »Sie hat gewußt, daß um diese Stunde eine Braut einziehen wird.« – Und ohne weiteres seinen Arm um die kleine, runde Person schlingend, küßte er sie herzlich auf die Wange, wie er oft als Knabe getan, da sie ihm alles gewesen, Mutter, Pflegerin und Vertraute, die zwischen ihm und dem strengen Vater stets vermittelte...

Nicht in ihre künftigen Zimmer, die schönen Salons, die an die Terrasse stießen, führte er die Braut zuerst; die Türen des großen Mittelsaales waren weit zurückgeschlagen – auch hier bedeckten Blumen das Parkett, lagen zu Füßen der markigen Gestalten mit den viereckigen Köpfen, der alten Ritterlichen, welche die gewundenen und vergoldeten Rahmen füllten; und das Bild des alten Freiherrn Krafft von Schilling war mit Fichtengrün und Eichenlaub umkränzt.

Sein Sohn umfaßte das schöne, schlanke Weib an seiner Seite und trat vor die achtunggebietende Soldatengestalt, die mit feurig sprühendem Blick auf die Nahenden herabsah. »Da ist sie, Vater – Lucians Tochter!« sagte er so ernst feierlich, als könne die kräftig schöne Hand dort oben, deren Segen er wünschte, sich in der Tat über ihn hinstrecken. – »Die Opferung des armen Isaak ist tausendfältig gut gemacht – bist du zufrieden?«

Draußen, jenseits des Eisengitters, strömte der Menschenverkehr auf und ab. Man lauschte durch das kunstvolle Gittergeflecht und ließ den Blick immer wieder bewundernd über den herrlichen Bau des Säulenhauses hinfliegen – aber niemand ahnte, daß soeben wunderbar verschlungene Ereignisse und Schicksale ihren glücklichen Abschluß gefunden hatten »im Schillingshofe«.

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