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Im Schillingshof

Eugenie Marlitt: Im Schillingshof - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEugenie Marlitt
titleIm Schillingshof
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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4.

Die Türen blieben offen, und Felix fühlte den lebhaften Wunsch, auch hinauszugehen und das »alte Falkennest«, aus dem der klägliche, kümmerliche Sproß da drüben schon jetzt mit seinen Spinnenfingerchen jeden Insassen anderen Namens stieß, auf Nimmerwiederkehr zu verlassen ... Von Neid und Mißgunst war keine Spur in der Seele des jungen Mannes; er hatte im Gegenteil laut aufgejubelt bei der Nachricht, daß ein Wolfram geboren sei; denn ihm war der Gedanke, einst auf dem Mustergut hausen zu müssen, immer ein verhaßtes Schreckgespenst gewesen. Freilich hatte er sich nicht träumen lassen, daß sich mit dem ersten Atemzuge des kleinen, mißgestalteten Burschen eine Wandlung vollziehen würde, die das Leben auf dem Klostergute geradezu unerträglich und ihn damit gewissermaßen heimatlos machte.

Der Onkel hatte ihm eben noch die Rolle eines Überflüssigen zugewiesen, der in jede beliebige Ecke gesteckt wurde, wenn seine Anwesenheit den schwachen Nerven des Wickelkindes nicht zusagte. – So hart und streng der Rat den phantasievollen Knaben einst behandelt, dem angehenden jungen Manne gegenüber war er doch in den letzten Jahren rücksichtsvoller, gleichsam vertraulicher gewesen. – Felix stampfte in zorniger Scham mit dem Fuße auf – das hatte nicht ihm, seinem aufrichtig gemeinten Streben, seinen erworbenen Kenntnissen gegolten, wie er fest geglaubt; es war die Rücksicht für den Einzigen gewesen, in dessen Adern noch Wolframsches Blut floß, die Achtung vor dem späteren Besitzer des Klostergutes. Nun schüttelte der Rat »das notwendige Übel«, den Lückenbüßer ab – in der seidenbehangenen Wiege lag sein eigen Fleisch und Blut – er trat wieder brüsk und herrisch auf, wie er einst mit dem fremden, jung einfliegenden Vöglein, dem armen »Kolibri« verfahren.

Und die Mutter? – Der Sohn zweifelte nicht an ihrer mütterlichen Liebe, wenn sie auch mit den äußeren Zeichen derselben kargte, wie beim Geldausgeben – sie verachtete jede lebhaftere Gefühlsäußerung als »geziertes Wesen«. Von dem Verstand und Charakter ihres Bruders hatte sie die höchste Meinung – seine unbeugsame Härte und Strenge gehörte zum Manne, wie der Ordnungssinn und die Häuslichkeit zur Frau – sie ging blindlings mit ihm. In bezug auf das Haus aber, dem sie entstammt, sollte sie geradezu spartanisch hart denken; das Interesse ihres Sohnes käme erst in zweiter Linie, behaupteten die wenigen näheren Bekannten, die auf dem Klostergute verkehrten. Das vermeintliche Aussterben der länger als Jahrhunderte hindurch blühenden, hoch angesehenen Familie war ihr stets ein nagender Kummer gewesen; sie hatte die kleinen, flachshaarigen Nichten nie geliebt, und für die Mutter, die ihnen das Leben gegeben, eine Art Mißachtung im Herzen getragen. Das wußte Felix so gut, wie er stets den tiefen Schatten beobachtet hatte, der über ihre Stirne hinzog bei der Bemerkung anderer, daß die Namen Lucian-Wolfram dereinst vereint dem Besitztum ihrer Familie vorstehen sollten – die unversöhnliche Frau gönnte diese Auszeichnung dem Namen dessen nicht, der »sie unglücklich gemacht hatte« ... Sie war mithin am wenigsten geeignet, die schlimmen Eindrücke, die ihr Sohn eben empfangen hatte, zu mildern, ihm im Hause des Bruders den Boden unter den Füßen wiederzugeben ... Aber wozu denn auch? – Er brauchte und wünschte ja selbst diese ungastliche Heimat nicht mehr!

Der junge Mann, der eben noch in zorniger Aufwallung den Fuß zum Fortgehen auf die Schwelle gesetzt hatte, kehrte rasch zurück und trat an das Fenster der Wohnstube – trotzig und empfindlich durfte er jetzt nicht sein; er war ja nicht zu seiner Erholung, wie er fälschlich geschrieben, sondern zu einer dringenden Besprechung gekommen.

Eine heiße Angst machte ihm plötzlich das Herz heftig schlagen – er hatte sich in Berlin diese Unterredung bei weitem leichter gedacht; jetzt, wo er die zwei ernsten, verschlossenen Gesichter auf dem streng einfachen Hintergrund eines bürgerlich geregelten Hausstandes wiedergesehen, erschien ihm sein Vorhaben riesengroß an Schwierigkeit. »Lucile!« flüsterte er aufseufzend, und sein Blick irrte durch das laubbeladene Geäst der draußenstehenden Rüster, das die Spätnachmittagssonne hier und da in prangendem Maiengrün transparent aufleuchten machte. Und wie auf seinen Ruf hergelockt, schlüpfte über diesen goldgrünen Grund hin die geschmeidige Gestalt mit den lang über den Nacken rollenden Locken, jeden Nerv voll prickelnden, siebzehnjährigen Übermutes, die lieblich geschwungenen Lippen übersprudelnd von Tollheiten und Mutwillen – er fühlte die weißen, warmen Kinderarme um seinen Nacken verstrickt, fühlte das Wehen des blumenreinen Atems auf seiner Wange – und der ganze Rausch der Liebesseligkeit, der ihn seit Monden trunken machte, kam über ihn und gab ihm Kampfesmut und die Zuversicht seiner jugendlich idealen Lebensanschauung zurück.

Unterdessen war die Majorin in die Küche zurückgekehrt; sie hatte einen Brotlaib aus dem Schranke genommen und schnitt tüchtige Stücke für ein paar im Flur stehende Bettelkinder ab. Auch der Rat kam herein; Felix hörte seinen festen Tritt auf den Steinfliesen der Küche; er ging auf die Wohnstube zu, blieb aber plötzlich wie auf einen Ruck stehen.

Das eine Küchenfenster stand offen, und draußen im Hofe sagte ein Tagelöhner zu der Magd, die eben mit einem Arm voll frischen Klees nach den Ställen ging: »Du, der Alte drüben im Schillingshofe hat ja den Adam Knall und Fall fortgejagt; der Kutscher sagte es eben – dem tut's leid!«

»Geh an deine Arbeit! Für eure Klatscherei zahle ich keinen Tagelohn!« rief der Rat hinaus – der Mann fuhr zusammen, als träfe ihn diese herrische Stimme wie ein Messerstich.

Klirrend schlug der Rat das Fenster zu und griff nach einem der Trinkgläser, die sich spiegelblank auf einem Mauersims aneinanderreihten. »Leidest du es denn, daß die Leute vor deinen Augen die Zeit totschlagen und schwätzen?« fragte er finster seine Schwester.

»Die Frage war überflüssig – du weißt, daß ich auf die Hausgesetze halte so gut wie du!« versetzte sie abweisend, wenn auch ohne alle Empfindlichkeit. »Aber Adam hat das Gesinde rebellisch gemacht. Er ist doch noch der Kohlengeschichte wegen entlassen worden und war auch hier im Hause, um dir abermals vorzujammern – der Mensch drohte in seiner kopflosen Bestürzung mit einem Sprung ins Wasser –«

Felix war währenddessen auf die Schwelle der Wohnstube getreten; er sah von der Seite, wie der Onkel mechanisch an seinem dünnen Kinnbart drehte und dabei das gegenüberliegende Ganggeländer mit den trockenen Pferdedecken und Kornsäcken hin- und herirrenden Blickes so angelegentlich musterte, als höre er nur mit halbem Ohr, was seine Schwester sagte.

»Bah – Larifari!« fiel er ein, ihre Rede kurz abschneidend. »Wer's sagt, der tut's nicht!« – Er hielt das Trinkglas unter das Brunnenrohr und trank das frische, perlende Wasser mit einem Zuge aus. »Ich werde übrigens diesen Herrn von Schilling schließlich doch ein wenig auf den Mund klopfen müssen – er treibt mir's zu bunt in seiner kindischen Wut,« fügte er hinzu, das leere Glas niedersetzend. Er fuhr sich mit dem Taschentuch über Kinn- und Lippenbart, aber auch wiederholt über die Stirne, als sei auch sie feucht geworden.

»Das wäre ja dann die Rechtfertigung, die Adam verlangt, Onkel – er will nichts anderes, als das auffallende Zusammentreffen von deiner Seite aus beleuchtet wissen,« rief Felix hinüber.

Der Rat fuhr nach ihm herum. Er hatte ein großes graublaues Auge, das gewöhnlich durchdringend, mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, der nie um einen Schritt vom Rechtsboden weicht, in das Gesicht anderer Menschen sah; aber es konnte auch versteckt unter den überhängenden Brauen hervorglimmen, wie ein verhaltener Funke. Dieser halbverschlossene Blick glitt an dem Neffen empor, der hoch und schlank und sehr vornehm in seiner gewählten Eleganz auf der erhöhten Schwelle stand, und streifte dann vergleichend an der verschossenen Joppe nieder, die der Herr Rat selten mit einer besseren vertauschte.

Die Bemerkung des jungen Mannes blieb unbeantwortet. Der Onkel lächelte nur sarkastisch; er schlug mit dem Taschentuche hängengebliebene Halme, Erd- und Kohlenreste von seinen Kleidern, die dicke Staubschicht von den Stiefeln, und dabei mit dem Kopfe nach Felix hindeutend, sagte er beißend zu seiner Schwester: »Er steht da, wie das leibhaftige Modenkupfer, Therese, so frisch vom Schneider weg, so glatt und geleckt! – Das flotte Röckchen da müßte sich famos in Scheuer und Kohlenschacht ausnehmen, Felix!«

»Es ist auch nicht dazu gemacht, Onkel, – was gehen mich Scheuer und Kohlenschacht an?« versetzte Felix, seine Empfindlichkeit unter einem flüchtigen Lächeln verbergend.

»Ach wie – so rasch und willig findest du dich mit der großen Wandlung in deinem Leben ab? – Da siehst du nun, Therese, was ich immer sage – diese idealen Köpfe sind reicher als wir; sie werfen Hunderttausende von sich wie Kieselsteinchen und verziehen keine Miene dabei. – Hm, mein kleiner Veit hat dir einen schlimmen Streich gespielt, Felix – das Klostergut ist kein Pappenstiel.«

Das Ohr des jungen Mannes war von jeher peinlich geschärft für den Tonfall in seines Onkels an sich wohlklingender Stimme; er hörte auch jetzt einen fast wilden Triumph über die Geburt des Kindes, Schadenfreude und den Wunsch, ihn zu reizen, aus den Bemerkungen heraus.

»Gott sei Dank, ich habe kein neidisches Herz – möchte das Kind zu deiner Freude heranwachsen!« sagte er ruhig, und sein schönes, offenes Gesicht trug das Gepräge der Wahrhaftigkeit, des reinen Bewußtseins. »Wenn du aber glaubst, Geld und Gut seien mir gleichgültig, dann irrst du – nie habe ich lebhafter gewünscht, ein reicher Mann zu sein, als gerade jetzt –«

»Hast du Schulden?« fiel der Rat scharf ein und trat gespannt auf den Sprechenden zu. – Der junge Mann warf stolz den Kopf zurück und verneinte.

»Nun dann – wozu? Hält dich deine Mutter zu kurz? Und möchtest du noch mehr solch überflüssigen Firlefanz in dein Knopfloch hängen, wie du ihn hier trägst?« – Er war auf die Türstufe getreten und fixierte die Anhänger an dem Uhrkettenring des Neffen. Mit spitzem Finger zog er ein kleines goldenes Rund hervor, von dem ein farbiges Funkeln ausging. »Alle Wetter, die Steinchen sind ja echt! – Ist das dein Geschmack, Therese?« rief er über die Schulter in die Küche zurück.

Die Majorin hatte eben ihre blauleinene Küchenschürze abgenommen und hing sie an einen Nagel. Sie kam gelassen, ohne jedwedes äußere Zeichen von Interesse herüber. – »Ich kaufe nie dergleichen moderne Spielereien,« antwortete sie mit einem prüfenden Seitenblick auf das Schmuckstück; dann aber heftete sich ihr dunkles Auge durchdringend und forschend auf das wie mit Blut übergossene Gesicht des Sohnes. – »Von wem ist die Kapsel?« fragte sie kurz.

»Von einer Dame –«

»Mein Sohn, junge Mädchen haben selten so viel Geld zu verschenken,« warf der Rat ein, indem er das Steingefunkel wohlgefällig hin und her spielen ließ; – »will dir sagen, Felix, von wem das kostbare Andenken ist – von deiner alten Freundin, der Baronin Leo in Berlin; eine ehrwürdig graue Locke ist drin – wie?«

»Nein, Onkel, eine glänzend braune,« entgegnete der junge Mann rasch, als sei ihm diese falsche Vorstellung unerträglich – ein stolz glückseliges Lächeln irrte dabei um seinen Mund; aber gleich darauf stockte ihm der Atem; er hatte die Entscheidung herbeigeführt ohne alle Vorbereitung, und nun standen ihm diese zwei Eisenköpfe gegenüber; der eine, nur Spott und Hohn auf den Lippen, und der andere mit dem unwillig überraschten, durchbohrenden Blick – nie war ihm die Wolframsche Familienseele in beiden Gesichtern so vernichtend entgegengetreten, als in diesem peinlichen Augenblick.

»Ich möchte den Namen der Dame wissen,« sagte seine Mutter lakonisch und genau mit der Beichtigermiene, die sie vor Jahren angenommen, wenn ihr Knabe in Gesellschaft eines fremden Kindes betroffen worden war. Sie las in den Zügen ihres Sohnes mit der ganzen Schärfe ihres Verstandes und Urteils; sie sah auch jetzt, wie er mit qualvollen Gefühlen kämpfte, aber es blieb ihr auch kein Zweifel, daß er ihrer Nachsicht in bedeutendem Maße bedurfte, und das ließ sie ohne Rücksicht, unerbittlich vorgehen.

»Mama, sei gut!« bat er weich und flehentlich; er ergriff ihre beiden Hände und zog sie gegen seine Brust. »Lasse mir Zeit –«

»Nein!« unterbrach sie ihn entschieden und zog die Hände aus den seinen. »Du weißt, ich mache stets sofort reinen Tisch, wenn ich eine Differenz zwischen uns bemerke – und hier liegt eine bedenkliche! Glaubst du, ich lasse mich herbei, eine ganze lange Nacht über den dunklen Weg zu grübeln, den du offenbar gehst? – Ich will den Namen wissen!« –

Die großen, blauen Augen des jungen Mannes funkelten auf in tiefverletztem Gefühl, aber er schwieg und strich sich, nach Fassung ringend, wiederholt mit der Rechten über die Stirne und die prachtvollen, aschblonden Haarwellen, die sie umrahmten.

»Bist ja ein Hauptheld!« warf der Rat derb und ironisch hin; »tust ja gerade, als ginge es dir und dem braunen Lockenkopf an den Kragen. – Hm – ein Bettelmädchen ist's nicht, sie hat Brillanten zu verschenken; aber mit der Familie, mit der Herkunft hat es seinen Haken – wie? – Du hast alle Ursache, die Sippe zu verleugnen – du schämst dich –«

»Schämen? Ich sollte mich meiner Lucile schämen?« fuhr der junge Mann rückhaltslos auf – um seine Selbstbeherrschung war es geschehen. »Lucile Fournier! – Fragt nach ihr in Berlin, und ihr werdet hören, daß ihr der ganze junge Adel zu Füßen liegt, daß sie sofort in eines der ersten Grafengeschlechter heiraten könnte, wenn sie es nicht vorzöge, mir zu gehören ... Aber ich weiß sehr gut, daß eine exotische Blume nicht in den deutschen Ackerboden paßt, ich weiß ebenso, daß alles, was Kunst heißt, auf dem Klostergute schlecht angeschrieben ist; ich habe mit hartnäckigen Vorurteilen zu kämpfen, und das machte mich für einen Augenblick befangen, nicht für mich selbst, sondern weil ich sicher bin, daß in der ersten Überraschung verunglimpfende Worte über mein Mädchen fallen werden – und die ertrage ich absolut nicht!«

Er schöpfte tief Atem und sah jetzt fest und furchtlos in das Gesicht seiner Mutter, welche, die Hand auf die Tischecke gestemmt, die erblaßten Lippen in den Winkeln tiefgesenkt, starr wie von Stein, ihm gegenüberstand. – »Luciles Mutter ist eine berühmte Frau,« setzte er kurz und entschlossen hinzu.

»So?!« sagte gedehnt der Rat. – »Und der Herr Vater? Ist der nicht berühmt?«

»Die Eltern leben getrennt, wie –« der junge Mann wollte sagen: »wie die meinen« – aber ein wildes Auflodern im Auge der Majorin ließ ihn die letzten Worte verschlucken. Nach einem augenblicklichen Schweigen sagte er rasch, wie um der unsäglich peinlichen Spannung sofort ein Ende zu machen: »Madame Fournier ist die Ballerina–«

»Ach was, sprich doch deutsch, Felix!« fiel der Rat mit zynischem Sarkasmus ein. »Sage: die Tänzerin, die mit kurzem Röckchen und nackter Brust abends über die Bretter fliegt – brr –« er schüttelte sich und lachte hämisch auf – »das wird die künftige Schwiegermama sein, Therese!« – Mit strengem Vorwurf erhob er den Zeigefinger gegen die Schwester, und sein scharfgeschnittener Kopf erstarrte förmlich in dem menschenfeindlich finsteren Gepräge, das seine Mitbürger an ihm haßten. »Weißt du noch, was ich dir vor fünfundzwanzig Jahren prophezeit habe?« fragte er. »Du wirst deine unverständige Wahl in deinen Kindern verwünschen – sagte ich nicht so, Therese? Da ist's nun – das ist sein Blut, das leichte Soldatenblut! – Nun schüttle das verhaßte Element ab, wenn du kannst!«

»Das kann ich freilich nicht mehr,« sagte sie tonlos, »aber die leichte Ware, die es mir ins Haus bringen will, die werde ich abschütteln – darauf verlasse dich!«

Ein Geräusch in der Küche machte sie verstummen. Eine Magd war unterdessen mit einem Korbe voll Spinat eingetreten und schickte sich an, das Gemüse auf dem Küchentisch vorzurichten. Die Majorin ging hinüber, schickte das Mädchen hinaus und schob den Riegel vor die Türe, die nach dem Flur führte, dann kehrte sie zurück.

Dem jungen Mann klopfte das Herz zum Zerspringen, als diese Frau im langwallenden Trauerkleid mit dem völlig entfärbten, aber in jedem Zug entschlossenen Gesicht, festen, raschen Schrittes auf ihn zukam, um »kurzen Prozeß zu machen«. Unwillkürlich fuhr seine Hand nach dem Medaillon.

Ein kaltes Lächeln glitt bei dieser Bewegung um die Lippen seiner Mutter. »Kannst ganz ruhig sein – das unanständige Präsent da berühre ich ganz gewiß nicht mit meinen ehrlichen Händen – man weiß, wo die Brillanten der Tänzerinnen herzustammen pflegen ... Du wirst so verständig sein, auf meinen Wunsch und Willen hin, das Geschenk eigenhändig abzulegen, wenn nicht – dann wird nach schlimmen Erfahrungen eine Stunde kommen, in welcher du es voller Ekel von dir wirfst –«

»Nie!« rief er stürmisch, unter einem halb bitteren, halb jubelnden Auflachen – er hatte das Medaillon losgenestelt und drückte es inbrünstig an seine Lippen.

»Narrenspossen!« murmelte der Rat grimmig zwischen den Zähnen, während die Augen der Majorin plötzlich in verhaltener Leidenschaft flimmerten – Eifersucht durchschütterte diese anscheinend in Kaltsinn und nüchterner Berechnung gefestete Natur. »Narrenspossen! –« wiederholte der Rat, als Felix das Andenken in der Brusttasche barg und mit zärtlich innigem Blick die Hand darauf preßte, als drücke er sein Mädchen selbst an das Herz. – »Schämst du dich gar nicht, vor uns ernsthaften Leuten solche Theaterstückchen aufzuführen? – Ich begreife überhaupt nicht, wo du den Mut hernimmst, hier auf dem Klostergute, deiner respektablen Familie gegenüber, dergleichen Liaisons zu erwähnen, von denen andere junge Leute aus gutem Hause nicht zu reden pflegen –«

»Onkel!« unterbrach ihn der junge Mann, seiner nicht mehr mächtig.

»Herr Referendar?!« höhnte der Rat kalt zurück. Er schlug die Arme unter, und sein blitzendes Auge fixierte unverwandt und verächtlich das glühende Gesicht des Neffen.

»Du machst dich lächerlich mit deiner sittlichen Entrüstung, mein Sohn,« sagte die Majorin und griff gelassen nach der Rechten, die Felix in unwillkürlicher Drohung gehoben hatte. Sie war wieder der Gleichmut selbst; weder Sohn noch Bruder hatte die unheimliche Flamme in ihrem Blick bemerkt. »Der Onkel hat recht – es gehört Mut dazu, vor uns von dieser Menschenrasse zu sprechen –«

»Mehr Mut ganz gewiß nicht, als meine arme Lucile braucht, um ihrer Familie die Liebe zu mir einzugestehen,« unterbrach sie der junge Mann erbittert. »Madame Fournier macht ein Haus in Berlin, wie eine Fürstin; ihre alte Mutter aus vornehmer, wenn auch verarmter Familie, präsidiert im Empfangssalon, den Persönlichkeiten aus den höchsten Ständen aufsuchen. Arnold von Schilling kann dir am besten sagen, daß wir beide in der glänzenden Gesellschaft meist sehr unbedeutende Nebenfiguren gewesen sind ... Und in diesem Kreise ist Lucile seit einem Jahre der Mittelpunkt, der Abgott aller. Sie ist schöner noch als ihre Mutter und ebenso talentvoll; für Mutter und Großmutter ist sie ein aufgehender Stern –«

»Willst du mir nicht sagen, welche Rolle die Ehefrauen der Besucher in Madame Fourniers Salon spielen?« unterbrach die Majorin kurz und schneidend die Schilderung.

Ihr Sohn schwieg bestürzt, und seine Augen suchten unsicher den Boden. »Die meisten dieser Herren sind unverheiratet –«

»Und die verheirateten lassen ihre ehrbaren Frauen zu Hause,« ergänzte sie mit einem unbeschreiblichen Gemisch von unterdrücktem Groll und eisiger Verachtung. »Wenn du glaubst, mich mit der erzwungenen, kläglich nachgeäfften Vornehmheit dieses Tänzerinnensalons zu blenden, da irrst du dich gründlich – ich kenne die Lockerheit, den Sumpf hinter der gemalten Leinwand, und diese Kenntnis habe ich teuer genug erkauft.«

Felix schrak zusammen vor dem grellen Licht, das diese Worte in das Dämmerdunkel seiner Kindererinnerungen, über gewisse unbegriffene Vorgänge im Königsberger Elternhause warfen – jetzt verstand er sie; jetzt wußte er, weshalb sich die Mutter, bis zur Unkenntlichkeit vermummt und verschleiert, spät abends von seinem Bettchen weggestohlen hatte – sie war heimlich dem Vater nachgegangen ... Diese Erkenntnis raubte ihm den letzten Rest von Hoffnung – es galt nicht allein mehr, gegen »spießbürgerliche Vorurteile« anzukämpfen, die beleidigte Ehefrau, die sich in ihren Rechten durch jene »Menschenklasse« beeinträchtigt gesehen hatte, stand in starrer Unversöhnlichkeit vor ihm. Dennoch überkam ihn eine Art von Verzweiflungsmut.

»Ich darf und will dein strenges Urteil nicht anfechten, weil ich nicht weiß, was du erlebt hast,« sagte er, sich die äußere Fassung erzwingend. »Im Grunde denke ich ja ähnlich – obgleich ich schwören kann, daß im Fournierschen Hause Anstand und Sitte nie verletzt werden – aber ich will auch mein Mädchen nicht von der Bühne weg heiraten, und deshalb bin ich jetzt hierhergekommen ... Lucile hat die Bretter noch nicht betreten, obgleich sie bereits als vollendete Künstlerin gilt. Madame Fournier, deren Stern im Erbleichen ist, hat sie selbst unterrichtet; sie glaubt so fest an eine große Zukunft ihrer Tochter, die sie allerdings mit auszubeuten wünscht, daß sie selbst die ernstgemeinten Bewerbungen des Grafen L. um Luciles Hand ignoriert... Lucile soll in der nächsten Zeit debütieren, und dem muß ich um jeden Preis zuvorkommen –«

»Tanzt das Mädchen gern?« warf die Majorin trocken ein.

»Ja, leidenschaftlich gern. Aber sie will der eigenen Lust am Beruf, dem Ruhm und Glanz einer solchen Laufbahn entsagen um meinetwillen –« seine Stimme sank und schmolz dabei in Weichheit und Zärtlichkeit – »du kannst danach ermessen, wie lieb sie mich hat, Mama.«

Ein ausdrucksvolles, spöttisches Kopfnicken der Majorin war die Antwort.

»Und die ausbeutelustige Mama in Berlin hat, wie mir allmählich klar wird, keine Ahnung von diesen beglückenden Plänen und Wünschen?« fragte der Rat.

»Nein,« antwortete Felix gepreßt – es lag so viel aufreizender Hohn in jeder Bewegung, jedem Ton der Inquirierenden. Dennoch bezähmte er sich und setzte hinzu: »Ich muß als ehrlicher Mann erst feststellen, was ich Madame Fourniers eigenen Plänen und den Bewerbungen des anderen Freiers gegenüber in die Wagschale legen darf...«

»Nun, darüber kannst du doch unmöglich im unklaren sein,« sagte der Rat. »Ich dächte, deine Besoldung als Referendar ließe sich unschwer beziffern – sie dürfte just ausreichen, um Mademoiselle Fourniers Stecknadelbedarf zu bestreiten.«

Eine Flamme der Entrüstung ... der zornigen Scham schlug über das Gesicht des jungen Mannes hin; aber noch hielt er an sich. »Ich bin entschlossen, aus dem Staatsdienst zu scheiden und mich hier in der Stadt als Notar niederzulassen –«

In diesem Augenblicke legte sich die Hand der Majorin schwer auf seine Schulter, und noch nie hatte ihm die Stimme seiner strengen Mutter so unerbittlich, so vernichtend geklungen, als jetzt, wo sie sagte: »Besinne dich, Felix – ich vermute, du sprichst im Fieber! Um die Nebel in deinem Kopfe gründlich zu zerstreuen, will ich dir klarmachen, was du dieser Madame Fournier, die ein Haus macht wie eine Fürstin, die eine hochadelige Partie für ihre Tochter zurückweist, und millionenfachen Reichtum von den Ballettsprüngen ihrer Schülerin erwartet, der strengen Wahrheit gemäß zu sagen haben wirst: Ich habe keine Laufbahn vor mir, besitze keinen Heller eigenen Vermögens und muß von dem leben, was mir meine Klienten einbringen. Ihre Prinzessin Tochter wird die Kochschürze umbinden und wohl oder übel schadhafte Wäsche ausbessern müssen; ihre gesellschaftlichen Talente kann sie bei mir nicht verwerten; denn die gute Stube eines unbemittelten Notars ist kein Empfangsalon, in dem sich hochgräflicher Besuch einzufinden pflegt – meiner Mutter aber darf ich sie nie vor die Augen bringen.«

»Oh, Mutter!« rief der junge Mann.

»Mein Sohn,« fuhr sie fort, ohne den Aufschrei voll Schmerz und Qual zu beachten, »du wünschtest vorhin, reich, sehr reich zu sein, und wie ich jetzt verstehe, hattest du allen Grund dazu, denn ein ›fürstlicher‹ Haushalt kostet Geld. Du meinst nun, das Vermögen deiner Mutter falle bedeutend in die Wagschale, und darin hast du vielleicht nicht ganz unrecht; aber dieses Vermögen ist Pfennig um Pfennig, Groschen um Groschen von einer braven, ehrlich arbeitenden Familie drei Jahrhunderte hindurch sorgfältig aufgesammelt worden, und das sage ich dir –« sie hob die Rechte und ihre ebenmäßige, hohe Gestalt reckte sich in unerbittlicher Strenge gebietend auf – »ehe ich das Vermächtnis meiner Familie in einer liederlichen Theaterwirtschaft verprassen lasse, eher vermache ich es bei Heller und Pfennig an den Namen Wolfram zurück – danach richte dich!«

»Das ist deine endgültige Entscheidung, Mutter?« fragte der Sohn mit blassen Lippen, und seine schönen, blauen Augen blickten wie erloschen.

»Meine endgültige Entscheidung ... Schlage dir das Mädchen aus dem Sinne – du mußt es können, das sage ich dir ein für allemal! Ich will nur dein Bestes – später wirst du mir's danken.«

»Für zerstörtes Lebensglück dankt man nicht,« versetzte er, und jetzt erhob sich seine Stimme in unaufhaltsam hervorbrechendem Groll zu einem allmählich wachsenden Sturm, den er selbst nicht mehr zu beschwören vermochte. »Schütte du deine Kapitalien immerhin dem kleinen Wolfram in die Wiege – sie sind dein Ererbtes, du kannst damit schalten und walten, wie es dir beliebt. Dagegen hast du deinen Einspruch in meine Herzensangelegenheit verwirkt... Du greifst stets selbstsüchtig in mein Leben ein, als sei ich deine Sache, ein Gegenstand ohne Blut und Leben, ein Stück Wachs, das du im Wolframschen Geiste ummodeln könntest... Du hast einst meinem Schicksalsgang eigenmächtig eine Wendung gegeben, die ich einen unverantwortlichen Raub nenne. Ich war damals ein Kind, das an deiner Hand mitgehen mußte, wohin du es führtest. Jetzt aber habe ich meinen eigenen Willen – ein zweites Mal lasse ich mich nicht in unmenschlicher Grausamkeit berauben!«

»Jesus!« stöhnte die Majorin auf, als habe sie einen Todesstoß erhalten. Sie hatte eine halbe Wendung, wie zur Flucht, nach der Türe zu gemacht – dort stand sie mit unwillkürlich erhobenen Händen und starrte voll Entsetzen nach dem Sohn zurück. Dem Rat aber lief eine dicke Zornader über die Stirn hin; er ergriff den jungen Mann am Arme und rüttelte ihn in brutaler Weise.

»Was ist das für eine Sprache, du armseliger Bursche!« schalt er. »Was hat man dir gestohlen, du Habenichts? Wirst du mir wohl erklären, inwiefern du beraubt worden bist?« –

»Als man mir das Vaterhaus nahm,« entgegnete Felix mit erschütterndem Stimmklang, indem er mittels einer energischen Wendung seines schlanken Körpers die Hand des Onkels von sich schüttelte. »Wenn ein Vater stirbt, so ist das eine Fügung des Himmels, der sich die Kinder unterwerfen müssen – niemals aber sollten Menschen Vater und Sohn auseinanderreißen, denn sie sollen sich ergänzen, sie gehören zusammen, weit mehr noch als Mutter und Sohn ... Und mein Vater hat mich unsäglich lieb gehabt. Ich weiß heute noch, was ich gefühlt habe, wenn er mich mit seinen Küssen bedeckte, wenn er mich in stürmischer Zärtlichkeit an sich preßte, an sein starkschlagendes Herz, der schöne, stolze, herrliche Soldat, den man leichtsinnig schilt, weil er – kein Philister gewesen ist!«

Er schwieg und holte tief Atem, als sei das Ausgesprochene eine die ganzen Jugendjahre hindurch getragene Bergeslast gewesen ... Seine Mutter hatte bei seinen letzten Worten die Türstufe, auf der sie gestanden, verlassen; er hörte, wie draußen ihr Gewand schwer und langsam über die Steinplatten der Küche hinschleifte; er hörte, wie sie die schmale, nach dem Hinterhof führende Glastüre öffnete – dann sah er sie mit gesenktem Kopfe über den Hof gehen und in dem gegenüberliegenden Hintergebäude verschwinden. Dort führte eine Türe nach dem Garten.

»Verlorener Sohn!« stieß der Rat mit vor Ingrimm erstickter Stimme hervor. »Das verzeiht dir deine Mutter nie! – Geh, mache, daß du aus meinem Hause kommst – hier ist kein Raum mehr für dich! ... Ich kann den Himmel nicht genug preisen, daß er die Wolframs in meinem Kinde neu aufblühen läßt und ihr altes Stammhaus vor der fremden Kuckucksbrut bewahrt!«

Er ging hinüber in sein Zimmer und schlug die schwere, metallverzierte Türe klirrend hinter sich zu, während der junge Mann schweigend, mit fliegenden Händen das einzige Erbe aus dem Vaterhause, das silberne Eßbesteck, zusammenraffte, um ebenfalls die Wohnstube zu verlassen.

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